Sei doch mal barmherzig! oder: Wie er mir, so ich dir

Liebe Gemeinde,

vielleicht hätte uns das mit der Barmherzigkeit zu Beginn eines jeden Jahres angesprochen. Denn Barmherzigkeit ist immer gut. Und da wir in Deutschland ja auch irgendwie in einem Rechthaber-Land leben, ist die Erinnerung an die Barmherzigkeit sowieso immer passend.

Nun war Jesus allerdings definitiv kein Deutscher, und trotzdem hat er von Barmherzigkeit gesprochen. Scheint also auch sonst ein wichtiges Thema zu sein. Zwischen Vätern und Söhnen, zum Beispiel. Dirk hat uns da ja eben in seine eigenen Erfahrungen mit reingenommen. Erfahrungen, die auch ganz sicher nicht nur seine waren.

So hat die Jahreslosung für 2021 das Potential, uns auf ganz verschiedene Weise zu berühren. Sie steht in Lukas 6, der lukanischen Version der Bergpredigt. Jesus spricht dort:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Und wir nehmen heute auch unsere Reihe über Jesu Ich-bin-und-will-für-dich-sein-Worte wieder auf. Und das passende Wort zur Jahreslosung finden wir in Johannes 10. Jesus erklärt:

»Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt ist bereit, sein Leben einzusetzen für die Schafe. Anders ist das bei einem, der die Schafe nur für Geld hütet. Er ist kein Hirt und die Schafe gehören ihm nicht: Wenn er den Wolf kommen sieht, lässt er die Schafe im Stich und läuft weg. Und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und jagt die Herde auseinander. Denn so ein Mensch hütet die Schafe nur für Geld und die Schafe sind ihm gleichgültig. Ich bin der gute Hirt. Ich kenne die, die zu mir gehören, und sie kennen mich. Genauso kennt mich der Vater und ich kenne ihn. Ich bin bereit, mein Leben für die Schafe einzusetzen. […]

Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen das ewige Leben. Sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen und niemand kann sie mir aus den Händen reißen. Mein Vater, der sie mir anvertraut hat, ist mächtiger als alle. Niemand kann etwas aus seinen Händen reißen. Ich und der Vater sind untrennbar eins.«

Sich dem Barmherzigen anvertrauen und barmherzig werden. Dazu lädt uns dieser Sonntag am Anfang des neuen Jahres ein. In Jesus dem Barmherzigen, dem Vater Jesu Christi, begegnen, dessen Barmherzigkeit mich als Gottes Kind leben lässt, in Sicherheit, und der mich barmherzig werden lässt, zur Freiheit der anderen.

Barmherzig sein. „Jetzt sei doch mal ein bisschen barmherzig!“ Wer das sagt, der meint so etwas wie: „Ja, du bist im Recht, aber jetzt reite da doch nicht so drauf rum.“ Barmherzig sein ist das Gegenteil von Auf-sein-Recht-Pochen. Schwer, wenn man im Recht ist. Ersehnt, wenn man es nicht ist.

Wer bARMHERZIGig ist, lässt seinen Arm von einem Herzen lenken, das mit Liebe gefüllt ist.

Gut, dass wir dafür uns unseren Vater im Himmel nicht nur als fernes, unerreichbares Vorbild nehmen müssen, sondern wie gut, dass wir ihn zuerst so erfahren haben. Denn das ist das Prinzip auch hinter dem Wort der Jahreslosung: Wie er mir, so ich dir. Er ist mit mir barmherzig, liebt mich, füllt mein Herz mit Liebe, so dass ich barmherzig werden und die anderen lieben kann.

Was werden 2021 die Herausforderungen für Barmherzigkeit sein? Zum Beispiel ist die Pandemie noch nicht vorbei. Entscheidungen müssen getroffen werden, und manche werden sich als falsch erweisen. Ungleichheiten werden uns begleiten.

Es wird zum Beispiel dauern, bis wir alle geimpft sind. Da könnten die einen schon wieder normal leben und die anderen noch nicht. Da braucht es Barmherzigkeit für Rücksicht. Die Diskussion darüber ist bereits entbrannt. Meinungen und Haltungen prallen aufeinander. EntscheiderInnen müssen entscheiden.

Solche Menschen in Verantwortung werden in der Bibel oft Hirten genannt. Ezechiel 34 droht bösen Hirten, denen am Wohl der Schafe nichts liegt, mit dem Eingreifen Gottes und verheißt einen guten Hirten zum Schutz der Schwachen. Und Jesus prangert die Hirten an, die fliehen, wenn der Wolf kommt.

Ich musste dabei an die Beschwerden aus Krankenhäusern und Pflegeheimen denken, dass manche Pfleger und Pflegerinnen aus Leiharbeitsfirmen aus Angst vor Ansteckung sich offensichtlich weigern, auf Corona-Stationen zu arbeiten.

Es ist aber auch nicht leicht, ein guter Hirte zu sein in diesen Tagen. Wir wissen so wenig. Und was wir heute wissen, ist vielleicht morgen schon überholt. Worauf soll man da seine Entscheidung gründen? Entschieden werden muss aber. Wir hören die einen, wir hören die anderen, eine gemeinsame Meinung haben sie selten. Alles selber nachprüfen können wir nicht. Wem also vertrauen beim Entscheidungen-Fällen und beim Entscheidungen-Folgen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte am Anfang der Pandemie: „Wir werden einander in ein paar Monaten wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Mit anderen Worten: wir werden auf Barmherzigkeit hoffen und werden barmherzig sein müssen.

Barmherzigkeit wird gebraucht. Wer sollte da vorangehen, wenn nicht wir Christinnen und Christen, denen der barmherzige Gott den Weg ins Leben geöffnet hat!

Wer sollte da vorangehen, wenn nicht wir Christinnen und Christen, die wissen: barmherzig sein ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, die sich speist aus der Erfahrung und dem Vertrauen, aus dem erfahrungsgesättigten Vertrauen, dass ich um mich selbst keine Angst haben muss.

Wer sollte da vorangehen, wenn nicht wir Christinnen und Christen, die so viel Möglichkeiten haben, Barmherzigkeit einzuüben, in der Gemeinde nämlich!

Wer sollte mit der Barmherzigkeit vorangehen, wenn nicht Christinnen und Christen, die wissen: Ich erleide keinen Verlust, ich komme nicht zu kurz, wenn ich barmherzig bin. Denn dem guten Hirten werde ich nicht verlorengehen. Wasser und Weide werden mir weiter wohltun, mich sättigen und mich bergen zu meiner Seele Glück.

Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel, der gute Hirte, der in Jesus Christus ein Gesicht bekommen hat, barmherzig ist! Er hatte und hat auch keine Angst um sein Recht, seinen Status, ja, um sein Leben. Wie er dir, so du den anderen!

Barmherzig wird, wer sich der Barmherzigkeit des guten Hirten aussetzt; das Herz mit Liebe füllen lässt, das den Arm bewegen soll.

Zum Beispiel: Mit eigener Schuld und eigenem Versagen zu Gott zu kommen und zu erleben, wie Christus mich barmherzig ansieht. Oder Lukas 15 zu lesen: sich in dem verloren Schaf zu sehen und wie es sich anfühlt, aus der Verlorenheit heraus auf die Schultern genommen zu werden; sich in den beiden Söhnen zu sehen, erst in dem einen und dann in dem anderen.

Wie barmherzig werden? Die Barmherzigkeit des guten Hirten spüren! Das Herz mit der Liebe des Vaters füllen lassen! Untereinander die Haltung der Barmherzigkeit einüben. Sich prägen lassen: vom guten Hirten, der allen Leben gibt und keines verloren gibt.

Zur Ehre Gottes, zur Freude untereinander, als Hilfe zum Leben unter denen da draußen. Amen.