Richtig Sünder sein

Liebe Gemeinde,

in unserem Urlaub in Schleswig-Holstein waren wir in einer Gaststätte, die behauptet, bei ihnen wäre der Pharisäer erfunden worden. Das fanden wir überraschend. Als Bibelleser weiß man: ein Pharisäer, das ist einer von diesen fiesen Gegenspielern Jesu. Und Jesus und die, die sind ganz sicher nicht an Schleswig-Holsteins Nordseeküste aufeinandergestoßen, das wussten wir genau.

Bis wir uns erinnerten: Pharisäer, das ist diese Kaffee-Erfindung mit Sahnehaube. Die einzig dazu da ist zu verhindern, dass man den Rum im Kaffee riecht. So sollen sie damals bei einer Kindstaufe ihren besonders asketischen Pastor getäuscht haben. Der bekam natürlich den Hauben-Kaffee ohne Rum. Schmeckt ja auch.

Eine Erfindung sind die ursprünglichen Pharisäer auch gewesen. Jedenfalls wenn sie uns immer nur als die frommen Heuchler beschrieben werden. So werden sie uns in den Evangelien beschrieben, als theologische Opposition zur jesuanischen Erneuerungsbewegung. Sie selber sagten aber, wir versuchen nur, dass unser Volk im Multi-Kulti der hellenistischen Welt und unter der römischen Besatzung nicht seine religiöse Identität verliert. Wenn Christen sie immer nur als die Oberheuchler wahrnehmen, dann haben sie sie quasi so erfunden.

Warum hat eigentlich noch keiner ins Spiel gebracht, nach der Umbenennung von Mohrenstraße und Zigeunersoße auch dieses Heißgetränk umzubenennen?

So hören wir also noch mal den Abschnitt aus Lukas 18, von dem uns Dirk eben schon erzählt hat.

Einige der Leute waren davon überzeugt, dass sie selbst nach Gottes Willen lebten. Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig. Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis:

»Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich hin und betete leise für sich: ›Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen – kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder Zolleinnehmer wie dieser hier. Ich faste an zwei Tagen in der Woche und gebe sogar den zehnten Teil von allem, was ich kaufe.‹ Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits. Er traute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich auf die Brust und sprach: ›Gott, vergib mir! Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist.‹

Das sage ich euch: Der Zolleinnehmer ging nach Hause und Gott hatte ihm seine Schuld vergeben – im Unterschied zu dem Pharisäer. Denn wer sich selbst groß macht, wird von Gott unbedeutend gemacht. Aber wer sich selbst unbedeutend macht, wird von Gott groß gemacht werden.«

Immer kam der Pharisäer schlechter weg als der Zöllner. Denn der Pharisäer war selbstgerecht, der Zöllner ein reuiger Sünder. So erzählt Jesus die Geschichte. So wurde sie weitergepredigt. Nicht selten mit einem Schuss Antisemitismus, denn der Pharisäer wurde Sinnbild für „den Juden“ schlechthin.

Aber immer gab es auch Gegenstimmen, und mit der Zeit mehrten sie sich. Der reuige Sünder als Vorbild? Wir wollen aber nicht mehr kleingemacht werden durch den Glauben! Wir wollen nicht in die Knie gezwungen werden vor Gott! Wir wollen aufrecht stehen vor ihm. Gibt er uns denn nicht gerade dazu die Würde?

Eine neue Studie sagt: Für die meisten jungen Leute soll Glauben mit Freude und Trost verbunden sein. Über Schuld zu reden, zieht runter. Über Schuld reden aber auch nicht die einfach religiösen jungen Menschen, sondern nur die „highly religious“, die sehr religiösen.

Je frommer, desto zerknirschter also? Je frommer, desto bereiter, von sich selber schlecht zu denken? Und die anderen verdächtigt man des Hochmuts? Die nur religiösen aber gucken auf den Zöllner, befremdet, und sagen: Das will ich nicht, so will ich nicht glauben.

Und die Studie erinnert noch mal daran: Religion prägt auch die Gefühle. Was ist, wenn Schuldgefühle und Angst vorherrschen? Was macht das mit einem Menschen? So ein Glaube kann auch krankmachen.

Wenn also die hochreligiösen mehr mit Schuld unterwegs sind als die bloß religiösen – soll man dann lieber nicht zu hochreligiös werden? Wie es der Prediger Salomo sagt in der Bibel: „Übertreib es nicht mit der Rechtschaffenheit!“?

Ich muss sagen: Es schmerzt mich immer, wenn ich Menschen höre, die erzählen, wie sie darunter gelitten haben, dass ihnen eingeredet wurde, wie schuldig sie sind. Die das als niederdrückend erlebt haben, manche sogar als krankmachend. Die den Zöllner hier sehen und es dreht sich ihnen fast der Magen um. Die zwar auch nicht selbstgerecht sein wollen wie der Pharisäer hier. Aber trotzdem aufrecht stehen wollen vor Gott. Um Freude und Trost zu empfangen.

Mich schmerzt das immer deswegen, weil sie offensichtlich nur die moralisierende Version davon kennengelernt haben, von Schuld zu sprechen. „Du bist schlecht, sieh nur, was du dem Herrn Jesus angetan hast, dass er so sterben musste.“

Und dann sagen sie vielleicht gerade noch: Ja, klar, keiner ist perfekt, aber wir sind trotzdem geliebt. Aber sich weigern, den Schmerz über die eigene Schuld zu spüren; Gott in die eigenen Abgründe hineinzulassen. Aber so spüren sie auch nie die heilende Kraft Gottes.

Jetzt habe ich immer „sie“ gesagt. Aber vielleicht es geht Dir ja ähnlich? Dass Du sagst: „Nein, von Schuld spreche ich nicht. Mich erst schlechtmachen, um dann den gnädigen Gott zu brauchen? Das Spiel mache ich nicht mit! Da bleibe ich lieber nur einfach religiös und will gar nicht hochreligiös werden!“

Gott, sei mir Sünder gnädig. Ja, wer das von außen eingetrichtert bekommen hat, der sollte sich davon lieber lösen. Aber was, wenn ich meiner Schuld einmal nicht ausweichen kann? Was, wenn ich sie doch einmal nicht mit einem „Niemand ist perfekt“ abschütteln kann? Wenn mich das Leid, das ich verursacht habe, plötzlich trifft?

Dann ist es gut, den gnädigen Gott kennengelernt zu haben. Oder dann spätestens kennenzulernen. Aber besser noch, ihn vorher so kennengelernt zu haben. Und zwar auf die richtige, heilsame Art und Weise.

Und die wäre?

Ich glaube, es wächst die Selbsterkenntnis mit der Gotteserkenntnis. Je mehr ich Gott in Jesus Christus kennengelernt habe in seiner unendlichen Liebe, desto mehr wächst einerseits die Freude darüber – und andererseits die Erkenntnis: Ich bin so nicht. Wieviel mehr liebt er als ich! Wieviel gnädiger ist er als ich! Wieviel mehr lebensschaffende Kraft ist er als ich!

Und je mehr ich Gott in Jesus Christus kennen- und lieben lerne, desto mehr wächst in mir der Wunsch, in sein Bild hineinzuwachsen. Und dann eben kommt der Punkt ganz von allein: desto mehr leide ich darunter, wo ich nicht bin wie er. Sondern eher ein Pharisäer, der nicht alles nur von Gott erwartet. Und eher ein Zöllner, der an der Ungerechtigkeit in der Welt seinen Anteil hat.

Die Verheißung Jesu lautet hier übrigens: der Pharisäer wird erniedrigt und der Zöllner erhöht. Ja, lesen wir das mal nicht Strafe und Lohn, sondern als Verheißung an beide. Denn wenn der eine erniedrigt wird und der andere erhöht, dann treffen sich beide auf Augenhöhe – auf Höhe der Augen Jesu. Und sie blicken hinein in Jesu Augen, und Jesu Augen lenken den einen zum anderen.

Aber das ist dann schon eine andere Geschichte. Die Geschichte, die beginnt, wenn wir darüber staunen, wie die Liebe Gottes in Christus es mit mir zu tun bekommt. Und heilsam und befreiend auch mit meiner Schuld.

Amen.