Unterm Kreuz ist Frieden (Karfreitag)

Liebe Gemeinde,

dass Jesus gestorben ist und wie er gestorben ist, das berührt die, die Christus lieben: die Frauen unter dem Kreuz, die Jünger, uns. Was dieser Tod zu bedeuten hat, warum und wozu, darüber hat die Gemeinde außerdem seitdem nachgedacht. Und sie wird es wohl auch weiterhin tun. Denn so furchtbar ist dieses Geschehen, dass jede Zeit und jeder Christ, jede Christin einen eigenen Weg finden muss, damit umzugehen.

War Jesus vielleicht einfach ein Märtyrer? Ein Opfer für Schuld? Die Tür ins ewige Leben? Oder was sonst? Kein Rätsel, das man löst, ist das. Sondern ein Geheimnis, das man umkreist, erkundet.

Manche steigen irgendwann aus und sagen: Das ist doch alles Unfug. Und einen Gott, der so etwas gewollt haben sollte, an den kann ich nicht glauben.

Andere gehen da wieder anders ran. Sie sagen: Seitdem ich Christ bin, Christin bin, hat sich etwas verändert. Und so etwas wie diese Gemeinde habe ich auch noch nicht erlebt. Hat das vielleicht etwas mit dem Kreuz zu tun? Wo das doch irgendwie im Mittelpunkt dieses Glaubens steht?

So machen es auch die im biblischen Ephesus. Sie fragen sich: dass wir hier so friedlich zusammenleben in der Gemeinde, wo man sich da draußen nur noch anfeindet, hat das vielleicht auch etwas mit dem Kreuz zu tun? Und um es vorwegzunehmen: Ja, sagen sie, dass hier Frieden herrscht unter denen, die sich da draußen nicht ausstehen können, das haben wir Christus zu verdanken. Und wer weiß, was aus dieser Welt werden könnte, wenn noch mehr Menschen sich unter dem Kreuz versammelten.

Aber wie hängt das zusammen, das Kreuz und der Frieden? In Ephesus bekennen sie (und ich lese aus dem Epheserbrief, dem 2. Kapitel):

Christus ist unser Friede, er, der aus den beiden, Griechen und Juden, eins eingemacht hat. Er hat die die Mauer niedergerissen, die sie trennte. Er hat die Feindschaft zwischen ihnen beseitigt, indem er seinen Leib hingab. Das Gesetz mitsamt seinen Geboten und Vorschriften hat er aufgehoben. So hat er aus den beiden einen neuen Menschen geschaffen und Frieden gestiftet. Durch das Kreuz hat er die beiden in einen Leib hinein mit Gott versöhnt. So hat er durch seinen eigenen Tod die Feindschaft getötet.

Christus ist unser Friede. Was für ein Bekenntnis! Ein Ausleger schreibt: „Alles, was Menschen an Friedenshoffnungen und Friedensvorstellungen in sich tragen, wird in Christus konkret. Und das ist hier keine abstrakte Theorie. Das sind konkrete Erfahrungen.“

So konkret, dass sie es hier ganz körperlich beschreiben. Zweimal sprechen sie von Christi Leib. Und einmal meinen sie tatsächlich seinen eigenen Körper, ganz physisch, und das heißt: sie meinen Jesus selbst. Und einmal meinen sie die Gemeinde, die auf geistliche Weise sein Leib ist, seine Präsenz in dieser Welt. Und einmal ist Christi Leib die Friedensgabe. Und dann ist es Christi Leib, der Ort des Friedens.

Die Gemeinde staunt, was aus dem Tod Jesu geworden ist. Und wir sind eingeladen mitzustaunen. Und zwar zuerst über:

I Christi Leib, die Friedensgabe

Christus ist unser Friede. Das meint zunächst einmal: „Mein Friede ist er. Ist er deiner auch?“ „Ja, mein Friede ist er auch.“ So lassen zwei ihre Angst hinter sich und können anfangen, aufeinander zuzugehen. Denn das braucht der Frieden zu allererst: einen Raum ohne Angst. Einen angstfreien Raum, der wächst. Der in mir wächst. Der sich aus mir heraus weitet. Denn in mir zuerst will die Angst überwunden sein. Die Angst vor dem anderen, ja. Aber die ist ja zuerst die Angst um mich selbst. Nämlich: Was wird aus mir, wenn ich dem anderen, der anderen begegne? So bleibe ich oft eingesperrt in meiner Angst.

Christus ist unser Friede. Und das wurde er, so lesen wir hier, Indem er seinen Leib hingab. So hat er das Gesetz, heißt es hier, mitsamt seinen Geboten und Vorschriften aufgehoben. Dadurch hat er die Angst in uns überwunden. Die Angst, nicht mehr zu stimmen. Christi Leib, die Friedensgabe.

Was das damals zu bedeuten hatte, das können wir leicht verstehen. Um Juden und Griechen ging es damals. Und Juden und Griechen, das war ein schwieriges Verhältnis. Die Griechen warfen den Juden Menschenfeindlichkeit vor. Weil die sich partout nicht mischen wollten. Sie hatten sich Regeln gegeben, die sie unbedingt einhalten mussten. Aus Angst, sich selber untreu zu werden, sich zu verlieren im Einerlei der globalisierten hellenistischen Gesellschaft.

Ein altes junges Thema. Der Vorwurf, anders zu sein. Der Trotz, vom Eigenen selber aber auch nicht abrücken zu wollen. Diesseits wie jenseits des Zaunes. Die Angst, dass der andere mich auf seine Seite zerrt, wenn ich ihm die Hand reiche. Oder rüberspringt und mir meinen Garten wegnimmt.

Christus aber hat diesen Zaun abgerissen. Und wie passierte das? Wie überwand Jesus die Angst in mir, die Angst davor, was aus mir wird? Wir lesen hier: Indem er seinen Leib hingab, hat er das Gesetz aufgehoben. Das Gesetz: die Regeln also nach denen ich lebe. Die Regeln, auf die ich meine nicht verzichten zu können. Weil sie aus mir den machen, der ich meine sein zu wollen. Sein zu sollen? Werden zu müssen? Das Bild, das ich von mir haben will, das ich erstrebe? Das Image am Ende nur?

Und das Kreuz? Für mich heißt das: Als Christus am Kreuz hing, da hat er das denkbar schlechteste Bild abgegeben. Er ist an allem gescheitert, was man für schön und wahr und gut und richtig halten kann. Und Gott hat dennoch Ja zu ihm gesagt. Nichts kann nun Gottes Ja im Wege stehen. Zu niemandem. Die höchste Instanz steht zu uns und spricht uns frei. Befreit uns von dem, womit wir uns in uns selber einsperren mit all unseren unverzichtbaren Vorstellungen und Regeln. Uns zusammen mit den Gleichgesinnten einsperren in den Blasen, wie Science-Fiction-Siedlungen in unbewohnbaren Gegenden.

So sperren wir uns selber weg. Vor denen, die nicht zu denen gehören, zu denen ich gehöre. Und manchmal auch vor denen, die doch eigentlich zu mir gehören, denn auch innerhalb unserer Blase haben wir Angst voreinander, wenn wir selber mal nicht so passen. Sich eine Blöße geben ist gefährlich.

Christus hat am Kreuz alles aufgegeben, womit er hätte punkten können. Schlechter kann man nicht dastehen. Und Gott hat Ja zu ihm gesagt. Das Kreuz sagt: Nichts ist so wichtig wie dass Gott Ja zu mir sagt. Wer mit Christus lebt, darf dieses Ja hören. Und ist eingeladen, von der Angst zu lassen. Und die Freiheit zu betreten. Christus zu erlauben, den Zaun der Angst und der Feindschaft abzureißen. Diesen Zaun, der uns vielleicht mehr eingesperrt, als dass er uns schützt.

Wie wäre das, wenn wir das einmal durchbuchstabieren würden? Christus ist unser Friede. Denn er hat uns die Angst genommen. Die Angst, nicht bestehen zu können. Im doppelten Sinne: fortzubestehen und gegenüber dem Urteil zu bestehen. So sind wir frei geworden. Freier auf jeden Fall. Und bereiter, Zäune abzutragen. Zögerlich vielleicht erst noch. Aber dann immer mutiger.

Und wie könnte das aussehen? Wo wäre das nötig? Wir hören dazu ein paar Beispiele. Wir haben versucht, uns hineinzudenken in die unterschiedlichsten Positionen in unserer Gesellschaft. Unsere Sprecher schlüpfen in die Rollen.

In die Konflikte, die sie beschreiben, stellen wir uns dann als Gemeinde und bekennen immer wieder mit den Worten aus Epheser 2: „Christus ist unser Friede, er hat den Zaun der Feindschaft abgebrochen und aus beiden eines gemacht.“

[Lesungen: Konflikte in unserer Gesellschaft und unser Bekenntnis]

II Christi Leib, Ort des Friedens

„Christus ist unser Friede, er hat den Zaun der Feindschaft abgebrochen und aus beiden eines gemacht.“ Und der Epheserbrief sagt weiter: „So hat er aus den beiden einen neuen Menschen geschaffen und Frieden gestiftet. Durch das Kreuz hat er die beiden in einen Leib hinein mit Gott versöhnt. So hat er durch seinen eigenen Tod die Feindschaft getötet.“

Christus hat die Feindschaft getötet. Haben wir da jetzt gerade etwas Ähnliches erlebt, als am Montag Notre Dame brannte?

Als Jesus am Kreuz starb, da lesen wir auch von Verbrüderungen. Brave Bürger, Repräsentanten der Ordnung und Verbrecher vereinten sich in der Schmähung dessen, der da am Kreuz starb. Die Anhänger Jesu standen abseits und trauten sich nicht, da in der Nähe zu sein.

Als am Montag Notre Dame brannte, geschah gewissermaßen das Gegenteil: Menschen egal welchen Glaubens oder ob überhaupt mit einem standen um die sterbende Kirche herum und vereinten sich in Betroffenheit und Trauer. Und die hasserfüllten Spalter mochten da nicht dabei sein, sondern zogen sich ins Dunkel zurück und kübelten ihre Schmähungen und Verdächtigungen über ihre digitalen Endgeräte ins Netz.

Und seitdem wird viel diskutiert, was uns da so vereint hat in unserem Schrecken und in unserer Trauer. Paris als Sehnsuchtsort? Das Gefühl, dass da etwas in Flammen aufgeht, von dem wir gedacht hatten, es stünde da als ewige Gegenwart, der Zeit entnommen, ein sicherer Hafen der Beständigkeit, wo sich sonst alles immer wandelt, bei mir und in der Welt? 800 Jahre! Eine tiefe gemeinsame kulturelle Prägung der westlichen Welt? Gar etwas Spirituelles? Christus gar, unser Friede?

Aber das wäre dann wohl doch etwas zu weit gegriffen. Auf jeden Fall müsste man aber mal abwarten, wie sehr all diese unterschiedlichen Menschen über die langen Jahre des Wiederaufbaus beieinander bleiben.

Aber, wie gesagt: vergleichbar ist das vermutlich eh nicht. Und zwar weil das mit Jesus eine ganz andere Dimension hat. Er starb. Und nahm mit ins Grab alles was uns trennte. Und als er dann auferweckt wurde, wurde er zum ersten einer ganz neuen Schöpfung. So sagt Paulus. Und wer mit ihm stirbt und aufersteht, ist auch eine neue Schöpfung und gehört zu einer neuen Welt. Zur Auferstehungswelt.

Eine andere Art von Leben. Eine neue Existenzform. Da ging nicht einfach etwas weiter. Jesus war nicht einfach wieder da. Sondern da wurde etwas neu geschaffen. Geschaffen. Schöpfung. Etwas, was noch nie auf dieser Welt war. Auferstehungsleben. Aus dem Tod des alten Lebens. Auch in uns, die wir uns in der Taufe Jesus angeschlossen haben. Ihm nachgehen auf dem Weg durch Tod und Auferstehung.

Aus der alten Schöpfung in die neue. Neulich hörten wir hier aus Haydns Schöpfung: „Und eine neue Welt entsteht durch Gottes Wort.“ Es hätte das auch ein Auferstehung-Oratorium sein können. „Christus“, heißt es im Kolosserbrief, „ist durch seine Auferstehung der Erstgeborene dieser neuen Ewigkeits-Schöpfung.“

Deswegen finden wir uns, wenn wir aus dem Taufbecken wieder herauskommen, auch mitten in der Gemeinde wieder. Denn, so heißt es hier: „So hat Christus aus allen einen neuen Menschen geschaffen und Frieden gestiftet.“

Ihr Lieben, als die Menschen um die brennende Kathedrale standen, hat sie der Schmerz um diesen Verlust geeint. Wenn sich die Christenheit um den sterbenden Christus vereint, dann ist da auch Schmerz und Trauer, ja. Aber zugleich spüren wir: Sein Weg in diesen schändlichen Tod nimmt alles mit ins Grab, worauf wir meinten nicht verzichten zu können und was uns voneinander trennte. Und stattdessen fängt Er an, in uns zu wachsen. Und deswegen bleiben wir zusammen.

Möge die Welt uns so sehen und Hoffnung schöpfen. Und sich vielleicht sogar zu uns stellen, um sein Kreuz herum. Auf dass Friede werde. Amen.