Passion: Wenn aus Worten Taten werden

Liebe Gemeinde,

Passionszeit, das ist die Zeit, in der wir zusehen können, wie aus Worten Taten werden. Und was mich dabei besonders interessiert: wie aus den Worten Jesu seine Taten werden. Denn wir verkündigen hier Evangelium, gute Nachricht. Nicht blauäugig, ja gefährlich naiv, wie der Tagesspiegel-Kommentator zur Aktion „7 Wochen ohne Pessimismus“ meinte. Sondern regelrecht im aktiven Widerstand gegen Ausgrenzung und Hass.

Aus Worten werden Taten. Die Bibel selbst ist einigermaßen zurückhaltend, das von seiner negativen Seite her zu beschreiben. Die Leiden Jesu sind fast nur angedeutet: „Sie schlugen ihn … sie setzten ihm eine Krone aus Dornen auf … sie kreuzigten ihn“ und am Ende schreit Jesus einmal kurz auf. Mehr kommt da nicht. Dass es geschah, war wichtig. Nicht so sehr, wie. Dass was geschah? Dass aus Jesu Worten Taten wurden, Taten des unteren Weges, Taten der Liebe – für uns.

Das Wort wurde Tat. Das Wort wurde Fleisch. Erst im Mittelalter wurde Jesus und sein Weg fleischlicher beschrieben. Seine Geburt malte man sich zwar nicht leibhaftiger aus, das ging aus verschiedenen Gründen nicht. Aber doch, wie er gefoltert und hingerichtet wurde.

Und natürlich gab es da auch Übertreibungen. Aber dass der Glaube auch eine fleischliche Sache ist, eine Sache der Tat, das ist uns seitdem bewusst. Nur mehr theoretisch über ihn nachdenken, da sagen wir zurecht: Moment, das ist ja nur die eine Seite.

Aus Worten werden Taten. Gerade in den Erzählungen aus der Passion zeigt sich, dass Jesus keine Theorie gelehrt hat, sondern dass er seinen Worten Taten folgen ließ, ja: die eine große Tat der Liebe. Denn, wie er sagte, „eine größere Liebe hat niemand als der, der seinen Leben für andere hingibt.“

Und damit, finde ich, spricht die Passionsgeschichte in diesen Tagen genau in unsere Gesellschaft hinein. Denn immer wieder hören wir in diesen Tagen die Warnung: aus Worten werden Taten. In diesen Wochen der Passionszeit sehen wir, dass das genau stimmt: Aus seinen Worten der Liebe lässt Jesus Taten werden. Die eine Tat, dass er sein Leben hingibt.

Warum reden wir immer nur darüber, dass aus bösen Worten böse Taten werden? Natürlich, darüber muss auch geredet werden. Auch, damit wir lernen, in unserem Alltag böse Worte nicht unwidersprochen zu lassen. Dem bösen Wort das gute Wort und die gute Tat entgegenzusetzen.

Aus Worten werden Taten. Wenn man das ganz weit versteht, dann gilt das irgendwie für alles, was wir tun. Worte, die wir ganz früh gehört haben, sind eingesunken in uns und bilden jetzt die Muttererde in uns. Und aus der wächst, was wir denken über uns und die Welt. Zum Beispiel, ob wir eher gut oder schlecht denken über uns und die Welt. Und so sind wir dann auch unterwegs.

Aus welchen Worten lässt du welche Taten folgen? Zwei Bibelworte haben sich mir in diesen Tagen zusammengefügt, eines aus dem Johannesevangelium, eines aus dem Brief an die Kolosser. Nämlich:

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte und uns.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen; und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus  und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Das mit dem Glauben, das ist irgendwie eine Kettenreaktion:

Aus dem Wort Gottes, dass er seine Menschen liebt und sie von ihren Irrwegen zurückgewinnen will, wurde als Tat Jesus Christus.

Der hat das Evangelium verkündigt, die gute Botschaft, das gute Wort, und aus dem guten Wort davon, dass Gott nahe ist, wurden seine Taten der Liebe.

Und nun wir in dieser Kette: Jesus Christus, das Wort Gottes, seine Worte, die davon erzählen, was er Gutes gesagt und getan hat, das Wort vor allem von seiner Passion für uns und von seiner Auferweckung, die sollen unter uns wohnen, da wo wir miteinander reden. Er selber, das Wort, soll unter uns wohnen, da wo wir mieinander beten und Gottesdienst feiern. Er, das gute Wort Gottes, aus dem unsere gute Taten werden.

So wird es nicht eine Warnung, sondern eine Hoffnung, dass aus Worten Taten werden. Dann, wenn es das Wort Christi ist, das unter uns wohnt und in unseren Taten Fleisch wird.

Die Passionszeit, die jetzt vor uns liegt, die zeigt uns ganz besonders und am intensivsten: wie aus den Worten Jesu Taten wurden. Was er sagte, lebte er in jenen zwei Tagen konsequent zu Ende. Und sein Vater ließ aus dem Wort, dass er ihn liebt, die Tat der Auferweckung folgen.

Klar, vieles von dem, was die Bibel uns über ihn aus jenen Tagen erzählt, klingt mehr danach, als hätte er es mehr erlitten als getan. Aber wenn er denn auch Mensch war, dann muss der Widerstand, das für uns zu erleiden zu sollen, in ihm riesig gewesen sein. Getsemane erzählt davon. Diesen Widerstand zu überwinden, macht aus seiner Passion ein höchst aktives Leiden. Sein Evangelium, dass Gott aus dieser Welt nicht mehr vertrieben werden kann, durch nichts, aus diesem Wort konnte Jesus die Tat seines Leidens werden lassen.

Und natürlich war das auch schon vorher in seinem Leben so gewesen. Aus dem Wort „das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“, also übersetzt „Gottes Herrschaft ist angebrochen“, folgten seine Taten:

Da macht er hungrige Menschen satt, dort stellt er einen Lahmen auf die Beine, hier kann ein Blinder plötzlich wieder sehen, und jene verkrümmte Frau richtet er wieder auf. Zöllner und Prostituierte sahen in seinem Blick zum ersten Mal die Liebe Gottes, Ausländer und Besatzer liebte er in die Gemeinschaft hinein.

Und all das nur, weil dieses Wort in ihm wohnte: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, Gottes Herrschaft ist angebrochen“. Es hatte sich in ihm breitgemacht, dieses Wort, hatte Raum um Raum Gedanken und Gefühle mit Beschlag belegt, 30 Jahre lang. Und dann kam es, wie es kommen musste: aus Worten wurden Taten. Aus der guten Nachricht wurde Liebe.

Und das bei ihm auf so einzigartige Weise, dass später gesagt wurde: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Das gute Wort davon, dass Gott bei uns wohnen will, mit uns wohnen will, unter uns wohnen will. Und sich alles ausbreite, was sich ausbreitet, wo Gott wohnt: Freude und Frieden, Barmherzigkeit und Liebe, Hoffnung und Mut, Demut und Kraft.

Das ist jetzt natürlich erst mal all das, was wir von Jesus lesen können. Im guten Wort von ihm, in den Evangelien des Neuen Testaments, den Büchern mit der guten Nachricht. Wie er damals aus Worten Taten werden ließ. Aus dem einen guten Wort Taten werden ließ. Aus dem Wort der Liebe. Aus dem Wort der Versöhnung, wie Paulus es später zusammenfassen wird.

Und wir? Nein, ich meine jetzt nicht, ob wir auch aus guten Worten gute Taten werden lassen. Das meine ich nicht. Noch nicht.

Sondern erst einmal: Können wir auch von so etwas erzählen, wie wir nicht nur das gute Wort gehört haben, sondern dass wir auch die gute Tat, die daraus wurde, selbst erlebt haben? An uns?

Jesu Tat an mir: Von Jesus in meinem Leiden aufgerichtet? Von meinem Irrweg zurückgeholt? Aus meiner Trägheit aufgeweckt? Aus meiner Orientierungslosigkeit auf den Weg gesetzt? Aus meiner Ichbezogenheit befreit? Aus meiner Einsamkeit herausgeholt?

Kann ich das aus meinem Leben bezeugen, dass aus dem guten Wort Jesu gute Tat wurde – an mir? Oder höre ich die guten Worte der Bibel und denke: „Schön wär’s!“? Weil das mit meinem Leben nichts zu tun bekommt? Das gute Wort, es geht hier rein und da raus? Zum Beispiel Sonntag für Sonntag? Es kriegt einfach nichts zu tun mit mir? Das bleiben nur Worte?

Glauben wir nicht, dass es daran liegt, dass wir Jesus nicht mehr leibhaftig unter uns haben! Denn auch damals haben viele die gute Tat, die aus dem guten Wort wurde, nicht erlebt. Erlebt haben die gute Tat Jesu an sich meistens die mit der Sehnsucht, die groß genug war für den Glaubenssprung. Der Lahme, der Blinde, die gesagt haben, ich lass mich jetzt zu Jesus bringen. Aus Pooh der Bär gibt es diese schöne Szene, wo Pooh gefragt wird, was das mutigste war, das er je gesagt hat, und Pooh antwortet: Ich brauche Hilfe. Oder eben: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!

Sich in die Worte der Bibel hineinversetzen. Sich in die Worte über das Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte, hineinversetzen. Sich endlich eingestehen: dieser Blinde bin ich; dieser Lahme bin ich; diese in sich verkrümmte Frau bin ich; dieser selbstgerechte Pharisäer bin ich.

Und ihn bitten: Was du diesen getan hast, Jesus, das tue mir. Und die Hand Jesu spüren auf meinen Augen, die Hand spüren, mit der er mich hochzieht, aufrichtet, einlädt, vom hohen Ross herunterzukommen. Die guten Worte hören und sie zu guten Taten an mir werden lassen.

Das passiert, wenn das Wort in uns wohnt und wir in dem Wort. Wenn es reichlich unter uns wohnt in der Gemeinde. Auf dass es immer wieder so kommt, wie es kommen muss: dass aus diesem Wort Taten werden; dass aus dem Wort Christi seine Taten werden an uns, aus der guten Nachricht, aus der frohen Botschaft etwas Gutes, das mich froh macht – und dankbar Gott gegenüber, der uns so nahegekommen ist.

Dass dieses Wort so reichlich so unter uns wohnt, dass es auch zu solchen Taten wird! Dass es wirkt, schon einfach in der Art und Weise, wie wir einander hier begegnen! Durch die, die gemerkt haben, wie das gute Wort, das Christus ist und hat, in ihnen Gutes bewirkt hat. Und die nun aus dem Wort Taten werden lassen.

Das Wort wurde Fleisch, das sich der Welt ausgesetzt hat. Um in der Welt zu Taten zu werden. Zu Taten der Liebe. Des Leidens auch, ja, kann sein. Des Mit-Leidens als Tat der Liebe aus dem Wort. Wie haben wir gehört? „Alles, was ihr tut, mit Worten oder Werken“, das tut als Tat aus dem Wort. Aus dem Wort, das Fleisch wurde und das wir nun reichlich unter uns wohnen lassen. Dann ist es eine gute Nachricht, wenn wir hören: aus Worten wurden wieder einmal Taten. Amen.