„Sein Licht scheint heller als meins“ – faucht Herodes

Liebe Gemeinde,

man würde nur die halbe Geschichte erzählen, wenn man mit den Hirten die Krippe verließe und mit den friedlichen Bildern aus dem Stall sein Leben fortsetzte.

Denn, ja, das Wort wurde Fleisch. Und, ja, wir sahen seine Herrlichkeit. So hieß es vorhin im Wort zur Woche. Und dann? Was passiert dann? Was machen wir mit diesem Anblick? Ergriffen staunen? Respektvoll die Mütze abnehmen? Anbetend niederknien?

Aber es gab auch andere Reaktionen. Und es ist nur realistisch, wenn wir deswegen heute noch mal zu Weihnachten zurückkehren. Man könnte uns sonst Schönfärberei vorwerfen.

Denn es gab auch welche, die nicht staunten, anbeteten, Respekt bekundeten. Sondern als sie plötzlich im Licht dieser Herrlichkeit standen, da merkten sie, wie ihr eigenes Licht nicht mehr so hell leuchtete. Sie fürchteten, die Menschen um sie herum könnten anfangen, sich von ihnen weg- und diesem helleren Licht zuzuwenden.

Und als sie so die lichte Herrlichkeit des fleischgewordenen Wortes Gottes sahen, da breitete sich in ihnen die Finsternis aus. Da wurden sie neidisch, schäumten vor Zorn, rasten vor Wut. Und wurden eiskalt, um ihre furchtbaren Pläne zu schmieden.

Dass ihre Finsternis das Licht nicht würde ergreifen können, wie es in der Predigt am Mittwoch hieß, das wussten sie da noch nicht. Dass sie viele andere ins Dunkel stürzen würden, das ahnen wir. Ja, das wissen wir. Wir hören es täglich in den Nachrichten. Dafür brauchen wir fast die folgende Geschichte nicht, die uns Matthäus erzählt.

Nachdem die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum der Engel des Herrn und sagte: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du wieder zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich das Kind suchen. Er will es umbringen.“ Da stand Josef auf, mitten in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten. Dort lebten sie bis zum Tod von Herodes. So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten angekündigt hatte: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, wurde er sehr zornig. Er befahl, in Bethlehem und Umgebung alle kleinen Jungen bis zu zwei Jahren zu töten. Das entsprach der Zeitspanne, die er aus den Angaben der Sterndeuter entnommen hatte. So sollte in Erfüllung gehen, was Gott durch den Propheten Jeremia angekündigt hatte: „In Rama hört man Klagerufe und bitteres Weinen: Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr da.“

Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten der Engel des Herrn im Traum und sagte: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und kehre in das Land Israel zurück. Denn alle, die das Kind umbringen wollten, sind gestorben.“ Da stand Josef auf, nahm das Kind und seine Mutter und kehrte nach Israel zurück.

Unterwegs erfuhr Josef, das in Judäa Archelaos als Nachfolger seines Vaters Herodes König geworden war. Im Traum erhielt er eine neue Weisung und zog daraufhin nach Galiläa. Er kam in die Stadt Nazareth und ließ sich dort nieder. So sollte in Erfüllung gehen, was Gott durch die Propheten angekündigt hatte: Der versprochene Retter wird Nazoräer genannt werden.

Liebe Gemeinde, mich beruhigt das nicht, was meine Kollegen Theologen zu dieser Erzählung sagen. Auch wenn sie wohl recht haben.

Dass nämlich Matthäus mit seinem ganzem Evangelium sagen will: Jesus ist der neue Mose, und er ist noch mehr als Mose. Fünf große Reden zum Beispiel hält Jesus im Matthäus-Evangelium. So wie es fünf Bücher Mose gibt. Oder in der Bergpredigt sagt Jesus immer wieder: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist … Ich aber sage euch …“ Jesus, der neue Mose, der neue Gesetzgeber. Der größere Gesetzgeber.

Und hier nun eben noch ein anderer Vergleich: Mose wurde auch bewahrt, vor dem mörderischen Pharao nämlich. Dem waren die Israeliten zu viel geworden, zu unkontrollierbar, und er ließ alle männlichen Neugeborenen töten. So wie heute der neue rechtsextreme Präsident Brasiliens findet, die beste Verbrechensbekämpfung sei die zwangsweise Geburtenkontrolle in den Unterschichten. Erschütternd, dass dem so viele Evangelikale hinterherlaufen. Und hier ist es Herodes, der die kleinen Söhne Bethlehems abschlachten lässt.

Die Theologen meinen, auch das gehöre zum Vergleich Jesus – Moses. Nur dass bei Jesus nicht renitente Hebammen dafür sorgen, dass unser Held überlebt, sondern ein Engel höchstpersönlich. Denn Jesus ist eben mehr als Mose.

Das alles wird wohl theologisch richtig sein. Aber beruhigen kann mich das nicht. Denn mir geht die Rahel nicht aus dem Kopf, von der hier die Rede ist, Stammmutter derer von Bethlehem, und das heißt, sie steht für:

all die Mütter, die eben noch liebend ihre kleinen Jungs auf dem Schoß hatten; die eben noch gerührt zugesehen hatten, wie ihre Kleinen in der Geschichte von Heinrich Böll mit den viel zu großen weißen Lilien umhergestakst sind; all die Mütter und Väter, die in einer anderen Nach-Erzählung unserer Geschichte vergeblich versucht hatten, ihre Kinder zu verstecken und verräterisches Spielzeug wegzuschaffen; und die nun weinen und klagen, außer sich vor Schmerz und nicht zu trösten.

All die gelehrten Gedanken über das theologische Konzept des Evangelisten Matthäus beruhigen mich da nicht. Und da muss ich mich gar nicht anstrengen, euch keine Frage zu stellen, auf die ich eine Antwort habe. Denn das verstehe ich selber nicht:

Warum hat der Engel diese Mütter und Väter von Bethlehem nicht auch alle gewarnt? Warum nur den einen, um dessentwillen ihre Söhne getötet wurden? Warum hat dieser Glaubensgründer schon die ersten Märtyrer erzeugt, bevor er überhaupt sprechen konnte? Und dann auch noch unfreiwillige!?

Musste das sein? Vielleicht sogar nur, damit sich irgendwelche Prophezeiungen erfüllen, wie es hier zwischendurch immer wieder heißt: „so sollte in Erfüllung gehen“? Folgt denn die Weltgeschichte dem Drehbuch finsterer Vorhersagen? Sind wir hier bei Nostradamus, oder was?

Andererseits: Wir brauchen Nostradamus ja gar nicht. Es reicht, den Fernseher anzumachen, die Zeitung aufzuschlagen, ins Internet zu gehen. Da sehen wir es schon ganz von alleine: Wie die Herrscher immer wieder die Zukunft zerstören, um ihre Gegenwart zu retten.

Und dann sehen wir: Es weint nicht nur Rahel in Rama, sondern auch Fatima in Sana’a, weil Saudis und Iraner in ihrem Land Jemen darum kämpfen, wer das hellste Licht im Nahen Osten ist, und Fatimas Kind ist eines von 100Tausenden von Kindern, die in diesem Krieg aus Erschöpfung dahinwelken.

Und es weint Juanita aus Guatemala, weil ihre Tochter nach der Flucht in die USA in der Haft an der Grenze gestorben ist.

Und die Liste ließe sich leicht verlängern. Denn es sind viel zu viele Herrscher, die die Zukunft sterben lassen, um ihre Gegenwart zu retten. Ihre eigene kleine Gegenwart. Viel zu viele Herodesse sind da unterwegs.

Und wenn wir es etwas enger fassen, dann sehen wir: Keine Religion ist offensichtlich so gefährlich, wie das Christentum. Denn keine Religion wird so sehr verfolgt.

Und die einen wollen es vernichten und schließen Kirchen und verhaften Gläubige wie in China. Und die anderen verführen es, ziehen ihm den kritischen Zahn und lassen sich ihre Macht religiös verbrämen. So wie es eben jener unsägliche Bolsonaro in Brasilien tut. Oder wie es leider auch immer wieder die orthodoxen Kirchen mit sich machen lassen, wenn sie als Staatskirchen den Nationalismus ihrer Regierungen weihen.

Zähmen oder zerstören – wer das mit dem christlichen Glauben tun will, der hat etwas verstanden. Nämlich dass neben dem, der das Licht der Welt ist, jedes irdische Licht verblasst. Herodes wusste das. Die Herodesse heute wissen das auch.

Und wenn ich über all das so nachdenke und noch mal an meine Fragen vom Anfang denke, warum das denn alles nicht hätte verhindert werden können – dann merke ich: Meine Fragen werden Teil eines viel größeren Bildes. Die Herodesse dieser Welt haben ein viel zu gutes Gespür für die, die ihrer Macht gefährlich werden. Jesus hätte ungefährlich, harmlos sein müssen, um diesen Herodes nicht auf den Plan zu rufen. Aber das ist er eben nicht.

Matthäus erzählt: Es war unvermeidlich, dass sich dieser brutale Widerstand regt, wenn der Friedensfürst kommt. Ja, hier findet regelrecht ein Welten-Kampf statt. Ein Kampf von mythologischen Ausmaßen. So wie wir es auch im Buch der Offenbarung lesen, in seinem 12. Kapitel:

„Darauf sah man am Himmel eine gewaltige Erscheinung. Es war eine Frau, die war mit der Sonne bekleidet, hatte den Mond unter ihren Füßen und trug auf dem Kopf eine Krone von zwölf Sternen. Sie stand kurz vor der Geburt, und die Wehen ließen sie vor Schmerz aufschreien. Dann zeigte sich am Himmel eine andere Erscheinung: ein großer, roter Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern. Jeder Kopf trug eine Krone. Mit seinem Schwanz fegte er ein Drittel der Sterne vom Himmel und schleuderte sie auf die Erde. Er stand vor der Frau, die ihr Kind bekommen sollte, und wollte es verschlingen, sobald des geboren war. Die Frau brachte einen Sohn zur Welt, das alle Völker der Erde mit eisernem Szepter regieren sollte. Das Kind wurde sofort nach der Geburt weggeholt und zum Thron Gottes gebracht. Die Frau aber flüchtete in die Wüste. Dort hatte Gott einen Zufluchtsort vorbereitet, an dem sie zwölfhundertsechzig Tage lang versorgt werden sollte. Dann brach im Himmel ein Krieg aus. Michael kämpfte mit seinen Engeln gegen den Drachen. Der Drache wurde besiegt und auf die Erde hinuntergestürzt. Als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, begann er die Frau zu verfolgen, die den Sohn geboren hatte. Und als auch die gerettet wurde, bekämpfte er ihre übrigen Nachkommen. Das sind die Menschen, die Gottes Gebote befolgen und der Botschaft von Jesus treu bleiben.“

Das ist die Herodes-Geschichte in ihrer himmlischen Dimension. Die schwangere Himmelskönigin, das bedrohte Kind, der Drache, der des Kindes Brüder und Schwestern verfolgt. Die Geburt Jesu ruft die Mächtigen auf den Plan. Sie wollen ihn zerstören, ihn und seine Schwestern und Brüder.

Und wenn das nicht geht, wollen sie sie wenigstens zähmen. Was sich am Ende als noch erfolgreicher erweisen sollte. Denn eine geweihte Macht machte auf viele Menschen noch mehr Eindruck.

Und wir? Ist das nicht alles nur große Politik, hat mit meinem Leben nichts zu tun? Naja. Spätestens, wenn die große Politik es mit meinem Leben zu tun bekommt, werden das alles auch meine Fragen. Oder wenn ich mich von mir aus die große Politik etwas angehen lasse. Was für Haltungen nehme ich dann ein, was für Meinungen vertrete ich dann?

Und wenn es erst einmal nur um mein eigenes Leben geht, mein persönliches? Auch da höre ich aus dem Kindermord des Herodes diese eine Frage: Bin ich, anders als Herodes, bereit, das Licht Jesu heller scheinen zu lassen als mein eigenes? Und was heißt das in den Konflikten und Bedürfnissen meines Lebens?

Was bin ich bereit zu opfern? Die Zukunft der anderen? Oder meine Ansprüche?

Was will ich mehr? Herrschen oder dienen? Auf meine Kosten kommen oder lieben?

Solange wir Jesus erlauben, uns diese Fragen zu stellen, sind wir auf einem guten Weg. Solange wir ihm gegenüberstehen und uns wünschen: Möge dein Licht heller strahlen als meines! Amen.