„Was für ein Vertrauen“

Liebe Gemeinde,

„Was für ein Vertrauen!“ Das war das Motto des evangelischen Kirchentags in Dortmund. Jetzt gerade geht er zu Ende. Hat er Vertrauen gestiftet? Fahren Menschen vertrauensvoller wieder nach Hause? Und in was haben sie dann mehr Vertrauen als vorher?

„Was für ein Vertrauen!“ Muss dieser Jesus gehabt haben, dass ihm seine Ehre so wenig wichtig war, wie wir es eben in dem Gebet von Jörg Zink gehört haben. Auf was hat er so vertraut, in wen hat er so vertraut? „Allein auf Gottes Wort“, wie es der Chor gesungen hat? Wie ist ihm das aber zu so einer Kraft geworden?

Das Kirchentags-Motto, es stammt aus der Bibel. Und da steht es in einem Zusammenhang. Nämlich steht da der mächtige Sanherib von Assyrien vor den Toren Jerusalems und verhöhnt Israels König Hiskia: „Was für ein Vertrauen hast du in deinem Starrsinn? In wen vertraust du, wenn du mir weiter Widerstand leistest? Etwa in deinen Gott?“

Vertrauen ist heute an vielen Stellen zerbröselt. Die Jungen vertrauen den Alten nicht mehr, dass sie das mit Klima hinkriegen. Die, die sich abgehängt fühlen, vertrauen den bisherigen Politikern nicht mehr, und laufen der AfD hinterher. Die trägt Wut, Hass und Häme in die Mitte der Gesellschaft. Und im Schlepptau tauchen am Rand in ihrem Gefolge die auf, die sagen: „Vertraut dem Staat nicht mehr, dass er Euch schützen kann, Lübcke sei euch eine Warnung!“ Und die Bedrohten raffen ihre ganze Zuversicht zusammen und hoffen, dass sie der Mehrheit in diesem Land noch vertrauen können.

Fake news werden angeprangert und genauso gestreut. Und ob die Anschuldigungen der USA gegen den Iran diesmal stimmen, oder ob sie wieder erfunden sind wie beim Irak und davor gegenüber Vietnam, das wird man auch erst wieder irgendwann erfahren.

„Was für ein Vertrauen!“ Wer das heute sagt, steht wahrscheinlich kopfschüttelnd vor einem, den er für naiv hält. Der Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, hat als letzte Zeilen an seinen Freund Eduard Thurneysen geschrieben: „Sei getrost! Es wird regiert!“ Und er meint natürlich Gott. So hätte auch ein Berater von Israels König Hiskia dem Wankenden zuflüstern können.

„Was für ein Vertrauen!“ Jesus wirbt um unser Vertrauen. Vertrauen – in den beiden Originalsprachen der Bibel steht „vertrauen“, wo im Deutschen dann „glauben“ steht. Glauben heißt nicht nur für wahr halten. Glauben heißt, sich dem dann auch anvertrauen. Ausprobieren, ob, und erleben, dass Verlass ist auf ihn. Und mich dann verlassen, hin zu ihm.

Und wenn wir das dann tun: Klären sich die großen Fragen von Leben und Gesellschaft dann gleich mit? Zumindest sehen sie dann anders aus. Sehen wir sie anders. Sehen wir sie aus anderer Perspektive. Für den, der die Welt aus der Hand Gottes heraus betrachtet, sieht sie anders aus. Gucken wir nachher noch mal.

Jesus wirbt um unser Vertrauen. Und auch, wenn sich die Worte, die uns für heute vorgeschlagen sind, nicht so hundertprozentig danach anhören: Auch mit ihnen wirbt Jesus um Vertrauen. Ich lese uns aus dem Evangelium nach Johannes, dem 5. Kapitel. Da sagt er gerade zu seinen jüdischen Gesprächspartnern:

Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben. Aber sie sind es doch, die für mich Zeugnis ablegen. Und trotzdem wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben? Ehre von Menschen nehme ich nicht an, sondern ich habe erkannt, dass ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. Ich bin gekommen im Namen meines Vaters, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommt in seinem eigenen Namen, den nehmt ihr auf. Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Ehre voneinander nehmt, aber die Ehre nicht sucht, die von dem einzigen Gott kommt? Meint nicht, dass ich euch beim Vater anklagen werde. Euer Ankläger ist Mose, auf den ihr immer eure Hoffnung gesetzt habt. Wenn ihr Mose glaubtet, glaubtet ihr an mich. Denn über mich hat er geschrieben. Wenn ihr jedoch dessen Schriften nicht glaubt, wie solltet ihr meinen Worten glauben?

Wie gesagt, auch wenn es hier nicht mehr ganz so danach klingt: Auch hier wirbt Jesus um Vertrauen. Aber er scheint es schon eine ganze Weile getan zu haben, denn irgendwie klingt er auch ein wenig frustriert.

Oder ist es die christliche Gemeinde, die frustriert ist, frustriert darüber, dass die, die bisher mit ihnen Glauben und Leben geteilt haben, ihnen nun auf dem Weg mit Jesus nicht mehr folgen? Weil sie sagen: Gott ja, Jesus nein? Sind sie frustriert und haben hier beim Niederschreiben der Worte Jesu seine Worte mit ihrem eigenen Frust ein wenig angereichert?

Sie hatten ihnen von ihren Erfahrungen mit Jesus erzählt. Was ihr Leben durch ihn gewonnen hatte. Was er ihnen geschenkt hat. Was er ihnen bedeutet. Was heil geworden war in ihrem Leben, was befriedet wurde. Wie sie auf ihrem Weg durchs Leben gehen konnten, nicht perfekt, natürlich nicht, aber nun ohne Sorge um sich selbst. Und doch auch erstaunt, was die Liebe alles möglich macht. Ja, wie sie mit ihm eine Liebe erleben, die geradezu erschütternd beglückend ist.

Das alles hatten sie erzählt, ihren Leuten. Und hatten nur zu hören bekommen: „Schön, für dich. Aber ich brauch’s ein bisschen objektiver, um mich drauf einzulassen.“

Ok, hatten die Christen gesagt, komm, dann lesen wir mal in unseren heiligen Schriften, du wirst sehen, auf Schritt und Tritt steht da schon was über ihn! Und ein neues Testament hatten sie noch nicht. Sie hatten Jesus in ihrem alten wiedergefunden. Das, das sie mit ihren Leuten teilten.

So wie wir alle heute, Christen und Nichtchristen und Nichtganzchristen und Weißnichtsogenauchristen, wie wir alle die eine Welt teilen und sozusagen lesen. Und dann welche sagen: Und sieh hier, die Sonne, wie sie mir warm und hell ins Gesicht scheint, ist das nicht Gottes Liebe? Und sieh hier, wie ich da bewahrt wurde, hat mich da nicht Gott beschützt? Und sieh hier, wie die Gemeinde mir gut tut, ist das nicht ein Geschenk Gottes? Und wir ahnen die Antworten, die darauf möglich wären.

Und die damals, die Gemeinde von Johannes und ihre Noch-nicht-Ex-Glaubensgenossen, sie saßen also über den heiligen Schriften, „Ihr forscht doch in den Schriften“, sagt Jesus, „weil ihr ewiges Leben darin vermutet, und sie ist es, die von mir zeugt!“ Und die Christen sagten: „Hier zum Beispiel: Es wird einer kommen, der ist der Friedefürst – das meint unseren Jesus! Und der leidende Gottesknecht: Er war bis zur Unansehnlichkeit gemartert, heißt es da, und wir dachten, Gott hätte ihn gestraft, aber stattdessen trug er all unsere Wunden – das ist er, Jesus, am Kreuz! Oder hier …“

Und ihre Leute unterbrachen sie und sagten: „Hey, ja, ist ja gut, ich sehe, du bist begeistert von ihm – aber mal nüchtern betrachtet: da steht nichts von ihm!“ „Aber, wie, du siehst ihn da nicht, in all diesen Worten der Schrift?“ „Nein, ich sehe ihn da nicht. Nicht ein Mal steht da: Und das ist Jesus.“

Und die Sonne in deinem Gesicht, das ist unser glühendes Zentralgestirn, mehr nicht. Und deine Bewahrung ein glücklicher Zufall oder eine professionelle Hilfe. Und die Gemeinde ist die Gemeinde, anderen tun andere Gruppen gut, Hauptsache, man ist nicht allein.

Und ihr Einwand hat ja nun aber auch irgendwie recht. Liegt ja auch viel näher, das alles etwas nüchterner zu sehen. Und tatsächlich müssen wir zugeben: Man findet Jesus nicht im Alten Testament, wenn man ihn nicht vorher schon woanders gefunden hat. Man findet Gott nicht in den Dingen dieser Welt, wenn man ihn nicht vorher schon gefunden hat. Denn erst kommt die Erfahrung, dann kommt die Erkenntnis.

Jesus sagt es hier so: „Die Erfahrung der Liebe Gottes ist nicht in euch.“ Das haben seine Gesprächspartner empört zurückgewiesen, verständlicherweise. Denn auch das Judentum geht nicht in erster Linie über Gesetze, sondern über die Liebe.

Aber wie Jesus das mit der Freiheit lebte, das konnten sie nicht glauben. Dem vertrauten sie nicht. Dem wollten sie sich dann auch nicht anvertrauen. Und die Christen standen verständnislos da und sagten: „Sie führen die Schriften gegen ihn ins Feld, obwohl sie doch eigentlich von ihm sprechen.“

So wie Christen sagen, die Schöpfung zeugt von ihrem Schöpfer, und in der Sonne auf dem Gesicht bezeugt er sich mir. Und unsere Gesprächspartner heute sagen: die Schöpfung ist bloß Natur und im wesentlichen Physik, Bio und Chemie.

Jesus bzw. vor allem die Gemeinde von Johannes ist darüber frustriert. Und wenn einer begeistert ist, dann ist es ja auch für ihn nur schwer zu ertragen, wenn die anderen seine Begeisterung nicht teilen. Und er merkt schnell: mit Begeisterung kann man nicht überzeugen. Man kann seine Begeisterung nur bezeugen.

Was macht unsere Begeisterung über Jesus mit uns? Wie bezeugt unser Leben diese unsere Begeisterung? Erster Sonntag nach Trinitatis ist heute im Kirchenjahr. Bis Ende November wird jetzt nur durchgezählt. Dann ist wieder Advent. Halbzeit also jetzt. Und die eine Hälfte, die, die nun wieder hinter uns liegt, war Feier und Geschenk und wunderbare Erfahrung: Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten! Und die andere Hälfte, die, die jetzt wieder vor uns liegt, ist nachspüren, verkosten, verstehen, nachleben. Und vor allem: im Leben, mit dem eigenen Leben bezeugen.

Im Leben, mit dem eigenen Leben bezeugen, was Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten mit mir gemacht, aus mir gemacht haben. Denn diese Feste gefeiert zu haben, das heißt hoffentlich erlebt zu haben: dass Gott Mensch wurde – wie ich und neben mir; dass er den Schmerz der Welt trug – auch meinen, und den, den ich verursacht habe;

dass er auferstanden ist und den Tod besiegt hat – auch die tausend, die ich sterbe und die ich verursache; dass er nun über alle Zeiten und Orte hinweg da ist und wirkt – in mir und neben mir; dass sein Geist mich leitet und verwandelt und ich mit den anderen in der Gemeinde vorlebe, wie diese Welt gedacht ist, im Gelingen und in der Gnade.

Die Feste von Weihnachten bis Pfingsten nachleben, mitten im Leben, in Schule und Studium und Arbeit, zuhause, auf dem Amt, beim Arzt, in der Familie oder unter Freunden – das leben, was die Feste mit mir und aus mir gemacht haben:

Einen Menschen nämlich, der dankbar lebt und aus der tiefen Freude in sich. Einen Menschen, der sich nicht mehr ängstlich um sich selber dreht. Einen Menschen, der andere nicht wegdrängen will, sondern ihnen die Hand reicht. Einen Menschen, der nicht über seinen Gegner lachen will, sondern am Ende mit ihm. Einen Menschen, der sich denen in den Weg stellt, die das Miteinander vergiften. Einen Menschen, der voller Vertrauen jetzt schon so lebt, wie Gott es für die Zukunft verheißt.

Das wird noch keinen da draußen automatisch von Wahrheit und Wesen Jesu überzeugen. Aber wenn es auf Augen trifft, die nach dem suchen, was nur innere Augen sehen können, und wenn unser Leben auf ein anderes Herz trifft, das offen ist für seine eigene Sehnsucht – dann kann es geschehen, dass unser Leben für solche offenen Augen und suchenden Herzen zu einem Zeugnis wird. Und dass hinter uns Zeugen dem Sehenden und Suchenden der Bezeugte erscheint: Jesus Christus. Und seine Einladung ins Vertrauen aussprechen kann. Möge er dann Gehör finden! Amen.