Maria & Elisabeth, oder: Freude nur unteilbar

Liebe Gemeinde,

es war einmal eine junge Frau, die hätte eigentlich noch nicht schwanger sein können. Manche sagen: dürfen. Mit gar nichts. Weder mit einem Kind noch mit irgendwelchen Ideen hätte sie eigentlich schon schwanger gehen können. Dürfen. Man erwartete noch nichts dergleichen von ihr.

Nun war sie es aber doch. Und sie schien damit sogar einverstanden zu sein. Für frühreif wurde sie ja manchmal gehalten. Und vielleicht stimmte das ja auch. Vielleicht waren in ihr die Dinge früher reif als bei anderen. Was sie so dachte. Was sie manchmal so rausließ. Und jetzt wurde ihr etwas anvertraut, da wären andere in ihrem Alter vielleicht ziemlich überfordert gewesen.

Es schienen solche Dinge in ihrer Familie gerade auch sonst zu passieren. Unzeitige Schwangerschaften. Sie hatte da eine alte Verwandte in den Bergen im Süden. Die junge Frau erfuhr jetzt: Die ist auch schwanger. In ihrem Alter!

Die junge Frau denkt: Die würde ich gerne besuchen. Sie, die eigentlich noch nicht hätte schwanger sein dürfen, mit gar nichts. Und die, die eigentlich nicht mehr hätte schwanger sein dürfen, mit gar nichts mehr. Gehörten sie jetzt nicht irgendwie zusammen?

So kam es, dass, um es gleich mal geistlich zu formulieren: die aufkeimende Hoffnung der noch einmal aufflammenden Sehnsucht begegnet. Denn, wie Lukas in seinem Evangelium erzählt, da

machte sich Maria auf den Weg und wanderte so schnell sie konnte zu einer Stadt im Bergland von Judäa. Dort ging sie in das Haus von Zacharias und begrüßte Elisabet. 

Als Elisabet ihren Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde sie vom Geist Gottes erfüllt und rief mit lauter Stimme: »Gesegnet bist du von Gott, auserwählt unter allen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Wie komme ich zu der Ehre, dass die Mutter meines Herrn mich besucht? Denn, ja, das bist du; denn in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, machte das Kind einen Freudensprung in meinem Bauch. Glückselig bist du, die du geglaubt hast! Es wird alles in Erfüllung gehen, was der Herr dir gesagt hat.«

Maria und Elisabeth. Ich stelle mir das manchmal gerne als eine wunderbar stille, intime Begegnung zwischen diesen beiden Frauen vor. Wie eine Szene aus einem dieser Frauenfilme. In Männerfilmen hätten sie jetzt erst einmal ein Bier aufgemacht und hätten sich dann umständlich ihren Gefühlen genähert.

Diese beiden Frauen hier dagegen, die junge und die alte, die sind sofort beieinander. Wie eben in diesen Filmen, in denen sich die Frauen zum Beispiel schon deshalb nahe sind, weil sie in einer Männerwelt zusammenhalten müssen. Dass diese beiden hier aber nicht zusammen sind, um ihr Leid zu beklagen, das werden wir noch merken.

Jetzt aber sehen wir sie erst einmal noch, wie sie sich da begegnen. Die junge Frau mit der aufkeimenden Hoffnung in sich und die alte Frau mit der doch noch einmal aufflammenden Sehnsucht in sich. Christus in Maria, Johannes in Elisabeth. Johannes, den man später den Täufer nennen wird. Der gekommen ist, um die Menschen vorzubereiten. Ihnen zu sagen: Eure Sehnsucht wurde gehört! Und eher noch als Elisabeth merkt es der Johannes in ihr, wer sie da besuchen kommt, und er hüpft vor Freude.

Er spürt: Hier ist die Antwort auf die Sehnsucht, ganz nah. Jetzt ist er da! Johannes merkt es gleich. Elisabeth selbst muss erst noch der Heilige Geist zu Hilfe kommen. Er erklärt ihr, was da passiert. Er hilft ihr, Worte zu finden für das, was sie in sich spürt.

Johannes: die Sehnsucht der Menschen. Christus: die Antwort, die Erfüllung. Frieden, der unsere Sehnsucht umfängt. Sie begegnen sich hier.

Die alte Frau, im sechsten Monat ist sie. Und sie merkt, dass sie doch noch nicht abgeschlossen hat mit dem Leben. Seit sie Johannes, in sich trägt, das heißt: ihre Sehnsucht.

Das hat sie erst selbst überrascht. Habe ich nicht schon alles erlebt? Habe ich nicht schon alles probiert? Habe ich nicht schon abgeschlossen mit all dem, was darüber hinausgeht, auf mein Ende zu warten? Was darüber hinausgeht, das Beste zu machen aus dem, was mir bleibt?

Elisabeth – eine alte Frau. Aber muss man alt sein, um zu denken und zu fühlen, was sie gedacht und gefühlt hatte? Dass man mit allem abgeschlossen hat, was es eventuell noch zu erwarten, zu ersehnen gäbe im Leben? Oder anders herum gefragt: Kann man nicht in jedem Alter auf diese Art und Weise alt sein?

Elisabeth, bis vor sechs Monaten ein Mensch ohne Sehnsucht. Sie hätte sich selber vielleicht als vernünftig, pragmatisch beschrieben. Hatte sich gefreut, dass sie das über die Jahre ganz gut hinbekommen hat. Aber nun hatte sich doch noch eine neue Dimension für ihr Leben aufgetan!

Ja, eine ganz neue Dimension regelrecht! Denn dieses Kind, mit dem sie nun schwanger geht, dieser Johannes, den man einmal den Täufer nennen wird, der ist ihr nicht nur gegeben, damit nun eben auch sie noch ein Kind bekommt.

Nein, in dieser Geschichte geht es nicht einfach darum, dass eine alte Frau doch noch ein Kind bekommt. Sondern darum, dass die alte Welt doch noch eine Zukunft bekommt. Der kleine Johannes, den Elisabeth unter ihrem Herzen trägt, der ist die Sehnsucht der ganzen Welt.

Und sie, die abgeklärte, steht für all die, die nun doch noch mal spüren, wie sich eine Sehnsucht in ihnen regt. Aber nun nicht einfach eine kleine Sehnsucht nach privatem Glück. Sondern mit Johannes schwanger gehen, das heißt in unserer Erzählung: mit der Sehnsucht der ganzen Welt schwanger gehen.

Denn Johannes war ihr angekündigt worden nicht einfach als ihr Kind. Sondern er wurde ihr angekündigt als der, der die Menschen wieder ausrichten wird auf Gott. Er wird die Sehnsucht der Menschen wieder dorthin ausrichten, wo sie wirklich Frieden findet. Nämlich in der Erfahrung, Gott nahe zu sein.

Ah, denkt Ihr jetzt vielleicht, und wir sollen uns jetzt mit Elisabet identifizieren? Und was wird dann aus dem, was Du hier etwas abschätzig „meine kleine, private Sehnsucht“ genannt hast? Was wird aus meiner Sehnsucht, einfach nur glücklich zu sein im Leben? Ist das jetzt weniger wert? Zählt das nicht? Sollen wir jetzt alle nur noch ans große Ganze denken? Das kann ich nicht! Ja, ich weiß gar nicht, ob das wollte, wenn ich es könnte! Ich will auch einfach so für mich glücklich sein!

Aber ob das Elisabeth und Maria anders ging? Dürfen wir sie uns da nicht auch vorstellen als zwei Frauen, die erleben, wie sich auch für sie persönlich gerade ein tiefes Glück ereignet?

Ich finde, schon. Ich finde, sie machen nicht den Eindruck, als würden sie sagen: Ok, wird jetzt also die Welt gerettet, mit uns hat das zwar nichts zu tun, aber sei’s drum, man soll sich ja nicht so wichtig nehmen.

Ich finde, den Eindruck machen sie überhaupt nicht! Elisabeth, zum Beispiel: Als die Johannes-Sehnsucht in ihr merkt, dass die Jesus-Hoffnung da ist, wird die Johannes-Sehnsucht ganz zappelig in ihr.

Und Elisabeth löst sich wie vom Glücks-Blitz getroffen aus der Umarmung mit Maria, tritt einen Schritt zurück, und flüstert nicht privat-gerührt, sondern ruft mit lauter Stimme, so heißt es:

„Gesegnet bist du von Gott, auserwählt unter allen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Wie komme ich zu der Ehre, dass die Mutter meines Herrn mich besucht? Glückselig bist du, die du geglaubt hast! Es wird alles in Erfüllung gehen, was der Herr dir gesagt hat.“

Also, ich finde, das klingt nicht nach: Ach, schade, ich hatte gehofft, dass ich selber glücklich werde, nun gut, retten wir halt die Welt. Sondern das klingt nach Begeisterung darüber, dass ihre Johannes-Sehnsucht sich auf eine Weise erfüllt, die noch mal viel größer ist, als sie gehofft hatte.

Und Maria und der Jesus-Hoffnung in ihr geht das genauso. Als sie hört, wie die Sehnsucht in ihrer alten Verwandten ganz aufgeregt wird in der Begegnung mit ihr, da singt sie ihr berühmtes Lied. Das Magnificat. Das Lied vom Sturz der Reichen und von der Gerechtigkeit für die Armen.

Und auch bei ihr klingt das nicht nach „Na gut, dann halt eine glückliche Welt und keine glückliche Maria“. Sondern auch sie fängt an mit: „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter!“ Ihr Geist freut sich. Freut sich mit, wenn es Grund gibt für die ganze Welt, sich zu freuen.

Maria und Elisabeth – sie nehmen sich hier nicht zurück, demütig nach außen, resigniert nach innen, damit es um das große Ganze gehen kann. Sondern die beiden freuen sich. Sie sind glücklich von ganzem Herzen. In diesem intimen, privaten Moment zwischen den beiden; in diesem Augenblick, als sich Johannes-Sehnsucht und Jesus-Erfüllung begegnen, da ist es, als würden in ihrer Freude kurz die Wände um sie herum verschwinden und sie würden sehen, wie die ganze Welt glücklich wird. Und sie mittendrin auch. Ihr Glück und das der Welt, die waren plötzlich unteilbar miteinander verbunden.

Keine zähneknirschende Demut, also. Kein desinteressiertes Abschalten, als Elisabeth merkt, es geht hier gar nicht nur um ihr Leben. Kein „Me first“, das sagt: Solange ich nicht glücklich bin, kann ich mit Weihnachten nichts anfangen, kann mir der Retter der Welt gestohlen bleiben.

Sondern der Heilige Geist öffnet Elisabeth Ohr und Herz. Erst einmal war nur die Sehnsucht in ihr ganz zappelig geworden, als diese Sehnsucht merkt, da ist die Jesus-Erfüllung. Elisabeth selbst muss es erst noch erklärt bekommen.

Das will sagen: Es kann sein, dass du mit einem Mal doch noch wieder eine Sehnsucht verspürst, ganz unerwartet vielleicht. Hattest gar nicht mehr damit gerechnet. Aber jetzt regt sich da was in dir. Vielleicht ja jetzt gerade an Weihnachten.

Dann wünsche ich dir: dass der Heilige Geist kommt und deine Sehnsucht zur Jesus-Erfüllung führt. Uns allen wünsche ich das. Und dass wir dann auch das erleben: Wie wir dann gar nicht mehr anders können und wollen, nämlich: als dass unser Glück und das Glück der Welt zusammengehören. Dass die Wände um unser privates Glück sich öffnen. Dass wir nur noch mit der ganzen Welt zusammen glücklich sein wollen. Wenn das geschehen würde, dann wäre dieser Advent wahrlich an sein Ziel gekommen.

Deswegen: Mögen wir Gott um dieses eine Geschenk bitten an diesem Weihnachten: dass er die Wände um uns fallen lassen möge und wir uns nur noch mit der ganzen Welt zusammen freuen wollen. Amen.