Raus aus der Blase und rein ins Reich Gottes!

Liebe Gemeinde,

das Problem mit den Bibelgeschichten ist oft das gleiche wie mit anderen Geschichten auch: Sie erzählen kurz und knapp. Jedenfalls im Verhältnis zu dem, was sie erzählen. Dass in einem Menschen zum Beispiel ein Gedanke reift, das dauert oft ewig, bis dieser Gedanke so weit fertig ist, dass er ihn in die Tat umsetzt. Oder dass ein Mensch eine Reise macht, die Tage, Wochen dauert, das ist dann in zwei Zeilen erzählt, für die man keine Minute braucht. Das geht so schnell wie wenn Kinder Rollenspiele spielen und es mal eben lapidar heißt: „Nächster Morgen!“

Aber warte, warte, möchte man rufen, da liegt ein Abend dazwischen, eine Nacht, da arbeitet die Seele, da wird geträumt, die Erde dreht sich, es wird kalt, wieder wärmer, das ist doch alles nicht egal!

Wie soll man nachvollziehen können, dass sich etwas geändert hat, und was das wirklich im Tiefsten bedeutet, wenn man nicht ansatzweise nachvollzieht, wie lange das gedauert hat und was da alles passiert ist? In der Schöpfungsgeschichte ging doch alles damit los, dass Gott Zeit und Raum schuf. Und jeder, der von einer Reise zurückkommt und sagt „Ich bin noch gar nicht wirklich wieder angekommen“, der weiß, wovon hier die Rede ist.

Auch die Bibel also erzählt oft knapp, das ist schade. Aber es macht natürlich auch Sinn. Wenn das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste braucht, können wir nicht 40 Jahre brauchen, das zu lesen.

Aber wenn dann das, was eh schon knapp erzählt ist, noch mal im Gottesdienst verkürzt wird, weil man z.B. Wiederholungen vermeidet und eh nicht so viel Zeit ist – also, dann ahnt man vielleicht wirklich nichts mehr von den Dimensionen dessen, was da erzählt wird.

Z.B. ahnt man dann kaum, was es für einen Petrus bedeutet hat, seine frommen Prinzipien über Bord zu werfen und alle Menschen gleich zu behandeln. Und nicht mehr denen aus dem Weg zu gehen, von denen ihn seine Überzeugungen trennten. So was dauert. Oder? Ich lese uns also aus Apostelgeschichte 10 nicht erst ab Vers 21, sondern schon ab Vers 1. (Und keine Angst, die Predigt wird deswegen nicht länger.)

In Cäsarea lebte ein Mann namens Kornelius. Er war ein Hauptmann der sogenannten Italischen Kohorte. Kornelius war ein frommer Mann, der mit seiner ganzen Hausgemeinschaft an den Gott Israels glaubte. Er half den Armen im Volk durch großzügige Gaben und betete regelmäßig zu Gott. Eines Nachmittags, ungefähr um die neunte Stunde [also gegen 3 Uhr] , hatte Kornelius eine Erscheinung. Ganz deutlich sah er einen Engel Gottes. Der trat bei ihm ein und sagte: »Kornelius!« Erschrocken starrte Kornelius den Engel an und fragte: »Was willst du, Herr?« Der Engel antwortete: »Gott hat deine Gebete und deine Gaben für die Armen mit Wohlgefallen aufgenommen – wie Weihrauch, der zu ihm emporsteigt. Darum schicke jetzt einige Männer nach Joppe [das ist das heutige Jaffa bei Tel Aviv]. Sie sollen einen gewissen Simon zu dir bitten, der auch Petrus genannt wird. Er ist zu Gast bei dem Gerber Simon, dessen Haus direkt am Meer liegt.« Dann verließ ihn der Engel wieder. Kornelius rief zwei seiner Bediensteten und einen frommen Soldaten aus seiner Leibwache. Er erklärte ihnen, was sie zu tun hatten, und schickte sie nach Joppe.

Es war am nächsten Tag um die sechste Stunde [also gegen 12 Uhr mittag]. Die Männer waren noch unterwegs, hatten Joppe aber schon fast erreicht. [Das heißt, sie waren 21 Stunden unterwegs, für die 60 Kilometer, die ganze Nacht durch. So lange warten wir jetzt nicht, aber was ging in ihnen vor in der Zeit? Machten sie einfach ihren Job? Waren sie gespannt? Genervt? Was ging in Kornelius vor, während er wartete?]

[In Joppe also, um die sechste Stunde, 12 Uhr mittags], stieg Petrus auf das Dach, um zu beten. Da bekam er Hunger und bat um etwas zu essen. Während das Essen zubereitet wurde, hatte er eine Erscheinung. Er sah den Himmel offen. Daraus kam ein Behältnis herab. Es sah aus wie ein großes Leinentuch, das an seinen vier Ecken zur Erde hinuntergelassen wurde. Darin befanden sich alle möglichen Arten von Vierbeinern. Dazu auch Tiere, die über die Erde kriechen, und Vögel des Himmels. Eine Stimme sprach zu ihm: »Steh auf, Petrus! Schlachte und iss!« Aber Petrus erwiderte: »Auf gar keinen Fall, Herr! Denn ich habe noch nie etwas Unvorschriftsmäßiges oder Unreines gegessen.« Da forderte ihn die Stimme ein zweites Mal auf und sagte: »Was Gott rein gemacht hat, das sollst du nicht unvorschriftsmäßig nennen!« Und noch ein drittes Mal wurde Petrus aufgefordert. Gleich danach wurde das Tuch wieder in den Himmel hinaufgezogen.

Petrus rätselte noch darüber, was die Erscheinung bedeuten sollte, die er gerade gehabt hatte, als die Männer eintrafen, die Kornelius gesandt hatte. Sie hatten sich bis zum Haus von Simon durchgefragt und standen jetzt am Tor. Lautstark erkundigten sie sich: »Ist Simon, der auch Petrus genannt wird, hier zu Gast?« Petrus grübelte immer noch über die Erscheinung. Da sagte der Heilige Geist zu ihm: »Sieh doch, da sind drei Männer, die dich suchen. Steh auf, geh hinunter und mach dich mit ihnen auf den Weg! Du brauchst keine Bedenken zu haben, denn ich habe sie geschickt!«

Petrus ging hinunter und sagte zu den Männern: »Ich bin der, den ihr sucht. Was wollt ihr von mir?« Sie antworteten: »Hauptmann Kornelius hat von einem heiligen Engel den Auftrag bekommen, dich in sein Haus zu bitten. Er hält Gottes Gebote und glaubt an den Gott Israels. Beim ganzen jüdischen Volk genießt er hohes Ansehen. Er braucht deinen Rat.« Da ließ Petrus die Männer herein und nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Morgen machte er sich mit den Männern auf den Weg. Auch einige Brüder aus Joppe gingen mit Petrus.

Am nächsten Morgen – das heißt also, einen ganzen Nachmittag waren die drei in dem Haus zu Gast? Oder verbrachten sie die Zeit am Strand und schliefen dann in einem Hostel? Diese drei dachten wohl nicht viel, waren zu müde. Aber Petrus! Einen ganzen Nachmittag, eine ganze Nacht, vielleicht hat er gar nicht geschlafen. Was für ein Abenteuer! Was für ein Risiko, da mitzugehen. Habe ich überhaupt richtig gesehen, richtig gehört, was Gott mir gezeigt und gesagt hat? Ich meine, das hier, das ist eine ziemliche Grenzüberschreitung, das hat das Potential, mich aus allem rauszukicken, was bisher mein Leben war, das hier kann mich viele Freunde kosten, die werden sagen: Petrus, jetzt bist du zu weit gegangen, bei einem Römer einkehren, das ist zu viel! – Aber am nächsten Morgen gehen sie dennoch los.

Einen Tag später trafen Petrus und seine Begleiter in Cäsarea ein. [Später werden wir hören: nachmittags um 3. Über 30 Stunden haben sie also gebraucht. Einiges langsamer als die drei Boten auf dem Hinweg. Größere Gruppe halt. Und wie viele Stunden und Kilometer dürfen wir sie uns schweigsam vorstellen? Oder fangen sie schon mal, sich gegenseitig auszufragen? Oder untereinander ihre Aufregung und Sorgen zu teilen? Dann trafen sie also ein.] Kornelius erwartete sie schon. [Na, der hatte nun die meiste Zeit zum Nachdenken gehabt. Drei ganze Tage, in denen er sich fragen konnte, was ihn da eigentlich erwarten würde.] Er hatte auch seine Verwandten und engsten Freunde zu sich eingeladen. Als Petrus ins Haus eintreten wollte, kam Kornelius ihm entgegen. Ehrfürchtig fiel er vor Petrus auf die Knie. Aber der zog ihn hoch und sagte: »Steh auf! Ich bin auch nur ein Mensch.« Während er sich mit Kornelius unterhielt, betrat er das Haus.

Dort fand er all die Leute vor, die herbeigekommen waren. Petrus sagte zu ihnen: »Ihr wisst ja: Einem Juden ist es nicht erlaubt, Umgang mit einem Fremden zu haben oder ihn zu Hause aufzusuchen. Aber Gott hat mir gezeigt, dass man keinen Menschen unvorschriftsmäßig oder unrein nennen darf. Deshalb bin ich eurer Einladung ohne Widerspruch gefolgt. Aber jetzt möchte ich gerne wissen, warum ihr mich eingeladen habt.«

Kornelius antwortete: »Es war vor drei Tagen, genau zur gleichen Zeit – um die neunte Stunde. Ich betete gerade in meinem Haus. Sieh doch, da stand plötzlich ein Mann vor mir, der ein strahlend weißes Gewand trug. Er sagte: ›Kornelius, dein Gebet ist erhört worden. Gott hat deine Gaben für die Armen mit Wohlgefallen aufgenommen. Schicke also jemanden nach Joppe und lass Simon zu dir bitten, der auch Petrus genannt wird. Er ist zu Gast im Hause des Gerbers Simon am Meer.‹ Da habe ich sofort nach dir geschickt. [Das haben wir schon gehört, ich weiß, hätte man jetzt weglassen können; aber Petrus kannte das noch nicht, also Geduld. Kornelius sagt dann noch:] Schön, dass du gekommen bist. Jetzt sind wir alle hier vor Gott versammelt, um zu hören, was der Herr dir aufgetragen hat.«

Petrus begann zu sprechen: »Jetzt begreife ich wirklich, dass Gott nicht auf die Person sieht! Wer ihn ehrt und nach seinen Geboten handelt, den nimmt Gott an – ganz gleich aus welchem Volk er stammt.«

Und hier klinken wir uns nun doch mal aus. Petrus predigt jetzt über Jesus. Und jetzt ist die Überraschung ganz auf Kornelius‘ Seite: Er fängt an, an Jesus als den Messias zu glauben, bekommt den Heiligen Geist geschenkt und spricht in Zungen – und denkt sich vielleicht wie Petrus: Das ist ja auch ein bisschen riskant, das kann mich durchaus einige Freundschaften kosten, ich höre sie schon: „Ein Hauptmann in Ekstase – Kornelius, da können wir nicht mehr mit, tut uns leid.“

Ist das so? Wenn wir Grenzen überschreiten, kommen nicht alle mit? Bei Kornelius können wir es uns nur denken. Bei Petrus war es wirklich so. Die aus seiner Heimatgemeinde rückten von ihm ab und sagten: Mit Griechen und Römern wollen wir nichts zu tun bekommen.

Mir fallen da Familien ein, die zerbrechen, weil der eine nicht mit dem anderen mitkann. Wer früher Baptist wurde, der wurde nicht selten enterbt. So etwas in der Art fürchten heute noch manche, wenn sie sich als homosexuell outen. In unserem Land sogar, auf jeden Fall in vielen anderen Ländern dieser Welt. Christen haben immer wieder Ausgrenzung zu fürchten, wenn sie sich aus dem Islam herausbekehrt haben. Und auch Jesus hat seine Nachfolger schon vor so etwas gewarnt. Und in der ZEIT war zu Weihnachten ein nicht ganz ernstgemeinter Ratgeber zu lesen, wie man als junger Klimaaktivist die Feiertage bei den Eltern übersteht.

Grenzüberschreitung, mal mehr, mal weniger dramatisch – von Kopfschütteln bis Kopf ab können da die Reaktionen reichen. Bei denen, die nicht mitkönnen, mitwollen. Und wer will es ihnen verübeln, also, das Kopfschütteln meine ich jetzt: Wer will es ihnen verübeln? Denn wenn es wirklich eine Grenzüberschreitung war, stand ich früher doch auch auf derselben Seite wie meine Leute. So wie Petrus. Zu den Griechen gehen? Das war für ihn wie Ungeziefer essen, auf keinen Fall! Grenzüberschreitungen können schwer sein, und je wichtiger sie sind, desto schwerer fallen sie.

Und wer will es schon schwerhaben? Lieber bleiben wir innerhalb unserer Grenzen. In unseren Lagern. In unseren Blasen, sagt man heute auch. Wollen uns nicht aussetzen. Auch dem, was man dann vielleicht als Reaktion bekommt. Z.B. in den sozialen Medien: auf welche Reaktionen man stößt, wenn man mal in fremden Blasen auftaucht. Dann gibt’s da oft Blasenentzündung und fiebrige Abwehrreaktionen.

Und doch ist es das, wofür unser christlicher Glaube steht. Draußen und drinnen, oben und unten – Christus macht diese Grenzen durchlässig, und plötzlich finden wir uns woanders wieder als vorher. Zum Beispiel:

Unter Brüdern und Schwestern, die wir uns vorher nicht vorstellen konnten. Aus Osten und Westen, Norden und Süden, und gerade das mit dem Osten und dem Süden ist für viele herausfordernd.

Oder bei Menschen, zu denen wir gesandt sind, um Licht und Salz zu sein und Zeugen des Evangeliums. Menschen, die sonst vielleicht auf der anderen Seite leben – der sozialen Grenzen, der kulturellen Grenzen.

Was Petrus also hier erlebt, das erlebt er für uns alle. Was hält Gott dir vor die Nase, vor dem du erst einmal zurückzuckst? Wen lässt er auf einem Tuch zu dir hinab?

Was für eine Verheißung aber liegt dann darin, wenn wir es nicht beim Zurückzucken belassen! Eine Verheißung für unseren eigenen Glauben. Eine Verheißung für uns als Gemeinde. Eine Verheißung für diese Welt, wenn viele sich aus der Blase befreien lassen, die sie von anderen trennt. Aber dazu muss erst mal jemand hin und sie an die Hand nehmen. Raus aus der Blase und rein ins Reich Gottes.

Willst Du so einer sein oder so oder eine? Wollen wir solch eine sein, solch eine Gemeinde? In der Nachfolge Jesu und mit ihm? Amen.