Taufe: Von der Angst in die Freiheit der Kinder Gottes

Liebe Gemeinde, vor allem heute natürlich: liebe Anika, lieber Luca, liebe Jutta, liebe Stefanie,

heute ist es also so weit: Eure Lebenswege haben Euch an dieses Taufbecken geführt. Stellt Euch das doch noch einmal kurz vor: was in Eurem Leben schon hinter Euch liegt, was Ihr schon erlebt habt, welche Menschen bisher wichtig waren in Eurem Leben. Worauf guckt Ihr jetzt gerne zurück? Wofür seid Ihr dankbar? Was bringt Ihr aber auch an Schwerem mit heute? Welche Wunde schmerzt noch? Welche Frage ist offen? Was wünscht Ihr Euch für das Leben nach Eurer Taufe?

Mit welchen Gedanken auch immer Ihr gleich in das Taufbecken steigt: Denkt vor allem auch an Jesus, wie er sich taufen ließ, und als er wieder hochkam, öffnete sich über ihm der Himmel, und der Geist Gottes kam auf ihn wie eine Taube, und eine Stimme aus dem Himmel sagte: „Du bist mein geliebter Sohn!“. Und heute wird er das zu auch Dir, Luca, sagen: „Du bist mein geliebter Sohn!“ Und zu Euch, Anika, Jutta und Stefanie, wird er sagen: „Du bist meine geliebte Tochter!“

Kinder Gottes. In einem der wunderbarsten Kapitel der Bibel, im achten nämlich des Briefes an die Gemeinde in Rom, sagt Paulus es so:

Alle, die sich vom Geist Gottes führen lassen, sind Kinder Gottes. Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht. Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben. Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: „Abba! Vater!“ Und derselbe Geist bestätigt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

Der Geist Gottes. So nennen wir die Erfahrung, dass wir in uns Gott spüren. Dass wir in uns die Freude spüren, die er schenkt. Seine Stimme, die sich in uns bei Entscheidungen meldet. Dass wir getröstet sind von ihm. Und dass wir den Impuls spüren, dieses und jenes zu tun oder auch zu lassen. Gott mischt sich ein in das Gespräch, das immerfort in uns stattfindet.

Das Gespräch der vielen Stimmen, die sich in uns melden. Wenn Angst und Mut in uns diskutieren, Trägheit und Lust zum Aufbruch, Zweifel und Vertrauen. Der Kommunikationsforscher Schulz von Thun nennt das das innere Team. Kinder Gottes wollen, dass Gott da Teamchef wird. Kinder Gottes wollen, dass sich in dieses Gespräch in ihnen auch die Stimme Gottes einmischt. Und sie wollen herausfinden, was er sagt. Und sie wollen, dass ihnen am wichtigsten wird, was er sagt. Und sie wollen tun, was sie dann von ihm hören.

Kinder Gottes wollen aber nicht nur tun, was Gott sagt. Nein, zuerst wollen sie sein, was Gott sagt, dass sie es sind. Kinder Gottes nämlich. Aber wenn man Paulus hier hört, dann scheint das nicht so einfach zu begreifen zu sein. Da scheint es wohl immer wieder mal eine Bestätigung von Gott zu benötigen. „Der Geist Gottes bestätigt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“

Und genaugenommen brauchen wir auch Paulus gar nicht, der uns das sagt. Sondern wir erleben es ja selbst. Dass wir das nicht immer so parat haben, dass wir Gottes Kinder sind. Oder vielleicht mal nur in besonderen Augenblicken. In besonders schönen vielleicht. Aber nicht auf Dauer. Deswegen ist die erste Aufgabe von Gottes Geist in uns, dass er uns das immer wieder bestätigt: Du bist ein Kind Gottes!

Wenn es uns schlecht geht, könnten wir zum Beispiel sagen: Gott sieht mich nicht. Gott hat mich verlassen. Oder er ist meinetwegen noch da, aber nicht mehr für mich da. Ist nicht mehr für mich.

Dann ist es Gottes Wunsch, dass wir hören, wie er sagt: Doch, ich bin noch da. Ich bin auch für dich da. Du bist doch meine Tochter, mein Sohn. Menschen können andere Menschen vielleicht verlassen, im Stich lassen, ihnen sogar schaden. Sogar Eltern können das. Ich aber nicht.

Und wenn wir weiter lesen in diesem wunderbaren achten Kapitel vom Römerbrief (und wirklich, dieses achte Kapitel, das solltet Ihr unbedingt kennen, da steckt fast alles drin), etwas weiter also lesen wir: Wenn du jetzt mein Kind bist und trotzdem an etwas leidest, dann wisse:

Die ganze Schöpfung leidet daran, dass die Welt nicht die ist, die sie sein sollte. Sie soll aber Euch, meine Kinder sehen, wie Ihr davon zwar auch betroffen seid, aber doch voller Hoffnung seid. Eure Hoffnung soll der Welt Mut machen. Und wer weiß, wie wir das zum Beispiel durchzubuchstabieren haben am Ende dieses Wahltages in Brandenburg und Sachsen.

Aber vielleicht zweifelst Du auch daran, dass du wirklich Gottes Kind bist, weil du immer wieder in deine selben Fallen tappst. Immer wieder nicht so lebst, wie du es eigentlich gerne als Gottes Kind möchtest. Sondern dass Schuld, Sünde nicht aufhören, zu deinem Leben zu gehören.

Dann sagt der Geist Gottes deinem Geist, was Paulus am Ende von Kapitel 8 schreibt: all das, was zwischen uns und Gott stand und sich da immer wieder hinstellen will, das hat Christus am Kreuz aus dem Weg geräumt.

Und wenn wir jetzt nicht wissen, ob Gott noch da ist für uns; wenn wir es uns kaum vorstellen können bei dem, wie wir uns jetzt fühlen, dann nimmt Christus uns immer wieder an die Hand hin zu Gott. Oder er tritt zu uns und hebt unseren Kopf, dass wir Gott sehen, wie er uns liebend ansieht. Und noch mal und ganz ohne Ungeduld sagt: Mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter.

Gottes Geist in uns sagt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Einmal. Immer wieder. Und müde wird er das nie. Hören wir da also immer wieder hin. Suchen wir seine Stimme immer wieder unter all den andere Stimmen in uns.

Das ist wie bei Radios früher. Als man noch nicht punktgenau den Sender eingeben konnte, 99 Komma 8. Sondern als man an einem Rädchen drehte und es knackte und rauschte und man nicht genau sicher war: ist das jetzt mein Lieblingsmoderator? Oder noch spannender beim Weltempfänger: was habe ich denn da für einen Sender aus welcher Ecke der Erde? Und ist das jetzt Russisch, Polnisch oder Ukrainisch, was ich da unter vielem Rauschen höre?

Gottes Stimme in uns. Manchmal nicht leicht zu entdecken. Muss man sich ein bisschen einhören. Zum Beispiel durch Bibellesen. Wir nennen die Bibel ja auch Gottes Wort. Oder auch, indem man mit anderen Kindern Gottes spricht. Unseren Schwestern und Brüdern. Da weiß vielleicht jede und jeder auch etwas ganz Eigenes beizutragen.

So wie wenn sich Geschwister über ihre Eltern unterhalten. Und die eine was weiß und der andere sagt: Ach, das wusste ich ja noch gar nicht. Oder sie beide etwas gemeinsam mit dem Vater erlebt haben, aber sie haben es ganz anders empfunden. Und tauschen sich darüber aus. Und beide lernen: So kann man das auch sehen, aha! Gott kennenlernen im Gespräch mit seinen anderen Kindern.

Ihr Lieben und heute vor allem: ihr lieben Täuflinge: Bemüht euch darum, die Stimme Gottes in euch zu erkennen. Bemüht euch, ihn kennenzulernen, um seine Stimme zu erkennen unter den anderen Stimmen in euch. Beten, Bibellesen und das Gespräch mit den anderen Kindern Gottes in der Gemeinde und auch drüber hinaus – das ist alles nicht schwierig. Aber es will getan werden.

Und Paulus sagt auch, warum das so wichtig ist: Nämlich weil es hier darum geht, ein Leben entweder in Angst zu leben oder in Freiheit. In Angst oder in Zuversicht. Er sagt: Ihr sollt nicht mehr in der Angst der Sklaven leben, sondern in der Freiheit und Zuversicht und im Vertrauen der Kinder.

Sklave sein also oder Kind, Sohn, Tochter. Rechtlos oder mit allen Rechten. Arm und verachtet oder geliebt. Fruchtlose Aussichtslosigkeit oder verheißungsvolle Zukunft. Weit weg vom Herzen des Herrn oder nah dran an dem des Vaters. Der Willkür ausgesetzt sein oder Gehör finden mit den eigenen Bedürfnissen. Und so weiter.

Klar, es gibt auch andere Eltern und es gab auch andere Sklavenhalter. Aber Paulus will uns ja etwas ganz deutlich sagen. Und er selber hat es ja auch so erlebt. Sein früheres Leben und dann das als Christ nach seiner Taufe. Und da sagt er: früher war Angst, jetzt ist Freiheit.

Und ich finde, geht es nicht auch heute noch um so etwas? Um die Angst der Sklaven, oder auch andersherum: um die Angst, die versklavt, auf der einen Seite? Und auf der andren Seite um die Freiheit derer, die sich geborgen und in guten Händen wissen?

Geht es nicht zum Beispiel heute an diesem Wahlsonntag in Brandenburg und Sachsen um so etwas? Um die Angst derer, die sich zu kurz gekommen fühlen, sich als Sklaven irgendwelcher globalisierter, elitärer Mächte fühlen?

Oder wie ist es mit der Angst des Mittelstandes vor dem Abstieg? Und jetzt droht auch noch eine Rezession! Wie ist es mit der Angst, nicht mehr dazuzugehören, die uns zu Sklaven macht von dem Wunsch, beliebt zu sein? Anika hat uns was von Mobbing erzählt. Die meisten College-Filme aus den USA gehen darüber.

Die Angst, nicht zu genügen. Überall soll man heute was bewerten. Daumen rauf, Daumen runter. Und bei mir? Die Angst vor dem Altern, vor der Einsamkeit, die mir einredet: Du bist aber auch wirklich ein Niemand!

Dagegen, sagt Paulus, dagegen ist uns der Geist der Freiheit geschenkt. Und warum ist der Geist Gottes der Geist der Freiheit? Der Geist Gottes ist der Geist der Freiheit, weil er meinem Geist sagt, meinen Ängsten sagt: Du bist mein Kind. Du bist mein Sohn. Du bist meine Tochter. Du gehörst zu mir. All die Mächte und Gedanken, sagt Gott, die dich versklaven wollen, die haben kein Recht mehr auf dich. Denn du gehörst jetzt zu mir.

Und wenn du dich heute taufen lässt, sagt Gott, dann rufe ich das noch mal in die sichtbare und unsichtbare Welt hinein: Die gehört zu mir! Der gehört zu mir! Und wenn es für dich eng wird und du Angst bekommst, dann erinnere dich an deine Taufe. An seiner Seite wartet auf uns die Freiheit. Die Freiheit der Kinder Gottes. Amen.