Wie Menschen Gottes sind in der Welt: souverän und frei, betend und liebend

Liebe Gemeinde,

die Zahlen steigen, die Maßnahmen werden wieder strenger, die mahnenden Worte eindringlicher. Wieder wächst das Gefühl: die normalsten Dinge unseres Lebens werden uns verboten. Die Bereitschaft zur Einschränkung variiert nach Temperament. Manche sagen: Wir wollen doch einfach wieder nur normal leben!

Auf eine gewisse Weise passt die biblische Geschichte, die uns für heute vorgeschlagen ist, ganz gut dazu. Ich lese aus Markus 2:

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen. Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Sieh nur, was sie tun. Das ist am Sabbat verboten.« Er antwortete ihnen: »Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Männer in Not waren und Hunger hatten? Der Oberste Priester war damals Abjatar. David ging in das Haus Gottes und aß von den Broten auf dem Altar. Dabei durften eigentlich nur die Priester davon essen. Aber David gab sogar seinen Männern von den Broten.« Und Jesus sagte zu den Pharisäern: »Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat. Also kann der Menschensohn auch bestimmen, was am Sabbat erlaubt ist.«

Auch so ein nerviger Konflikt also. Da gehen ein paar Leute spazieren und knabbern nebenbei ein paar Körner von den Halmen auf dem Feld – und dann kommen sofort andere und sagen „Stopp, das geht so nicht!“ Ja, was wollt Ihr uns denn noch verbieten! Das geht jetzt auch nicht mehr, oder was?

Und die Sympathien sind ja eindeutig verteilt, denn die Szene könnte unschuldiger nicht sein: eine kleine Gruppe wandernder Menschen, still in Gedanken versunken oder im angeregten Gespräch oder Scherzworte fliegen von einem zum anderen, die Sonne scheint, die Grillen zirpen, sie gehen durch ein Getreidefeld, man hört die Halme rascheln, beiläufig zupfen sie an den Ähren, knabbern Körner.

Eine Idylle. Margarine-Werbung. Bei der Gruppe wäre man auch gerne dabei. So friedlich. So in sich ruhend, einer wie der andere. So selbstverständlich da in der Welt. Irgendwie freundlich und zugleich souverän.

Hier gehen Menschen, die wissen, wo sie hingehören. Was sie tun, machen sie aus sich selbst heraus. Und was sie nicht machen wollen, das machen sie auch nicht. Sie stehen irgendwie drüber. Als Menschen, die nicht Orientierung brauchen, sondern im Zweifelsfall Orientierung geben.

Hier gehen Menschen, die wissen, wer sie sind. Was sie sind. Die das aber nicht wissen und leben, weil sie das Glück gehabt haben, zum Selbstbewusstsein erzogen worden zu sein. Oder sich das ertrotzen.

Sondern hier gehen Menschen, die wissen was sie sind, wer sie sind, weil sie in Jesus Christus ihr Leben gefunden haben. Und so lange sie ihn an ihrer Seite haben, ist alles gut. So lange sie das, was er ihnen gibt, in sich tragen, können sie auf diese Weise durchs Leben gehen.

Erstaunlich, oder? Was man aus dieser beiläufigen Geste des Ährenabreißens alles herauslesen kann?

Naja, ganz nur daraus habe ich es jetzt nicht gelesen. Sondern auch ein bisschen aus dem, was danach noch kommt. Aus dem Gespräch, das da noch kommt, aus dem, was Jesus den Pharisäern antwortet.

Die stehen da nämlich plötzlich wie aus dem Boden gewachsen bei Jesus und haben was zu kritisieren. Und weil es bei ihnen immer auch ums Ganze geht, nämlich wer dieser Jesus glaubt, dass er sei, antwortet Jesus auch mit dem Ganzen, und daraus habe ich dann auch ein bisschen das gezogen, was ich eben über die Margarine-Männer im Getreidefeld gesagt habe.

Wer bin ich, wer bist du, dass wir einander sagen, was zu tun sein soll? Der Konflikt, der sich hier auftut, das ist der zwischen dem souveränen Menschen und den gesellschaftlichen Regeln. Und natürlich dachte ich da gleich an die Maskenverweigerer. Jenen rund 10 Prozent der deutschen Bevölkerung, über die eigentlich viel zu viel geredet wird. Und sowieso: ob sie aus innerer Souveränität heraus die Maske verweigern, sei noch mal dahingestellt.

Über sie reden wir hier also nicht. Sondern über uns. Und zwar über uns als Könige und als Priester, Königinnen und Priesterinnen. Denn das ist, was wir sind, wenn auch vielleicht noch etwas under cover. Und so müssen wir uns die lässig durchs Feld streifende Schar um Jesus vorstellen: als den zukünftigen Herrscher und seine Truppe. Das sagt jedenfalls Jesus mit seiner Antwort.

Denn mit David und seinen Begleitern vergleicht sich Jesus. Aber nicht mit König David. Sondern mit David, als der nach außen hin noch nicht mehr als ein marodierender warlord war und mit seinen Leuten gerade auf der Flucht vor dem amtierenden König. Wie er sich das Recht rausnahm, die heiligen Brote zu essen, die eigentlich nur der Priester essen durfte, einmal in der Woche, wenn die Brote auf dem Altar ausgetauscht wurden.

Das ist die Antwort Jesu also. Er sagt nicht: Ach kommt schon, liebe Pharisäer, es sind doch nur ein paar Körner. Er appelliert nicht einfach an ein bisschen Großzügigkeit, es nicht so eng zu sehen. Und Jesus geht es auch nicht um Toleranz. Er sagt nicht: Lasst sie doch, sie schaden doch keinem.

Sondern er macht ein ganz großes Fass auf. Er sagt: Wenn wir hier Ähren abreißen, um unseren Hunger zu stillen, dann tun wir das in derselben Autorität wie David damals. Und er sagt damit: Ich bin der neue David, und meine Jungs hier haben alle Freiheiten, die David hatte und die ich auch habe. Und wenn wir Hunger haben, dann isst unseresgleichen zur Not eben auch Schaubrote vom Altar oder reißt am Schabbat Ähren ab.

Nun kennt auch das Judentum diese Einschränkung des Sabbatgebotes: Der Sabbat ist für mehr Leben da, nicht weniger. Ist an einem Sabbat sogar Leben gefährdet, schlägt die Lebensrettung jede Sabbatregel. Pikuach nefesch.

Aber so groß war die Not hier ja nicht. Die Jünger wären wohl nicht gestorben vor Sonnenuntergang, dem Ende des Schabbat. Sondern Jesus denkt so, wie Paulus es sich später von ihm abgeguckt hat. Er sagt: Wir legen nicht Regeln aus, sondern wir handeln aus dem, was wir sind. Und das, was wir sind, sind wir deswegen, weil Gott uns dazu gemacht hat. Und das, was er aus uns gemacht hat, das sind Menschen, die so nahe dran sind an Gott wie David es war, und zwar, weil wir dran sind an Jesus.

Und deswegen gehen wir so souverän durchs Leben wie die Jünger, die sich an der Seite Jesu wussten und die aus dem lebten, was er ihnen schenkte. Wie Könige und Priester, Königinnen und Priesterinnen.

Und das heißt: dicht dran an Gott und da für die Menschen. Wie es auch der Wochenspruch sagt: aufmerksam an Gott dranbleiben und Liebe üben. Den Sonntag halten wir nicht ein wie eine Regel, sondern wir feiern ihn wie ein Fest. Und die anderen sechs Tage gehen wir weder ängstlich noch auftrumpfend durch die Welt, sondern betend und liebend, frei und souverän, dienend und demütig, als Menschen Gottes eben.

Amen.