Wenn es hart auf hart kommt, was wird dann aus der Liebe?

Liebe Gemeinde,

Wie leben versöhnte Menschen? Naheliegende Frage, denn am letzten Sonntag hatten wir gesagt: den Glauben im Alltag ankommen lassen, das heißt, als versöhnte und versöhnende Menschen leben.

Dirk hat uns eben schon etwas davon vorgelesen, wie sich Paulus das Leben von versöhnten vorstellt. Und was ist, wenn es mal hart auf hart kommt? Dazu sagt Paulus auch etwas, es steht in dem Brief an die in Rom gleich ein paar Verse weiter. Nämlich:

Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt. Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes. In der Heiligen Schrift steht ja: »Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben, spricht der Herr.« Im Gegenteil:  »Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf anhäufst.« Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!

Wenn man es als versöhnter Mensch mit dem Bösen zu tun bekommt. Was passiert dann? Mit einem selbst und mit dem Bösen?

Aber dann wiederum: Wann habt Ihr es zuletzt so richtig mit dem Bösen zu tun bekommen? Gut und böse, Zorn und Rache – das sind alles ganz schön große Worte, oder? In den Herausforderungen unseres Alltags gehen wir meist mit kleineren Münzen um: dass man sich über jemanden ärgert, der einen irgendwie geärgert hat. Und oft stellt sich heraus: das hat er noch nicht mal absichtlich getan. Gut, dass wir drüber geredet haben!

Aber so richtig Rachegelüste? Dass du dem anderen wünschst, dass er zu Schaden kommt? Dass er etwas erlebt, was ihr richtig wehtut? Dass du sogar davon träumst, das am liebsten selbst zu machen? Reicht dafür ein Rosenkrieg oder der Streit ums Erbe?

Und wenn: Könntest du dann damit zu Gott gehen und sagen „Herr, ich selber soll das ja nicht. Könntest du das bitte erledigen?“ Dafür müsste man dafür ein Bild von Gott im Kopf haben als von einem, der durch die Welt zieht und seine Leute rächt. Oder wenigstens am Ende, im letzten Gericht. „Herr, lass sie damit nicht davonkommen!“

Das sind alles so Gedanken, die wir uns in der Vorbereitung zusammen gemacht haben. Und je mehr wir uns solche Gedanken gemacht haben, desto unglücklicher wurden wir mit diesen Worten des Apostels. Was hat er da nur geschrieben?

Oder haben wir nur einfach lange nicht mehr eine solche Situation erlebt? Die Christen sind in der Welt die am stärksten verfolgte Religion. Wie erlebt man das als Angehöriger von einem der Hunderte, die Ostern 2019 in Sri Lanka während eines Gottesdienstes ermordet wurden?

Oder was, wenn wir eine so monströse Gewalt erlebt hätten, wie die Kinder, die die Opfer von diesem unbegreiflichen Netzwerk von Kindesmissbrauch sind, 30.000 Männer, die sich gegenseitig noch Tipps geben, wie man Kinder am besten ruhigstellt dafür? Wäre es da nicht völlig verständlich, wenn so ein Kind später als Erwachsener auf Rachefeldzug gehen würde?

Oder noch mal anders gedacht: Was ist mit den Menschen im Süden, auf deren Kosten wir hier im Norden leben? Hätten die nicht allen Grund, sauer auf uns zu sein? Wünschen die uns vielleicht gerade Gottes Rache auf den Hals? Müssen wir hoffen, dass sie diese Worte des Paulus hören und auf Rache uns gegenüber verzichten?

Das ist alles nicht auszuschließen. Und auf jeden Fall erinnert es uns daran, dass bei Gott der Gedanke der Gerechtigkeit weiter zählt. Das mahnt die Ungerechten und das stärkt ihre Opfer.

Aber dann haben wir uns dann in der Vorbereitung gefragt: Kriegen wir diese Worte auch noch ein wenig näher an unseren Alltag ran?  Sie haben wohl das Potential dazu. Denn sie klingen ganz ähnlich, wie das, was auch andere Philosophen der Zeit sagten. Ein gewisser Seneca zum Beispiel schreibt: „Ist einer wütend? Fordere du ihn dagegen mit Wohltaten hinaus!“ Klingt ganz nach Paulus: „Hasst dich einer, dann gib ihm zu trinken.“

Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Aber wenn ich etwas im Neuen Testament lese, was ich auch woanders lesen kann, dann denke ich oft: Langweilig, dafür brauche ich die Bibel nicht. Und hatte Paulus nicht kurz vorher noch gesagt: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Seid anders!“? Und dann sagt er hier etwas, was man so auch von vielen anderen hören kann? Was soll da anders sein?

Oder ist es doch anders? Wir kennen ja diese Reaktion, wenn man jemanden auf sein Verhalten anspricht, dass dann jemand sagt: „Wieso? Das machen doch alle!“ Aber das hören wir nur, wenn es um etwas geht, was nicht so gut ist. Auf Fahrradstreifen parken, bei der Steuer schummeln, mal eben mit einer kleinen Lüge eine lange Erklärung abkürzen. Machen doch alle!

Aber hören wir das auch anders herum, wenn jemand mal was richtig Gutes gemacht hat und wir ihn darauf ansprechen und er dann sagt: „Wieso? Das machen doch alle!“ Sich erst freuen, dass man die letzte der knappen Kinokarten bekommen hat, sie dann aber dem hinter einem in der Schlange überlassen; dem Schiri sagen, man wurde gar nicht gefoult, das war kein Elfer; dem aggressiven Mitfahrer in der U-Bahn den Fahrschein hinterhertragen, der ihm unbemerkt runtergefallen war. „Das hast du gemacht?“ „Wieso? Machen doch alle!“ „Naja, das fordern die Philosophen von uns und das könnten wir vielleicht tun, wenn wir besonders gute Menschen wären, aber wer ist das schon.“

Und vielleicht ist das ja das, was Paulus sagt. „Das Böse, das die anderen tun, das tut ihr nicht. Und das Gute, das die anderen zu tun versuchen, das vollbringt ihr leichter und besser!“

Und warum? Weil Christen bessere Menschen sind? Nun ja, das vielleicht nicht. Aber eines unterscheidet Christinnen und Christen schon von anderen: Sie sind ganz besonders geliebte Menschen, von Gott geliebte Menschen. Oder noch mal anders: Geliebte Menschen sind ja alle Menschen, von Gott geliebte Menschen. Aber Christinnen und Christen wissen das und haben das erlebt. Und nun ist diese Liebe Gottes in ihnen so stark, dass sie nicht so leicht kleinzukriegen ist.

So, und nun merke ich, wie das ganze hier doch noch an den Alltag rührt und an eine Sehnsucht. An die Sehnsucht, so sehr Gottes Liebe zu spüren, dass sie dann in mir nicht so leicht kleinzukriegen ist. Dass ich es sogar schaffe, die Frage nach der Gerechtigkeit für mich selbst nicht wichtiger zu nehmen als die Aufgabe, den Ungerechten zu lieben. Dass ich so von der Liebe Gottes erfüllt bin, dass ich lieben will auf alle Fälle und was auch immer dann aus der Gerechtigkeit für mich wird. So sehr wünsche ich mir, Gottes Liebe zu spüren, dass seine Liebe in mir nicht so leicht kleinzukriegen ist.

Das wär doch was. Dann könnte man aussteigen aus allen Teufelskreisen und lieber mit allen kreisen im Tanz der Liebe Gottes. Deswegen ist der erste Schritt hin in eine Welt, in der man sagen würde: „Das Gute? Das machen doch alle!“, der erste Schritt in so eine Welt ist: dass wir Christinnen und Christen uns so von der Liebe Gottes füllen lassen, dass sie nicht so schnell kleinzukriegen ist. Im Blick auf Jesus Christus möge uns das geschenkt werden! Amen.