Mit Gott wohnen in dieser Welt (Gottesdienst mit MICHA Deutschland)

Liebe Gemeinde,

„Gott macht keinen Müll“, so lautete das Jahresthema der MICHA-Initiative. Ich muss sagen, Gott und Müll, das habe ich bisher noch nicht zusammen gedacht. Tatsächlich ist das ja auch irgendwie nicht zusammen denkbar, oder? Schließlich: Wer die Dinge aus dem Nichts schafft, verbraucht dabei keine Ressourcen. Im Gegenteil: er schafft Ressourcen, die vorher noch gar nicht da waren.

Gott macht keinen Müll. Und das soll uns einladen, auch keinen Müll zu machen. Also, weniger wenigstens. Denn gar keinen Müll machen, das haben zuletzt vielleicht Adam und Eva geschafft, im Paradies.

Wieso komme ich jetzt auf Adam und Eva? Vielleicht weil keinen Müll zu produzieren irgendwie nach heiler Welt klingt? Also mit anderen Worten: paradiesisch? Also aber auch: für immer verloren? Und wiederum also: Ist halt heute, wie es ist, wirklich ändern tuste da nix.

Ja, es ist wahr. Das Paradies ist für immer verloren. „Der Cherub steht dafür“, da kommen wir nicht mehr rein. Macht aber auch nichts. Uns erwartet ja das himmlische Jerusalem: die kulturell überreiche, gesunde und sichere Stadt. Und das ist vor allem deswegen eine genauso schöne Aussicht wie das Paradies, weil es hier wie da heißt: Gott wohnt bei seinen Menschen und sie mit ihm. Und das ist doch das wichtigste.

Da also kommen wir her: Am Anfang der Bibel geht Gott in der kühlen Abendluft im Garten Eden spazieren und am liebsten macht er das mit seinen Menschen. Und da gehen wir hin: Am Ende der Bibel zieht er mit den Menschen in die himmlische Stadt ein und spaziert mit ihnen über goldene Straßen.

Das ist das, worum es Gott geht. Was er sich wünscht, wonach er sich sehnt: mit uns zu wohnen. Und für uns bedeutet das: wenn Gott mit uns wohnt, dann haben wir das Leben in Fülle. Ein Leben, das seine Erfüllung darin findet, mit Gott zu wohnen.

Mit Gott wohnen. Das muss man sich vorstellen. Mit ihm durch die Abendstimmung des Paradieses zu spazieren; auf den goldenen Straßen der himmlischen Stadt zu schlendern. Und zwar wirklich mitdenken: mit ihm! Nicht einfach so für sich das denken: in paradiesischer Natur unterwegs sein oder in einer wunderschönen Stadt. Sondern das mit Gott zu tun. So wie ich mir den geliebten Menschen an die Seite wünschen würde in paradiesischer Natur oder in der wunderschönen Stadt. So sich Gott an unserer Seite vorstellen. Und sich vorstellen, wie das unser ganzes Glück ist. Mit ihm da unterwegs. Mit ihm da wohnen.

Ja, wir brauchen die Erinnerung daran, wie ein Leben aussieht, das ein gerechtes Leben wäre. Und wir können z.B. der MICHA-Initiative dankbar sein für solche Anstöße. Ich bin aber überzeugt: mehr noch leben wir von den Bildern in unserem Kopf. Und dann erinnert ihr von der MICHA-Initiative uns an diese Bilder und überlegt mit uns: Was heißt denn das konkret und hier und heute?

Deswegen: Was ist dein Bild von einem Leben in Fülle? Dieses Bild bestimmt dann deine Sehnsucht. Und diese Sehnsucht bestimmt dann, was du tust, wie du lebst.

Was also ist mein Bild von der Fülle des Lebens? Wo kriegen wir diese Bilder her? Ich kriege sie aus der Bibel. In der Bibel stehen nicht einfach Texte, sondern da wird bildhaft erzählt. Und viel zu oft lesen wir die Bibel als historisches Sachbuch und dann geht’s um Wahrheit. Und oft lesen wir sie deswegen gar nicht mehr. Viel öfter aber sollten wir sie als Roman lesen, denn dann geht’s ums Leben. Und dann klärt sich manche Frage nach dem guten Leben von alleine.

Deswegen will ich euch heute Bilder der Bibel vor Augen malen. Bilder vom Paradies, z.B. Damit wir dabei sind. In der Welt, in der Gott mit den Menschen wohnt. Wie er dazu alles erschafft, liebevoll und schöpferisch. Damit er dort mit uns wohnen kann. Mit mir und mit dir. Ja, es ist verloren, das Paradies. Aber die Bilder sind stark. Wie Gott es sich gedacht hat, mit uns in der wunderbaren Welt zu wohnen. Ich setze mich dazu in den Erzählsessel. Und lese uns aus dem zweiten Kapitel der Bibel.

Als Gott, der Herr, Himmel und Erde machte, gab es zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der Steppe, denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Es war auch noch niemand da, der das Land bearbeiten konnte. Nur aus der Erde stieg Wasser auf und tränkte den Boden. Da nahm Gott, der Herr, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.

Dann legte Gott im Osten, in der Landschaft Eden, einen Garten an. Er ließ aus der Erde alle Arten von Bäumen wachsen. Es waren prächtige Bäume und ihre Früchte schmeckten gut! Dorthin brachte Gott den Menschen, den er gemacht hatte. In der Mitte des Gartens wuchsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens, dessen Früchte Unsterblichkeit schenken, und der Baum der Erkenntnis, dessen Früchte das Wissen verleihen, was für den Menschen gut und was für ihn schlecht ist.

In Eden entspringt ein Strom. Er bewässert den Garten und teilt sich dann in vier Ströme. Der erste heißt Pischon; er fließt rund um das Land Hawila, wo es Gold gibt. Das Gold dieses Landes ist ganz rein, außerdem gibt es dort kostbares Harz und den Edelstein Karneol. Der zweite Strom heißt Gihon, er fließt rund um das Land Kusch. Der dritte Strom, der Tigris, fließt östlich von Assur. Der vierte Strom ist der Eufrat.

Gott, der Herr, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. Weiter sagte er zu ihm: „Du darfst von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis. Sonst musst du sterben.“

Gott, der Herr, dachte: „Es ist nicht gut, dass der Mensch so allein ist. Ich will ein Wesen schaffen, das ihm hilft und das zu ihm passt.“ So formte Gott aus Erde die Tiere des Feldes und die Vögel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er jedes Einzelne nennen würde; denn so sollten sie heißen. Der Mensch gab dem Vieh, den wilden Tieren und den Vögeln ihre Namen.

Doch unter allen Tieren fand sich keines, das ihm helfen konnte und zu ihm passte. Da versetzte Gott, der Herr, den Menschen in einen tiefen Schlaf, nahm eine seiner Rippen heraus und füllte die Stelle mit Fleisch. Aus der Rippe macht er eine Frau und brachte sie zu dem Menschen. Der freute sich und rief: „Endlich! Sie ist’s! Eine wie ich! Sie gehört zu mir, denn von mir ist sie genommen!“ Die beiden waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.

Was für eine Welt, oder? Eine Welt für Gott und uns, damit wir da zusammen drin leben, wir und er. Ein Leben in Fülle. Ein Leben, von dem wir sagen: mehr brauchen wir nicht. Ein Leben, von dem wir sagen: „Hauptsache, das haben wir – Gott an unserer Seite in der wunderbaren Welt, die er für uns schuf. So soll es sein. Dann ist alles gut.“

Mit Gott wohnen in der Welt, die er für uns schuf. Damit wir da mit ihm leben. Ich bin überzeugt: Wer in diese Geschichte, wer in die Welt dieser Geschichte eintaucht, der kommt nicht als derselbe daraus zurück. Alles wird anders aussehen danach. Alles wird sich anders anfühlen. Diese Welt, die Wohnung für Gott und uns, von ihm dazu geschaffen.

Auf jedem Spaziergang werde ich dann denken: „Guck mal da, Gott, ist das nicht schön?“ Als wäre ich mit ihm im Paradies. Auf jeder Fahrt werde ich hören: „Schau, Mensch, das ist, damit wir da wohnen.“ Eine Welt für ein Leben in Fülle – in der Fülle, die es bedeutet, mit Gott in der Welt zu wohnen, die er dafür gut geschaffen hat.

Und wer das genießt, wer da so richtig eingetaucht ist, wer etwas von dieser Fülle erlebt hat – muss der nicht Gott und diese Welt gleichermaßen zu lieben beginnen? Muss es für den bei Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung nicht nur noch ums wie, aber nicht mehr ums ob gehen? Weil sie diese Welt als Wohnung für sich und ihren Gott so liebt? Weil sie einen Schmerz fühlt bei dem, wie diese Geschichte weitergeht, nämlich so, im dritten Kapitel der Bibel?

Die Schlange war das klügste von allen Tieren des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie fragte die Frau: „Hat Gott wirklich gesagt, ‚Ihr dürft die Früchte von den Bäumen nicht essen!‘?“ „Natürlich dürfen wir sie essen“, erwiderte die Frau, „nur nicht die Früchte von dem Baum in der Mitte des Gartens. Gott hat gesagt: ‚Esst nicht davon, berührt sie nicht, sonst müsst ihr sterben.‘“ „Nein, nein“, sagte die Schlange, „ihr werdet bestimmt nicht sterben! Aber Gott weiß: Sobald ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen; ihr werdet wie Gott sein und wissen, was gut und was schlecht ist. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.“

Die Frau sah den Baum an: Seine Früchte mussten köstlich schmecken, sie anzusehen, war eine Augenweide und es war verlockend, dass man davon klug werden sollte. Sie nahm von den Früchten und aß. Dann gab sie auch ihrem Mann davon und er aß ebenso. Da gingen den beiden die Augen auf und sie merkten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze.

Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott, der Herr, durch den Garten ging. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott zwischen den Bäumen. Aber Gott rief nach dem Menschen: „Wo bist du?“ Der antwortete: „Ich hörte dich kommen und bekam Angst, weil ich nackt bin. Da habe ich mich versteckt.“ „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?“, fragte Gott. „Hast du etwa von den verbotenen Früchten gegessen?“ Der Mensch erwiderte: „Die Frau, die du mir an die Seite gestellt hast, gab mir davon; da habe ich gegessen.“ Gott, der Herr, sagte zur Frau: „Was hast du da getan?“ Sie antwortete: „Die Schlange ist schuld, sie hat mich zum Essen verführt.“

Da ist noch ein Rest von unserer ersten Geschichte, der Geschichte der Fülle: Gott geht durch den Garten am Abend, als es kühler geworden war, und er sucht nach dem Menschen. Denn mit ihm zusammen möchte er spazieren gehen.

Aber dann der Bruch: Zwischen Mensch und Gott stimmt es nicht mehr. Zweifel ist gesät, Entfremdung, ja, Feindschaft ist aufgegangen. Sollte Gott gesagt haben? Weißt du, ob er es wirklich gut meint mit dir? Ist das Leben mit ihm wirklich das Leben in Fülle? Denkt das nicht nur, wer nichts anderes kennt?

Nun, inzwischen kennen wir anderes. Dafür ist das Paradies verloren. Und wir wandern auf geschlungenen Wegen durch die Zeit, auf der Suche nach dem, was die Seele satt macht. Und nach dem, wo wir uns niederlassen können, wo wir wohnen können. Wir suchen die Fülle des Lebens.

Auf diesem Weg ist Gott uns nachgegangen. Hat immer wieder Wohnung genommen unter uns. Um uns zu zeigen, daran zu erinnern, dass wir bei ihm die Fülle finden.

In das Heiligtum Israels ist er eingezogen. Dann wurde das Wort Fleisch und wohnte unter uns in und als Jesus Christus. Und in seinem Geist wohnt er in uns, in seiner Kirche. Auch wenn man manchmal den Eindruck hat, mehr als eine kleine Dachkammer, ein kleines Turmzimmer geben wir ihm nicht.

Aber überall, wo er bei uns Wohnung genommen, immer ging und geht es ihm darum, uns zurückzurufen. Uns auf den Weg zu rufen, auf den Weg mit ihm, auf den Weg in die Fülle. „Kehrt um, kommt mit, vertraut mir wieder, folgt mir nach!“

Und wohin? Wieder lockt er uns mit einem Bild. Davon wie es ist, mit ihm zu wohnen. Ich lese uns aus den letzten zwei Kapiteln der Bibel, davon, wie es sein wird. Da malt uns nämlich einer vor Augen:

Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam – festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam. Und ich hörte eine starke Stimme rufen: „Dies ist die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott wird bei ihnen sein. Er wird all ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit. Und die Stadt strahlte die Herrlichkeit Gottes aus. Sie war von einer mächtigen Mauer umgeben, und die Mauer bestand aus Jaspis. Die Stadt selbst war aus reinem Gold erbaut, das so durchsichtig war wie Glas. Die Grundsteine der Stadt waren kostbare Edelsteine, die Tore in der Mauer bestanden aus Perlen.

Einen Tempel, heißt es weiter, gibt es dort nicht, denn Gott wohnt überall und mittendrin. Aber einen Strom gibt es, wie im Paradies:

Der entspringt am Thron Gottes und des Lammes und fließt entlang der Hauptstraße mitten durch die Stadt. An beiden Seiten des Flusses wachsen Bäume. Sie bringen zwölfmal im Jahr Frucht, jeden Monat einmal. Und ihre Blätter dienen zur Heilung der Völker.

Paradies und himmlisches Jerusalem. Bilder vom Wohnen mit Gott, vom Leben in Fülle. Bilder von unserem Woher und Wohin. Wir, in denen Gott auch auf dem Wege wohnt, können wir da noch anders als Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu lieben, weil doch Gott unsere Fülle ist? Amen.