Von scheinenden Heiligen, Heuchlern und Gleisnern

Liebe Gemeinde,

als ich noch ein Kind war, besuchte ich mit meinen Eltern in Köln das Musikal Anatevka. Aktuell ist es hier in Berlin ebenfalls wieder aufgeführt worden. Dieses Musical von Jerry Bock schildert den Lebenskampf jüdischer Bürger im zaristischen Russland vor dem Jahr 1905. Unnachahmlich schildert in diesem Musical der Milchmann und Rebe Tevje im kleinen russischen Schtetl  Anatevka die Sehnsüchte eines kleinen Mannes nach Reichtum und Wohlstand, durchdrungen von hintergründiger Sozialkritik: Wenn ich einmal reich wär‘…

Lieber Gott, schick´ uns die Medizin, die Krankheit haben wir schon! Ich will mich ja nicht beklagen, aber mit deiner gütigen Hilfe, O Herr, sind wir fast am Verhungern. Ei, du hast viele, viele arme Leute geschaffen, ich sehe natürlich ein, dass es keine Schande ist, arm zu sein, aber eine besondere Ehre ist es auch nicht. Was wäre denn nun daran so furchtbar, wenn ich auch ein kleines Vermögen hätte?
(Refrain gesungen:)
Wenn ich einmal reich wär‘ o je wi di wi di wi … bum
alle Tage wär‘ ich wi di bum wäre ich ein reicher Mann! Oi,
Brauchte nicht zur Arbeit o je wi di wi di wi … bum
wäre ich ein reicher wi di wam ei del dei … Mann.
Ich bau‘ den Leut´n dann ein Haus vor die Nase hier, in die Mitte uns’rer Stadt, mit festem Dach und Tür’n aus geschnitztem Holz. Da führt ’ne lange, breite Treppe hinauf und noch eine läng’re führt hinab. Ja, so ein Haus, das wär‘ mein ganzer Stolz. Mein Hof wär‘ voll von Hühnern und Gänsen und Enten und was da sonst noch kräht und schreit. Alles quakt und schnattert so laut es kann. Das ist ein Quak und Quiek und Tüt, Kikeriki, wird das ein Spektakel weit und breit! Und jeder hört: hier wohnt ein reicher Mann. – Oi… (seufzen, dann: Refrain)
(Refrain gesungen…)
Mein Weib stolziert herum beladen mit Geschmeide und aufgedonnert wie ein Pfau.
Sie zu sehen ist eine wahre Pracht. Die feinsten Delikatessen lässt sie sich servieren,
spielt sich auf als „Gnädige Frau“, scheucht das Personal bei Tag und Nacht.
Die allerhöchsten Herren bitten mich um meinen Rat, und sie würden mich bewundern wie einst König Salomon: Du bist klug, Rebe Tevje, ein Genie, Rebe Tevje, und mein Urteil wär´ für sie das A und O. Es wär´ ganz egal, ob ich denen richtig rate oder falsch, wenn man reich ist, gilt man auch als klug. Ich hätte Zeit und könnte endlich zum Beten oft in die Synagoge gehn. Ein Ehrenplatz dort wäre mein schönster Lohn. Mit den Gelehrten diskutiert ich die Bibel so lange bis wir sie verstehen. Ach, das wünschte ich mir immer schon! – Oi… (seufzen, dann: Refrain)
(Refrain gesungen…)

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm. Sag‘, warum ich zu den Lämmern kam! Wär‘ es wirklich gegen deinen Plan, wenn ich wär‘ ein reicher Mann?

Rebe Tevje träumt den Traum vom sozialen Aufstieg. Doch irgendwie scheint die Luft dünn zu werden, je höher „die lange breite Treppe“ zu Rang und Namen, Status und Prestige ansteigt. Das in seiner Traumvorstellung zur Schau nach außen getragene Bild eines reichen Trevje und dessen innere moralische Haltung schienen irgendwie ins Belieben zu geraten, die persönliche Integrität zunehmend zu verschwimmen – Oi!

Ein Löwe werden – und bleiben. Öffentliche Beachtung finden, etwas darzustellen, bedeutsam wirken! Einfluss gewinnen, seinen Platz sichern! Da gilt es, die Gunst der Stunde zu nutzen, Chancen zu ergreifen, Positionen zu verteidigen, gewitzt zu sein. Da ist doch jedes Mittel recht?

Das eher sperrige Wort hypocrisy, Scheinheiligkeit ist nicht nur in Amerika erstaunlich populär. Wer es in Kollegenkreisen oder bei einer Veranstaltung in die Runde wirft, bekommt die jüngsten Fallgeschichten aufgetischt. Bei Wahlen werden verunglimpfende Geschichten über Gegenkandidaten lanciert, in der Hoffnung, dass die eigenen „Leichen im Keller“ – Stichwort # Cum ex files und Blackrock – unentdeckt bleiben.

  • Parteien, Konzerne, Banken managen Krisen, indem Zahlen, Daten, Fakten verzögert oder nur stückweise der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Führungskräfte können den Umständen entsprechend geopfert, Journalisten bedroht und Tatsachen – sagen wir mal „modifiziert“ werden.
  • Steuerberater, Rechtsanwaltskanzleien, ganze Bankkonsortien scheuen nicht davor zurück, nicht eigene Steuern zu vermeiden – Steuern gelten hier als „Kosten“ –  sondern Steuern in Milliarden abzuschöpfen. Menschen haben Steuergelder nicht nur im eigenen Land, sondern in ganz Europa erbeutet, auf die sie keinen Anspruch hatten. Steuern, die andere Steuerzahler brav eingezahlt haben.

Ein gezielter Diebstahl, von Correctiv mit fast 40 Journalisten aus mehreren Ländern vor wenigen Wochen aufgedeckt. Der Vorgang ist so unglaublich, dass es kaum einen Aufschrei in der Bevölkerung hierzu gibt. In Europa mehr als 55 Milliarden, mehr als die Hälfte davon wurde aus deutschen Steuergeldern an Banken und reiche Investoren ausgezahlt. Geld, das für den Bau von Kindergärten, Schulen, Strassen und Brücken fehlt.

Hochglanzfassaden – und dahinter Scheinheiligkeit und Unwahrheit! Unstreitig haben wir es mit einer universalen Neigung zu tun, die übrigens immer und überall auf der Welt dem oder der anderen zugeordnet wird:

Den Nachbarn, der anderen Partei, der anderen Nation (auch dies selbstverständlich ein Fall von hypocrisy). Der Reflex auf diese Affären ist in der Regel immer der Gleiche: Empörung über Scheinheiligkeit, die in dieser Organisation herrscht. Erregung über Widersprüche zwischen nach außen proklamierten Prinzipien und der alltäglichen Praxis. Grundlage dafür scheint ein weit verbreiteter Konsens zu sein:

Parteien, öffentliche Verwaltungen,  überstaatliche Organisationen, Banken und  Unternehmen sollen gefälligst so handeln, wie sie reden. Visionen, Leitbilder, Werthaltungen und Programme müssten, so die dominierende Vorstellung, möglichst eng mit den konkreten Entscheidungen in den Organisationen gekoppelt sein. Und dieser Konsens liegt dem Mantra jeder Parteikritik – „die machen am Ende ja doch nicht, was sie versprechen“ – zugrunde.

Und immer schwieriger wird es, Vertrauen zu gewinnen, immer schwerer lässt sich das Misstrauen ausräumen, dass… „die am Ende ja doch nicht halten, was sie versprechen“. Warum sollte es sich lohnen, immer glasklar bei der Wahrheit zu bleiben? Scheinheiligkeit regiert die Welt, und die Welt fährt doch gut damit?

So ist im kollektiven Gedächtnis verankert, dass eine exponierte Persönlichkeit (Thilo Sarrazin) vor einigen Jahren vorgerechnet hat, mit wie viel Geld sie (natürlich theoretisch) im Minimum unter Harz IV-Niveau auskommen könnte. Um nach diesem kurzen Eintauchen in das Leben von armen Menschen seinen hohen Lebensstandard dann ungeniert fortzusetzen.

Der schwedische Ökonom und Organisationsforscher Nils Brunsson hat darauf aufmerksam gemacht, dass Scheinheiligkeit für eine Organisation nicht nur ein Problem darstellen, sondern eine Lösung bieten kann.

Regierungs- wie Oppositionsparteien, multinationale Entwicklungsorganisationen genauso wie globalisierungskritische Nichtregierungsorganisationen, Chefs und Abteilungsleiter großer Automobilkonzerne genauso wie Betriebsrätedieser Firmen – sie alle sind, so die These Brunssons, darauf angewiesen, möglichst professionell zu heucheln.

Und ich weiß nicht, ob er damit auch uns in unseren Gemeinden, Werken und Kirchen manchmal meint?

Die Ursache dafür liegt, so Brunssons, in den widersprüchlichen Anforderungen, die Parteien, Verwaltungen und Unternehmungen gleichzeitig zu bedienen haben.

  • Eine Volkspartei kann gar nicht ehrlich sein, wenn sie alle Wähler in den Städten wie in der Provinz überzeugen will.
  • Die Weltbank muss glaubwürdig versichern, dass sie die Armut in der Welt abschaffen will – und damit sich selbst. Gleichzeitig steht sie unter dem Druck, ihr Kreditvolumen weiter zu erhöhen und zu wachsen…
  • Gemeinde will sich von der „Welt unterscheiden“ – und doch bildet sich „die Welt“ in ihr ab“

Die Ursache dafür liegt in den widersprüchlichen Anforderungen, die Parteien, Verwaltungen und Unternehmungen gleichzeitig zu bedienen haben.

Man könnte vielleicht auch eine Ethnologie der hypocrisy entwerfen: Der deutsche Pazifist beruft sich mit seiner grundsätzlichen Ablehnung militärischer Mittel ausgerechnet auf die Lehren der „deutschen Vergangenheit“ (09.11.: Novemberrevolution, Ende des 1. Weltkriegs von 100 Jahren; Reichsprogromnacht als Vorbote der Vernichtung von 6 Mio Juden und des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren); der demokratisch lupenreine frühere russische Präsident bringt zu seinen Amtszeiten einen politischen Gegner wegen Steuerhinterziehung hinter Gitter – und der neue belässt ihn dort. In den USA sind Fake News zum festen Bestandteil des politischen Wordings geworden…

Das Thema zwingt eigentlich zu einer Serie.

Wenn auch der Sachverhalt selbst seit Menschengedenken zurückzuverfolgen ist, so ist die Wortverbindung „scheinheilig“ erst neueren Datums. Martin Luther war es, der erstmals die wahren von den scheinenden Heiligen in seiner Predigt am 10. März 1522 unterschied:

 „Summa summarum, predigten will ich’s, sagen will ich’s, schreiben will ich’s, aber zwingen mit Gewalt will ich niemand. Wo man ohne das Wort [Gottes] wirken will, da ist kein Herz, kein Glaube, keine Liebe, da wird aus dem Zwangsgebot allein ein Spiegelfechten, ein äußerlich Wesen, Affenspiel und eine menschliche Satzung, daraus denn scheinende Heilige, Heuchler oder Gleisner kommen.

Dem Historiker Lukas ist hier gelegentlich vorgeworfen worden, er habe hier eine idyllische Szene gemalt. Das hatte er kaum vor. Das, was hier beschrieben wird, ist nicht zu verwechseln mit einem vollständigen und endgültigen Besitzverlust, durch den man sich die Mitgliedschaft in einer Gemeinde quasi erkauft hätte. Mehrere andere Stellen belegen, dass sich die urchristlichen Gemeinden nach wie vor in Privatbesitz befindlichen Häusern trafen.

Besitzer, die etwas verkauften, verkauften nicht ihren gesamten Besitz. So wird kurz vorher, in Apg 4 von Joseph, einem Leviten, genannt „Barnabas, Sohn der Barmherzigkeit“ geschrieben, dass er ein Feld verkaufte.

Handeln bei Bedarf also, nach dem Freiwilligkeitsprinzip, durchaus mit echter Opferbereitschaft, – setzte eine wesentliche Charaktereigenschaft voraus, nämlich Aufrichtigkeit. Wer in dieser Gemeinschaft mitwirkte, war vor anderen, vor Gott – und nicht zuletzt vor sich selbst rückhaltlos ehrlich.

(Zunächst) frei von inneren Störungen teilte also die urchristliche Gemeinde Hab und Gut; sie feierten gemeinsame Gottesdienste, beteten und vertieften ihre Wurzeln im christlichen Glauben durch Lehre. Handlungsleitend war für sie die vorrangige „Option für die Armen“.   

Teilen, Ausgleich schaffen, einander unterstützen, Notleidenden helfen, das hatte für sie im Horizont des anbrechenden Reiches Gottes eine zentrale Bedeutung! Die in Jerusalem ansässigen Mitglieder der ersten christlichen Gemeinde kamen für den Lebensunterhalt der galiläischen Jünger Jesu auf, die wiederum beispielhaft auf ihren Besitz verzichtet hatten und als Wanderprediger unterwegs waren.

Als die Jerusalemer Gemeinde selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, wurde sie durch weitere inzwischen im Mittelmeerraum entstandene Gemeinden unterstützt. Paulus unternahm extra Kollektenreisen, um für sie zu sammeln. Und über diesen Binnenhorizont der Gemeinden hinaus unterstützten die Christen damals schon andere Notleidende, übernahmen Verantwortung im Gemeinwesen, praktizierten – im heutigen Deutsch – gemeinwesenorientierte Diakonie, indem sie „der Stadt Bestes suchten“ (Jer 29,7). Und sie erwarben sich in ihrer Umwelt so einen guten Ruf.

Wirtschaftlicher Ausgleich untereinander fand also ganz selbstverständlich statt: Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatten, waren begeistert bei der Sache und setzten sich für die Weiterverbreitung des Evangeliums ein – auch durch Einsatz ihrer persönlichen Mittel.

Sie folgten damit jemanden, der seinen Löwenstatus aufgegeben hatte, um Lamm zu werden (Offenbarung 5,5ff), „unserem Herrn Jesus Christus, der obwohl er reich ist, doch arm wurde um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet“ (2. Kor 8,9). Ihm, dem Sohn Gottes, entsprechend lebten und handelten sie.                                                                                            

Beide, Hananias und Saphira waren solche, die zu dieser jungen Kirche hinzugestoßen waren und sich entschieden hatten, für die sozialen Zwecke der urchristlichen Gemeinde ein Grundstück zu verkaufen. Alleine hätte Hananias dies nicht tun können; bei gravierenden Eigentumsveräußerungen musste die Ehefrau ihr Einverständnis geben, denn im Falle einer Erwerbsunfähigkeit ihres Mannes oder frühen Witwenschaft wäre ein solcher Acker ein wichtiger Teil ihrer wirtschaftlichen Absicherung gewesen. Niemand hatte Besitzlosigkeit von ihnen verlangt; sie hätten ihre Ländereien komplett behalten können.

Ebenso freigestellt war ihnen auch, einen Teil der Verkaufssumme für sich zurückzubehalten: „Hättest du den Acker nicht behalten können, als du ihn hattest?“ fragt der Apostel Petrus den Hananias, als dieser den Geldbetrag zu ihm bringt. „Und konntest du, als er verkauft war, mit dem Erlös nicht tun, was du wolltest?“ Das, was Petrus durchschaut, ist das Täuschungsmanöver der beiden, er deckt ihre unlauteren Motive auf:  Hananias und Saphira zweigen Geld aus den Verkauf ihres eigenen Grundstücks für sich ab, wollen dies nach außen aber nicht bekannt machen. Sie legen einen Teil der Verkaufssumme heimlich beiseite und tun so, als hätten sie den kompletten Betrag gespendet. Worum auch immer es ihnen wohl gegangen sein mag: um spezifische wirtschaftliche Interessen, Rang und Namen, Prestige, Bewunderung, Einfluss,… Indem sie scheinheilig die urchristliche Gemeinde über den tatsächlichen Kaufpreis täuschten, untergruben sie das gegenseitige Vertrauen, das Grundlage der Gemeinschaft, der Koinonia der Urchristenheit warBeide fallen – schockierend für die Jerusalemer Gemeinde, die darin Gottes Gericht sah – kurz hintereinander tot um; erst Hananias und drei Stunden später seine Frau, als sie danach forscht, wo er abgeblieben ist. „Warum seid ihr euch einig geworden, den Geist Gottes zu hintergehen?“ hatte Petrus erst Hananias, dann Saphira gefragt. Und betrachtet man den Text näher, bestand das Versuchen des Geistes Gottes genau darin, sich durch ihre Täuschungsmanöver, ihre Hinterlist und Unaufrichtigkeit gemeinschaftsschädigend zu verhalten und dem bisherig existierenden Vertrauensverhältnis innerhalb der urchristlichen Gemeinde den Boden zu entziehen. Die Berichterstattung des Lukas verrät uns nicht, woher Petrus dies wusste. Will man nicht eine geistgewirkte Inspiration annehmen, so ist es naheliegend, das andere Gemeindemitglieder – vielleicht durch den Käufer oder denjenigen, das das ganz beurkundet hat, über den Kauf informiert waren, und die Diskrepanz zwischen den beiden Summen festgestellt hatten. Der Immobilien- und Grundstückshandel im Umkreis der Urgemeinde dürfte kaum unbemerkt und in unüberschaubaren Größenordnungen abgelaufen sein. Es wäre sicherlich naiv von Hananias gewesen, darauf zu vertrauen, dass dies nicht herauskommen würde. Nun wird sein Doppelspiel von Petrus öffentlich gemacht. In einer Gemeinschaft, die wie Lukas eingangs feststellte, „ein Herz und eine Seele waren“, musste ein solcher Vertrauensbruch für Unruhe sorgen. Petrus spricht keine Strafe aus. Seine Feststellung, dass er den Heiligen Geist, dass er Gott selbst belogen hat, nimmt vorweg, was Petrus noch einmal deutlicher in seinem zweiten Brief schreiben wird: „Wer so falsch handelt, führt schnelles Verderben über sich selbst herbei.“ (2. Petr. 2,1).

Steuerhinterziehungen, das Ausspähen von Mitarbeitenden, von Kundendaten, von Geschäftsgeheimnissen der Konkurrenz, faule Transaktionen, verschleiernde „Beratung“ von ahnungslosen Anlegerinnen und Anlegern, gezieltes Anbieten von krummen Geschäften und Steuerdiebstahl in Milliardenhöhe wie bei Cum Ex, Cum Cum.. in den Cum ex files … haben in heutigen Tagen erneut zu einer Debatte um das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns geführt.

Wer sich mit geschichtlichen – und christlichen Wurzeln – der Gesellschaft auseinandersetzt, stößt darauf:

Bis zum Anbruch der Moderne wurde Ehre als soziales Kapital verstanden, dessen Wert man steigern oder durch schändliches Verhalten verlieren konnte. Schande war gleichbedeutend mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Tugendhaftes Verhalten steigerte die Ehre und damit das Ansehen durch die Mitbürger.

Bereits 1340 im mittelalterlichen Italien sprachen Kaufmannshandbücher vom „wahren und ehrlichen Kaufmann“.

Grundlegende Tugenden waren damals Ehrlichkeit, Vorsicht, Wagemut im richtigen Moment, Friedensliebe, Ernsthaftigkeit, Höflichkeit, Klugheit, Ordnung, eine gute Erscheinung und eine gute Erziehung.

Da Gott in der mittelalterlichen Gesellschaft allgegenwärtig war, wurde er sogar als Teilhaber eingesetzt, der ein eigenes Konto und einen Gewinnanteil bekam, der an die Armen verteilt wurde.

Darüber hinaus förderten Kaufleute die Entwicklung der Infrastruktur, beschleunigten die kulturelle Entwicklung der Architektur, Malerei, und des Kunsthandwerks. Sie selbst waren Geschichtsschreiber, Politiker für ihre Stadt und wie Marco Polo und Christoph Kolumbus Entdecker. Das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns definiert innere kulturelle Leitplanken, die dafür sorgen, dass das Handeln von Unternehmern, auch im kirchlichen und diakonischen Bereich, in Einklang mit der Gesellschaft gebracht wird. Es bezeichnet eine Lebensphilosophie, die Geschäftsleute zu ausgereiften, verantwortungsvollen und vor allem wirtschaftlich erfolgreichen Persönlichkeiten werden lässt. Wirtschaftlichkeit und Moral sind keine Gegensätze.

Das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns ist für die Gegenwart mehr denn je von außerordentlicher Wichtigkeit. Folgen Unternehmerinnen und Manager diesem Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns, leben sie es und machen seinen Sinn verständlich, wirkt es sich auch auf das Verhalten ihrer Mitarbeitenden positiv aus, strahlt auf die Klienten und Kundinnen aus, wie auf weitere Kooperationspartner und stärkt die Gesellschaft insgesamt. 

Scheinheiligkeit beschädigt das Vertrauen untereinander in der Gemeinde

„Warum seid ihr euch einig geworden, den Geist Gottes zu hintergehen?“ – hatte Petrus erst Hananias, dann Saphira gefragt.

Schaut man sich Apg 5 genauer an, kann man sehen dass das Hintergehen des Geistes Gottes genau darin bestand, dem bisher existierenden Vertrauensverhältnis innerhalb der urchristlichen Gemeinde den Boden zu entziehen. Dieser krasse Vertrauensbruch war quasi der Sündenfall, die Vertreibung aus der paradiesischen Einmütigkeit der Jerusalemer Urgemeinde. Nicht nur sich selbst, sondern die Gemeinschaft der ganzen Gemeinde schädigten sie zugleich mit.

Statt wahrhaftig zu sein, war ihr Herz geteilt. Sie wollten mit Gott reisen, aber buchten parallel noch bei einem anderen Veranstalter, um ja nichts zu verpassen. Dipsychos nennt der Jakobusbrief später solche Menschen. Menschen mit zwei Seelen in ihrer Brust, die in ihrer Uneindeutigkeit und ihrem zweifelhaften Verhalten einer Meereswoge gleichen, die vom Winde getrieben und bewegt wird. „Ein jeder, der versucht wird, wird nicht von Gott versucht, sondern von seinen eigenen Begierden. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Irrt Euch nicht, meine lieben Brüder.“ (Jak 1, 14-16). „Sollte Gott gesagt haben, dass ihr euren ganzen Besitz teilen sollt?“ – dieser Einflüsterung gehen Hananias und Saphira auf den Leim. Und verlieren so ihren Glauben, sprich ihr Vertrauen in  Gott. Statt ihr Leben zu erhalten, verlieren sie es. Dass sie mit Jesus Christus ihren Weg begonnen hatten, war keine Garantie dafür, dass sie mit ihm auch am Ende das Ziel erreichen.

Lukas hat in der Apostelgeschichte diese Episode schriftlich festgehalten, weil sie bis heute wichtig ist. Wir werden so gewarnt, dass die gravierendere Bedrohung unseres Glaubens nicht in erster Linie durch irgendwelche Einflüsse von außen kommt, sondern von innen, aus unserem eigenen Herzen. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen… die letzte Bitte im Vaterunsers setzt genau hier an, in unserem eigenen Herzen. Denn ohne Gottes Hilfe schaffen wir es nicht, Anfechtungen zu widerstehen. Schein und Sein in Einklang zu bringen. Nicht nur gläubige, sondern auch glaubwürdige Menschen zu sein… Diese Versuchungen, die auch nach vielen Jahren Christsein nicht aufhören, sind Machenschaften des Teufels. Er will uns nicht nur subtil von Gott wegziehen, sondern geht uns manchmal ganz direkt an. Der Teufel gleicht da einem Laubfrosch, der nur lebendige Insekten jagt und den tote Fliegen nicht mehr interessieren. So ist er nur hinter lebendigen Christen her, tote zählt er schon zu seiner Beute. 

Im großen Stil führen es uns Medien und Presse vor, wohin Vertrauensverlust durch hypocrisy, durch Scheinheiligkeit und Heuchelei führt. Bilanzfälschungen, das Ausspähen von Mitarbeitern, Kundendaten oder von Geschäftsgeheimnissen, faule Transaktionen, das Verschaukeln von Anlegern, sich ein ganzes Unternehmen unter den Nagel reissen, ohne das es die ursprünglichen Besitzer wussten oder so gewollt haben – die wenigsten Konsequenzen dafür entsprechen dem Gerechtigskeits-empfinden von Otto und Emma Normalbürger. Und kaum einer fällt tot um; statt dessen bleibt so mancher wie Dagobert Duck auf seien Geldsäcken sitzen, werden manche Spezis nach oben weggelobt, in einen gut abgepolsterten Ruhestand versetzt oder gut abgefunden. Mögen der Justitia die Augen verbunden, Prüfgesellschaften ihrem Auftrag nicht nachgekommen sein oder Bankenaufsichten die Hände gebunden, oder wir selbst im Schaufenster mehr ausgestellt haben, als im eigenen Laden vorrätig ist – Gott sieht hin. Und wenn Jesus uns auffordert, nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten, dann ist das eine klare Ansage, nach Gottes Maßstäben zu leben und zu handeln – in der Gemeinde wie in der Welt.

Die Versuchungen, die Schein und Sein auseinanderbringen,

  • die unser Leben in der Nachfolge Jesu uneindeutig werden lassen,
  • Versuchungen, die zum Vertrauensverlust führen und so die Gemeinschaft schädigen,

beginnen in unserem Herzen; manchmal in ganz kleinen Schritten. Von seinen Versuchungen wusste Rebe Tevje im Schtetel Anatevka vor Gott ein Lied zu singen. “Herr, du schufst den Löwen und das Lamm. Sag‘, warum ich zu den Lämmern kam?  Wär‘ es wirklich gegen deinen Plan, wenn ich wäre ein reicher Mann?“ In unseren Herzen wird es ähnliche und andere Dialoge geben. Mit den Versen aus Psalm 139 können wir sie im Gespräch mit Gott bündeln, heute und immer wieder – und uns von Gott zu ihm hinziehen lassen:

„Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich`s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. (Psalm 139, 23-24).

Amen.