Weihnachten im Planetarium

I Das Wort, aus dem die Welt ist, und wie es aufbricht zu den Menschen

Liebe Gemeinde, wir Deutschen haben gerade eine besondere Nähe zum Kosmos. Aus dem nämlich kamen in den letzten Monaten immer wieder wichtige und bewegende Botschaften. Unser Mann im All Alexander Gerst hat sie uns zukommen lassen. Im Sommer zum Beispiel waren wir beim Gartenfest des Bundespräsidenten. Da wurde er an einer Stelle live dazugeschaltet und hat sich mit Steinmeiner unterhalten. Und sagte zum Beispiel: Ich sehe, wo Krieg herrscht und Raketen fliegen. Das fanden wir bewegend.

Oder jetzt die Nachricht an die Enkel, die wir eben gehört haben. Und nun ist er auf der Erde gelandet, wie die Überschrift in den Nachrichten lautete. Unser Weihnachtsbesuch aus dem Kosmos.

Ganz so, wie wir es aus dem Johannes-Evangelium gehört haben. Das ist auch so eine Weihnachtsgeschichte von oben. In drei Schritten wollen wir sie bedenken. Teil 1: Das Wort, aus dem die Welt ist, und wie es aufbricht zu den Menschen.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Und alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

So fängt Johannes seine Jesus-Geschichte an, und wir ahnen gleich: Das ist eine besondere Jesus-Geschichte. Mit einem Prolog im Himmel. Einen Prolog im Himmel stellt auch Goethe seinem Faust voran. Große Werke, große Geschichten scheinen so etwas zu brauchen. Vielleicht, weil solche Prologe ahnen lassen: Diese Geschichte ist zu groß, um einfach nur eine irdische Geschichte zu sein. Da muss mehr im Spiel sein, hier wirken noch mal andere Kräfte, hier geht es um das ganz große Ganze.

So hatte man es bald auch von der Weihnachtsgeschichte gedacht. Beziehungsweise von dem, um den es da geht. Mit den Jahren erzählte man sich immer mehr von ihm: Markus hatte noch erzählt: In seiner Taufe wurde Jesus zu Besonderem berufen. Matthäus und Lukas dann wussten schon von besonderen Umständen, unter denen er geboren wurde. Johannes nun erzählt sogar: Schon vor seiner Geburt war er da, als das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Geschichte von Jesus wurde immer größer.

Jesus, der schon immer da war. In der Sprache des Johannes: Jesus, das fleischgewordene Wort. Aber das Wort, das Wort – wieviel mehr meint das hier, als das, was bei uns immer wieder zu inflationären Sturzbächen anschwillt. Denn dieses Wort, das ist nicht nur bloß ein Wort. Nein, in diesem Wort steckt alles: die Erzählung der Welt, ihre Ordnung, ihr Sinn.

Und mehr noch: die Kraft, all das ins Leben zu rufen, wovon es erzählt. Wie ganz am Anfang: „Es werde“ lautet das erste Wort über dem Chaos, und es wurde, wovon es sprach. Einfach, indem es ausgesprochen wurde: das Licht, das Trockene auf der Erde und alles Leben zu Wasser, zu Lande, in der Luft – alles wurde, weil da einer mit Schöpferkraft sagte: Es werde!

Und auch der Mensch, wir, du und ich und alle vor uns und nach uns wurden und werden so. Und das alles bloß, weil da Worte gemacht wurden – Worte, die machten, was sie sagten.

Das Wort. Johannes bedient sich bei den alten Griechen und sagt: der Logos. Am Anfang war der Logos. Der Logos: auch für die Griechen viel mehr als nur ein Wort. Der Logos, der trägt den Sinn der Welt. Und wer den Logos in allem erkennt, der sagt: Ah, ist ja auch logisch.

Der Logos, das Wort: für die Griechen wie für die Bibel war das nicht nur Klang, Symbol, Laut, auf den man sich geeinigt hat, damit alle bei „Stuhl“ an das gleiche denken. Sondern Logos, Wort, das war die Kraft, die vermittelte. Deswegen hatte Goethe auch ein bisschen Recht, als er umdichtete: nicht am Anfang war das Wort, sondern „am Anfang war die Tat“.

Denn der Logos, das war auch der Vermittler. Zwischen dem unerreichbaren Weltverstand und dem geschaffenen Kosmos. Zwischen dem da draußen und uns hier unten. Das Wort, der Logos – der sagt, was ist und was sein soll. Ein bisschen also auch wie bei Alexander Gerst.

Wir ahnen also: das Wort – das ist viel mehr als bloß ein Wort. Bei diesem Wort geht’s ums Ganze. Bei diesem Wort geht es darum, was die Welt ist und was nicht. Bei diesem Wort geht es darum, was der Mensch ist und was nicht. Bei diesem Wort geht es darum, woher das alles kommt, was das alles soll und wohin die Reise geht.

Und dieses Wort, das hinter dem Vorhang der Weltbühne allem den Sinn gibt, dieses Wort, dieser Logos, der nun ein Wesen ist, sieht die Erde, und es jammert ihn.

Er, der Logos, der ewige Christus, Gott selbst, sieht die Erde und es jammert ihn. Er sieht die Menschen, die von ihm nichts mehr wissen, und die nun dahinleben in der verzweifelten Angst, ganz auf sich gestellt zu sein. Sie leben dahin wie in der Finsternis und haben Angst vor dem, was sie nicht sehen, was aber kommen könnte, und so wird aus Angst oft auch Aggression. Die Angst des Alleinseins und zugleich die Angst vor dem, der kommen könnte. Zum Verrücktwerden, ein solcher Zustand. Und wer wollte bestreiten, dass wir in einer verrückten Welt leben.

Das aber will der Logos nicht dulden. Deswegen macht er sich auf, um sich uns noch einmal zu erklären. Um uns noch einmal darzulegen, wie Gott sich unser Leben gedacht hat, das Leben seiner Schöpfung. Mehr noch: Nicht nur erklären will er uns das, sondern er will, dass wir es erleben können. Damit wir’s nicht nur hören und verstehen, sondern damit wir es auch fühlen. Denn was wir nicht fühlen, geht zu einem Ohr rein und zum anderen gleich wieder raus.

Und dafür gibt es für den Logos nur einen Weg: Mensch werden. Werden, was es sagt: Liebe, Geborgenheit, Hoffnung, Zuversicht, Mut, Kraft. All das werden, in uns werden. Damit wir sagen: Na logisch, so ist es und so kann’s gehen! Auf geht’s!

[Lesung Sprüche 8,22-36]

[Lied: Wie soll ich dich empfangen]

II Die Finsternis, die es aufhalten will

Teil 2 unserer heutigen „Weihnacht von oben“: Die Finsternis, die das Wort aufhalten will.

„Wie soll ich dich empfangen?“, haben wir gesungen. Ja, was macht der Mensch, wenn er hört: Der Logos kommt. Johannes ist zunächst mal ernüchtert. Es scheint da noch ein Hindernis zu geben. Er stellt fest und wundert sich:

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Aber das hätte sie gerne, die Finsternis, nämlich das Wort ergriffen auf seinem Weg auf die Erde, es aufgehalten und geschluckt. Wir sind hier wie in einer Erzählung aus dem Planetarium. Die Weite des Weltalls, groß und finster. Die Finsternis zwischen uns und dem Wort aus der Ewigkeit. Und der Logos muss da durch, und so macht er sich auf. Durch die Finsternis muss er, die sich ergießt in unsere Welt. In die Finsternis muss er, die den Raum zwischen den Menschen ausfüllt und den Menschen einschließt in sich selbst.

Was ist das bloß für eine Finsternis!? Normalerweise ist es nur da finster, wo kein Licht ist. Denn das Licht ist immer stärker als die Finsternis. Diese Finsternis aber breitet sich selber aus und sie widersteht dem Licht. Wenn man dann des Nachts seine beleuchtete Hütte öffnet, kann es passieren, dass nicht ein türförmiger heller Schein nach außen fällt, sondern ein dunkler Schatten nach innen.

Was ist denn da los? Was ist denn das für eine Finsternis? Und die Lampe draußen im Finstern kann ihren Schein nicht über sich selbst hinauswerfen, sondern der wird abgeschnitten, sobald er die Lampe verlassen will. Das Glas der Lampe ist noch hell, aber nichts rundherum. Die Finsternis wehrt sich. Was ist das bloß für eine Finsternis? Eine regelrechte Kraft gegen das Licht!

Und wer wollte dem nicht zustimmen: Wie oft erleben wir es, dass das Licht der Vernunft und des Mutes und des Vertrauens sich nicht durchsetzen kann gegen die Finsternis der Angst. Alle wissen, es müsste anders laufen, aber keiner traut sich. Alle kennen den Weg aus der Finsternis, aber keiner traut sich, ihn zu gehen.

Und mit der Zeit rückt die Finsternis immer weiter vor, und das Licht der Vernunft, das Licht des Vertrauens, ja: das Licht des Glaubens, des Glaubens daran, dass es auch anders gehen könnte, um nicht zu sagen: das Licht des Glaubens, dass da ein Gott sei, auf den wir uns hinbewegen, so, wie er sich auf uns zubewegt – auch das Licht dieses Glaubens wird immer mehr abgeschnitten durch die Finsternis, die auf uns zukommt, um uns einzuschließen.

Und nun also: das Licht der Menschen, der Logos aus der Ewigkeit, um uns aufzuklaren, aufzuklären darüber, wer die Welt in Wahrheit zusammenhält, wie das Leben auch aussehen könnte und wer an unserer Seite ist – dieses Licht hat sich aufgemacht aus den Weiten der Ewigkeit. Und erst einmal muss es hindurch durch die Finsternis. Und die Finsternis hat’s nicht ergriffen, auch wenn sie das gerne getan hätte. Zu gerne hätte die Finsternis das Licht ergriffen, um es zu verschlucken, zu verschlucken, so wie die Finsternis auch alles andere verschluckt.

Aber dieses Licht scheint zu hell, dieses Licht ist zu stark, dieses Licht ist nicht zu schlucken. Und so findet es den Weg. Auf die Erde. Und so kommt es an. Bei uns. Und so leuchtet es uns und klärt uns auf, klart uns auf.

Auf dass unser Leben hell werde! Und es warm werde in uns. Und wir hinaustreten aus unserer Finsternis. Und dort einander begegnen. Und auf dass der Logos uns lehre, wie nun zu leben sei – im Vertrauen auf ihn und in Gemeinschaft mit allen anderen. In einer lichtvollen Welt, nicht mehr in der Finsternis.

Und dass das so geschehe, das kann nun nur noch eines verhindern: dass wir selbst uns vor dem Licht verschließen; dass wir, wenn es an unserem Horizont aufleuchtet und näherkommt und heller wird, dass wir, statt herauszutreten, uns nur noch tiefer in unsere Finsternis zurückziehen. Keine weltfremde Vorstellung, wie der Psalm 139 beschreibt. Und möge uns dann genauso das Licht folgen und doch noch erreichen!

[Lesung Psalm 139,7-12]

[Lied: Die Nacht ist vorgedrungen]

III Die zweifache Ankunft des Wortes bei den Menschen

Dritter und letzter Teil unserer heutigen „Weihnacht von oben“: Die zweifache Ankunft des Wortes bei den Menschen. Johannes fährt fort in seiner Planetariumsgeschichte, in der wir nun die Silhouetten unserer Städte am unteren Rand der Himmelsleinwand, am Horizont sehen:

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht – aber die Welt erkannte ihn nicht! Er kam in sein Eigentum – und die Seinen nahmen ihn nicht auf! Wie viele ihn aber doch aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

Das also ist nun die Frage in der Welt. Seit sich das Wort der Erleuchtung, der Logos des Lichts aus seiner kosmischen Weite aufgemacht hat, seit es die Finsternis überwunden hat, seit es nun angekommen ist in unserer Welt, damit wir die Welt von ihrem Schöpfer her verstehen können und damit wir erleben können, wie es ist, sich ihm anzuvertrauen – seit dieses Licht also nun da ist und vor unseren Höhlen steht, in die wir uns zurückgezogen haben, seitdem ist das die Frage: Menschenkind bleiben oder Gotteskind werden? Rauskommen ins Licht oder sich weiter verkriechen in die Finsternis?

Und das ist ja schon einmal die gute Nachricht: Es gibt jetzt diese Alternative. Wir müssen nicht mehr fatalistisch sagen: „Kannste nix machen!“ Denn hier ist doch das Licht! Hier wäre der, dem alles gehört, der alles kennt, der alles kann, der alle und alles liebt, dem alle und alles sich anvertrauen könnten, der alle ins Leben führen könnte.

Menschenkind bleiben oder Gotteskind werden. Sich verkriechen oder heraustreten. Den Blick nur auf den Boden oder mich aufrichten und nach oben ausstrecken. Und neu geboren werden, aus Gott, und so der Welt neu geschenkt werden, als einer aus Gott.

Erdverfallenes, in Finsternis gefangenes Menschenkind bleiben oder Gotteskind werden. Seitdem das Licht des Logos bei uns angekommen ist, ist das die Alternative, vor der wir stehen. Seitdem gibt es aber auch diese Alternative. Für dich und für mich und jeden Tag. Für die Welt, in der wir leben und die Gotteskinder so sehr nötig hat: Gotteskinder, die gegen die Angst leben in der Gemeinschaft dessen, der sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, denn ich habe die Welt überwunden.“

Freund des Logos werden, Kind Gottes, und Angst und Wut mit der Finsternis ausgetrieben bekommen und erfüllt werden mit Dankbarkeit und Freude. Denn jetzt weiß ich: woher ich komme und wohin ich gehe. Jetzt weiß ich und kann es erleben: wie ich fest stehe im Hier und Jetzt, nämlich gegründet in ihm. Jetzt weiß ich: wie unsere Welt aussehen soll und woher die Kraft kommt, sie so zu leben.

Der Logos in mir, aus dem ich neu geboren bin, Christus in mir, der aus mir lebt: Er hat es mir gebracht – in der Weihnacht von oben. Das Wort auf der Reise durch die Finsternis, angekommen hier unten, angekommen bei mir. Und nun spricht es hinein in unsere Welt, und nun spricht es hinein in mein Herz, es spricht: „Es werde Licht!“ und „Fürchte dich nicht!“ Amen.

[Lesung: Jesaja 60,1-2]

[Lied: Meinem Gott gehört die Welt]