Nach vorne leben

Liebe Gemeinde,

heute also unser drittes Interview zur Taufe. Heute eine Geschichte wie aus dem Labyrinth von Chartres, das ich euch noch mal ins Programm gedruckt habe: früh ganz nah dran am Zentrum, dann ein verschlungener Weg in größere Entfernung, aber nie ganz weg, und mit einem Mal die Mitte erreicht. Und die Mitte, das ist in diesem Fall das Taufbecken in zwei Wochen.

Aber natürlich nicht eigentlich das Taufbecken. Das Taufbecken wird ja zum symbolischen Ort für das, was da geschieht. Bei Stefanie geschehen ist und bei manchen anderen auf je eigene Weise. Steffi hat es so beschrieben: „In den Veränderungen der letzten Jahre in meinem Leben habe ich immer mehr meinen eigenen Weg gefunden. Und gemerkt, wie Glauben und Gemeinde zu diesem meinem eigenen Weg dazugehören. Deswegen jetzt die Taufe.“

Die Mystik würde sagen: Ich bin angekommen bei mir selbst – und habe dort Christus gefunden. Wiedergefunden, neu gefunden, vorgefunden. Wer nicht mehr von sich selbst entfremdet ist, der kommt auch seinem Schöpfer und Erhalter und Erlöser ganz nahe.

Das ist dann weniger eine Lebenswende, als dass sich ein Kreis schließt.

Angekommen in der Mitte, angekommen bei Christus. Endlich aufatmen, endlich frei, endlich auch ein Ziel. In den Worten aus der Bibel, die uns für heute vorgeschlagen sind, ist das auch Thema. Aber der Weg dahin klingt da ganz anders.

Paulus schreibt an die Gemeinde im nordgriechischen Philippi, was das für ihn bedeutet, dass er bei Christus angekommen ist. Aber wenn man das so liest, dann klingt das erst mal nach dem Gegenteil von dem, was Stefanie uns erzählt hat. Er beschreibt das nämlich so:

Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, betrachte ich jetzt als Nachteil – und zwar im Hinblick auf Christus. Ja, wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen und zu ihm zu gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist. Christus und die Kraft seiner Auferstehung möchte ich erfahren. An seinem Leiden möchte ich teilhaben – bis dahin, dass ich ihm im Tod gleich werde. Das alles in der Hoffnung, auch zur Auferstehung vom Tod zu gelangen.

Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen – weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.

Wow. Da schließt sich kein Kreis, da scheint sich einer radikal von allem losgerissen zu haben, was vorher sein Leben war. Das klingt hart.

Was ich aber aus diesen Zeilen vor allem hören will, das sind Sätze, die gelten, egal, welchen Weg man hinter sich hat. Sätze wie „Christus und die Kraft seiner Auferstehung möchte ich erfahren!“ „Ich bin von Christus ergriffen und will ihn ergreifen!“ Sätze, in denen Paulus beschreibt, welche Richtung sein Leben jetzt eingeschlagen hat.

Ansonsten sind das aber auch ein bisschen Worte wie aus einer anderen Welt, oder? Das sind Worte aus einer Welt, in der man noch nicht sagte: Integriere deine Vergangenheit, nichts war umsonst, alles hatte seine Gründe. Alles ist ok. Loswerden kannst du deine Vergangenheit eh nicht, und wenn du das versuchst, wird sie in dir gären und faulen und dich vergiften. Deswegen arbeite an ihr, befriede sie, gib dem, was war, den Ort in deinem Leben, der heute angemessen ist. Wie im Labyrinth: der Umweg gehört zum Weg. Über manche Kurven in die Mitte.

Paulus hat das offensichtlich anders erlebt. Er würde jetzt sagen: Quatsch! Wie ich früher getickt habe, das ist für mich heute nur noch ein, entschuldigt bitte, das sage nicht ich, das sagt Paulus hier im Griechischen wörtlich, das ist heute für mich nur noch ein Scheißdreck. Das hat rein gar nichts mehr mit mir zu tun. Und damit will ich auch nichts mehr zu tun haben!

Es sind die Worte von einem, der eine große Wende in seinem Leben erlebt hat. Und jetzt, wo er weiß, was er jetzt hat, will er auf keinen Fall mehr dahin zurück, wo er herkam. Nicht, dass er damals unzufrieden gewesen wäre. Aber da kannte er ja auch noch nichts von dem, was er dann erlebt hat. Heute sagt er: Wo ich herkam, dahin will ich auf keinen Fall wieder zurück.

Damals das Gesetz, heute die Gnade. Sich selber rechtfertigen oder auf die Barmherzigkeit hoffen. Und das ist weniger weit weg von uns, als wir denken. Denn die Frage lautet auch heute noch: Nach wessen Regeln spiele ich? Wem will ich es recht machen? In wessen Augen will ich bestehen? Wer spricht mich frei von dem Vorwurf, nicht zu genügen? Was gibt mir meinen Wert?

Hinter manches Freiheits-Pathos von heute darf man getrost ein Fragezeichen setzen. Und hoffentlich geht es bei aller Berechtigung von Flugscham und Zugstolz nicht nur um das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, alles richtig zu machen um des Richtigmachens willen.

Was gibt mir meinen Wert? Paulus hat seine Maßstäbe, um das zu beantworten, über den Haufen geworfen. Und das ist nun gleich am Anfang entscheidend wichtig: Er tat das nicht, weil er nicht mehr vom Gesetz überzeugt war und sich auf die Suche nach was Neuem gemacht hat. Sondern er wurde überwältigt von etwas Neuem. Und das hat das Alte ziemlich alt aussehen lassen. Die Freiheit in Christus hat er kennengelernt, und so ein Glück hatte er noch nie erlebt.

Wäre das auch mein Bekenntnis? Dass ich sage: Im Vergleich zu Christus verliert alles anderes seine Anziehungskraft? Nichts ist mir wichtiger als mit ihm zusammen zu sein? Oder finde ich das zu absolut? Warum denn so alternativ und endgültig? Oder vielleicht sogar: Soll mir da was weggenommen werden?

Dann wird das ein bisschen so wie in den gesellschaftlichen Debatten gerade: 30 Jahre Mauerfall. 30 Jahre Wende. Aber im Osten um uns herum inzwischen bei vielen das Gefühl, das genau das Gegenteil ist von dem, was Paulus von sich sagt: Sie sagen, ihnen wurde vor allem etwas weggenommen und nichts wirklich gegeben. All die Glücksversprechen des Westens und nichts davon übrig. Dafür haben wir Revolution gemacht?

Und dann ist es wie in dem Gleichnis, das Jesus erzählt: ein Haus wurde von bösen Geistern gereinigt, aber dann sind keine guten Geister eingezogen. Daraufhin kamen die alten Geister wieder zurück und das Haus war übler dran als vorher. Vollende die Wende, mach 360 Grad. Schauen wir mal in zwei Wochen, welche Geister in die Häuser der Parlamente einziehen werden …

Die vielen Wege in den Glauben. Ein Kreis schließt sich und ich komme an – zuhause. Oder: Das Alte funktioniert nicht mehr, das Neue klingt verheißungsvoll. Aber es muss dann auch liefern. Oder wie bei Paulus. Das Alte hat für ihn funktioniert. Er fühlte sich sogar als einer, der ein besonders gutes Beispiel dafür war, wie gut das Alte funktionierte. Er beschreibt das kurz vorher: in seiner Religion einer der ganz Tadellosen, von stolzer Herkunft und einwandfreier Lebensführung.

Und wäre ihm nicht Christus in die Quere gekommen, wäre das wohl auch so weitergegangen. Hätte man ihm etwas davon wegnehmen wollen, hätte er sich dagegen gewehrt (deswegen hat er ja die Christen verfolgt), und irgendwann wäre er ganz zufrieden mit seinem Leben gestorben.

Aber dann hat er etwas erlebt, was alles andere in den Schatten stellte. Der Stern, dem er bisher gefolgt war, verblasste, als dieser andere Stern am Himmel auftauchte. Christus wurde für ihn die Offenbarung. Und dann gab es für ihn nur eines: „Christus und die Kraft seiner Auferstehung möchte ich erfahren!“ Denn „ich bin von Christus ergriffen und will ihn ergreifen!“

Und ich finde: ob sich nun für uns ein Kreis schließt oder ob wir uns radikal von allem Alten abwenden: Diese Sätze nachzusprechen, sind wir alle eingeladen: „Christus und die Kraft seiner Auferstehung möchte ich erfahren!“ „Auf das Ziel laufe ich zu, an der himmlischen Welt will ich teilhaben!“ „Ich bin von Christus ergriffen und will ihn ergreifen!“

Ich finde: Sätze sind das, in denen eine ungeheure Kraft nach vorne steckt.

Die Kraft erleben wollen, die Christus vom Tode auferweckt hat. Auch der Epheserbrief verheißt uns genau das: „Dieselbe Kraft, die Christus vom Tode erweckt hat, die ist auch in euch wirksam.“ Wenn mein Leben in eine Sackgasse geraten zu sein scheint. Wenn es nicht mehr weitergeht. Wenn ich etwas loslassen muss. Wenn mir Glaube, Hoffnung, Liebe schwinden. Wenn ich mich wie ein toter Zweig an Jesu Weinstock empfinde.

Und wenn ich darüber erschrecke, selber eher Tod als Leben um mich zu verbreiten. Wenn meine Energie darauf ausgerichtet ist, andere aus dem Feld zu schlagen. Wenn ich es schlecht ertrage, dass es anderen besser geht als mir. Wenn ich ohne Rücksicht lebe. Wenn ich in meiner Wut oder in meiner Angst andere zynisch oder aggressiv plattmache –

dann ergriffen werden von Christus, von ihm gestoppt werden auf diesem Todesweg, überrascht sein, dass das überhaupt noch ging, und dann sagen: „Christus und die Kraft seiner Auferstehung, die mich rausholt aus diesen ganzen Verstrickungen, die möchte ich jetzt erfahren – immer wieder und dann am Ende ein für allemal!“

Und wie wäre es, wenn wir, wie Paulus, das regelrecht als das Ziel unseres Lebens ausriefen: „An der himmlischen Welt will ich teilhaben!“ Ich, der ich mich immer wieder nicht nur verstrickt in Todeskräfte wiederfinde, sondern vielleicht auch nur in einem oberflächlichen Leben. In einem Leben, dem es vor allem um Äußerlichkeiten geht. In einem Leben, das sich in den täglichen Sorgen verliert. In einem Leben, das den Kopf nicht mehr nach oben bekommt, den Blick hebt zum weiten Horizont der himmlischen Welt.

Wenn ich zum Beispiel wieder für etwas bitte oder für jemanden – und ich bin danach noch sorgenvoller als vorher, weil ich mich da jetzt noch mal so richtig reingedacht habe. Anstatt fröhlich, wenigstens fröhlicher meiner Wege zu gehen, weil ich doch gerade an himmlischen Welt teilhatte, der ich alles anvertrauen darf. Und gibt es die Vorfreude auf den Himmel unter uns? Könnt Ihr Älteren uns Jüngeren da etwas vorleben an christlicher Freude und Freiheit?

Ein Leben, das uns nach vorne zieht. So redet Paulus hier von seinem Leben, das er geschenkt bekommen hat nach seinem Irrweg. Und egal, wie wir bei Christus angekommen sind, wo wir ergriffen wurden von ihm, ob es auch eine Wende war oder ob sich für uns ein Kreis schließt: dass wir uns nun nach vorne gezogen fühlen, das wünsche ich uns. Ich wünsche uns das als Einzelne und auch als ganze Gemeinde.

Dass wir uns die Kraft seiner Auferstehung wünschen und nichts lieber wollen, als an der himmlischen Welt Anteil zu haben, unterwegs immer wieder diese Kraft spüren und an dieser Welt Anteil bekommen, und dann an unserem Ende – das schenke uns Gott! Amen