Steh auf und geh!

Liebe Gemeinde,

Aufsteh-Geschichten also haben wir heute viele gehört. Aufsteh-Geschichten aus Simbabwe, vom Weltgebetstag. Aufsteh-Geschichten aus der Bibel, Aufsteh-Geschichten, an den Jesus beteiligt ist. Und schließlich gehen wir gerade auf die eine große Aufsteh-Geschichte zu, so einzigartig, dass man zur Unterscheidung zwei Buchstaben eingefügt hat und es wurde eine Aufersteh-Geschichte.

Und seitdem gilt: Jede einzelne Aufsteh-Geschichte speist sich aus diesem einen Auferstehen. Denn wie der Apostel im Brief an die Epheser schreibt: Dieselbe Kraft, die Jesus hat  auferstehen lassen, die wirkt nun auch in uns.

Ich weiß gar nicht, wusstest du das? Auferstehungskraft in dir? Neues Leben, neu lebendig werden aus der Kraft des Heiligen Geistes, aufstehen, auferstehen, sich aufmachen in der Kraft Gottes, sein Leben führen nach seinem Wesen und Willen – ich meine, schafft Gottes Kraft das in uns? Weil, Deutschland unter Druck, die Müdigkeitsgesellschaft, das sind wir ja auch ein bisschen, oder? Nicht nur jetzt am Ende eines Winters, wenn wir unseren Vitamin-D-Haushalt erst mal wieder auffüllen müssen? Das große Ganze, ja, gut. Aber die große Sehnsucht danach? Reich Gottes – würden wir dafür gerne aufstehen, jeden Morgen?

Ja, gelegentlich gibt es mal einen Impuls. Aber dann dranbleiben, das ist schwer. Und genau so eine Geschichte erzählt uns Johannes in seinem Jesus-Bericht. Das ist auch die Geschichte vom Weltgebetstag am Freitag gewesen. Hören wir noch mal rein in Johannes, ins 5. Kapitel:

Beim Schaftor in Jerusalem gibt es ein Wasserbecken mit fünf Säulenhallen. Auf Hebräisch wird dieser Ort Betesda genannt. In den Hallen lagen viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Menschen mit verkrüppelten Gliedern. Dort war auch ein Mann, der seit 38 Jahren krank war. Jesus sah ihn daliegen und erfuhr, wie lange er schon so lag. Da fragte er ihn: „Willst du gesund werden?“ Der Kranke antwortete ihm: „Herr, ich habe niemanden, der mich ins Becken bringt, wenn das Wasser in Bewegung gerät. Während ich mich noch hinschleppe, ist ein anderer schon hineingestiegen.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Steh auf, nimm deine Matte und geh!“ Sofort wurde der Mann gesund. Er nahm seine Matte und ging. Der Tag, an dem dies geschah, war ein Sabbat.

Ach nee, irgendwas ist immer. Die Heilung geschah am Schabbat. Kaum aufgestanden, auferstanden, klingt das schon wieder nach Knüppel zwischen die Beine. Und richtig, da kommt schon der erste, der dem Ex-Kranken sagt: Heute ist Bettentragen aber verboten.

Aber egal, jetzt wird gelaufen und getragen, denn der, der mich gesundgemacht hat, hat es mir gesagt. Und dem glaube ich jetzt mal mehr als den Stimmen, die sagen, das geht aber nicht. Den Stimmen, die sagen, du bringst hier jetzt aber alles durcheinander, mit deinem Aufstehen. Den Stimmen, die sagen, morgen, ok, aber nicht heute.

Solche Stimmen gibt es. Um mich herum. Unter uns auch? Oft auf jeden Fall in uns. Aufstehen, ok, ah, blöd, geht gerade nicht, weil … Welche Chance geben wir da der einen anderen Stimme?

Wer mich kennt, der weiß ja: So ein übermäßig impulsiver Mensch bin ich ja auch nicht. Vor Begeisterung aufspringen und spontan loslegen mit etwas, an das ich vielleicht sogar eben noch gar nicht gedacht habe? Kommt nicht so oft vor bei mir. Und meistens kann ich zumindest damit ganz gut leben.

Aber manchmal gibt es so kleine Situationen. Da fahre ich irgendwo mit meinem Rad entlang und denke, komm, spring mal schnell in den Laden da rein, du brauchst doch …, dann hast du das gleich erledigt. Aber dann denke ich, ach nee, jetzt nicht, jetzt bin ich woanders hin unterwegs. Und kurz danach denke, du bist so blöd, warum bist du da nicht kurz reingesprungen, das wär so praktisch gewesen!? Zum Umdrehen ist es jetzt aber auch irgendwie zu spät.

Gut, das Beispiel passt vielleicht nicht so gut, weil es da ums Anhalten und Absteigen geht und nicht ums Aufstehen und Losgehen. Aber dann passt es doch, weil es darum geht, dem inneren Impuls zu folgen, der mir sagt: Lass dich bewegen zu dem, was deinem Leben weiterhilft. Stell dir doch mal kurz vor, es wäre Jesus, der dir das gesagt hat.

Und wenn er dir weiterhelfen will, dann meint das bei ihm: Lass zu, dass die Kraft Gottes dich auf den Weg der Nachfolge setzt. Lass zu, dass die Kraft Gottes dich aufrichtet, dass sie dir Kraft und Mut gibt, dein Leben als Kind Gottes zu leben. Wenn du dazu den Anstoß in Dir verspürst, dann steh auf und folge ihm!

Reagiere dann nicht wie der kranke Mann hier. Als Jesus den Rücken durchdrückt, dem Kranken segnend seine Hand entgegenstreckt, seine Stimme erhebt und anfängt zu sprechen: „Steh …“, unterbricht der Kranke ihn und sagt: „Ah, nee, Jesus, danke, das ist nett von dir, aber es geht schon irgendwie, lass gut sein.“ Und Jesus friert konsterniert in Wort und Bewegung ein, das Wasser bewegt sich wieder, und er guckt zu, wie der kranke Mann sich auf alle Viere begibt und mit einem letzten Blick aus dem Augenwinkel hoch zu Jesus in Richtung Teich zu krabbeln beginnt.

OK, kann man auch ein bisschen verstehen. Ich meine, stimmt schon, Jesus hatte ihn gefragt „Willst du gesund werden?“, und der Kranke hatte gesagt: „Ich habe keinen, der mir hilft.“ Ein richtiges „Ja, bitte!“ war das nicht. Kam also auch ein bisschen ungefragt, das Wort Jesu.

Nun ist das nicht, wie die Geschichte verlief. Aber ist das vielleicht, wie die Geschichte manchmal bei uns verläuft? Wissen, was zu tun wäre und auch, dass es wohl gehen würde – es aber trotzdem nicht tun? So wie in dem Lied aus dem Weltgebetstag, das uns die Musiker jetzt singen?

[Vortragslied: Steh auf – So viele Jahre]

Verlangt Gott da doch sehr viel von uns, wie das Lied vermutet? Zu viel, vielleicht? Er weiß doch, wie eingebunden wir sind in unseren Alltag und wieviel Kraft uns der schon kostet! Und hat er nicht gesagt, dass er für diesen Alltag Kraft schenken will und dass wir zu ihm kommen können, wenn wir mühselig und beladen sind?

Ja, stimmt alles. Aber erinnern wir uns: Es geht hier um den kranken Menschen, dem Jesus aufhilft, da wird einem echt geholfen. Ja, könnte man sagen, eben. Wir sind aber nicht krank, sondern nur müde. Aber ist das manchmal so ein großer Unterschied?

Fühlt man sich dann nicht auch wie niedergedrückt, festgehalten, nicht nur eingebunden in tausend Verpflichtungen und Zwänge, sondern regelrecht festgebunden? Einfach gebunden? Und wenn Jesus vor Euch steht, liegt es Euch viel näher zu sagen: Danke, Jesus, ich mach mal weiter wie immer, ich wüsste auch gar nicht mehr, wie es anders gehen sollte?

Ich meine, unser Kranker hier, könnte sein, dass es daran liegt, dass er Jesus nicht kannte; dass er also nicht wusste, wer da mit ihm spricht; könnte daran also liegen, dass diese Frage „Willst du gesund werden?“ nicht gleich alle Lebensgeister weckt, alle Sehnsucht, dass er nicht gleich ausruft „Ja, bitte!“ Sondern für ihn steht da halt so’n Typ und stellt ‘ne komische Frage. Bin ich immerhin so nett und erklär ihm, wieso das hier nicht so einfach ist mit dem Gesundwerden.

Aber wir, wir kennen doch Jesus, oder? Wenn uns so ein Impuls erreicht, so ein Gedanke, hier vielleicht im Gottesdienst, aufstehen, aufbrechen, mit der Nachfolge noch mal anders ernstmachen, vielleicht überhaupt erst mal mich ins Wasserbad der Taufe führen lassen – könnten wir dann nicht anders reagieren? Wir wissen doch, wer da vor uns steht und uns die Hand entgegenstreckt!

Da können wir doch schon so in den Gottesdienst kommen und sagen: Herr, hier ist meine Sehnsucht! Hier ist das, was mich bindet, festbindet, innerlich unfrei macht – bekomme etwas zu tun damit! Mach mich frei, hilf mir aufstehen, hilf mir, dir nachzufolgen!

Und wenn wir nicht schon so in den Gottesdienst kommen, so ist das doch die Frage, mit der Jesus uns hier im Gottesdienst begrüßt: Willst du gesund werden? Das ist die Frage, mit der er uns in jeder Zeit des Gebets und des Bibellesens begrüßt. Immer fragt er uns: Willst du gesund werden? Willst du frei werden?

Vielleicht weiß ich dann ja auch schon gleich etwas, wovon ich gesundwerden möchte. Vielleicht muss ich aber auch erst einmal zurückfragen: Wovon, Herr, meinst du, dass ich gesund werden müsste? Und vielleicht sagt er dann: Von allem, was dich am Boden festhält. Von allem, was in dich selbst verschließt. Von allem, was dich hindert, mir nachzufolgen auf dem Weg der Liebe und der Wahrheit und der Versöhnung.

Fände er da vielleicht etwas bei dir? Unversöhnlichkeit vielleicht? Unehrlichkeit? Misstrauen vielleicht? Lieblosigkeit oder Egoismus? Kränkung? Und weiß ich dann auch immer schon, woran es liegt, und meistens sind es die anderen, ich kann da nichts für?

Ich wünsche uns, dass wir dann mitten hinein in unsere Selbstverteidigung Jesu Wort hören: „Steh auf und geh!“ Und in Jesu Blick die Liebe für uns sehen, die uns glauben hilft. Die uns Jesu Hand ergreifen hilft. Und die Kraft spüren, die uns aufstehen hilft. Amen.