Von den Wassern Babylons aufstehen, der Stadt Bestes suchen (Israel-Gottesdienst)

Liebe Gemeinde,

das Lob Gottes haben wir gesungen und gesungen gehört – und auch die Frage gestellt: Wer wird dieser Gott für uns, wenn wir ihn so loben, ihm danken? Wächst da eine Nähe? Wächst da eine Beziehung? Ehrfurcht? Loyalität aus Dankbarkeit? Vielleicht sogar: Liebe?

Wer Gott dankt und ihn besingt, der wird auf jeden Fall robuster gegen die Wechselfälle des Lebens. Weil er oder sie weiß: Gott ist bei mir. Bei Gott bleibe ich zu Hause, wie unbehaust auch immer ich mich sonst gerade fühle. Bei Gott habe ich meine Heimat. Und bin von ihm eingeladen, ermutigt, in dieser Welt dem Leben zu dienen, wo immer ich bin.

Davon spricht auch die biblische Erzählung, die uns von der kirchlichen Leseordnung für heute vorgeschlagen ist. Israel war da gerade besiegt worden. Viele waren vom Sieger verschleppt worden. Denen zu Hause war ihre Heimat fremd geworden, denn andere machten da jetzt die Gesetze. Und die Deportierten waren in der Fremde und wollten nur noch wieder nach Hause. Und dann haben sie dort in der Fremde, im bitteren Land der Sieger, einen Brief bekommen. Und der sagt ihnen: Lebt mit, da wo ihr seid. Ich lese aus Jeremia 29.

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:

So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären! Mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet! Sucht den Schalom der Stadt, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn! Denn in ihrem Schalom wird euer Schalom sein.

Ja, so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Schalom und nicht des Bösen, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden. Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.

Nicht zuhause. Stellen wir uns so einen mal kurz vor: Wenn er morgens aufwacht, geschieht es ihm manchmal, dass er nicht gleich weiß, wo er ist. Das Gefühl ist dann immer noch da, mit dem er am Abend zuvor auch eingeschlafen ist. Das Gefühl nämlich, dass da etwas nicht mehr stimmt. Das Gefühl, dass er sich nicht mehr auskennt. Sich in seinem kleinen Leben nicht mehr auskennt oder auch in dem großen. Er braucht dann immer ein bisschen: Wo bin ich? Was ist hier los? Was wird mich erwarten heute?

Ich weiß nicht, vielleicht kennt Ihr das ja sogar selbst, diese Irritation beim Aufwachen. Vielreisende berichten davon. Oder Bühnenstars auf Tour, und dann begrüßen sie in Dortmund ihre Fans mit „Hallo Frankfurt!“

Aber es gibt auch andere, denen es heutzutage so geht. Zum Beispiel Menschen, die ihre Heimat verloren haben, weil sie fliehen mussten. Die wachen morgens auf und fragen sich: Ist das hier noch Syrien oder schon die Türkei?

Oder Menschen, die auch sagen würden, sie haben ihre Heimat verloren, obwohl sie immer noch der Bäckermeister am selben Ort in vierter Generation sind, aber irgendwie hat sich die Kundschaft in den letzten Jahren so verändert, seitdem es da dieses Flüchtlingsheim nebenan gibt. Das sah früher hier anders aus.

Oder Menschen, die von ihrem netten Vermieter, den sie schon ewig kennen, weil sie da auch schon ewig wohnen, einen Brief bekommen, und der Vermieter schreibt, er hätte jetzt das Haus verkauft, und der neue Besitzer ist jetzt irgendeine Holding so und so mit Sitz in da und da, noch nie gehört, und einen Namen gibt es nicht mehr, aber wen spreche ich denn dann an, wenn das mit der Miete gerade mal nicht ganz so hundertprozentig pünktlich klappt, da konnte ich doch vorher einfach anrufen, aber da steht jetzt gar keine Telefonnummer mehr.

Oder der Arbeiter, der übrig geblieben ist von all seinen Kollegen, und jetzt soll er mit diesem Roboter da zusammenarbeiten, aber wie soll er dem denn sagen, mach mal kurz nicht so schnell, und wer lacht jetzt über seine Witze zwischendurch, das tat doch einfach mal gut?

Oder die Frau, die vom Gericht kommt und plötzlich sieht zu Hause alles fremd aus, weil die Scheidung jetzt auch offiziell durch ist oder das letzte der Kinder ist nun ausgezogen oder sie steht vor dem Spiegel und ist sich total fremd, jetzt ohne Brust nach der Krebs-OP.

So viele Möglichkeiten gibt es und noch mehr, sich nicht mehr zu Hause zu fühlen im eigenen Leben. Einige betreffen uns nur persönlich, schlimm genug, aus anderen können regelrecht Staatskrisen werden, wenn extreme Parteien und Bewegungen aus Frust und Angst Kapital schlagen. Wenn Menschen sich nicht mehr zuhause fühlen, nicht mehr daheim fühlen, sich fern von ihrer Heimat fühlen oder es auch tatsächlich sind.

Es gibt natürlich auch schöne Gründe, heimatliche Gefühle erst wieder entwickeln zu müssen: der lang ersehnte neue Job, ein Umzug wohin ich immer schon wollte, und auch wer seine Rente herbeisehnt, muss sich an das neue Leben dann erst noch gewöhnen. Daran gewöhnt man sich gerne. An all das andere aber nicht. Was kann uns dann helfen?

Ich finde, hierzu haben Juden und Christen etwas zu sagen. Sie sagen nämlich: Hier nicht zuhause zu sein, das kennen wir. Aber für uns gehört das dazu. Das wird für uns aber ein bisschen leichter, weil wir uns grundsätzlich auf dem Weg in die Heimat wissen. Und gerade das hilft uns, uns für das Leben jetzt und hier zu öffnen.

Ich sage das natürlich auch ein wenig mit stockendem Atem, dass Christen und Juden das kennen, hier nicht zu Hause zu sein. Denn wenn Christen sich nur allzu oft im christlich geprägten Abendland auch außerhalb ihrer Kirchen zu Hause fühlten, ging das Juden bekanntermaßen meist anders. Und ob die Gründung der Gruppe „Juden in der AfD“ darauf eine Antwort ist, wird sich noch zeigen müssen.

Aber von unserem Glauben her bleibt es dabei: Christen und Juden kennen den Gedanken, dass das Eigentliche erst noch kommt und wir bis dahin unterwegs bleiben. Auf der Wallfahrt nach Zion. Im Warten auf das himmlische Jerusalem, herabgekommen im Himmel.

Bis dahin sind wir unterwegs. Unterwegs mit der Verheißung am Ende des Briefes an die im Exil:

Ihr werdet mich suchen und finden. Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.

Und wir können ergänzen: Und da, wo ihr mich findet, da seid ihr schon nicht mehr ganz heimatlos – egal, wo ihr seid, egal, wie euer Leben aussieht. Denn ich bringe ein bisschen der Heimat mit, die ich euch bin.

Kann das nun auch eine Hilfe sein für die, die sich gerade aus irgendeinem Grunde heimatlos fühlen, sich nicht mehr auskennen, sich ausgegrenzt fühlen oder es tatsächlich sind? Ich glaube, da müssen wir nicht lange theoretisieren, oder? Denn können wir uns nicht wenigstens reindenken in diese vielen Menschen in ihren vielen unterschiedlichen Situationen? Ja, geht es uns nicht selber immer wieder so?

Wer von uns selber nicht mehr auf der Flucht war, hat vielleicht noch Mütter, Väter, Großmütter, Großväter, die das waren. Und die sich erst mal nicht mehr auskannten. Und wer mehr darüber wissen will, wie solche alten Geschichten auch die Leben der Nachgeborenen bestimmen, der kann sich das nächste Frauenfrühstück anhören, jedenfalls, wenn er eine Frau ist.

Und natürlich stutze ich erst einmal, wenn ich einen Menschen sehe, der anders aussieht als ich, bevor ich dann hoffentlich denke: Aber trotzdem leben wir hier zusammen.

Natürlich kennen auch wir die Sorge, anonymen Miethaien zum Fraß vorgeworfen zu werden. Oder durch persönliche Unglücke aus dem Leben geworfen zu werden, das wir bisher gelebt haben.

Wir müssen also nicht theoretisch darüber nachdenken, wie es sein mag, sich nicht mehr zuhause zu fühlen im eigenen Leben. Ich will nicht sagen, „alle“, das weiß ich nicht, aber ich vermute: die meisten von uns kennen das auf die eine oder andere Weise.

Und dann ist die Frage: Hilft uns dann unser Glaube? Und hilft er uns dann vielleicht sogar so, dass wir auch anderen helfen können?

Rausgekickt aus meinem Leben, auf der Flucht, fremd geworden. Wie stark sind dann unsere Wurzeln in Gott, um nicht zu verzweifeln, um nicht zu hassen? Wie tief habe ich sie hineinwachsen lassen in diesen Grund, der mich trägt und aus dem ich empfange, was ich brauche, um weiter zu glauben, zu hoffen, zu lieben? Bist du so ein Baum, der am Wasser des Lebens steht, an dieser Quelle, die nicht versiegt, egal, wie trocken alles rundherum ist? Egal, wie ausgedörrt die Menschlichkeit um uns herum daliegt? Bist du so ein Baum wie der hinter mir, die Menora, aus dem sieben Lichter Gottes leuchten, die sagen: „Es sei, es werde Leben!“?

Dann kann es eigentlich gar nicht anders werden, als dass in deinem Schatten die Menschen ausruhen und von deinen Früchten die Menschen ihre Kräfte erfrischen.

Oder um in die Bilder unseres Briefes an die Verbannten zurückzukehren: dass wir nicht länger an den Flüssen Babylons sitzen und den vergangenen Zeiten nachweinen, sondern aufstehen, ins Leben zurückkehren und mitarbeiten am Schalom unserer Stadt! Ja, selbst dort, wo es euch fremder nicht sein könnte, könnt ihr dann leben und gestalten. Kein Rückzug! Im Gegenteil, werdet sichtbar! Denn, wenn ihr, die Fremden, der Stadt Bestes sucht, dann fällt das auf, dann zählt das doppelt, dann steckt das doppelt an, dann macht das doppelt Mut. Dann ist das zum Beispiel wie Flüchtlinge, die für Obdachlose kochen.

Häuser bauen, Gärten pflanzen, Kinder zeugen sollen sie in der Fremde. Und plötzlich ist all das nicht mehr ganz normal wie im Westdeutschland der 60er Jahre. Sondern plötzlich sind das Zeichen der Hoffnung. Was sind heute die Zeichen der Hoffnung, die wir setzen können? Was ist das Zeichen der Hoffnung, dass du setzen kannst? Du, der oder die du weißt: Meine Heimat ist da, wo Gott mit mir ist, und Gott verlässt mich nie. Du, der oder die sich deswegen sagt: Deswegen will ich nicht so viel Angst haben vor dem, was sich verändert. Sondern will es mitgestalten zum Schalom, zum Guten – für alle!

Natürlich, man kann jetzt noch sagen, es heißt in dem Brief auch: „damit es euch gut geht, gestaltet eure Welt, und sterbt nur nicht aus!“ Man könnte sagen: Ist das nicht Egoismus? Ich helfe allen, damit es mir gut geht? Ja, so kann man denken. Trotzdem wäre es immer noch besser als: ich helfe niemandem, damit es ihnen so schlecht geht wie mir.

Und die Selbsterhaltung für die Rückkehr? In dem Film Novemberkind verlässt eine junge Frau ihr Dorf. Die Freundin, die zurückbleibt, ist verzweifelt, sie beide hatten nur sich in diesem merkwürdigen Dorf. Sie fragt: „Was soll ich denn jetzt machen!“ Und ihre Freundin antwortet ihr: „Nicht aussterben!“

Nicht aussterben! Nicht aussterben als Menschen, die ihre Heimat bei ihrem Gott haben, die ihre Wurzeln schon haben auf dem Berg Zion und im himmlischen Jerusalem. Nicht aussterben als Menschen, die den Schalom in sich tragen und die ihn deswegen wie niemand anders um sich ausbreiten können. Keine Selbstverständlichkeit in den heutigen Zeiten. Und deswegen ein umso wichtigeres Zeichen. Amen.