Unser Geliebter komme in seinen Garten! (Israel-Gottesdienst)

Liebe Gemeinde,

der Shalom-Chor wendet sich der Liebe zu. Zwei Stücke in unserem Gottesdienst heute kreisen um dieses Thema. Eben haben wir die Vertonung eines Verses aus dem biblischen Hohelied gehört. Dem Liebeslied schlechthin, und das in der Bibel! Und gleich wird der Chor ein Hochzeitslied singen. Aber wer heiratet denn da?

Ja, das ist die Frage. Im Hohenlied, was geschieht denn da? Darüber wollen wir jetzt noch ein wenig nachdenken. Das Hohelied: Ein Mann und eine Frau sind fasziniert voneinander. Sie suchen einander, sie locken einander. Sie kommen zueinander und sie fliehen, sie finden sich und sie verlieren sich. Und Wächter gibt es, die sie voneinander fernhalten wollen. Hochdramatisch das alles. Und, ja, immer wieder auch hocherotisch.

Aber um wen geht es da denn jetzt? Und geht es überhaupt um irgendwen bestimmten? Jahrhundertelang war man sich im Großen und Ganzen einig. Klar, es geht da alles sehr irdisch zu. Aber nun hat man den Text nicht in einer Gaststätte oder in einem Bändchen mit antiker Lyrik gefunden, sondern in der Bibel. Bedeutet das nicht was?

Und die längste Zeit war deswegen klar: Das hier hat auch etwas mit Gott und dem Menschen zu tun. Und wenn im ganzen Hohelied Gott nicht vorkommt, spricht das eher dafür als dagegen. So kann alles Bild bleiben. Poesie.

Immer wieder wird ja in der hebräischen Bibel das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk mit dem von Mann und Frau verglichen und als eine Liebesbeziehung beschrieben. Und wenn der erste Johannesbrief im Neuen Testament ganz schlicht sagt: „Gott ist Liebe“, dann heißt das: Gott liebt und er wünscht sich, zurückgeliebt zu werden.

In der jüdischen Liturgie, so haben wir am Mittwoch von Assaf Levitin gelernt, wird das Hohelied, das schir schirim, das Lied der Lieder immer und immer wieder vorgelesen, ganz, alle acht Kapitel. Und auch die christliche Theologie konnte lange dem Urteil von Rabbi Akiva zustimmen: „Die Bibel ist ein Heiligtum, und das Hohelied ist das Heiligtum im Heiligtum.“ Wer sich erfüllen und durchdringen lassen wollte von Gottes Liebe und selber lernen wollte, Gott zu lieben, der griff jahrhundertelang zuerst zum Hohelied.

Aber dann kam die Aufklärung. Und zumindest auf christlicher Seite betrieb sie die Austreibung Gottes aus dem Hohelied. Nicht zuletzt meinte sie: nur so wird das Buch aus der Verklemmtheit der Kirche befreit, die ja eh immer nur alles Fleischliche wegdeuten will. Nein, sagten sie, das Hohelied feiert die fleischliche Liebe und sonst gar nichts, alles andere ist verschämtes Hineingeheimnissen durch rigide Moralapostel.

Nun ja. Vielleicht wäre es ja an der Zeit, wieder zusammenzuführen, was zusammengehört, Gottesliebe und Menschenliebe? Zum Wohle beider Seiten? Dass die menschliche Liebe wieder aufgehoben sein darf in der Liebe zwischen Gott und Mensch? Damit nicht die menschliche Liebe alles Glück auf Erden liefern muss, womit sie ständig überfordert ist? Und damit die geistliche Liebe nicht blutleer wird, nur im Kopf gewusst, aber nicht im Bauch gefühlt und deswegen keine Kraft, aus der Leben entsteht?

Und nein, das Hohelied auch geistlich zu verstehen, bedeutet keine religiöse Abwertung der menschlichen Liebe. Ganz im Gegenteil: Wer die Liebe zwischen Gott und Mensch so menschlich beschreibt und dann auch noch so oft im Gottesdienst singt, der ehrt dadurch die menschliche Liebe auf die wunderbarste Weise.

Assaf, und Deine Frage von Mittwoch wollen wir heute noch mal hören: Wenn wir dieses wunderbare Büchlein in der hebräischen Bibel finden, und wenn es in den jüdischen Feiern immer und immer wieder laut vorgetragen wird – wie kann der christliche Glaube da von sich behaupten, er sei die Religion der Liebe und der jüdische Glaube sei es nicht?

Einen Vers aus dem Hohenlied habt Ihr uns eben gesungen, ihn wollen wir jetzt noch ein wenig meditieren. Da ruft die Frau:

Erwache, Nordwind, und komme, Südwind! Durchwehe meinen Garten, so dass sich seine Balsamdüfte verströmen. Mein Geliebter komme in seinen Garten, und er esse von seinen köstlichen Früchten!

Meditieren heißt schauen. Was sehen wir vor uns? Wir sehen vor uns die Frau, wie sie in ihrem Garten steht. Sie kennt ihren Garten. Sie weiß, was da wächst, was da blüht, was da duftet. Aber es duftet ihr noch nicht stark genug. Vor allem vom Duft des Balsams hätte sie gerne, dass er den ganzen Garten erfülle. Wie Balsam duftet? Ein Dichter dichtet: „Nie gefühlte Frühlingsluft weht mich an mit Balsamduft.“ Nach einem langen Winter ist das Balsam für die Seele.

Nach diesem Balsamduft, wünscht sich die Frau, soll ihr Garten duften. Deswegen ruft sie die Winde an, die aus dem Norden und die aus Süden. Hiob denkt sich die Winde in Kammern, aus denen sie herausgerufen werden. Werden die Winde gehorchen? Werden sie kommen und tun, was die Frau sich wünscht? Den Duft verbreiten? Hat die Frau dazu die Macht oder hat sie nur den Wunsch?

Sie wünscht sich also, dass der Wind in ihren Garten fahre und dann wünscht sie sich, dass ihr Geliebter in ihren Garten komme. Aber nein, das stimmt ja nicht: Nicht in ihren Garten soll er kommen. „Mein Geliebter komme in seinen Garten“, sagt sie – ihm also gehört der Garten. Ihm gehören auch die Früchte, die er da findet und von denen zu essen sie ihn einlädt.

Sie lädt ihn ein in seinen Garten? Kann er nicht in seinen Garten kommen, wann er will? Kann er nicht von seinen Früchten essen, wann er will?

Oder kann er es, tut es aber nicht? Hat sie den Garten von ihm bekommen, und das respektiert er nun? Und wartet, bis er eingeladen wird? Und sie? Sie weiß, dieser wunderbare Garten gehört nicht mir, sondern ihm. Ich habe ihn von ihm bekommen, er hat ihn mir gegeben, und nun respektiert er die Grenze des Gartens. Und kommt nur, wenn er gebeten wird.

Und sie, sie ist nicht die Mieterin, die mürrisch mal den Eigentümer reinlässt. „Na gut, ist ja schließlich sein Garten, und solange es nicht so oft vorkommt.“ Nein, sondern sie liebt den Eigentümer des Gartens, der ihr den Garten gegeben hat und der nun zu warten weiß, bis er gebeten wird. Und das ist nun so weit, jetzt will sie ihn einladen. Dazu soll der Garten den schönsten Duft verströmen. Und sie freut sich darauf, ihn von dem kosten zu lassen, was er selber dort in dem Garten angelegt hat.

Und wenn wir das so hören, dann ahnen wir schon: Sie beschreibt sich selbst als diesen Garten. Sie selbst möge ihr Geliebter genießen. Sie, die über sich sagt: Ich gehöre ganz ihm. Und mein größtes Glück ist, wenn er mich genießt.

Hingabe. Nicht vom anderen etwas haben wollen, Erfüllung, Glück, oder wenigstens guten Sex. Sondern: Ich will mich dir schenken, ich will gut für dich sein, weil ich dich liebe. Ja, das Hohelied kennt auch das Begehren. Aber nie ohne Hingabe. Immer gut zu lesen, wenn unsere Beziehungen zu sehr von dem Wunsch zu bekommen geprägt sind und zu sehr von der Angst zu verlieren.

Und wenn wir das so hören, was die Frau hier singt – wie sie den Garten beschreibt, der dem Geliebten gehört, und in dem sie dem Geliebten das schenken und genießen lassen möchte, was ihm gehört, und wie sie eigentlich sagt: Ich gehöre ihm, und mein Genuss sei es, dass ich sein Genuss bin – wenn wir das so hören und es in der Bibel lesen, können wir uns das dann nicht auch als ein geistliches, ein religiöses, ein spirituelles Lied vorstellen?

Und wenn nicht, warum eigentlich nicht? Gott ist Liebe, sagt der 1. Johannesbrief. „Ich habe dich immer geliebt. Ich bin dir treu wie am ersten Tag, Israel, meine Geliebte“, richtet Jeremia seinem Volk von Gott aus.

Können wir also sagen: Das ist das gemeinsame Zeugnis von Juden und Christen in dieser Welt: dass Gott nichts lieber möchte, als mit seinen geliebten Menschen zusammenzusein? Und dass wir das gemeinsam sagen können, ganz unabhängig davon, was wir von Jesus halten? Dass Gott nichts lieber möchte, als mit seinen geliebten Menschen zusammenzusein?

Und wie höflich ist unser Gott dabei. Er wartet, bis er eingeladen wird in das, was doch ihm gehört. Er wartet, bis wir bereit sind. Und wenn wir in ihm nicht nur den Vermieter sehen, sondern den Geliebten, dann ahnen wir auch, wie er da draußen steht vor uns, seinem Garten: nicht gelangweilt oder genervt, sondern voller Sehnsucht. Voller Sehnsucht nach uns. Voller Sehnsucht danach, mit uns zusammenzusein.

Kann ich mich selber so sehen? Als einen Menschen, nach dem Gott Sehnsucht hat? Was macht das mit mir? Was macht das mit dir? Mal vorausgesetzt, Gott ist auch meinerseits mir nicht ganz unsympathisch. Mal vorausgesetzt, ich würde mir das auch wünschen, Gott nahe zu sein. Und dann höre ich: dieser Gott hat Sehnsucht nach mir?

Ich glaube, ich würde mir auch wünschen, dass der Balsam duftet. Ich glaube, ich würde mir auch wünschen, dass der Nordwind und der Südwind kommen und Gott zeigen: Herr, hier bin ich, ich würde mich so freuen, wenn du bei mir wärst.

Ist das etwas, was Du Dir auch vorstellen könntest zu fühlen und zu sagen? Gott gegenüber zu fühlen und es ihm zu sagen? Jetzt? Oder: Wir Christen feiern am nächsten Sonntag Ewigkeitssonntag. Könntest Du Dir vorstellen, mit solch einem Gefühl und solch einem Wunsch Gott gegenüber zu sterben? In eine solche Vereinigung mit ihm hinein?

Und noch mal weiter gedacht: Kannst Du nicht nur Dich so sehen, sondern auch die anderen Menschen? Als Menschen, mit denen Gott unbedingt zusammensein will? Als Menschen, nach denen er sich sehnt? Vor deren Garten er steht und sehnsuchtsvoll wartet, dass sie ihn einlassen?

Was würde das verändern an der Art, wie wir in dieser Welt sind? Was würde das verändern im Blick auf die Menschen, die mir das Leben schwermachen? Oder im Blick auf die Menschen, auf die ich bisher gar nicht geachtet habe, an denen ich vorbeigelebt habe? Was könnte von uns ausgehen in unsere Welt hinein?

Am Freitagabend, bei unserem Podiumsgespräch über den Populismus, sagten wir unter anderem: Wir beklagen immer so viel das, was ja auch wirklich beklagenswert ist in dieser Welt und wogegen man nur sein kann. Aber was ist eigentlich das, was uns begeistert und wofür wir sind? Was ist das, was wir wünschen, dass die Welt sich dahin bewegen möge?

Ist das vielleicht etwas, wofür wir, Juden und Christen, uns gemeinsam begeistern können, etwas, das wir gemeinsam verkünden und leben: den Gott, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit seinen geliebten Menschen zusammenzusein? Seine Liebe zu den Menschen, die Gott so liebt?

Weil wir begeistert sind von dem Gedanken, unsere Welt könnte einmal sagen:

Unser Geliebter komme in seinen Garten, und er esse von seinen köstlichen Früchten!

Amen.