Nach Hause in die Zukunft

Liebe Gemeinde,

in unserer Advents-Reihe „Warum bist du dankbar, dass Gott in deine Welt gekommen ist?“ heute also Menschen, die im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten. Menschen, die ihren Beruf gewählt haben, als hätten sie gehört, wie jemand ihnen diesen Auftrag zugerufen hat:

Macht die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! Ruft den verzagten Herzen zu: »Fasst wieder Mut!“

Wie ich jetzt auf so etwas komme? Nun, so beginnen die Worte aus der Bibel, die uns für den zweiten Advent vorgeschlagen sind.

Macht die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! Ruft den verzagten Herzen zu: »Fasst wieder Mut!“

Was ist da los? An wen geht das? Offensichtlich an Menschen, die an der Seite von anderen Menschen sind. Und die einen sind stark oder werden es gerade wieder. Die anderen sind noch nicht so weit. Und die, die gerade stärker sind als die anderen, die sollen diesen anderen helfen, auch wieder stark zu werden.

Schlaffe Hände wieder starkmachen, wacklige Knie fest, verzagte Herzen zuversichtlich. Eine schöne Aufgabe ist das, Menschen so zu helfen. Aber auch eine schwierige. Das mit Händen und Knien kriegt man vielleicht noch hin. Mit Ergotherapie oder Physiotherapie oder so.

Aber das mit dem Herzen ist schon schwieriger. Das kann man nicht einfach kneten und biegen. Und wenn die Hände schlaff und die Knie weich sind, weil das Herz verzagt ist, dann wird es auch für die Hände und Knie schwieriger, wenn erst einmal das Herz zuversichtlicher werden muss.

Denn zum Herzen muss man den Umweg über die Seele gehen. Und der kann man nur gut zureden. Wobei: Worte helfen Seele und Herz oft nicht. Erfahrungen braucht es. Und für Erfahrungen braucht es Zeit. Zeit für Gutes. Adventszeit, vielleicht?

Eine schöne Aufgabe ist das also, den Menschen so zu helfen, äußerlich und innerlich. Aber auch eine schwierige. Gut, wenn man dann weiß, wie es geht. Oder was zumindest helfen könnte. Wie ein Arzt mal sagte: Wir heilen nicht, wir helfen nur. Heilung „geschieht“ dann. Wie und durch wen auch immer. Aber auch schon beim Helfen ist es gut zu wissen, wie es geht.

Deswegen fragen wir auch hier bei diesen Worten aus der Bibel: Was wird denn den Menschen, die helfen sollen, an die Hand gegeben, damit sie das auch tun können? Was wird ihnen gesagt, dass sie selber wieder stärker werden? Nur aufrufen und dann „seht zu, wie das hinbekommt“, das wäre zu wenig. Was hat der, der hier aufruft, anzubieten? Und was hat das mit Advent zu tun? Hören wir mal noch ein bisschen drumherum aus dem Propheten Jesaja, dem 35. Kapitel. Das erste kennen wir schon:

Macht die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! Ruft den verzagten Herzen zu: »Fasst wieder Mut! Habt keine Angst!“

Und dann:

Denn dort kommt euer Gott! Er selber kommt, er will euch befreien.

Tausend Filmszenen stehen mir vor Augen. Wenn bedrängte Menschen erfahren, dass Hilfe naht. Aus dem Herrn der Ringe, zum Beispiel. Und das ist es also, was hier die Hilfe zum Helfen ist: die Nachricht, dass Gott kommt. Gott kommt, um euch zu befreien. Da ist also offensichtlich auch gerade Advent!

Advent, advenire, herzukommen, ankommen. Gott kommt. Und er kommt, um zu befreien. Und man kann noch mal weiter nachfragen: Wie kommt er, wo kommt er? Und wovon und wozu befreit er uns?

Fangen wir erst mal bei der letzten Frage an. Wozu befreit Gott uns? Und gehen wir dafür an das Ende unserer Jesaja-Worte heute morgen. Da erzählt er, was er vor seinem inneren Auge sieht, sozusagen „I have a dream“, nämlich:

Die Menschen, die der Herr befreit hat, kehren voll Jubel heim. Aus ihren Augen strahlt grenzenloses Glück. Freude und Wonne bleiben bei ihnen, Sorgen und Seufzen sind für immer vorbei.

Das ist also das Ziel: dass die Menschen glücklich werden, weil sie heimkehren können. Wir lüften mal kurz das Geheimnis und verraten, zu wem diese Worte ursprünglich gesagt waren. Das waren Menschen, die von einer Siegermacht verschleppt worden waren. Jetzt wird ihnen ihre Rückkehr verheißen.

Aber diese Geschichte interessiert uns nur am Rande. Wir nehmen diese Info und springen gleich zu heute: Denn das Gefühl, unfreiwillig in der Fremde zu sein, von Siegern in ein Leben gezwungen, das man gar nicht leben will und in dem man auch gar nicht leben kann, das ist gerade weit verbreitet. Und die Sieger nennt man heute Eliten.

Und dagegen der wütende Wunsch, wieder zu Hause zu sein, zu Hause zu sein im eigenen Leben. Wie in Frankreich jetzt: Hände werden stark und schmeißen Steine. Und Knie werden fest und treten Menschen. Und Herzen verlieren ihre Angst und ziehen in die Schlacht gegen die Polizei. Ich vermute nur, so hatte Jesaja das nicht gemeint.

Und was wollen sie und andere, die jetzt protestieren? Dass der Weg frei wird in eine gute Zukunft für alle? Ja, einige wollen das. Oder dass es wieder so wird wie früher? Erwarten wir von der Zukunft Gutes? Oder ist die Vergangenheit die Verheißung?

Make America great – again! Oder Germany. Wir wollen das alte Gefühl zurück. Ich habe den Eindruck: Da geht nichts nach vorne, alles nach hinten. Da ist kein Aufbruch, da ist nur Rückzug. Oder ist das nur ein Problem alter, weißer Männer? Eher nicht, oder? Auch viele junge Leute wollen zurück in eine Vergangenheit, die sie selber gar nicht mehr erlebt haben.

Heile Welt. Überschaubar, geordnet. Aber selbst Bullerbü und die Villa Kunterbunt sind keine vergangenen Idyllen. Der Film über Astrid Lindgren in den Kinos gerade zeigt uns: Bullerbü und Villa Kunterbunt sind Utopia, ein Land des Kinderglücks in ferner Zukunft, wenn die Erwachsenen endlich gelernt haben, mit sich selbst klarzukommen.

Heimkehren heißt es trotzdem bei Jesaja. Was ist das aber für ein Heimkehren, eins nach hinten oder eins nach vorne?

Es gibt hier einen Hinweis, finde ich, der zumindest deutlich macht: Die, die hier zurück wollen, das sind keine Menschen, die nur frustriert und gekränkt sind durch Veränderungen, vor denen sie Angst haben. Sondern welche, die wirklich unter etwas gelitten haben und jetzt echt erleichtert sind. Hören wir noch mal rein:

Die Menschen, die der Herr befreit hat, kehren voll Jubel heim. Aus ihren Augen strahlt grenzenloses Glück. Freude und Wonne bleiben bei ihnen, Sorgen und Seufzen sind für immer vorbei.

Da höre ich Freude, ich sehe strahlende Augen. Und das ist ein Unterschied: Wenn der Populist bekommen hat, was er will, dann bleibt selbst seine Freude noch grimmig. Seine Wut verschwindet nie ganz. Er ist bloß für den Augenblick zufrieden, dass seine Gegner am Boden liegen.

Die aber, die hier heimkehren, die strahlen vor Glück, grenzenlosem Glück. Ihr Jubel ist kein Triumphgeheul, sondern Ausdruck reiner Freude und Wonne. So freut sich jemand, der nicht die Niederlage der anderen feiert, sondern das Glück.

So freut sich auch jemand, der von dem Gott befreit wurde, der in Jesus Christus kommt. Denn wenn Christus befreit, dann nie so, dass ich über die anderen wütend triumphiere. Sondern immer so, dass ich mir wünsche, alle würden mitbefreit. Dann nie so, dass ich die anderen rausschmeiße und die Tür zuknalle. Sondern so, dass wir gemeinsam am Tisch sitzen. Zum Beispiel, wie Martin Luther King sagte, die Kinder ehemaliger Sklaven und die Kinder ehemaliger Sklavenhalter. Die volksferne Elite Frankreichs und die Gelbwesten. Die Flüchtlinge und die von hier. Alle an einem Tisch.

Und das ist mehr Utopia als Heimat. Dies Land liegt in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit. Der Advent des Christus sagt deswegen auch: Christus kommt nicht einfach aus dem Himmel. Sondern er kommt uns aus der Zukunft entgegen. Um uns dorthin mitzunehmen.

In diese wunderbare Zukunft. Aber warum könnten wir dafür befreit werden müssen? Worin sind wir gefangen? Wodurch sind wir gebunden? Woran sind wir angekettet? Ängste? Zukunftsängste? Dass wir keine Zukunft haben? Oder heute bei vielen von Euch jungen Leuten: dass Ihr die falsche Zukunft wählt? Und dann sind wir gehemmt und kommen nicht kraftvoll vorwärts?

Oder müssen wir befreit werden von einer der großen Versuchungen unserer Tage: nämlich einfach nur unsere Ruhe haben zu wollen? Nicht gestört werden zu wollen? Klar, wenn man aus dem Berufsverkehr in der U-Bahn zurückkommt, kann man schon mal seine Ruhe haben wollen. Aber lasse ich mir trotzdem immer wieder die Augen öffnen für die Menschen um mich herum? Will ich mich auch da wenigstens an die Liebe erinnern lassen von Gott?

Wovon müssen wir befreit werden? Das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um mal die ganzen Worte von Jesaja zu hören. Er ruft auf und malt vor Augen:

Macht die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! Ruft den verzagten Herzen zu: »Fasst wieder Mut! Habt keine Angst! Denn dort kommt euer Gott! Er selber kommt, er will euch befreien.« 

Dann können die Blinden wieder sehen und die Tauben wieder hören. Dann springt der Gelähmte wie ein Hirsch und der Stumme jubelt vor Freude. In der Wüste brechen Quellen auf und Bäche ergießen sich durch die Steppe. Der glühende Sand verwandelt sich zum Teich, und im dürren Land sprudeln Wasserquellen.

Eine feste Straße wird dort sein, den ›heiligen Weg‹ wird man sie nennen. Auf dieser Straße gibt es keine Löwen, kein Raubtier ist auf ihr zu finden. Die Menschen, die der Herr befreit hat, kehren voll Jubel heim. Aus ihren Augen strahlt grenzenloses Glück. Freude und Wonne bleiben bei ihnen, Sorgen und Seufzen sind für immer vorbei.

So beschreibt Jesaja das, so malt er uns das vor Augen. Blinde sehen, Taube hören, Lahme springen, Stumme jubeln. Das heißt: Was das Leben behindert, das wird verschwinden. Alle Menschen werden sich äußern können, werden gehört werden, können endlich teilhaben und teilnehmen! Wir werden befreit werden von dem, was uns behindert.

In der Wüste bricht Wasser hervor, sie wird durchzogen von Bächen und Flüssen und ist übersät mit Weihern und Teichen. Das bedeutet: Für das Wagnis Zukunft werden wir von Gott versorgt werden. Wir werden befreit werden von der Sorge um uns selbst, von der Angst, dass es für uns nicht reichen könnte.

Was für Bilder von der Zukunft, in die wir unterwegs sind! Von einer Zukunft, in der wir ankommen werden, alle miteinander, und sagen: „Endlich zu Hause! Endlich da, wo wir leben können!“

Und wenn unser Herz, unsere Seele verzagt ist, dann erreichen uns Bilder mehr als Worte. Mögen dann diese Bilder hier mit uns gehen! Dass von uns genommen wird, was uns behindert. Und wir beschenkt werden mit dem, was wir brauchen. Stumme jubeln. In der Wüste Wasser.

Mögen diese Bilder unseren Herzen Zuversicht geben. Mögen sie unsere Hände stark- und unsere Knie festmachen. Weil wir nun wissen, wohin die Reise geht. Und, Advent: weil wir wissen, dass uns Christus aus dieser Zukunft schon entgegenkommt.

Und mehr noch: weil wir erleben, dass sein Geist ihm schon voraus ist, schon bei uns angekommen ist, uns schon erfüllt. Dabei ist, von uns zu nehmen, was das Leben behindert. Auf unserem Weg Wasser sprudeln lässt. Unsere Herzen zuversichtlich, unsere Hände stark und unsere Knie festmacht. Um miteinander aufzubrechen. Nach Hause, in die Zukunft. Amen.