Vom Wert der Freundschaft

Liebe Gemeinde,

den Wert der Freundschaft kann man in diesen Tagen und an einem Tag wie diesem vielleicht gar nicht hoch genug besingen.

Zum einen weil in Zeiten der Not ein Freund, eine Freundin zum wichtigsten gehört, was man haben kann. Kanzler Kurz sagte seinen Österreichern jetzt: „Jeder Kontakt ist einer zu viel“ und wir spüren wohl alle die Brutalität, die in diesem Satz liegt. Und allen, die alleine leben, sagt er: „Suchen Sie sich 1 Menschen für die nächsten Wochen, 1 Menschen zum Kontakthaben, mehr nicht.“ Glücklich, wer da einen guten Freund, eine gute Freundin hat!

Zum anderen ist heute Volkstrauertag. Menschen haben in den Kriegen dieser Welt nicht nur Familie verloren, sondern auch viele gute Freunde. Krieg zerreißt die sozialen Netze, in denen wir leben. Durch den Tod oder auch nur, weil er Menschen auf unterschiedliche Seiten zwingt und Propaganda in die Seelen dringt.

Freundschaft. Das Kirchenjahr nähert sich seinem Ende. Zum Ende wird’s oft wesentlich. Im Bibelwort heute erzählt auch Jesus vom Wert der Freundschaft. Wenn auch irgendwie überraschend.

Dann sagte Jesus zu den Jüngern: »Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Über den wurde ihm gesagt, dass er sein Vermögen verschwendete. Deshalb rief der Mann den Verwalter zu sich und sagte zu ihm: ›Was muss ich über dich hören? Lege deine Abrechnung vor! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.‹ Da überlegte der Verwalter: ›Was soll ich nur tun? Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Für schwere Arbeit bin ich nicht geeignet. Und ich schäme mich, betteln zu gehen.

Jetzt weiß ich, was ich tun muss! Dann werden mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich kein Verwalter mehr bin.‹ Und er rief alle einzeln zu sich, die bei seinem Herrn Schulden hatten. Er fragte den Ersten: ›Wie viel schuldest du meinem Herrn?‹ Der antwortete: ›Hundert Fässchen Olivenöl.‹ Da sagte der Verwalter zu ihm: ›Hier ist dein Schuldschein. Setz dich schnell hin und schreib fünfzig!‹ Dann fragte er einen anderen: ›Und du, wie viel bist du schuldig?‹ Er antwortete: ›Hundert Sack Weizen.‹ Der Verwalter sagte: ›Hier ist dein Schuldschein, schreib achtzig!‹

Und der Herr lobte den betrügerischen Verwalter, weil er so schlau gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind schlauer im Umgang mit ihren Mitmenschen als die Kinder des Lichts. Und ich sage euch: Nutzt das Geld, das euch von Gott trennt, um euch Freunde zu machen! Dann werden sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen, wenn diese Welt zu Ende geht.«

Vom Wert der Freundschaft hören wir gerne. Aber doch nicht mit der Frage, was sie kostet, als wäre sie käuflich ist, oder? Diesen Wert meinen wir nicht. Und Jesus findet das auch noch gut? Oder wer spricht hier am Ende die Lobeshymne auf den geschäftstüchtigen Verwalter?

Ist der „Herr“ der Chef vom Verwalter und lobt den wegen seiner Schläue? Selbst wenn: das mit den „Kindern des Lichts“ muss aber schon ein Kommentar Jesu sein. Den beeindruckt also auch, was der betrügerische Verwalter hier tat.

Und spätestens das „Ich sage euch“ kommt von Jesus. Ruft er uns tatsächlich dazu auf, uns auf Erden Freunde zu kaufen, die uns dann in den Himmel aufnehmen sollen? Geht das so? Hm.

Auf Erden geht das offensichtlich so. In dieser Woche las ich in der Wochenzeitung DIE ZEIT über die letzten Wochen von Donald Trump. Der Artikel hieß „Elf Wochen Zeit für Zerstörung“ und beschäftigte sich damit, dass Trump nicht gehen will und was er in den letzten Wochen alles noch kaputtmachen kann. Und wie er sich in dieser Zeit, wie passend zu unserem Predigttext!, seine Zukunft sichert. Unter anderem heißt es da:

„Von seinem Recht auf Begnadigungen wird Trump wohl in jedem Fall Gebrauch machen. Die Zeit vor dem Verlassen des Weißen Hauses ist traditionell die Amtsphase dafür. Obama begnadigte etwa noch Chelsea Manning [eine sogenannte Whistleblowerin, die aus Gewissensgründen Geheiminformationen an WikiLeaks weitergegeben hatte]. Bei Trump könnte es sein, dass er so bei einigen seiner engeren Geschäftspartner, Freunde und Weggefährten wie etwa seinem Ex-Wahlkampfmanager Paul Manafort oder dem ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn entscheiden wird.“

Könnte also sein, dass Trump die knappe Zeit nutzt, um sich nicht durch Mammon, sondern durch eine Sonderbefugnis Freunde zu erhalten, damit sie ihn, wenn nicht diese Welt, sondern seine Präsidentschaft zu Ende geht, zwar nicht in die himmlischen Wohnungen aufnehmen, aber wenigstens bei zukünftigen Mammon-Deals berücksichtigen.

Kluger, betrügerischer Verwalter. Aber Freundschaft tun wir hier besser in Anführungszeichen.

Also (aber das wussten wir ja vielleicht schon): Die „Kinder dieser Welt“ wissen sich zu helfen, sie sind gut darin, Seilschaften zu bilden und für sich das meiste herauszuholen.

Und was sollen nun die „Kinder des Lichts“ davon lernen?

Wenn wir uns sonst so Jesu Reden und Handeln ansehen, dann glaube ich: nicht Egoismus sollen wir daraus lernen. Jesus MUSS etwas anderes gemeint haben.

In unserer Vorbereitung auf den Sonntag haben wir eben das entdeckt: Jesus sagt nicht „Macht euch Schuldner, die dann später gezwungen sind, euch aufzunehmen.“ Sondern er sagt: „Macht euch Freunde – da ist dann sogar das für euren Glauben sonst oft so schädliche Geld noch für etwas gut.“

Wir übersetzen: Verbreite mit den Mitteln dieser Welt, mit deinem Geld Freude und Freundschaft in dieser Welt! Setze es ein, um Beziehungen zu bauen! Lass die Dankbarkeit wachsen in der Welt!

Ja, sagt Trump, mach ich doch!

Aber, würde der lukanische Jesus antworten, bei denen sollen Freude und Dankbarkeit wachsen, die dich dann im Himmel willkommen heißen werden. Und das sind dann vielleicht nicht deine egoistischen und skrupellosen Partner.

Der lukanische Jesus ist nämlich der Freund der Armen, Hilflosen und Kleingehaltenen. Und nur wenige Zeilen später erzählt er die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus, dem der reiche Mann nicht hilft. Als beide sterben, kommt nur Lazarus in den Himmel. Der reiche Mann muss draußen bleiben, denn er hat Lazarus nicht geholfen.

Also: Nimm dein Geld oder womit du sonst dienen kannst und erfreue damit Arme, Hilflose und Kleingehaltene. Und freue dich darauf, dass sie sich darauf freuen, dich im Himmel aufzunehmen.

Und da ist noch eine weitere Aussage in unserem Gleichnis, die, die zum Ende des Kirchenjahres passt: Sei damit nicht bummelig, sondern lebe zielgerichtet. Sei fokussiert, würden wir heute vielleicht sagen. Der Blick auf das Ende bestimme dein Leben.

Unsere Geschichte behält vermutlich dieses Irritierende. nämlich dass es irgendwie darauf ankommen könnte, dass uns welche im Himmel aufnehmen, dass es auf ihr Votum ankommen könnte, ob wir da reinkommen oder nicht.

Leichter zu verstehen ist vermutlich das: die Aufforderung, die Mittel dieser Welt zum Guten zu verwenden für die, die als Bedürftige besonders im Blick Gottes sind, ihre Nähe suchen, mit ihnen die Verbundenheit stärken – und sei es in Zeiten der Online-Überweisung nur in Gedanken und Gefühlen, als Bild vor unserem inneren Auge, als vorgestellte Szene zwischen ihnen und uns, wenn wir auf „Überweisen“ klicken.

Und: die Erinnerung, dass dafür nicht unbegrenzt Zeit ist.

Amen.