Überfluss ohne bitteren Nachgeschmack (Taufe)

Liebe Roya, liebe Gemeinde,

welche Wege Gott mit uns geht, bis wir bei ihm ankommen, das ist manchmal schon erstaunlich, oder? Wenn wir das sagen, meinen wir das meistens bildlich. Dann sprechen wir von inneren Wegen. Wo wir sonst so unser Glück gesucht haben, bis wir es bei Gott gefunden haben.

Und manchmal sagen wir dann eben: Gott hat mich auf dem ganzen Weg begleitet. Er hat mich die ganze Zeit nicht aus den Augen verloren. Er war immer um mich.

Manchmal stimmt das zusätzlich auch noch im realen Leben. In Royas Leben, zum Beispiel. Vom Iran nach Deutschland. Ein langer Weg. Ein langer Weg zum Taufbecken.

Von Masjedsoleiman im Südwesten des Iran, am Rande der riesigen Ölfelder im Grenzgebiet von Iran und Irak, wo Euphrat und Tigris sich vereinen und als Arwandrud in den Persischen Golf münden, nach Steglitz-Zehlendorf, im Südwesten Berlins, am Rande des waldreichen Seengebietes, wo die Havel in den Großen Wannsee mündet.

Reiche Gegenden dort und hier. Und doch können sie einen hungrig und durstig zurücklassen. Da leidet die Seele Mangel.

Und vielleicht lassen gerade ja gerade die reichen Gegenden hungrig und durstig zurück, jedenfalls wenn man dem Wüstenvater Evagrios aus dem 4. Jahrhundert folgt, der sagt: „Die Sattheit begehrt mannigfaltige Speisen, der Hunger aber hält selbst die Sättigung an Brot für eine Seligkeit.“ Satt macht also nicht notwendigerweise zufrieden, sondern manchmal auch unersättlich.

Oder um es mit Royas Beruf sagen, dem der Buchhalterin: Da stimmt die Bilanz nie.

Von so etwas spricht auch Jesus. Davon, dass die Seele hungrig bleibt. Und wo viele Menschen danach streben, dieses und jenes zu haben, und die Seele leidet doch Mangel, da sagt er:

Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und das im Überfluss.

Liebe Gemeinde, Roya Salehi kommt aus einer Stadt, die vor etwas mehr als hundert Jahren gegründet wurde. Masjedsoleiman wurde gegründet, als man dort auf eine Quelle gestoßen ist. Auf eine Ölquelle. 1908 war das. Dieses Jahr und diese Quelle markieren den Anfang der Erdölgewinnung im Nahen und Mittleren Osten. Da sprudelte plötzlich etwas im Überfluss und wurde zur großen Verheißung.

Wir wissen inzwischen, wie zwiespältig dieser Fund im Laufe der Geschichte wurde. Er hat Reichtum gebracht, Einnahmen, mit denen auch viel Gutes geschaffen wurde. Man hat aber auch furchtbare Kriege um diese Entdeckung geführt. Man wollte sich im Reichtum übertrumpfen und gönnte ihn den anderen nicht. Denn dieser Reichtum bedeutete Macht.

Und jetzt zum Ende hin gestehen wir uns außerdem immer mehr ein, was für Schäden dieser Stoff, der unter der Erde gefunden wird, auch anrichtet, wenn er auf die Erde geholt wird.

Für den Überfluss, den das Öl verspricht, zahlt das Leben einen hohen Preis. Und es steht damit auch für manches andere in unserer Welt. Zum Beispiel falls es wirklich stimmt, dass die vielen Partys in unserer Stadt für die hohen Infektionszahlen in Berlin verantwortlich sind. Gute Laune im Überfluss, aber was für ein Mangel entsteht dadurch anderswo?

Jesus sagt: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben, und das im Überfluss.“ Aber diese Quelle sprudelt ganz ohne, dass da etwas zwiespältig wird.

Was Jesus uns schenkt, ist Leben und dient dem Leben. Und er schenkt so reichlich, dass wir davon überfließen in die Welt hinein. Was Jesus uns schenkt, dient nicht nur unserem Leben, sondern dem Leben der ganzen Welt.

Roya hat das erlebt. Bei einer Nachbarin in ihrer Heimat. Als Roya ein erstes Mal ins Krankenhaus musste, hat diese Nachbarin sich um sie gekümmert. Und sie tat das im Namen Jesu. Denn sie war Christin. Und sie tat das auf eine Weise, die der Patientin Christus nahebrachte. Die hatte also so ein Leben, das überfloss, eine Liebe, die hinüberfloss zu ihr.

Allerdings, ein Missverständnis gibt es hier, über das wir noch reden müssen: dass in einem Leben mit Jesus ein Überfluss herrscht an Dingen, die ich mir so wünschen würde. Und das ist jetzt doch auch ein wenig heikel, das so von hier vorne zu sagen. Vor allem als einer, der den Eindruck macht, es gibt eigentlich nicht viel, was ihn einschränkt.

Dann zu sagen: Das Leben im Überfluss, das Jesus uns schenkt, liegt nicht darin, dass man alles kann, alles darf, alles hat – da klingt man vielleicht auch unglaubwürdig, vor allem, wenn man das als einer sagt, der den zumindest den Eindruck macht, er muss unter gar keinen Einschränkungen leiden. „Du weißt ja gar nicht, wovon du redest! Hast du Heimat und Familie zurückgelassen, bist lebensbedrohlich krank und weißt nicht, ob du bleiben kannst, wo du bist?“

Ja, das stimmt für viele von uns. Auch wenn viele von uns trotzdem auch wenigstens eine Ahnung von all dem bekommen haben durch ihre eigenen Erfahrungen. Vor allem aber: Wir geben nur weiter, was Jesus uns allen gesagt hat. Und was wir vielleicht auch hier und da selber schon erlebt haben.

Und da geben wir eben weiter, wozu Jesus einlädt: dass wir ihn unser Leben sein lassen; dass wir das unser Glück sein lassen, dass Jesus bei uns ist, in uns ist; dass wir wegen ihm Freude im Bauch haben und Dankbarkeit im Kopf und deswegen Liebe im Herzen. Liebe, die ihn zurückliebt. Und Liebe, die hinausfließt in unsere Welt;

dass wir Freude und Dankbarkeit und Liebe im Überfluss haben, auch wenn sonst an vielem Mangel herrscht. Weil er der Grund für dieses Leben in uns ist. Und weil er bleibt, auch wenn uns sonst alles genommen wird. Er bleibt. Amen.