Nichts mehr zulassen, alles aufmachen

Liebe Gemeinde,

so viele Weisen, Jesus Christus zu beschreiben. Seine Ich-bin-Worte, die wir eben gehört und gesungen haben. Wort, Wahrheit, Leben, Tür, Hirte, Weinstock – lauter Einladungen, in die Beziehung zu Christus einzutauchen. Zu fragen: Wer bist du für mich, Jesus? Bist du für mich am Ende noch mal etwas ganz anderes, jemand ganz anderes?

Die Ich-bin-Worte – keine Dogmatik, sondern Beschreibungen. Einladungen, Jesus mit unserem Alltag zu verbinden. Umschreibungen dessen, was wir mit ihm erlebt.

Damit aus dem „Ich bin“ wie im Lied unsere Antwort wird: „Du bist“. Ausdruck des Staunens. Wow, das bist du mir geworden! „Ich bin.“ „Ja, du bist!“

Im Episodenfilm „Night on earth“ von Jim Jarmusch gibt es da diese junge Taxifahrerin in Los Angeles. Nett, aber ein bisschen schnoddrig. Die Filmagentin auf dem Rücksitz will sie spontan für eine Filmrolle gewinnen. Aber die junge Frau lehnt ab. Mit Rollen habe sie es nicht so, denn „I am who I am.“ Ich bin, wer ich bin. Mir egal, was die anderen denken. Oder in mir sehen wollen.

Jesus ist das nicht egal. Jesus sagt: „I am – wer für dich? Weinstock? Hirte? Weg? Oder findest du selber noch mal andere Worte?“ „Dafür müsste ich dich erst einmal kennenlernen, Jesus.“ Das stimmt. Heute, sagt das Wort zur Woche, wäre dazu eine gute Gelegenheit. „Heute“, sagt Jesus, „sind wir hier zusammen. Da sind Lebenswege zusammengelaufen, damit wir uns heute hier begegnen.“

So ähnlich wie wir es von Paulus und Lydia hören, in der Bibel, in der Apostelgeschichte. Und es geht los mit türkischer Geographie aus der Zeit der Römer:

Sie zogen durch Phrygien und Galatien, denn in der Provinz Asien [auch in der Türkei] das Wort zu verkündigen hatte ihnen der Heilige Geist verwehrt. Als sie bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie weiter nach Bithynien zu reisen. Doch der Geist Jesu verwehrte ihnen auch das. Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab in die Hafenstadt Troas.

Eines Nachts sah Paulus eine Erscheinung: Da stand ein Mann aus Mazedonien [das ist jetzt in Griechenland] und bat „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ Als Paulus diese Erscheinung gesehen hatte, setzten wir sofort alles daran, nach Mazedonien zu reisen, denn wir waren uns sicher: Gott hatte uns dahin berufen, um ihnen dort zu Evangelium zu verkündigen. Wir fuhren von Troas ab, kamen nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi. Das ist eine Stadt im 1. Bezirk von Mazedonien und eine römische Kolonie.

Wir hielten uns einige Tage in der Stadt auf. Am Sabbat gingen wir vor die Tore der Stadt, an den Fluss, wo wir eine Gebetsstätte der Juden vermuteten. Wir setzten uns zu den Frauen, die deswegen da hingekommen waren, und redeten mit ihnen. Eine der Frauen hieß Lydia, eine Purpurhändlerin aus Thyatira. Die hörte zu. Der tat der Herr das Herz auf, so dass sie genau hinhörte, als Paulus redete. Als sie dann getauft war und ihr ganzes Haus mit ihr, da sprach sie: „Wenn ihr nun anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, kommt in mein Haus und bleibt!“ Und sie bedrängte uns regelrecht.

Was für ein Aufwand, nur damit sich zwei Herzen begegnen! Ihr habt jetzt wahrscheinlich von den meisten dieser Orte noch nie gehört, oder? Da ist Paulus unterwegs durch die mittlere Türkei, von Ost nach West. Will im Westen an die Küste, so auf halber Höhe, da liegt die Provinz Asien. Der Heilige Geist will das aber nicht. Also nördlich drum herum. Als er noch weiter gen Norden will, darf er das auch nicht. Also runter an die Küste nach Troas. Vermutlich alles zu Fuß. Puh!

Von da dann die Fähre genommen, Insel-Hopping auf Samothrake, dann griechisches Festland. Neapolis, Neustadt, klingt gesichtslos, schließlich Philippi.

Nur damit er dort Lydia begegnet! Aber können wir das glauben? Vielleicht glauben wir es nicht. Dann wäre das Wörtchen „damit“ falsch. „Damit“ zwei Herzen sich treffen. Und wieso überhaupt zwei? Es ist doch nur von Lydias Herz die Rede, das Gott auftat. Aber hat er nicht auch das von Paulus aufgetan? Damit der seine Kleinasien-Manie aufgibt und auch den Römern in Griechenland das Evangelium verkünde?

Und dann war es gar nicht eine Römerin, die ihr Herz dem Herrn schenkte, sondern Lydia kam aus Thyatira. Und, ha!, wisst Ihr, wo Thyatira liegt? In der Provinz Asien! In die zu reisen der Heilige Geist dem Paulus verwehrt hatte! Wo er aber doch unbedingt hatte hin wollen. Wieso schickte ihn der Geist denn bloß von der Türkei nach Griechenland, um dort in Philippi auf eine Frau aus der Ecke der Türkei zu stoßen, in die er wollte, aber nicht durfte?

Oder wollte Gott jemanden aus der Provinz Asien haben, wusste aber, dass die sich nur bekehren ließen, wenn sie im Ausland waren? Weil die sonst zu sehr an der heimatlichen Scholle klebten, auch innerlich? Und innerlich nur beweglich würden, wenn sie es auch äußerlich waren? Am besten also nicht zu Hause? Wie Lydia, macht in Färbemitteln, Im- und Export.

Das heißt, dann also doch „damit“? All diese Wege zurückgelegt, Paulus und Lydia, damit sie sich da treffen, in Philippi, im Neuland für beide? Und Paulus trifft die eine, die nicht einfach nur als Gottesdienstbesucherin da ist, sondern als Gottsucherin.

Und wenn dann alles klar ist, geht alles ganz schnell. Eh wir uns versehen, ist sie getauft. Das haben wir jetzt gar nicht mitbekommen! Es geht gleich weiter mit: „und als sie getauft war“. Da öffnete sie auch gleich ihr Haus. Das auf fremdem Boden stand. Da stehen Türen sowieso ein wenig mehr auf.

Ich kenne das. Reisen öffnet. Auch geistlich reisen. Sich äußerlich auf den Weg machen. Oft bricht man dann auch innerlich auf. Bricht auf im doppelten Sinne. Breche ich auf, bricht etwas in mir auf. Fahr mal wo hin! Vielleicht wartet da schon etwas, jemand, den Gott da hingeschickt hat. Für dich.

Oder bist du hierher aufgebrochen? Und brichst hier nun auf, heute morgen? Wenn du seine Stimme hörst, und dein Herz wird aufgetan? Stellst plötzlich fest, dass du nicht nur Gottesdienstbesucher bist, sondern Gottsucher? Nanu, was ist denn heute los? Ist heute was anders? Eigentlich nicht. Aber heute rührt sich was. Bricht die Schale auf wie beim Küken. Ist einfach die Zeit jetzt, vielleicht. Was will denn da raus? Und warum denn jetzt? Warum denn heute?

Ja, warum? Vielleicht erlebst du ja gerade, was Lydia erlebte: „Der tat der Herr das Herz auf.“ Kann man nicht machen. Geschieht plötzlich. Kann man sich nicht ausdenken. Kann man jetzt nur drüber nachdenken: „Was mach ich jetzt? Lass ich raus, was raus will? Lass ich rein, was rein will?“

Vielleicht will raus ein „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Vielleicht will rein ein „Du bist Gottes geliebtes Kind!“ Vielleicht will raus ein: „Ich weiß doch, was ich an dir habe, Herr!“ Vielleicht will rein ein: „Schon lange möchte ich bei dir einkehren!“ Vielleicht will raus ein: „Ja, Herr, ich will!“ Und herein will vielleicht ein „Endlich!“

Das kann man nicht machen. Kann man nur zu ignorieren versuchen, wenn es da ist. Aber warum sollte man das? Wenn man plötzlich den Eindruck hat, da laufen Wege zusammen, die von irgendwo her kommen. Hier. Und heute.

„Der tat der Herr das Herz auf. Und sie hörte genau hin.“ Das wäre dann jetzt die erste Antwort: genau hinhören. Das kann man im Deutschen fast schöner wiedergeben als im Griechischen. Der ein hört zu, der andere hört hin. Zu als Adverb, also: Der eine hört, ist aber zu.

Hören selber: wenn man nicht taub ist, ist das noch nichts Besonderes. Weghören soll man manchmal, möchte man manchmal, geht aber nicht. Da müsste man schon mit allem weg sein, mit den Ohren woanders sein.

Zuhören. Zu hören. Hören im geschlossenen Zustand. Zu-Stand. Im Stand des Zuseins. Da geht es in die Ohren und noch ein bisschen drumherum und das war’s. Da kann man vielleicht gerade noch wiederholen, was man gehört hat, als man zu gehört hat.

Aufbau der Predigt, Schlüsselwörter, Metaphern, Bilder, Wortspiele, wo ging die Stimme rauf, wo ging sie runter – wer zu gehört hat, weiß so Sachen oft erstaunlich gut wiederzugeben. Das tummelt sich nämlich alles noch im Kopf. Ist in Ohrnähe geblieben. Bei dem, der zugehört, der zu gehört hat. Und der deswegen alles, was ins Herz wollte, ins Hirn umgelenkt hat.

Lydia tat das diesmal nicht. Sie ließ nichts zu. Nein, diesmal ließ sie nichts zu, sondern sie ließ zu, dass sich alles öffnete. Jetzt durfte raus, was raus wollte, und rein, was rein wollte. Lydia hörte nicht zu, sondern sie hörte auf. Sie hörte auf, zu zu hören.

Weil sie jetzt nämlich hinhörte. Jetzt hörte sie nicht nur mit den Ohren, sondern sie hörte mit dem Herzen. Wer hinhört, der führt sein Herz so weit es geht an seine Ohren heran. Damit so wenig wie möglich dem Herzen verloren geht.

Unser Herz: das entscheidet, wohin es uns zieht. Wir sagen: „Sein Herz hängt ganz an …“ „Sein Herz zieht es hin auf …“ Mein Herz entscheidet, wohin die Reise geht. Was mir wichtig ist. Was mich erfüllt. Was mich glücklich macht. Wem ich nahe sein will.

Wohin die Reise geht. Da muss man hinhören. Zu hören reicht da nicht. Das Herz hört hin. Wohin die Reise geht. Von Thyatira nach Philippi. In Philippi in die Nähe der Synagoge. Im Umfeld bleiben. Gottesfürchtige hießen die. So wie Lydia hier vorgestellt wird: Die war eine Gottesfürchtige. Da zieht mich was an, da zieht es mich hin. Die Religion hat was. Ging vielen so damals.

Und blieben doch letztlich draußen. Hörten mehr zu als auf und dann hin. Gingen hin, aber hörten nur zu. Entdeckst du dich?

Sitzt du auch mit am Fluss? Der fließt so hin, kommt und bringt was, geht und nimmt‘s wieder mit. Mal die Füße reinhalten. Aber nicht ganz rein. Manchmal lockt’s einen. Kennt ihr das? Im Urlaub vielleicht? Eigentlich würde ich gerne, wie die anderen da vielleicht. Aber dann, ach, nein, nicht jetzt. Lieber weiter. Im Leben. Nur zu gehört, als der Fluss mit seinem Glucksen und leisen Rauschen mit dir geredet hat. Nicht hingehört. Aber irgendwann würde ich schon gerne mal … So bleibt der Fluß die Zu-Gabe, aber was könnte er mir werden, wenn ich mich ihm hin-gäbe!?

Eintauchen, nein, das möchte ich nicht, das passt gerade nicht. Die Taufe, ach nein, ich weiß nicht.

Aber dann tat der Herr ihr das Herz auf! Und nun kam raus, was da hin wollte zu dem, von dem die Rede war. Und der, von dem die Rede war, kam und nahm das, was endlich raus durfte an die Hand, und kehrte damit ins Herz ein. Und plötzlich war alles ganz einfach. Ja, eintauchen will ich, ganz. Keine Zu-Gabe zum Leben soll das hier mehr bleiben, sondern hin-geben möchte ich mich. Auf dass es mein Herz erfülle!

Zu dir hin, Jesus, will ich mich geben. Nichts will ich mehr zu lassen, auf-machen will ich mich, zu dir hin! Heute soll es sein. Heute hast du mir das Herz geöffnet!

Und dann ging es so schnell, dass Lukas nicht hinterherkommt mit dem Erzählen. Paulus und Lydia stehen auf, und jetzt spielen nicht nur die Füße im Wasser, sondern die ganze Lydia ist drin. Und gleich ist ihr Herz zur Wohnung Gottes geworden. Herzlich willkommen! Und in meinem Haus dann auch gleich! Gemeinde entsteht, wenn Herzen sich für Christus öffnen.

Und dann hören wir Christus und Lydia zu. Nein, wir hören hin, wie Christus und Lydia miteinander vertraut werden: „Ich bin …“ „Ja, tatsächlich, du bist … Und du bist aber auch …“ „Ah, das bin ich auch für dich?“

GOTTesdienstbeSUCHER oder Gottsucher; wer heute nicht nur zu gehört hat, sondern hin; wer auch so mit Christus sprechen möchte; wer nicht nur seine Füße ins Wasser halten will, sondern ganz eintauchen will – herzliche Einladung, heute: zur Taufe – wieder einmal zurückzukehren; oder das erste Mal aufzubrechen. Amen.