Mit leeren Händen dastehen

Liebe Gemeinde,

das hatten sich unsere Hirten [im Krippenspiel] so schön ausgedacht: Dem Messias kann man nicht mit leeren Händen gegenübertreten. Schnell, aber von Herzen ein paar Geschenke ausgesucht für das neugeborene Kind und seine Eltern und dann sich auf den Weg gemacht. Aber dann haben sie die Sachen unterwegs anderen Leuten gegeben, die konnten es auch brauchen. Und nun stehen sie mit leeren Händen da.

Leere Hände – ein gutes Thema für Weihnachten!

Wie beim alten Simeon. Von dem erzählt Lukas kurz nach der Weihnachtsgeschichte. Simeon wartet seit Jahren im Jerusalemer Tempel auf den Messias. Dann kommen Maria und Josef und legen ihm den Messias in die Hände. In die leeren Hände. Die er sich leer gehalten hatte, bis er sicher war: Das ist der, auf den ich gewartet habe. Da erst fand er Frieden.

Simeon, wir kommen gleich noch mal auf ihn zurück.

Mit leeren Händen dastehen – es gibt aber auch Situationen, da fühlt sich das gar nicht gut an, oder? Regelrecht nach einer Schmach. Was für eine Panne! Und an Weihnachten natürlich der Supergau! Nichts bekommen ist auch nicht schön. Aber man muss schon hartgesotten sein, um das schlimmer zu finden als nichts geben zu können. Und gleich danach kommt, vielleicht nicht das Richtige geschenkt zu haben.

Diese Panik im Vorfeld: Ich weiß gar nicht, was ich ihm / ihr schenken soll! Diese verzweifelten Klagen: Was soll man bloß einem schenken, der schon alles hat!? Diese Entschuldigungen, mit denen Geschenke überreicht werden: Ach, ist nichts Großes, ich wusste auch nicht so genau. Und das vorweggenommene Zu-Kreuze-Kriechen: Du kannst es auch umtauschen, den Bon habe ich noch. Mit leeren Händen dastehen, wie peinlich. Einerseits.

Andererseits ist genau diese Erfahrung der Königsweg zum Glück. Nämlich, wenn es um den Glauben geht. Es ist kein Zufall, dass das in vielen Religionen eine wichtige Gebetshaltung ist: die leeren Hände. Es scheint eine Verbindung zu geben von den Händen zur Seele.

Ja, ich würde sogar sagen: die leeren Hände, sie erst ermöglichen tiefe spirituelle Erfahrungen. Gerade an Weihnachten ist es deshalb vielleicht eine gute Zeit, ein wenig über die leeren Hände zu meditieren.

Die leeren Hände. Sind unsere Hände gerade leer? Können wir sie mal leermachen? So. Aber wohin jetzt mit ihnen? Auf Partys hat man ja immer gerne ein Glas in der Hand. Und wenn ihr jetzt tatsächlich nichts in Euren Händen haltet, ist das ein seltener Augenblick. Nicht nervös werden jetzt! Nicht gleich wieder zu etwas greifen!

Mal kurz aushalten: nichts in den Händen haben. Nichts genommen, nichts bekommen, nichts zu geben. Kein Ding, kein Mensch, nur meine Hände und der leere Raum um sie herum. Seltener Augenblick: Sonst sind wir ja immer am Nehmen und Geben. Der Austausch, aus dem unser Leben besteht. Jetzt ist er kurz mal ausgesetzt. Nur ich als ich da, mit nichts als mir selbst. Wenn ich sie ein wenig vor mich hin halte, schweben sie sogar im leeren Raum, meine leeren Hände.

Ich könnte sie natürlich mit mir selber füllen. Die eine Hand in die andere nehmen. Da empfange ich wenigstens mich selbst. Das nimmt ein wenig den Druck raus, möglicherweise. Aber wie lange? Denn ist Leben am Ende nicht doch eben genau dieser Austausch, Geben und Nehmen, dieser Austausch mit etwas, das oder mit jemand, der oder die nicht ich selber bin?

Unsere leeren Hände. Am Ende der Arme. Die Arme schieben unsere Hände hinaus in die Welt um uns herum. Wozu? Eben um zu geben oder zu nehmen. Die leeren Hände an unseren ausgetreckten Armen: das sind die Hände, die gerade gegeben haben; oder die Hände, die bereit sind zu empfangen. Wie nachher bei der Bescherung.

Stellen wir uns vor: Unsere Hände haben gerade gegeben und jetzt hängen sie kurz leer in der Luft. Banger Moment: Wir wollen, dass unser Leben eine Spur hinterlässt, eine Wirkung erzielt. In dem, was wir geben, geben wir auch uns selbst.

Welche Reaktion wird das auslösen, was ich gerade gegeben habe? Wird es gefallen? Werde ich gefallen? Wir brauchen eine Reaktion. Die Hände, die gerade gegeben haben und jetzt kurz leer in der Luft hängen. Wie wir selbst.

Oder stellen wir uns vor: Unsere leeren Hände da in der Luft, wie sie erwarten, dass ihnen etwas gegeben wird. Sie zeigen uns: Wir sind angewiesen auf das, was wir uns nicht selbst geben können. Brot zum Essen, Liebe zum Freuen. Werden meine Hände gesehen? Werde ich bekommen, was ich brauche, was mein Leib braucht, was meine Seele freut?

Wäre ja eine schöne Übung nachher: Nicht einfach nur schnell Geschenke austauschen, sondern: Ich halte meine leeren Hände hin und bekomme mein Geschenk hineingelegt.

Die leeren Hände in der Schwebe, ausgestreckt in die leere Luft – Gott gegenüber bekennen sie: Ich habe nichts zu geben, ich bin bereit zu empfangen.

Simeon im Tempel, ihr erinnert euch? Der, der da so ewig auf den Messias gewartet hat? Ich stelle mir vor, wie er da sitzt, die Hände im Schoß, Handflächen nach oben. Ich stelle mir vor, wie ihm Leute da auch mal was zu Essen reinlegen, als wäre er ein Bettler. Oder ein bisschen Geld. Wo seine Hände doch so leer sind.

Ich stelle mir vor, wie er dankend ablehnt. Er wollte nichts, was nur kurzfristig ein gutes Gefühl gibt. Simeon hatte wache Sinne, auch innere, er wusste zu unterscheiden. Wer oder was gibt mir Glück, Sinn, Frieden, Freude und was nicht. Vielleicht musste er erst so alt werden, um das unterscheiden zu können.

Vielleicht musste er erst durch mancherlei trial and error? Was sind unsere trials, unsere Versuche also, beziehungsweise Versuchungen? Geld, Gesundheit, Aussehen und Ansehen? Rechtschaffenheit, Frömmigkeit? Intelligenz, Stil? Macht, Erfolg, seit einiger Zeit auch wieder Nationalstolz? Je mehr wir davon haben und je wichtiger wir das finden, desto schwieriger ist es zu empfangen, was Gott uns geben will.

Hatte Simeon das vielleicht alles durch? Und nun sitzt er hier mit leeren Händen? Lukas erzählt:

Der heilige Geist drängte Simeon wieder, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten auch die Eltern das Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für das Kind vorgesehen sind.

Und da sitzt nun Simeon mit den offenen Händen. Und sieht die Eltern mit dem Kind. Wir wissen nicht, woran er es gemerkt hat, aber

Simeon nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte: „Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast.“

Glücklich, wer Gott in diesem Kind genauso in seine leeren Hände hinein empfängt. Auch früher schon im Leben. Amen.