Wenn es im Glauben um richtig oder falsch geht, statt um Gerechtigkeit und Liebe

Liebe Gemeinde,

„schlimmer als blind zu sein, ist sehen zu können und keine Vision zu haben“ – so haben wir eben von der taubblinden Helen Keller gehört. Sie zeigt uns andererseits auch, dass man blind sein und trotzdem eine Vision aufs Leben haben kann. Andrea hat uns ein klein wenig mit unseren geistigen Augen hineinblicken lassen in das, was Helen Keller bewegt hat.

Die biblische Geschichte, die wir heute miteinander betrachten wollen, erzählt auch von einem blinden Menschen. Und von denen, die ihn sehen und falsche Schlüsse ziehen, weil sie eine falsche Vision von Gott im Kopf haben. Und wie sie nicht weniger als der Blinde die Augen geöffnet bekommen. Hören wir einmal hinein in den Beginn des 9. Kapitels vom Johannes-Evangelium.

Im Vorbeigehen sah Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war. Da fragten ihn seine Jünger: „Rabbi, wer hat gesündigt, sodass er blind geboren wurde – dieser Mann oder seine Eltern?“ Jesus antwortete: „Weder er selbst hat gesündigt noch seine Eltern. Er ist nur deshalb blind, damit das Handeln Gottes an ihm sichtbar wird. Wir müssen die Taten dessen wirken, der mich beauftragt hat, solange es noch Tag ist. Es kommt eine Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in dieser Welt bin, bin ich das Licht für diese Welt.“ Nachdem er das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden. Aus dem Speichel machte er einen Brei und strich ihn dem Blinden über die Augen. Dann sagte er ihm: „Geh und wasche dich im Teich Shiloach!“ (Shiloach heißt übersetzt: gesandt.) Der Mann ging dorthin und wusch sich. Als er zurückkam, konnte er sehen.

Manchmal sind es die stärksten Gefühle, die eine Geschichte auslöst, die auch der Zugang zur Geschichte sind. Bei mir ging das mit dieser Geschichte so:

Jesus und seine Jünger begegnen einem Menschen, der war von Geburt an blind. Und das erste, was den Jüngern dazu einfällt, ist die Frage: Wer hat Schuld daran, er selbst oder seine Eltern? Oder wörtlich: Wer von denen hat gesündigt? Oder noch mal anders: Auf wessen Sünde ist diese Blindheit die Strafe?

Das hat mich total aufgeregt. Das empört mich genau genommen immer noch. Und was mich daran so aufregt, das ist: dass die Jünger glauben, es geht im Glauben um richtig und falsch anstatt um Gerechtigkeit und Liebe. Das ist genau die Haltung, die so viele Menschen aus christlichen Gemeinden vertrieben hat. Und das ist die Haltung, die manchen, die geblieben sind, das Leben doppelt schwermacht.

Gestern erst haben wir bei der Trauerfeier für Ilse Bombitzki davon gehört: Wie sie in den 70er-Jahren erst eine Scheidung und kurz danach auch noch einen Überfall mit Körperverletzung erleiden musste – und wie sie dann in ihrer damaligen Gemeinde vorwurfsvoll gefragt wurde: „Na, überleg dir mal, was der Herr dir damit sagen will.“

Wenn es im Glauben um richtig und falsch statt um Gerechtigkeit und Liebe geht. Wenn man Christ oder Christin ist – und dann noch mehr Druck hat statt weniger. Und zwar nicht, weil man nun in der Nachfolge Jesu für Gerechtigkeit und Liebe eintritt und dabei auf Widerstand stößt. Sondern weil man denkt, alles richtigmachen zu müssen und in Problemen Strafen Gottes sieht. Wenn man sich Gott denkt als den, der mit verschränkten Armen dasteht und sagt: „Komm erst mal in Ordnung, dann kannst du auch wieder zu mir kommen.“

„Guck mal, Jesus, der da ist blind, wer hat da gesündigt, er oder seine Eltern?“

Was hat der Blinde gedacht, als er die so über ihn reden hört? Ich meine, er war ja nur blind, nicht taub. Hatte er sich so etwas auch schon gefragt, weil er diese Art zu glauben kennt? Hat er schon seine Eltern im Nebenzimmer so reden hören?

Oder hatte er sich so etwas noch gar nicht gefragt, weil er sich Gott so gar nicht vorgestellt hatte? Und wird er jetzt zu seiner körperlichen Not auch noch in seelische Not gestürzt? Ausgerechnet von den Jüngern dessen, der die Liebe Gottes lebt und lehrt?

Wenn es im Glauben nicht um Gerechtigkeit und Liebe geht, sondern um richtig oder falsch. Wenn es zum Beispiel nicht darum geht, wie man liebt, sondern wen man liebt.

Oder wenn wir bei Problemen eines anderen nur mitmachen bei der Suche nach dem, was er wohl falsch gemacht hat. Wenn wir uns auf diese Weise distanzieren, vielleicht sogar ihn oder sie verurteilen.

Dann sind wir übrigens mitten drin im Zeitgeist. Denn so tickt unsere Gesellschaft an vielen Stellen: „Du bist selbst Schuld!“, sagt sie. Bei wem’s gut läuft, der sagt selbstzufrieden: „Alles richtig gemacht!“ Und die anderen werden alleingelassen mit der Frage: „Was habe ich falsch gemacht?“

Liebe aber bleibt an der Seite der Leidenden. Sie will sich das Leid der anderen nicht vom Halse halten, als wäre es ansteckend. Sie sorgt sich nicht ums eigene Image.

Und Gerechtigkeit sagt nicht: „Hätte er halt besser aufpassen müssen!“ Sondern sie fragt: „Könnte man nicht dafür sorgen, dass wir weniger aufpassen müssen?“ Sicherere Radwege, menschlichere Schlachthöfe, mehr Unterstützung für Eltern und Schulen?

Wenn es im Glauben um richtig und falsch statt um Gerechtigkeit und Liebe geht – dann folgen wir diesem Zeitgeist, der jeden zum Schmied seines Glückes macht. Und auch seines Unglücks. Und der uns damit zur Selbstoptimierung verdammt.

Jesus aber sagt: Benutzt nicht eure Zeigefinger zum Schuldzuweisen, sondern benutzt eure Hand zum Lieben und Heilen. Die Jünger strecken ihren Zeigefinger aus und stoßen den Blinden nur noch tiefer in die Verzweiflung. Jesus aber mischt seine Spucke mit dem Staub der Straße und heilt damit den Blinden.

So sieht es aus, wenn es dem Glauben nicht um richtig und falsch geht, sondern um Gerechtigkeit und Liebe. Werke Gottes, sagt Jesus, sollen wir tun, Jesus will sie tun mit uns;

Werke, die Licht ins Dunkel der Welt bringen; Werke, die Menschen befreien aus Zweifel, Angst und Fragen; Werke, die Menschen nicht von Gott wegtreiben, sondern die sie zur Quelle des Lebens führen; Werke, die Hoffnung wecken; Werke, die Zukunft öffnen für den Weg an Gottes Seite.

„Wir müssen die Taten dessen wirken, der mich beauftragt hat“, ruft Jesus seine Jünger auf. Helen Keller würde sagen: Wir müssen „immer mit dem Guten Hand in Hand arbeiten!“

„Wir“, sagt er, er und du und du und ich gemeinsam! Er mit uns. Das sagt er auch uns: „Wir, ihr Steglitzer und ich, wir müssen das tun, ihr mit mir, die Werke Gottes tun, Liebe und Gerechtigkeit!“ Amen.