Regt! Euch! Ab! – Gelassenheit in der Bibel?

Liebe Gemeinde,

wir können unseren Kindern dieses und jenes mitgeben wollen, welche Haltung wir zu den Dingen des Lebens haben, merken sie meist von alleine. Es lohnt sich also, sich über die eigene Haltung zum Leben klarzuwerden. Auf dem Weg dahin machen wir aber erst mal einen Stopp bei Voltaire.

Voltaire war Philosoph. 18. Jahrhundert. Frankreich. Ein Aufklärer. Einer, der selber denken wollte und sich auch zutraute. Und einer, der sich dabei keine Grenzen auferlegte. Voltaire jedenfalls schrieb eines Tages wieder mal ein kleines Büchlein. In feinstem Französisch. Er brachte das Büchlein zu seinem Verleger. Der zog erst ein wenig die Augenbrauen hoch. Aber dann schmunzelte er. Der Verleger war auch ein Aufklärer. Der hielt auch nichts davon, sich an Grenzen zu halten. Und verlegte also das kleine Büchlein von Voltaire.

So wurde also das kleine Büchlein von Voltaire verlegt. Und gelesen. Auch von den Oberen der Kirche. Die schmunzelten nicht. Die schäumten. Was er sich dabei, bitteschön, gedacht habe, der Monsieur Voltaire! Dieses Büchlein sei eine kleine gotteslästerliche Schurkerei, eine durchtriebene Versuchung zum Abfall. Dieses Büchlein provoziere alle, die ernsthaft danach strebten, ihr Leben nach den Regeln Gottes und der heiligen Kirche zu leben. Es propagiere Laxheit, ja: Genusssucht!

Es wurde also ein Feuer entfacht und die ganze Auflage des kleinen Büchleins öffentlichkeitswirksam und zur Abschreckung verbrannt.

Voltaire tat überrascht. Das verstehe er jetzt nicht. Er habe doch bloß den Menschen, die des Lateinischen nicht mächtig seien, das schöne Buch – des Predigers Salomo aus der Bibel nahebringen wollen.

Denn um nichts anderes handelte es sich: um eine Übersetzung des kleinen alttestamentlichen Buches Kohelet, wie es auf Hebräisch heißt. Ein paar Seiten nur lang, in zweifelhafter Nachbarschaft zum Hohelied, schnell überblättert zwischen Sprüchen und Jesaja. Genüsslich hervorgeholt vom Provokateur Voltaire. Und die Kirche ging ihm auf den Leim.

Heute soll aus diesem Büchlein sogar gepredigt werden. Und so hören wir heute, wo wir überlegen, welche Haltung zum Leben wir selber einnehmen und der nächsten Generation mitgeben könnten, folgende Anregung aus dem siebten Kapitel dieses verstörenden biblischen Büchleins:

Beides habe ich in meinen flüchtigen Tagen gesehen: Da ist der Gerechte, der in seiner Gerechtigkeit vergeht, und da ist der Gottlose, der in seinem Übeltun besteht. Sei also nicht allzu gerecht und übertreibe es mit der Weisheit nicht – warum willst du zugrunde gehen? Sei aber auch nicht zu unfromm und mach dich nicht hart gegenüber Gott – warum willst du vor deiner Zeit sterben? Gut ist, wenn du dich an das eine hältst und von dem anderen nicht lässt. Denn wer den Herrn fürchtet, wird von allem frei.

Liebe Gemeinde, das ist so ein bisschen die Zusammenfassung dessen, was Kohelet seinen Lesern sagen will: Gott ist fern, aber nicht ohne Einfluss. Übertreib es also mit nichts. Genieß, was zu genießen ist. Arrangiere dich mit dem Rest. Die uneingeschränkte Macht auf Erden hat die Zeit. Alles vergeht.

Oder um es mit der Titelseite der Zeitschrift Publik-Forum zu sagen: Regt! Euch! Ab! – hinter jedem Wort ein Ausrufezeichen. So viel Aufgeregtheit nämlich heute unter den Menschen. Nur ein unbedachtes Wort, sofort bricht ein Shitstorm los. Empfindlichkeiten, all überall. Sofort fühlt man sich persönlich übersehen oder aber belästigt.

Und dann dieser zurückgelehnte Prediger. Kohelet, wie er in der Bibel heißt. Der Versammler. Der uns mal alle ranholt wie der Schiedsrichter die Streithähne. „Entspannt euch, Jungs. Worum geht’s hier schon? Bald kommt das Karriereende, dann kennt euch eh keiner mehr. Meine Güte, macht mal halblang.“

Sagt uns das der Prediger? Ist das seine Botschaft? „Mach mal halblang, ist alles nicht so wichtig“? Liebe Eltern, macht mal halblang, genießt doch einfach das Leben mit euren Kindern!? Liebe Gutmenschen, macht mal halblang, es muss nicht alles perfekt laufen!? Liebe AfD-ler, macht mal halblang, dass alles im Fluss ist und sich verändert, das könnt Ihr am Ende auch nicht verhindern. Liebe Verkehrsteilnehmer, macht mal halblang, es reicht doch, wenn wir alle irgendwann ankommen!? Liebe Minderheiten, macht mal halblang, nur, weil da jetzt kein Sternchen steht, will man Euch doch nicht gleich ausgrenzen?! Liebe Liebessucher am Valentinstag, macht mal halblang, irgendwann wird eh jede süße Eigenart zum nervigen Fehler!?

Lieber Pastor Walter, mach mal halblang, ja, Martin Luther King und so, wäre schon schön, wenn alle mehr lieben würden im Alltag, aber Wohl und Wehe der Welt hängt nun auch nicht gleich von der Gemeinde ab.

Ha, und spätestens da merke ich: Ich werde nun doch auch ein bisschen nervös, wenn ich dem Prediger so zuhöre. Denn da betrifft’s mich selbst. Das ist mir nämlich wichtig. Dafür will ich mich einsetzen. Und mit gutem Recht will ich das! Ohne das geht’s doch nicht! Da kann ich nicht einfach so fünfe gerade sein lassen.

Hat vielleicht jeder von uns, so etwas, oder? Was mir wichtig ist? Wo bei mir der Spaß aufhört? Wo ich nur ganz schlecht hören kann, ich soll mal halblang machen? Was ich im Gegenteil am liebsten meinen Kindern und allen anderen Kindern auch regelrecht einimpfen möchte!

Ich fürchte, Kohelet hat so etwas nicht. „Unter der Sonne“, so sagt er von Seite zu Seite, „unter der Sonne ist alles vergänglich.“ Und er würde wohl der Dichterin Ingeborg Bachmann zustimmen, die sagt: „Nichts Schönres unter der Sonne / als unter der Sonne zu sein …“

Wer dagegen mit Ernst was will in dieser Welt, den lässt Kohelet ein wenig verstört zurück. Ja, ok, er ist dann am Ende auch nur eine Stimme in der Bibel. Es wird woanders schon auch noch zur Entscheidung aufgerufen, vor Laxheit gewarnt, davor, sich mit Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit abzufinden.

Aber eine biblische Stimme ist er hier nun doch auch. Hören wir deswegen noch mal genauer hin, was sein Beitrag sein könnte zu einem Leben und zu einer Gesellschaft, in dem sich Glück und Frieden ausbreiten.

Denn das möchte Kohelet ja, dass wir friedlich und glücklich auf dem Weg durchs Leben gehen. Und anders als Jesus ist er der Meinung, dieser Weg darf ruhig ein breiter sein. Unendlich breit aber auch nicht. Deswegen baut er zwei Leitplanken an den Wegesrand. Eine rechts, eine links.

Und auf der einen Leitplanke steht: Nicht zu viel Gerechtigkeit! Und auf der anderen Leitplanke steht: Nicht zu wenig Gerechtigkeit! Und der Weg, so eingerahmt, heißt: Straße der gelassenen Gottesfurcht.

Hier sehen wir ihn also, wie er gerade die eine Leitplanke errichtet: die, auf der steht „Nicht zu viel Gerechtigkeit!“ Wir fragen ihn danach. Er sagt:

Sei nicht allzu gerecht und übertreibe es mit der Weisheit nicht – warum willst du zugrunde gehen?

Was meint er damit? Zu viel Gerechtigkeit, was kann das sein? Und warum kann das ungesund werden? Warum kann man daran zugrundegehen? Und wird die Welt nicht eines Tages eher an zu wenig als an zu viel Gerechtigkeit zugrundegehen? Aber da fällt uns ein, was Kohelet sagen würde: Es ist die Zeit, die alles beendet, würde er sagen.

Zu viel Gerechtigkeit. Mir fallen zwei Dinge ein, warum das vielleicht am Ende nicht gut ausgehen könnte.

Einmal: Wer zu viel Gerechtigkeit will, wird totalitär. Dass der Mensch auch Fehler macht, ja, dass der Mensch sich auch mal auflehnt gegen eine Ordnung – das darf dann nicht mehr sein. Dann reicht es nicht, wenn der Missbrauch von etwas bestraft wird, sondern dann muss man den Missbrauch komplett verhindern. Dann reicht es nicht, wenn man die Menschen zu einer gesunden Lebensweise einlädt, sondern dann wird ungesunde Lebensweise bestraft. Oder die Sünde wird bestraft.

Und das muss natürlich alles auch kontrolliert überwacht werden. Und so entsteht eine Diktatur des Guten. Und Diktaturen gehen immer irgendwann zugrunde. Leider immer erst, nachdem sie etliche andere zugrundegerichtet haben.

Und das andere, was mir bei zu viel Gerechtigkeit einfällt: Wer zu viel Gerechtigkeit will, wird leicht auch selbstgerecht. Der Pharisäer, von dem Jesus erzählt: Steht da und sagt „Danke, Herr, dass ich nicht bin wie der da!“ Der Selbstgerechte aber geht zugrunde, weil er alles, was er verachtet, auch in sich selbst verachten und abtöten muss. Und ein Mensch, der ständig dabei ist, etwas in sich abtöten zu müssen, aus dem entweicht auch sonst nach und nach alles Leben.

Und wieso schützt davor die Gottesfurcht? Weil sie sagt wie Jesus: „Was nennst du mich gut? Einer ist gut, unser Vater im Himmel.“ Wer so spricht, der bleibt doppelt unter: Er bleibt unter Gott, und er bleibt unter den anderen Menschen. Demütig unterhalb von Gott und friedlich glücklich mitten unter den Menschen. Da soll der Mensch sein, da soll er leben, unter der Sonne, mit allen anderen.

Inzwischen ist jetzt auch die andere Leitplanke errichtet. Auf der steht: „Nicht zu wenig Gerechtigkeit!“ Wir fragen Kohelet, was er damit meint. Er sagt:

Sei nicht zu unfromm und mach dich nicht hart gegenüber Gott – warum willst du vor deiner Zeit sterben?

Was heißt das denn jetzt: „vor meiner Zeit sterben?“ Wenn die Zeit einfach vergeht, gibt es dann doch noch so etwas wie meine Zeit? Ja, scheint so. Ein bisschen Griechisch hilft zum Verständnis. Zeit, das ist bei Kohelet sonst immer chronos, die Zeit, die einfach und unerbittlich weitergeht. „Meine Zeit“, die ich hier eventuell nicht erreichen könnte, das ist der kairos, der einmalige Zeitpunkt, der festgesetzte Termin, die Zeit speziell für etwas.

Meinem Leben wird ein Ende gesetzt. Irgendwann. Wenn das Ende da ist, ist das meine Zeit. Vorher sterben, das tue ich, wenn ich, so heißt es hier im Original: skleros werde. Bei Sklerose also. Skleros, im Griechischen hier, das ist das Hartwerden. Das sind zum Beispiel verstopfte Blutbahnen rund ums Herz. Arteriosklerose. Zivilisationskrankheit. Häufige Todesursache. Hätte sonst so früh noch nicht sein müssen.

Wer sich hart macht gegen Gott, der lebt äußerlich vielleicht noch gut weiter. Aber seine Seele, meint Kohelet, atmet nicht mehr. Gott ein, Frieden und Glück aus. Zu wenig Gerechtigkeit, die geistlichen Kanäle verstopft. Lebende Tote, ausgehärtet, abgestumpft, gefühllos, unempfindlich für alles, was bunt und vielfältig lebt. Und am Ende nur ein riesen Ego.

Und wieso schützt davor die Gottesfurcht? Das ist einfacher, finde ich: Gottesfurcht schützt… Nun, sowieso, wenn ich ihn wieder durch mein Leben fließen lasse. Sie schützt aber auch den Frommen: Sie schützt ihn, weil sie ihm sagt: Wenn du meinst, Gott zu haben, flutscht er dir wieder durch die Finger. Je fester du ihn zu haben meinst, desto mehr entzieht er sich. Wir können ihn nicht greifen. Er hält uns in Bewegung. Du kannst ihn nicht berechnen, also rechne immer mit ihm. Besser, er findet dann einen, der nach der Gerechtigkeit fragt. Einen, der friedlich glücklich unter den Menschen lebt, voller Wärme und Gefühl.

Kohelet, der Versammler. Ist er der, der uns zu sich ruft und sagt: „Jetzt macht mal halblang, so wichtig ist das hier auch nicht?“ Für mich ist er so nicht. Für mich ist er einer, der sagt: „Wisse über dir Gott, den Gerechten. Und lebe friedlich glücklich mitten unter den anderen Menschen in dieser Welt. So wird es für dich und euch alle gut ausgehen.“ Andere in der Bibel mögen noch anderes und mehr sagen. Dagegen wären sie aber wohl auch nicht. So könnten wir es also angehen. Das Leben. Amen.