Neues Leben auf dem Friedhof des Glaubens (Ostern)

Liebe Gemeinde,

wie leben mit dem Auferstandenen? Die Jünger von Emmaus sahen und hörten ihn und dann war er wieder weg, und sie blieben zurück mit einem brennenden Herzen. Paulus hörte ihn, sah ihn nicht, aber spürte ihn umso stärker. Der zweifelnde Thomas durfte seine Finger in die Wundmale legen, ob er es tat, wissen wir nicht. Jedenfalls erzählt Johannes nichts davon. Nur dass Jesus sagt: Glücklich, wer nicht sieht und doch glaubt.

Und wir? Eben hörten wir von Jörg Zink die Worte: „Als alle Dinge / in der Mitte des Schweigens standen, / da kam vom göttlichen Thron, / O Herr, dein allmächtiges Wort.“

Die Mitte des Schweigens. Begegnet uns der Auferstandene vor allem dort? Die Mitte des Schweigens. Das finde ich eine interessante Beschreibung. Ein bisschen wie in der Mitte der Nacht. Was heißen soll: da ist es am dunkelsten. Also beim Schweigen: da ist das Schweigen am tiefsten, da sind Worte am weitesten entfernt.

Mitte, das bedeutet aber auch: Es gibt einen Anfang und ein Ende. Sonst gäbe es keine Mitte. Ohne Ende keine Mitte. In der Mitte der Nacht wissen wir: es wird wieder hell werden. In der Mitte des Schweigens wissen wir: es wird wieder Worte geben.

Und wo es Worte gibt, gibt es Beziehung. Und wo es Beziehung gibt, da ist kein Tod. Da ist kein Tod mehr, wenn es wieder Worte gibt. Selbst wenn sich jetzt, in der Mitte des Schweigens, alles noch tot anfühlt. Aber dann gibt es wieder ein Wort, dann kommt das Wort vom göttlichen Thron, ein Widerwort gegen den Tod. Es erklingt in der stillen und dunklen Höhle des Grabes. So wird es Ostern.

Und dann wie weiter? Erreicht auch uns dieses Osterwort? Da wo wir uns abgeschnitten fühlen von allem Leben? Uns nicht mehr auskennen in unserem Leben? In unserem Herzens-Grab, wo all das begraben liegt, was einmal zu uns gehörte? Damit Ostern würde?

Johannes erzählt in seinem Evangelium von so einem Wort. Und für viele ist das die schönste der Ostergeschichten. Es ist noch früh am Morgen. Es dämmert. Jedenfalls was das Tageslicht angeht. Den Jüngern dämmert noch nichts. Auch Maria nicht. Nur dass das Grab leer war, das stand fest. Das sehen sie, als sie davorstehen. Die Jünger gehen wieder zurück. Und dann heißt es:

Maria blieb draußen vor dem Grab stehen und weinte. Mit Tränen in den Augen beugte sie sich vor und schaute in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel. Sie trugen leuchtend weiße Gewänder und saßen dort, wo der Leichnam von Jesus gelegen hatte. Einer saß am Kopfende, der andere am Fußende. Die Engel fragten Maria: „Frau, warum weinst du?“ Maria antwortete: „Sie haben meinen Herrn fortgebracht. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Nach diesen Worten drehte sie sich um und sah Jesus dastehen. Sie wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus fragte sie: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“

Maria dachte: Er ist der Gärtner. Darum sagte sie zu ihm: „Herr, wenn du ihn fortgeschafft hast, dann sage mir, wo du ihn hingelegt hast. Ich will ihn zurückholen!“ Jesus sagte zu ihr: „Maria!“ Sie wandte sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: „Rabbuni!“ (Das heißt Lehrer). Jesus sagte zu ihr: „Halte mich nicht fest Ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen. Aber geh zu meinen Brüdern und richte ihnen von mir aus: ‚Ich gehe hinauf zu meinem und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.‘“ Maria aus Magdala ging zu den Jüngern. Sie verkündete ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen!“ Und sie erzählte, was er zu ihr gesagt hatte.

Das ist ja eigentlich alles erst mal gar nicht lustig. Immerhin weint Maria. Aber wir, wir wissen, dass sich ihre Tränen des Schmerzes und der Trauer gleich in Freudentränen verwandeln werden. Wenn wir hier danebenstehen und sehen, wie lange Maria auf dem Schlauch steht, dann halten wir es vor Mitgefühl mit Maria kaum aus, wir prusten fast los und wollen ihr zurufen: „Maria, hey, es ist Jesus!“

Können wir uns vorstellen, wenn wir so neben uns selber stehen würden? Wenn uns das Leid ganz wirr im Kopf macht? Wie wir uns selber voller Mitgefühl dabei zusehen würden? Und wie wir voller Vorfreude fast platzen und uns am liebsten zurufen würden: „Hey, pass auf, gleich kommt das erlösende Wort!“

Man weiß in dieser Geschichte nicht, ob man lachen oder weinen soll. Aber, wie gesagt, weil wir wissen, wie es ausgeht, schmunzeln wir und halten uns mühsam zurück. Und denken nur, was wir denken. Zum Beispiel so:

Maria, du bist ja total durch den Wind! Aber die, die da mit ihr reden, tun auch nicht wirklich etwas, um sie aufzuklären. Die Engel fragen sie nur: „Frau, was weinst du?“, und sagen aber sonst nichts. Engel, die nur eine Frage stellen, aber nichts verkünden? Und auch der Gärtner fragt dasselbe: „Frau, was weinst du?“ Und als hätte er vorher nicht genau verstanden, was nicht gesagt wurde, fragt er: „Wen suchst du?“ Wir möchten rufen: „Mensch, jetzt sagt ihr’s doch!“

Und Maria denkt, jemand hätte ihren Herrn woanders hingelegt. Aber, Maria, warum sollte denn jemand so etwas tun? Und warum dann der Gärtner? Seit wann tragen Friedhofsgärtner Leichname umher? Und selbst wenn es der Gärtner war, Maria, warum sollte der wollen, dass er das umsonst gemacht hat? Und, Maria, wie willst du es denn schaffen, den toten Jesus zu tragen?

Maria, ziemlich durch den Wind. Und keiner klärt sie auf. Und wir, weil wir wissen, wie es ausgeht, stehen daneben, amüsiert und mit Mitleid zugleich, und bitten den Gärtner: „Jesus, jetzt reicht’s doch, oder? Gib dich zu erkennen, erlöse sie!“

Ja, sprich ein Wort wie das, das dich selber erweckt hat! Sag ihr das Wort, das aus diesem Morgen auch für sie den Ostermorgen macht! Das Wort, das sie lebendig macht. Hat nicht auch dein Vater von seinem Thron in dein Grab hinein das allmächtige Wort gesprochen, deinen Namen nämlich? Von ihm zu dir mit der Kraft, lebendig zu machen? Erlöse sie, Jesus, sprich auch zu ihr ein solches allmächtiges Wort. Sprich sie an, mit ihren Namen!

Und uns, Herr, sage auch uns das erlösende Wort. Spanne uns nicht länger auf die Folter. Wir wissen nicht, wie lange wir das noch aushalten. Wenn wir uns abgeschnitten fühlen vom Leben. Wenn uns das verloren gegangen ist, was eben noch zu uns gehörte. Wenn uns der oder die verlorengegangen ist, die oder der eben noch zu uns gehörte. Wenn die Beziehungen tot sind, in denen, von denen ich eben noch lebte.

Wenn vielleicht die Beziehung zu mir selbst wie tot ist, wenn ich mich selbst nicht mehr spüre, weil keine Antwort mehr zurückkommt. Von meinem Körper in Krankheit, der macht, was er will. Wenn keine Antwort mehr zurückkommt aus der Welt, die mich nicht mehr zu brauchen scheint. Weil ich ihr nicht biete, was sie fordert. Leistung, Schönheit, gute Laune. Wem es so geht, den erlöse, Herr, mit einem Auferstehungswort!

Wenn du selbst mir abhandengekommen bist, Herr, wenn da plötzlich wieder eine Mauer ist, wenn der Vorhang im Tempel wieder zusammengewachsen und zugezogen scheint, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“ Nichts mehr spüre ich von dir, keine Worte höre ich von dir und meine Worte bleiben bei mir und erreichen dich nicht.

Wenn mein Glaube so wie Marias nur noch ein Gedenken ist, die Verwaltung immer ferner rückender Erinnerungen, einen Toten hin- und hertragen, totes Brauchtum, Gottesdienst, Beten, Bibellesen, wenn ich dich nur noch auf dem Friedhof meines Glaubens besuche.

Wenn es mir so geht, dann erlöse mich, Herr, mit einem Auferstehungswort! Sag meinen Namen, so, dass ich höre, so, dass ich dich darin erkenne! So dass ich lebe, auferstehe und lebe! Weil ich spüre: du bist da und du bist da für mich!

Und tatsächlich: Jesus sagt „Maria!“ „Maria!“, sagt Jesus, mehr nicht. Wir wissen nicht, warum das reicht. Was hat Jesus hineingelegt in seine Stimme? Oder war es eben der Name? Wenn ich für diesen Friedhofsgärtner, der, jetzt wo ich genauer hinsehe, aussieht wie Jesus, wenn ich für den nicht nur eine Friedhofsbesucherin bin, sondern wenn er meinen Namen kennt – ob es dann vielleicht doch wirklich Jesus ist?

Wie ich uns das wünsche, wenn wir hierher kommen wie auf den Friedhof unseres Glaubens, totes Brauchtum, sagt mir alles nichts mehr, vielleicht noch ein paar Erinnerungen, mich meint das alles nicht mehr! Wie ich uns das dann wünsche, dass wir mitten in all dem, was hier geschieht, plötzlich unseren Namen hören! Wie der Auferstandene hier das eine Wort spricht, das meinen Glauben wieder auferstehen lässt!

Ob wir uns das mal für einen Augenblick vorstellen können? Maria auf dem Friedhof. Ich auf dem Friedhof. In diesem Gottesdienst wie auf dem Friedhof meines Glaubens. Für mich ist Jesus irgendwie gestorben. Und wie ich nur hier bin, um freudlos sein Grab zu besuchen, fruchtlos an vergangene Glaubenszeiten denke. Und wie ich dann meinen Namen höre. Und sofort weiß: Das ist er!

Mein Name, wie er ertönt in einem Lied, aus einem Wort, in einer Stille. „Als alle Dinge / in der Mitte des Schweigens standen, / da kam vom göttlichen Thron, / O Herr, dein allmächtiges Wort.“ Und langsam knüpfen sich wieder Bande. Vorsichtig wächst da wieder etwas von mir zu ihm. Beziehung, das Gegenteil von Tod. Auferstehungsleben. Langsam wird es wieder lebendig in mir. Die Freude, die er mir bedeutet. Er nennt meinen Namen. Ich höre ihn.

Kann es nun also weitergehen mit dem Glauben? Erstaunliche Nachricht: nein, kann es nicht. Denn es geht nicht einfach etwas weiter. Sondern es ist etwas neu geworden. Dass es besser ist als vorher, das weiß Maria noch nicht.

Froh, dass er wieder da ist, stürzt sie auf Jesus zu, um ihn zu berühren. So wie früher. Aber er weicht zurück. Er macht einen Schritt zurück, sie erstarrt. Ist er doch nicht da für mich?

Aber da sagt er noch einmal: „Maria!“ Doch, denkt sie erleichtert, er ist doch noch da für mich, und macht wieder einen Schritt auf ihn zu. Und wieder weicht er einen Schritt zurück. Und wieder ist Maria verwirrt. Und wieder sagt er „Maria!“, knüpft das Band zwischen ihnen, und wieder macht sie den Schritt auf ihn zu und er den von ihr weg.

Das steht hier so nicht. Hier wird das nur einmal erzählt. Aber im echten Leben, bei uns, da müssen wir das vielleicht langsam erst lernen. Nämlich, dass Auferstehung nicht heißt, Jesus ist wieder da. „Prima, Herr, wo waren wir stehengeblieben.“

Sondern Ostern, da sagt Jesus: Fest gelegt war ich im Grab. Nun aber sind wir nicht mehr festgelegt, du und ich. Berühren kannst du mich nicht mehr. Halten schon gar nicht. Du kannst dich nur berühren lassen von mir. Und wirst gehalten von mir.

Und so vollführen sie diesen Glaubens-Tanz: sie auf ihn zu, er von ihr weg, wieder ihr Name, „Maria!“, sie wieder auf ihn zu, er wieder den Schritt von ihr weg. Bis sie begreift, was er ihr sagt. Nämlich: Ich bin bei dir, ich bin da, ich bin für dich da, aber festhalten kannst du mich nicht. Auch nicht das, was einmal war. Unsere Beziehung aber hält trotzdem. Sie hält, weil ich dich bei deinem Namen rufe. Alles wird neu. Ostern.

So spricht der Auferstandene „Maria!“ und „Halte mich nicht fest!“ Auf zärtlichste Weise gibt er sich zu erkennen und knüpft die Beziehung neu, und zugleich ist hält er die Jüngerin-Freundin auf Abstand. Er ist der Auferstandene, den man nicht berühren kann. Den man bald auch schon nicht mehr sehen kann.

Das Evangelium wird ein paar Seiten später mit den Worten schließen: „Glückselig sind die, die mich nicht sehen und mir trotzdem vertrauen.“ Nur so können wir ihn bei uns wissen, in uns spüren, wenn wir es an nichts anderem mehr festmachen, als dass wir hören, wie er uns mit unserem Namen anspricht. Auf dass uns immer wieder die Oster-Freude erfülle – wie bei Maria. Amen.