Satans Sturz oder Alles wird gut!

Liebe Gemeinde,

ich glaube, den Michaelistag haben wir hier noch nie gefeiert, oder? Wenn der dran ist, gibt es ja am selben Tag auch immer noch ein Alternativprogramm. Einen ganz normalen Sonntag nach Trinitatis. Den haben wir dann sonst immer genommen.

Heute mal nicht. Nachdem wir am letzten Sonntag Engel die Himmelstonleiter auf- und abschweben ließen, ist heute ein Erzengel dran. Michael.

Michaelistag, der liegt immer Ende September. Wenn die Tage kürzer und dunkler werden. Der Erzengel Michael ist in der Bibel nämlich dafür berühmt, die finsteren Mächte im Schach zu halten. Die Offenbarung erzählt, er habe den Satan aus dem Himmel und auf die Erde geworfen. Für den Propheten Daniel im Alten Testament ist er der Beschützer Israels, wenn es in den letzten Tagen der Zeit in großer Gefahr sein wird. So wie er auch mit dem Satan um den Leichnam des Moses gestritten hat, das können wir im Judasbrief nachlesen. Warum auch immer das nötig war.

Finster, finster, das alles. Kein schönes Engelsleben für Michael. Es sei denn, er mag das. Gibt ja so Typen: je konfliktreicher das Leben, desto besser, sich durchsetzen, auf den Putz hauen. Und dann noch für die gute Sache! Michael, mi-cha-el, das heißt übersetzt: Wer ist wie Gott? Und die Antwort natürlich: Niemand! Also aus dem Weg!

Für diesen Michaelistag heute also ist uns eine Erzählung vorgeschlagen, in der Michael allerdings gar nicht vorkommt. Jedenfalls nicht direkt. Ich lese uns aus Lukas 10. Jesus hatte 72 Jünger ausgesandt:

Die zweiundsiebzig Jünger kehrten zurück und berichteten voller Freude: „Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir uns auf deinen Namen berufen!“ Jesus sagte zu ihnen: „Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel herabstürzen. Seht doch: Ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts, aber auch gar nichts davon kann euch schaden. Aber ihr sollt euch nicht darüber freuen, dass euch die Geister gehorchen. Freut euch vielmehr darüber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.“

Wie gesagt, Michael kommt in dieser Erzählung noch gar nicht vor. Wir kommen aber noch drauf.

Bleiben wir kurz noch bei den 72. „Die Dämonen gehorchen uns.“ Sagen die 72. Jesu symbolträchtige Praktikantengruppe. 12 Jünger hatte er. Zur Wiederherstellung der 12 Stämme Israels. 72 Praktikanten hat er losgeschickt, für jedes der menschlichen Völker einen. So viele zählt jedenfalls die Völkertafel in der Urgeschichte in 1. Mose 10. Jeder der 72 ist Teil der Rettung der Welt. So kam das Evangelium auch zu uns.

Dämonen also weichen auf ihr Wort, Schlangen und Skorpione bleiben wirkungslos. Schlangen und Skorpione, die lauern vor allem in den Einöden der Wüste. Tiere, die nicht oft auf Beute stoßen. Da muss jeder Biss, jeder Stich sitzen. Und das Gift garantiert wirken. Stark also muss es sein. Und gut versteckt und gut getarnt muss man sein.

Das passende Kriech- und Krabbelzeug für die Wüste. Unsichtbar, bis sie zuschlagen. Wie die Dämonen, die damals bevorzugt in Wüsten wohnten. Auch solche verborgenen Gefahren, die einen plötzlich überfallen können. Wüstenzeit war also Zeit der Gefahr und der Erprobung. Jesus war da vierzig Tage, als er mit dem Teufel rang. Wer weiß, wie viele Schlangen und Skorpione da ihr Gift umsonst verspritzt haben. Denn mit Jesus kam die Zeitenwende.

Vollmächtig war er unterwegs, die finsteren Mächte hatten keine Chance bei ihm. Und auch nicht bei den 72. Denn jetzt ereignet sich eine Art von Heil, dem sich niemand in den Weg stellen kann.

Und diese Zeitenwende, die hängt nun auch mit Michael zusammen. Jesus sieht den Satan vom Himmel stürzen. Und was Jesus hier von unten gesehen hat, das wird uns im Buch der Offenbarung von mittendrin erzählt. Und hier nun endlich: Auftritt Michael! Im Buch der Offenbarung lesen wir 12. Kapitel:

Es brach im Himmel ein Krieg aus: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache und seine Engel stellten sich dem Kampf. Aber er konnte den Kampf nicht gewinnen. Und im Himmel gab es keinen Platz mehr für sie. Der große Drache wurde hinabgestoßen – die Schlange aus uralter Zeit, die auch Teufel oder Satan genannt wird. Sie verführt die ganze Welt zum Abfall von Gott.

Der Drache also wurde auf die Erde hinabgestoßen, und ebenso erging es seinen Engeln. Dann hörte ich im Himmel eine laute Stimme. Die rief: „Jetzt ist die Rettung da! Unser Gott hat seine Macht gezeigt und die Königsherrschaft angetreten. Und sein Christus hat Vollmacht bekommen.“

Urgewaltig, diese Erzählung. Zeitenwende. Bei Lukas sehen wir mit Jesus aus der Ferne am Horizont den Satan stürzen. In der Offenbarung sehen wir, wie Michael und seine Engel diesen Kampf erst noch kämpfen. Dann werfen sie ihn hinunter auf die Erde.

Und das ist erst einmal die nicht ganz so gute Nachricht. Denn der Satan, erzählt die Offenbarung, ist jetzt machtlos. Aber noch lebendig. Und eher von der Sorte, die in so einer Situation nicht deprimiert werden, sondern wütend. Das einzige aber, was er aber noch versuchen kann, ist das, was man früher „zum Abfall zu verführen“ nannte. Also von Gott wegzulocken.

Zum Beispiel in den Augenblicken, in denen wir euphorisch über unseren Glauben staunen wie die 72 hier. „Herr, die Dämonen gehorchen uns!“ Und Jesus sagt: „Achtung, darüber freut euch nicht. Wollt nicht selber mächtig sein! Sondern freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Das ist das, was zählt. Und das ist Wunder genug.“

Mach also deinen Glauben nicht am Erfolg fest. Nicht, was du tust, nicht, was dir gelingt, sei das, was deine Beziehung zu Gott stabil macht. Sondern dass du darüber staunst, wie Gott dich liebt und dir eine Freude schenkt, die ganz unabhängig davon ist, wie es dir sonst so gehen mag.

Aber dann dachte ich in der Vorbereitung: Soll das die Botschaft heute für uns sein in dieser Predigt? „Mach deinen Glauben nicht am Erfolg fest, freue dich einfach, dass Gott dich liebt“? Ja, das ist eine Botschaft aus dieser Geschichte. Aber sagen wir so etwas hier nicht immer wieder einmal? Dass die Beziehung zu Gott das Wichtigste ist?

Würden wir dieser herausfordernden Geschichte damit also nicht die Engelsflügel stutzen? Das ist ja nicht unsere Herausforderung, dass wir in der Gemeinde hier so Machertypen sind und Erfolgsmenschen, denen geholfen werden muss, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren, auch im Glauben. Eher nicht, oder? Ich fürchte, wenn ich das heute aus dieser Erzählung von Lukas betone, dann würde ich uns hier nur nach dem Mund reden.

Das aber fände ich wenig befriedigend. Ich finde, wir können heute also ruhig mal das andere hören. Ich wünsche mir, dass wir uns davon herausfordern ließen. Und zwar uns dazu herausfordern lassen, den Sturz des Satans zu feiern, uns hineinzustellen in die Zeitenwende und mutig draufloszuglauben. Mit Michael zu sagen: Wer ist wie Gott, und wir sind in seiner Vollmacht unterwegs! Sollen wir das mal versuchen?

Ich war in dieser Woche auf der jährlichen Ratstagung der Europäischen Baptistischen Föderation. 170 Teilnehmer aus 40 Ländern in Europa, Zentralasien und dem Nahen Osten. Da kommen auch jede Menge unterschiedliche Weisen zu glauben zusammen. Leute, die dankbar und beeindruckend davon erzählten, was unser großer Gott Wunderbares im Leben ihrer Gemeinden getan hat. . Ich habe schon lange nicht mehr so oft „How great  is our God“ gesungen.

Und ich dachte: So reden wir bei uns nicht oft von Gott. Zu unbescheiden vielleicht. Das ist uns zu triumphalistisch. Aber da sehe ich den Erzengel stehen und die Augenbrauen hochziehen. Und ich denke: OK, stimmt ja auch wieder. Also, lass dich da jetzt ruhig mal drauf ein. Denk mal an Gott als an den, der wirklich das letzte Wort hat. Denk den Glauben ruhig auch mal etwas offensiver. Als eine Kraft, die wirklich etwas überwinden kann.

Und ich spüre den Erzengel Michael neben mir stehen und nicken. Ja, mach mal, scheint er zu sagen. Mehr wagen. Das Risiko ist überschaubar. Der Satan ist gestürzt. Wofür habe ich das denn gemacht?

Vielleicht müssen wir dafür noch mal diesen Augenblick mit Jesus miterleben. Uns neben Jesus stellen, als er den Satan aus dem Himmel stürzen sieht. Da ist also Jesus. Die 72 hat er ausgesandt. Wie er jetzt auf diesem Hügel steht und auf ihre Rückkehr wartet. Wie er plötzlich erstarrt. Wie er mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne, in den Himmel sieht. Wie er etwas zu sehen scheint, fern am Horizont. Wie ein inneres Beben seinen Körper von oben und erzittern lässt. Wie er kurz verharrt. Und dann mit einem Lächeln wieder bei uns ist.

Und wir stehen da und sehen ihn an. Unsicher. Sollen wir ihn fragen, was los war? Wo hast du hingeguckt, Jesus, was ist passiert? Was hast du gesehen? Und er sagt mit einem Ton, den wir noch nie an ihm gehört haben: „Ich sah den Satan vom Himmel stürzen!“

Das will ich glauben: dass Jesus uns zwar vielleicht wie Schafe unter die Wölfe schickt, dass die aber nicht die Macht haben – ja, um was nicht zu tun?

Auf dem Treffen der EBF haben wir auch Geschichten gehört und Menschen getroffen, die von Verfolgung gesprochen haben. Von Ausgrenzung, staatlicher Willkür. Davon, dass sie am besten geheim bleiben müssen, nicht entdeckt werden dürfen. Wir wurden gebeten, sie nicht zu filmen oder zu fotografieren.

Sind da also doch noch Schlangen und Skorpione unterwegs, die gefährlich werden können? Die Frage wäre dann: wie können sie schaden?

Als diese Worte Jesu aufgeschrieben wurden, hatte die Kirche schon ihre ersten Märtyrer zu beklagen. Die Apostelgeschichte erzählt davon. Unversehrt an Leib und Leben, das konnte sie damals schon nicht mehr gemeint haben. Aber Schlangen und Skorpione, wir erinnern uns, das waren ja die versteckten Gefahren der Wüste. Und die Wüste, das war der Ort der Dämonen. Die, über deren Gehorsam sich die 72 gefreut haben.

Und das passt nun gut zum Teufelssturz. Denn all das zusammen bedeutet: hinter den Kulissen ist alles erledigt und entschieden. Nur in den Kulissen läuft noch ein Kampf. Aber mit Happy End für Gottes Kinder.

Die Zeitenwende ist da. Alles wird gut. Über kurz oder lang. Und das meint nicht irgendwelche Äußerlichkeiten. Äußerlich kann uns alles Mögliche noch verlorengehen. Kann alles Mögliche noch durcheinandergeraten. Für uns persönlich oder für uns als Gemeinde. Aber an unseren Glauben kann uns keiner. Denn unsere Namen sind im Himmel aufgeschrieben.

Jetzt fragt ihr Euch vielleicht: Wie redet denn der heute? Das ist doch alles total überzogen! Das ist doch gar nicht unsere Situation!

Stimmt. Super, oder? Dann können wir ja erst recht loslegen! Uns vor nichts fürchten. Bezeugen, dass Gott Herr ist. Und uns freuen, dass unsere Namen im Himmel aufgeschrieben sind und niemand uns da ausstreichen kann. Und uns wünschen und dafür leben, dass noch mehr Namen dort auf die Liste kommen. Amen.