Vaterlose Gesellschaft – Jesu

Liebe Gemeinde,

Männer haben ein Problem. Von Vollzeitvätern haben wir eben gehört. Und wie sie ihre Lebensform zu begründen versuchen. Frauen haben auch ein Problem. Auch sie müssen begründen, warum sie leben, wie sie leben. Aber bleiben wir mal einen Augenblick bei den Männern.

Wer sie in den Augen der Gesellschaft sein sollen, das ist mächtig in Bewegung geraten. Und da liegt es auch an der Art, wie ich so gestrickt bin, ob ich da die neuen Möglichkeiten sehe, oder ob ich vor allem verunsichert bin. Und bin ich verunsichert, liegt es wieder an der Art, wie ich so gestrickt bin, ob ich jetzt depressiv werde oder aggressiv.

Und dann haben Männer nicht nur ein Problem, dann sind sie manchmal auch ein Problem. Für die Gemeinschaft, in der sie eigentlich ihre Verantwortung übernehmen sollten.

Um diese Gemeinschaft geht es in der Geschichte aus dem Markus-Evangelium, die zu bedenken uns heute vorgeschlagen ist. Und es geht in dieser Geschichte um Männer. Nicht nur, ok. Aber auch. Ich lese aus Markus 3. Der Mann Jesus, Sohn vor allem seines himmlischen Vaters, gewinnt immer mehr Anhänger. Manchen macht das Sorge. Nach wieder mal einer solchen Situation, erzählt Markus,

ging Jesus nach Hause. Und wieder strömte die Volksmenge zusammen, sodass Jesus und seine Jünger noch nicht einmal zum Essen kamen. Als seine Verwandten das hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt dort wegzuholen. Denn sie sagten: „Er ist verrückt geworden!“

Die Familie, Keimzelle der Gesellschaft, der erste Ort, an dem wir lernen, wie Gesellschaft zu funktionieren hat, diese Familie ist in Sorge. Sie wollen ihn vor sich selbst schützen. Und was wird aus ihnen allen, wenn der so weitermacht. Sippenhaft?

Seine Verwandten sind aber nicht die einzigen, die sich Sorgen machen. Bevor es in unserer Geschichte mit der Familie weitergeht, erzählt Markus erst einmal, wie sich Schriftgelehrte aus Jerusalem auf den Weg zu Jesus machen. Auch sie sind in Sorge. Was macht der Mann da? Wo führt das hin?

Sie sind unter anderem so etwas wie die Sektenbeauftragten der damaligen Zeit. Sie kommen und diskutieren heftig mit Jesus, werfen ihm vor, mit dem Teufel im Bund zu sein. Das war so, wie wenn man heute jemanden einen Nazi nennen würde.

Und dann erzählt Markus weiter:

Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand, der ihn rufen sollte. Aber die Volksmenge saß um Jesus. Und sie sagten zu ihm: „Sieh doch, deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern stehen draußen.“ Aber Jesus antwortete ihnen: „Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?“ Und er blickte die Leute an, die rings um ihn saßen, und sagte: „Das sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Ganz schön radikal. Und die kleine Quizfrage lautet: Wer fehlt hier? Genau, der Vater fehlt. In den Evangelien wird er ab einem Punkt einfach nicht mehr erwähnt. So muss die Mutter mit ihren anderen Kindern sich auf den Weg machen, anstatt wie alle anderen Frauen damals sich darauf verlassen zu können, dass der Mann das richtet.

Und ein Vater fehlt auch in der neuen Familie Jesu, der geistlichen. Er sagt: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder und Schwestern.“ Alle Männer also werden Brüder. Und das hat natürlich einen Grund: Vater ist nur einer. Nämlich Gott.

Und weil diese Gruppe hier rund um Jesus für den Erzähler Markus auch das Modell für die Gemeinde ist, gilt auch in der Gemeinde, gilt auch in der Kirche: alle Männer werden Brüder. Vater ist hier niemand für irgendwen. Denn Vater ist nur einer. Vater ist nur Gott.

Die Kirche hat das natürlich schon sehr bald nicht mehr ausgehalten. Gemeindevorsteher waren dann natürlich nur Männer, und die ganz berühmten unter ihnen wurden Kirchenväter genannt. Jesus würde sagen: ein Rückfall. Um so erstaunlicher wieder mal, dass die Kirche sich solche Geschichten wie diese hier in ihrem heiligen Buch weiter leistet. Den Stachel im eigenen Fleisch nicht rauszieht.

Was für eine Gemeinschaft, die da um Jesus entsteht! Eine vaterlose Gesellschaft. Ist sie die Antwort auf unsere Probleme?

Welche Probleme jetzt? Verwirrte Männer. Innerlich verunsichert und wirtschaftlich schwach. Manche sagen: islamistische Gewalt hängt damit zusammen. Junge Männer, die meinen, sich ihre Rechte zurückholen zu müssen. Weil es aus verschiedenen Gründen nicht mehr klappt mit der angestammten Rolle als geachteter Vater, Vorstand und Ernährer der Familie.

Und nicht nur da: Das Frauenbild der Rechten ist im Großen und Ganzen ja eher reaktionär. Alice Weidel hin, Beatrix von Storch her. Manche jungen Männer im Osten, sagt man, sind frustriert, weil viele Frauen ihre Chancen im Westen gesucht haben. Was für Männer können sie da noch sein, alleine zurückgeblieben mit den Alten – die ihnen dann vielleicht auch noch erzählen, wie früher alles noch in Ordnung war?

Und was ist da nun die Antwort? Rückkehr in jene gute alte Welt? Oder gleich ganz die vaterlose Gesellschaft, wie Jesus sie mit seinen Anhängern lebt? Alle Männer werden Brüder? Und statt Blutsverwandten gibt es für alle nur noch Wahlverwandtschaft?

An der Stelle in der Vorbereitung dachte ich: Jetzt musst du aber auch mal was dazu sagen, dass es ja auch andere Väter gibt. Solche, die nicht auf Herrschaft aus sind, sondern die ermöglichen wollen. Die auf Augenhöhe bleiben. Die gütig sind. Verlässlich und verantwortungsvoll. Vollzeitväter.

Und überhaupt, vaterlos: Wir kommen doch von unseren Vätern auch nicht los. Das weiß doch jedes Kind. Und wo es keinen Vater gab, da wird das Problem doch eher größer als kleiner. Der abwesende Vater. Weißer Elefant im Raum. Herbeigesehnt oder verflucht. Und wie, könnte man mich fragen, wie willst du von Gott, dem Vater, reden, wenn die Leute gar keine Väter mehr kennen?

Ja, das stimmt alles. Der abwesende Vater prägt genauso wie der anwesende. Und es gibt Väter, die übernehmen liebevoll Verantwortung und können zugleich auch loslassen. An solche Väter denkt Jesus wohl auch, wenn er uns beten lehrt: „Vater unser …“

Und doch: in seiner neuen Familie Gottes kommen Väter nicht vor. Das hier, sagt er, ist meine Familie. Die Familie aus denen, die wie ich nach dem Willen Gottes fragen. Taufwasser ist dicker als Verwandtschaftsblut. Und alle Männer werden Brüder, für alle. Und niemand anderes ist dafür verantwortlich, den Laden zusammenzuhalten, als – alle, die dazugehören.

Und das ist vielleicht die eigentliche Aussage dieser Geschichte. Und in unserer Zeit eine große Herausforderung. In unserer Zeit, in der wieder stärker die Rufe nach dem starken Mann zu hören sind. In unserer Zeit, in der auch die christlichen Gemeinden am stärksten zu wachsen scheinen, in denen Hierarchien klar sind und starke Männer das Sagen haben. Und zu Vätern im Glauben werden.

Und um es mit einem anderen Jesus-Wort zu sagen: „Das sei unter euch nicht so!“ Darauf mögt ihr jetzt antworten: Keine Sorge, wenn irgendwo nicht, dann bei uns!

OK, dann sorgen wir auf geistliche Weise auch dafür, dass das so bleibt! Was soll das heißen: „auf geistliche Weise“? Dass wir unsere Freiheit erhalten, nicht indem wir uns einfach in Ruhe lassen und uns auch von Vaterfiguren die Einmischung verbitten; nicht indem jeder einfach so sein Ding macht; nicht indem wir uns einfach nur für tolerant halten.

Das ist alles gut. Das ist aber auch alles brüchig. Auch das lernen wir ja gerade: dass Demokratie nur da akzeptiert wird, wo es auch wirtschaftlich gut läuft. Sobald die Leute unter Druck geraten, meinen viele, es wäre vielleicht doch die bessere Lösung, ein starker Mensch, soll heißen: ein starker Mann sollte jetzt mal Laden zusammen- und das Schiff auf Kurs halten. So was kann auch einer Gemeinde passieren.

So also nicht, aber wie dann? Wie „auf geistliche Weise“? Jesus sagt:

„Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Und wer tut, was Gott will, der fragt zunächst einmal, was Gott will. Und der fragt das nicht den Vater im Glauben, sondern den Vater, an den er glaubt. Und das fragt er oder sie nicht alleine, sondern auch mit der ganzen Familie. Das ist baptistische Überzeugung: in der versammelten Gemeinde geht der Geist von einem zur anderen, und gemeinsam finden sie heraus, was er ihnen sagt.

Und dazu gehört eben: jeder und jede hat vor allem den einen Wunsch: zu hören, was Gott sagt. Sich darin zu üben zu hören, was Gott sagt. Die Nähe dieses Gott-Vaters zu suchen, ihn kennenzulernen, sich von ihm prägen zu lassen. Das gehört zu diesem Modell von Gemeinschaft.

In unserem Praxiskurs des Glaubens, der diese Woche zu Ende geht, ging es immer wieder genau darum. Zu erleben, was der Psalmbeter sagt und was vor einigen Jahren mal Jahreslosung war: „Mich Gott zu nahen, ist mein Glück!“ Das auch als Familie Gottes zu sagen: „Dass wir uns Gott nahen, darin liegt unser Glück!“ Ja, davon leben wir. Das hält unsere geistliche Familie zusammen.

Zusammenbleiben tun wir, weil wir alle uns ausrichten auf das eine: auf den Willen Gottes. Oder ausrichten auf den einen: Christus, der in seinem Geist unsere Mitte ist. Wir der Leib, er die Seele. Wir das Rad, dessen Nabe er ist. Am Kreuz noch familienstiftend: „Jünger, hier deine Mutter, Mutter, hier dein Sohn.“ Wasser der Taufe, das dicker ist als das Blut der Herkunft.

Ja, mühsam ist das auch. Denn von uns allen hier in der Gemeinde fordert das etwas: Das hier funktioniert nur, wenn jeder und jede sich an der Nabe festmacht. Als Glied am Leib Christi seine eigene Seele für die Christus-Seele öffnet. Das ist ein wenig mühsam manchmal. Aber ist deine Verantwortung für die Gemeinde. Deine Verantwortung, die liegt vor allem darin, dass du Gott suchst, deinen und unser aller Vater.

Nur dann ergibt es eine Gemeinschaft, die nicht zusammengehalten werden muss, sondern die staunend feiert, dass sie einander bei Christus trifft. Und in der der eine den anderen zu lieben lernt, auch wenn er ihm erst mal nicht sympathisch ist.

Wie soll sie aussehen, die neue Gemeinschaft, die Familie Gottes? Wie wollen wir leben miteinander? Was soll uns zusammenhalten? Wer soll uns zusammenhalten? Woraus gewinnt unsere Gemeinschaft Kraft? Wie können wir denen da draußen etwas vorleben von dem, wie Menschen beieinanderbleiben können? Wie geht das auch ohne den einen starken Mann?

Auf jeden Fall gehört dazu: Jeder und jede von uns richte sich aus auf den einen Vater und seinen Willen. Auf Christus, unsere Mitte. Da entdecken wir staunend auch die anderen. Und staunen, wie das geht: zusammenbleiben, zusammenleben, einander lieben, miteinander das Leben gestalten. Und immer wieder: dem Vater im Himmel danken, zu dem wir gehören. Amen