Wer betet, wünscht sich, in Verbindung zu bleiben

Liebe Gemeinde,

wer betet, wünscht sich, in Verbindung zu sein.

Damit ist unser Sonntag und sein Predigttext sehr aktuell. Denn auch bei uns geht es darum, in Verbindung zu bleiben. Es ging darum in der Zeit, als keinerlei Kontakt sein durfte. Und es geht auf andere Weise auch jetzt wieder darum, wo Kontakt wieder sehr viel mehr möglich ist.

Als wir alle im shutdown waren, da war klar: Alle saßen wir im selben Boot. Und den wenigen Spielraum, den wir hatten, haben wir, so weit es uns jeweils möglich war, in großer Solidarität genutzt, um auch den Schwächsten die Erfahrung zu schenken, dass sie in gleicher Weise zur Gemeinschaft gehören und dass wir mit ihnen in Verbindung bleiben wollen.

Nun freuen wir uns wieder über mehr Bewegungsfreiheit, über mehr Möglichkeiten zur Begegnung. Für uns als Gemeinde heißt das vor allem: Endlich wieder Gottesdienst, endlich wieder sich sehen können, miteinander sprechen können, von Angesicht zu Angesicht (jedenfalls so viel davon zu sehen ist hinter dem MNS, dem Mund-Nasen-Schutz). Gut, dass wir einander haben und das jetzt auch wieder spüren können! Wie schön, wieder richtig miteinander in Verbindung zu sein!

Die Herausforderung jetzt: nicht alle sehen sich in der Lage, da schon dabeizusein.

Manche sagen: Das ist mir noch zu unsicher, ich warte mal noch. Zum Beispiel darauf, ob sich das Hygienekonzept bewährt. Oder vielleicht bis die Fallzahlen noch weiter runtergehen. Oder auch nur, bis sich die Anspannung in mir mehr gelegt hat.

Manch andere sagen: Gottesdienst auf diese Weise? So distanziert? So emotionslos? Das kann ich nicht. Unter solch einem Gottesdienst würde ich mehr leiden als ich darunter leide, gar keinen Gottesdienst zu erleben. Ich werde also versuchen, mich in Geduld zu üben und den Augenblick abzuwarten, bis es wieder mehr wie früher ist.

So bleiben wir eine Gemeinde, die durch die Umstände getrennt lebt. So wie wir auch eine Gesellschaft bleiben, die durch die Umstände getrennt lebt.

Mögen wir in dieser Situation, wenigstens wir als Gemeinde, vor dem bewahrt bleiben, was wir in der Gesellschaft an einigen Stellen sehen können: dass sich die Gegensätze weiter voneinander weg entfernen. Da sind die, denen die Lockerungen nicht weit genug gehen, und die nun, da etwas gelockert ist, fordern, dass noch mehr, wenn nicht alles gelockert werde. Und da sind die, die sich aus Sorge um erhöhte Ansteckung weiter zurückziehen.

Miteinander in Verbindung bleiben, das bleibt auch jetzt, wo wir mehr Spielraum haben, eine Herausforderung. Für die Ängstlichen: wieder mehr Zutrauen zu wagen. Für die Forschen: sich im Drang nach vorne zu bremsen, um die anderen nicht zu verlieren.

Jesu Worte im Predigttext geben uns in dieser Frage „Wie in Verbindung bleiben?“ zweierlei mit:

(1) Die Verbindung untereinander und die Verbindung mit Gott gehören untrennbar zusammen.
(2) Auf die Art und Weise und auf das Ziel kommt es an, ob die Verbindung gelingt oder nicht.

Zum ersten: Die Verbindung untereinander und die Verbindung mit Gott gehören untrennbar zusammen.
Nächstenliebe und Versöhnung stehen im Zentrum dessen, was Jesus gelehrt hat (das Vaterunser und sein Drumherum ist von Aufbau und Inhalt her das Zentrum der Bergpredigt!). Den einzigen Punkt aus dem Vaterunser, zu dem Jesus danach noch mal etwas sagt, den er hervorhebt, ist der mit der Vergebung: Vergibst du deinem Nächsten nicht, so vergibt Gott dir nicht.

Das ist für protestantische Ohren eine Zumutung. Vergibt Gott nicht bedingungslos? Darauf könnte man sagen: Nun ja, weder Jesus noch Matthäus waren Protestanten. Man könnte aber auch als Protestant sagen: Gott vergibt bedingungslos, aber nicht folgenlos. Und sowohl Jesus als auch Paulus und ein Protestant leben nach dem Prinzip: Wie Gott mir, so ich dir. Und wo ich nicht dir, wie Gott mir, da wird Gott mir Fragen stellen. Zum Beispiel, Sonntag Rogate, jedes Mal, wenn ich bete.

Daraus folgt: Gerade weil ich mit Gott in Verbindung bleiben will, will ich auch, ja: Jesus sagt: muss ich auch mit den anderen in Verbindung bleiben. Ihnen folgen, so weit ich kann (das geht an die Vorsichtigeren). Muss bei ihnen bleiben, wenn sie zurückbleiben (sagen hier z.B. die Forschen).

Zum zweiten: Damit die Verbindung gelingt, kommt es auf die Art und Weise und auf das Ziel an. Vor zwei Fallen warnt Jesus.

Die eine: Man kann den Adressaten verwechseln. Man kann zum Beispiel beim Beten nicht Gott meinen, sondern die anderen. Fromme Selbstdarstellung. Das ist vielleicht nicht wirklich ein großes Problem in unserer Gemeinde. Aber beim Beten eigentlich nicht Gott, sondern den anderen etwas sagen zu wollen, diese Verwechslung ist vermutlich schon jedem einmal unterlaufen. Und meist geht es dann auch noch um mich, der ich z.B. etwas weiß oder bin, aber keine andere Gelegenheit hatte, die anderen das wissen zu lassen.

Also eine zweifache Zielverfehlung: nicht Gott, sondern den anderen anreden, und dann aber nicht beim anderen sein, sondern nur bei mir selbst bleiben.

Die andere Falle: den anderen verkennen. Gott zutexten, wie man heute sagen würde, und damit zu erkennen geben, dass man ihn eigentlich nicht kennt. Denn kennte man ihn, dann wüsste man, wie ein Ausleger schreibt, dass „Gott in seiner Liebe beim Menschen ist, bevor er bittet, und ihm die Notwendigkeit des wortreichen Gebets abnimmt.“

Und dazu gehört: zu verkennen, dass Gott uns gibt, was wir brauchen. Und dass er uns deswegen befreit, uns im Gebet ohne Sorge um uns selbst ganz auf das zu konzentrieren, was sein Wille für diese Welt ist.

Und da schließt sich der Kreis. Denn das, was Gott will, das ist, dass wir in Verbindung sind: versorgt von ihm (tägliches Brot) in Verbindung mit den anderen (Vergebung) und mit ihm (nicht in Versuchung).

Sonntag Rogate. Wer betet, wünscht sich, in Verbindung zu bleiben. Mit Gott. Jesus sagt: und mit den anderen, besonders, wenn es schwerfällt, sonst bist du es in Wahrheit auch mit Gott nicht.

Sonntag Rogate. Der Sonntag, an dem es um die Verbindung geht. In einer Zeit, in der genau das wieder die Herausforderung ist. Beieinander bleiben, vertrauensvoll und vertrauenswürdig, und Gott feiern, der uns gibt, was wir dafür brauchen. Amen.