Grüne Knospen feiern statt welkende Blätter zu beklagen (2. Advent)

Liebe Gemeinde,

ja, was wäre dann wohl, fragt Lothar Zenetti: Vierzig Minuten Gott in Frankfurt-Sachsenhausen. Der Platz rund ums Affentor von seiner Herrlichkeit erfüllt. Zenetti vermutet: eine staunende Menge und stauende Autos mit genervt hupenden Fahrern, die wieder mal nicht begreifen. Und dann löst sich alles wieder auf. Und ist der Atheismus danach überwunden, wenigstens in Frankfurt-Sachsenhausen?

Vermutlich nicht. Das wird wohl so auch nicht gehen. Und auch nicht durch die Geburt eines Kindes. Ja, man weiß nicht, was aus der Welt geworden wäre, wenn dieses Kind nicht geboren wäre. Aber ein bisschen weniger von menschlicher Überheblichkeit hätten wir uns schon gewünscht seitdem. Immerhin: In dem einen oder anderen Herzen ist es ruhiger geworden, friedlicher, fröhlicher.

In deinem auch? Ist dein Herz so eines wie wir eben gesungen haben? „Zieh in mein Herz hinein / vom Stall und von der Krippen, / so werden Herz und Lippen / dir allzeit dankbar sein.“ Und wenn nicht allzeit, so doch wenigstens ab und an? Grundsätzlich? Aber manchmal noch angefochten? Von dem, was uns noch in Aufregung versetzt, was uns belastet, was uns den Frieden raubt?

Vielleicht, wenn wir wüssten, wie die Geschichte ausgeht. Vielleicht, dass wir uns dann besser auf ihn einlassen könnten, auf den, dessen Geburt wir bald feiern? Vielleicht, wenn wir jetzt schon mal einen Blick aufs Ende werfen könnten?

Es soll ja Menschen geben, die lesen erst einmal das Ende vom Buch. Sehen erst einmal das Ende vom Film. Und schon liest sich das ganze Buch ganz anders. Sieht man den ganzen Film viel entspannter.

Ja, wenn man das Ende schon wüsste. Da würde man alles vorher ganz anders sehen. Alles und alle. Zum Beispiel: Manche Figur in der Geschichte stellt sich am Ende als jemand heraus, den wir vorher nicht in ihr geahnt haben. Der Böse ist doch ein Guter und der Liebreizende in Wahrheit ein Schurke.

Wer das Ende am Anfang liest, der hat den anderen in der Geschichte etwas voraus. Vor allem, wenn es gutes Ende ist. Dann kann sie in mancher Verzweiflung trösten. Kann manche Niederlage ertragen. Belächelt die scheinbaren Triumphe der Gegner. Kann Großmäuler entlarven.

So geht es auch den Lesern von Lukas und seinem Evangelium. Der erzählt nämlich schon mal das Ende vom Kind in der Krippe. Das, worauf alles hinausläuft. Spoilergefahr, wer das Ende nicht wissen will, der höre jetzt nicht hin. Jesus erzählt:

„Zeichen werden zu sehen sein an der Sonne, dem Mond und den Sternen. Auf der Erde werden die Völker zittern und nicht mehr aus noch ein wissen vor dem tosenden Meer und seinen Wellen. Die Menschen vergehen vor Angst, während sie auf das warten, was über die ganze Welt hereinbrechen wird. Denn sogar die Ordnung des Himmels wird erschüttert werden. Dann werden alle es sehen: Der Menschensohn kommt auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit!

Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt. Denn eure Rettung ist nahe!“

Dann erzählte Jesus den Leuten ein Gleichnis: „Schaut euch doch den Feigenbaum an oder all die anderen Bäume. Wenn ihr seht, dass sie Blätter bekommen, dann wisst ihr: Der Sommer ist bald da. So ist es auch mit euch: Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, dann wisst ihr: Das Reich Gottes ist nahe. Amen, das sage ich euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bevor dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“

Nun kennen wir also das Ende. Da sehen wir den Anfang noch mal mit anderen Augen. Der da im Heu liegt und auf Stroh: das ist der Menschensohn, der wiederkommen wird am Ende der Zeiten und um den Zeiten ein Ende zu setzen. Er ist der, der etwas so gewaltig Anderes und Neues bringen wird, dass das Alte weichen muss. Und seit 2000 Jahren geht er umher und lehrt die Menschen, die an ihn glauben, den aufrechten Gang.

Je schlimmer es kommt, desto mehr richten wir uns auf. Und heben unseren Kopf. Und lauschen auf sein Wort. Und spüren, wie sich Frieden ausbreitet in unserem Herzen. Und ganz von selbst dann sogar – um uns herum.

Aber vielleicht muss man das gleich mal klären: Nein, wir lieben nicht den Untergang. Denn das, wovon Jesus hier erzählt, das ist keine menschengemachte Apokalypse. Und keine menschengemachte Katastrophe ist eine Apokalypse. Denn Apokalypse heißt nicht Untergang, sondern Offenbarung. Und es offenbart sich nicht die Unfähigkeit des Menschen, sondern die Herrlichkeit Gottes.

Und deswegen gleich noch ein zweites Nein: Es muss auch nicht erst das Chaos kommen, bevor Gott kommt. Das wäre zynisch. Vor allem, wenn wir damit bloß meinen: Es wird zwar die Welt untergehen, aber wohl nicht zu meinen Lebzeiten, deswegen lohnt es sich nicht, noch irgendetwas hier zu verändern.

Sondern stattdessen: Anders herum ist es. Wenn Gott kommt mit seiner neuen Welt, mit seiner vollkommenen, mit seiner gerechten, mit seiner heilen, mit seiner friedvollen Welt, dann muss weichen, was nicht dazu passt. Aus dieser Welt muss weichen, was nicht zu jener Welt passt, so wie ich möchte, dass es jetzt schon aus mir weicht, weil ich zu ihm passen möchte.

Und überhaupt: Apokalypsen reden zwar oft lang vom Ende, sie meinen aber den Anfang. Den Anfang danach. Auch hier. Deswegen sollen wir uns aufrichten. Deswegen sollen wir unsere Köpfe heben. Denn er kommt, der Heil und Leben mit sich bringt! Deswegen sollen wir auf die grünen Knospen achten und nicht auf die welkenden Blätter. Jesus sagt: Der Sommer kommt und nicht der Winter in Wahrheit, amen!

Und das alles, weil der, der da in der Krippe liegt, weil das der ist, der am Ende der Zeit wiederkommen wird als der Anfang vom Reich Gottes, der Welt, wie Gott sie sich dachte.

Wenn wir das schon wissen, wie lesen wir dann die Geschichten von der Geburt, von der Flucht und der Rückkehr? Wie hören wir seine Gleichnisse, wir erleben wir seine Heilungen? Wenn wir wissen, er ist der Menschensohn, der Vollender der alten Welt und der Anfänger der neuen Welt, wie begleiten wir ihn dann durch seinen Prozess, wie stehen wir bei ihm in seinem Tod?

Wenn wir sagen: der da in der Krippe liegt und der da noch verborgen geht und steht und der da im Grab liegt und den ich da in mir drin oft nur so schwach spüre, dessen Geheimnis wird erst noch gelüftet werden, am Ende, dessen wahre Identität wird enthüllt werden, aber wir kennen sie schon, wir kennen das Ende –

was macht das dann mit unserem Glauben, unserer Hoffnung, unserer Liebe? Und wer können wir dann für die neben uns sein, deren Glauben gerade schwach, dessen Hoffnung fast erloschen, deren Liebe fast erkaltet ist?

Wir können dann zum Beispiel Menschen sein, die Hoffnungszeichen lesen können. Das ist natürlich nicht leicht in einer Welt, in der nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind. Und wenn mal was Gutes geschieht, sagen die anderen: Nicht genug! Zu spät!

Ja, das ist schon anstrengend manchmal. Aber es ist eine Gute Nachricht, an die wir glauben! Und deswegen lasst uns die grünen Knospen feiern und nicht die welken Blätter beklagen!

Wo hat sich Frieden ausgebreitet? Wo ist Gerechtigkeit eingezogen? Wo haben Menschen Ideen für ein gutes Leben auf unserem Planeten? So, wie in dem Dokumentarfilm „Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen“. Und lasst uns einander Geschichten erzählen davon, wie Christus in unserem Herzen und in unserem Leben eingezogen ist und Heil und Leben mit sich gebracht hat! Lasst uns als Gemeinde überlegen, wie wir Zeichen der Hoffnung setzen! Hoffnung haben, Knospen gießen.

Das gute Ende kennen: Wir können dann auch Menschen sein, die Niederlagen ertragen können. Eigene und die der anderen. Wenn Mut nicht belohnt wurde, Einsatz nicht zum Ziel führte. Wenn Gebete ohne Antwort blieben, Menschen mich verletzten. Oder ich sie. Und wir können Menschen sein, die andere in ihren Niederlagen ertragen und begleiten können.

Wer das weiß: Noch ist mein Herr verborgen gegenwärtig in den Misslichkeiten dieser Welt, als Kind im Stall, auf der Flucht, als Verbrecher verleumdet und gekreuzigt, aber dann wird er Gottes neuer Welt die Bahn brechen – wer dieses Ende kennt, der oder die kann Niederlagen besser ertragen.

Und deswegen kann er oder sie auch das sein: Ein Mensch, der trösten kann. Eine, die Balsam für die Seele ist. Einer, der den Weg in die Oase führt. Eine, die die Hand reicht auf dem Weg durch die Dunkelheit. Einer, der das Gebet spricht, das dem anderen gerade nicht über die Lippen kommen will. Eine, die das Lied singt, das die andere gerade nicht herausbringt. Das Lied von dem, der kommt und frische Blätter zum Sprießen bringt.

Und, ja, weil das gute Ende die Wahrheit über unsere Zukunft ist, weil wir uns aufrichten und unsere Köpfe nicht mehr zwischen unseren Schultern verstecken, sondern unsere Häupter erheben, deswegen stehen wir da und können auch die Großmäuler entlarven – die um uns herum und auch die in uns drin. Die, die sich aufspielen als die Herren der Welt, die gegenwärtigen oder die zukünftigen. Die, die laut sprechen, aber deswegen noch nicht wahr. Die, die meinen, das letzte Wort behalten zu können.

Ja, sie haben oft das vorletzte Wort, und mit dem können sie genug Schaden anrichten. Kriegstreiber, zynische Machtmenschen, gewissenlose Lenker der Geldströme, solche, die die Menschen spalten, um zu herrschen, die Wahrheit verdrehen und mit Lügen uns füttern. Das sind die Großmäuler um uns.

Und dann gibt es noch die Großmäuler in uns. Die uns sagen: Du bist nichts wert, da wird nichts draus, versuch’s erst gar nicht, du bringst es nicht, Gott liebt dich nicht! Die Großmäuler, die sagen: Wir wissen, wie’s läuft, liebe lieber einmal zu wenig als einmal zu viel, nur Hass schafft Sicherheit, sieh selber zu, wo du bleibst, besser kein Heiliger sein wollen, höre auf uns, wir sind die Realisten.

Wer das weiß: Wenn unser Herr kommt, dann muss diese Welt vergehen und müssen die Großmäuler verstummen; und bleiben wird nur das Wort unseres Herrn, das Wort, das lebendig macht und frei – wer das weiß, den richtet dieses Wort schon jetzt auf und er entlarvt die Großmäuler wie das Kind des Kaisers neue Kleider.

Ja, all das wissen wir, wenn wir schon mal das Ende lesen. Dann wissen wir: All das liegt schon in dem Kind verborgen, dessen Ankunft wir feiern. Der, der da in der Krippe liegt, ist auch der gute Weltenherrscher, der kommen wird.

Wenn du ihn in dein Herz aufnimmst, dann wird da schon jetzt, was am Ende für alle Welt wird: der Blick für das, was Hoffnung gibt; die Kraft, Niederlagen zu tragen; der Trost für dich selbst und für andere; Klarheit, die zu entlarven, die sich das letzte Wort anmaßen. Dann wird da jetzt schon Liebe und Frieden und Gerechtigkeit. Dann wird es das jetzt schon in dir, unter uns und um uns herum!

Deswegen: Sieh auf! Erhebe dein Haupt! Unsere Erlösung naht in Wahrheit! Amen.