Wer liebt, will nahe sein. Auch Gott.

Liebe Gemeinde,

an den vergangenen Sonntagen haben wir hier die gehört, die sagen: Ich will was festmachen mit Gott, ich will mich taufen lassen. Was sie jetzt hier vorne so nicht gesagt haben, das ist der Satz: „Ich liebe Gott.“ Aber wie in der Geschichte von dem Rabbi und seinem Schüler eben: Gott lieben, das ist ein großes Wort. Und was genau soll das auch heißen?

Eher ganz praktisch erkunden gerade über 20 Menschen in unserem Kurs „Praxis des Glaubens“ jeden Mittwoch den Glauben. Wie kann sich ein Grundvertrauen entwickeln von mir zu Gott? Welche Kraft hat die Dankbarkeit? Wie kann man auch Schweres annehmen? Und am nächsten Mittwoch: Wie sieht es aus, mit weitem Herzen großzügig zu leben? Kommen wir mit all dem vielleicht so nebenbei dem auf die Spur, was es heißt, Gott zu lieben?

Auf jeden Fall werden wir da in diesem Kurs gerade ganz grundsätzlich und ganz praktisch. Wie man sich das mit der Trinität vorstellen kann und in welchem Verhältnis zueinander die vier Evangelien entstanden sind, solche Fragen müssen da gerade ein bisschen warten.

Und damit ist es dort so ähnlich wie bei Jesus und den Leuten, mit denen er gerade im Gespräch ist. Sie hatten ihn gerade gefragt, ob man als gläubiger Mensch dem römischen Kaiser Steuern zahlen soll oder wie das mit der Auferstehung ist. Auch spannende Themen, unbedingt. Aber dann lesen wir in Markus 12:

Ein Schriftgelehrter war dazugekommen und hatte die Auseinandersetzung mit angehört. Als er merkte, wie treffend Jesus den Sadduzäern [das waren die mit der Frage zur Auferstehung] geantwortet hatte,

dachte er sich: Schön und gut, über all diese Dinge kann man so denken oder anders. Aber worauf kommt’s denn jetzt wirklich an im Glauben? Also

fragte er ihn: „Welches Gebot ist das wichtigste von allen?“ Jesus antwortete: „Das wichtigste Gebot ist dieses: ‚Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Willen, und mit deiner ganzen Kraft.‘ Das zweite ist: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘ Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“

Da antwortete ihm der Schriftgelehrte: „Ja, Lehrer, du sagst die Wahrheit: ‚Einer ist Gott, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm. Ihn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst‘, das ist viel wichtiger als alle Brandopfer und anderen Opfer.“

Als Jesus merkte, mit wie viel Einsicht der Schriftgelehrte geantwortet hatte, sagte er zu ihm: „Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes.“

Das ist es also: Am Ende läuft alles darauf hinaus, Gott und seinen Nächsten zu lieben. Sich selbst zu lieben, dazu werden wir hier übrigens nicht aufgefordert. Das hört man ja manchmal hier heraus: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Also soll ich mich auch selbst lieben.

Das ist natürlich nicht falsch. Aber „Liebe dich selbst“, das heißt es hier nicht. Nicht, dass man das nicht tun soll. Sondern dass man sich selbst liebt, das wird hier einfach vorausgesetzt. Es ist der Vergleichspunkt. So wie du dich ja selbst liebst, so liebe auch deinen Mitmenschen.

So wie Jesus auch anderswo sagt: So wie du von den anderen behandelt werden möchtest, so behandle du auch die anderen. Und auch da setzt er voraus, dass man selber gut behandelt werden will, dass man nicht geschnitten, beleidigt und geschlagen werden möchte.

Also darauf läuft alles hinaus: Gott lieben und seinen Mitmenschen lieben. Und das heißt? Wie geht das? Das hören wir hier leider nicht in diesem Gespräch. Ein Gespräch, das ja auch ein bisschen merkwürdig verläuft, fanden wir in der Vorbereitung.

Der eine sagt was, der andere sagt: „Recht hast du, wenn du sagst“, und dann wiederholt er noch mal, was der eine gesagt hat. Er hätte ja auch einfach sagen können: „Stimmt.“ Will er das nur einfach auch nur noch mal gesagt haben? Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem? Und dann bestätigt der erste wiederum dem zweiten, dass er Recht hat mit dem, was er von ihm wiederholt hat. Kein Wunder. Und dann kann man sich nur wünschen, dass der andere das nicht als gönnerhaft herablassend empfindet, wenn der eine ihm bescheinigt, nicht fern vom Reich Gottes zu sein.

Andererseits: Vielleicht ist das auch die Art und Weise eines Lehrgesprächs damals. So wie man ja auch heute sagt: Man behält aus einem Gespräch am besten, was man selber gesagt hat. Kennt ihr das nicht auch? Da kommt man von einer Diskussionsrunde nach Hause und denkt noch an die Erkenntnis, die einem so am meisten hängengeblieben ist, und manchmal fragt man sich: Wer hat das noch mal gesagt an dem Abend? Stimmt, das war ich ja selbst!

Oder wie früher und an manchen Orten auch heute noch in Schulen gearbeitet wird: die Lehrerinnen und Lehrer sagen etwas vor, und alle sagen es im Chor nach.

Und ich wette, wenn ich euch jetzt bitten würde, Jesus nachzusprechen: „Du sollst Gott lieben und deinen Mitmenschen wie dich selbst“, und ihr würdet das auch machen, dann würde das vermutlich zu den ersten Dingen gehören, die ihr von diesem Gottesdienst behalten habt.

Vielleicht ist das hier aber auch ein Spiel. Oder wie ein Tanz. Sie kreisen um diese Worte, diese Worte, die das wichtigste Bekenntnis des jüdischen Glaubens sind: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.“ Das berühmte Sch’ma Israel, mit dem manche dann sogar in die Gaskammern gegangen sind. Hauptsache gesund? Hauptsache lebendig? Hauptsache, Gott lieben!

Sie kreisen, diese beiden hier, um diese Worte und jeder spricht sie aus seiner Perspektive, jeder verbindet etwas anderes damit, aber das ist ihr Mittelpunkt, um diese Nabe drehen sie sich wie die Speichen. „Du sollst lieben! Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all deinem Willen und mit all deiner Kraft lieben sollst du. Unseren Gott sollst du so lieben und deinen Mitmenschen.“

So gehen sie um dieses Gebot herum, umkreisen es, spielen mit den Worten, wollen es nicht nur mit dem Kopf erfassen, sondern eben mit allem, was sie sind. Mit allem Inneren, wir würden heute vielleicht sagen: mit Fühlen, Denken, Wollen. Alles, was in uns geschieht, lässt sich diesen drei Bereichen zuordnen. Fühlen, Denken, Wollen. Und mit allem Äußeren wollen sie es begreifen, mit aller Kraft, die Haltung will zur Handlung werden.

Natürlich, wer da nicht mittanzen will, der steht daneben und fragt zunehmend ungeduldig: „Ja, ist ja gut, aber was heißt denn das nun konkret? Wie liebt man denn nun Gott wirklich?“ Und vielleicht antworten die beiden erst einmal: „Kleinen Moment noch, oder tanz doch erst noch ein bisschen mit, kreise um die Worte, lass die Worte kreisen. Vielleicht taucht dann was auf. Von alleine. Sag mal: Herr, mein Denken liebt dich – es sagen und es meinen und es fühlen. Oder: Herr, mein Fühlen liebt dich – es sagen und es meinen und es fühlen. Oder: Herr, mein Wollen liebt dich – es sagen und es meinen und es fühlen.“

Und wenn wir das nur ein bisschen ausprobieren, dann merken wir, all das bedeutet vor allem und zunächst: sich ganz auf Gott ausrichten. Und dann immer mehr den Wunsch zu haben, wie Gott zu fühlen und zu denken und zu wollen. Die ganze Kraft aufbringen, um sich nicht in eine andere Richtung ablenken zu lassen.

Und die ganze Kraft aufbringen, das zu leben, was Gott fühlt und denkt und will.

Wer liebt, will nahe sein dem, den er liebt / der, die er liebt / dem, den sie liebt / der, die sie liebt. Wer liebt, richtet sich auf aus … Wer liebt, will in Harmonie sein mit …

Wer liebt, will nahe sein, äußerlich und innerlich. Das erste Gebot könnte also auch lauten: Sei Gott nahe! Richte dich auf Gott aus! Sei in Harmonie mit Gott! Oder wie in dem Gespräch zwischen Rabbi und Schüler vorhin: Wolle Gott nahe sein! Wolle dich auf ihn ausrichten! Wolle mit ihm in Harmonie sein. Oder wolle wenigstens all das wollen.

Bitte Gott, dir die Sehnsucht nach ihm zu schenken.

Fühlen, wie Gott fühlt. Denken, wie Gott denkt. Wollen, wie Gott will. Aber wie komme ich denn da jetzt hin, immer mehr hin, immer wieder zurück auf den Weg dahin?

Nun ja, vermutlich gibt es da immer nur so Dinge zu sagen, die euch vielleicht zu simpel vorkommen. Aber sie sind es nicht. Fühlen, denken, wollen wie Gott – wer das will, für den gehört ganz vorneweg dazu, in der Bibel zu lesen. Sie zu meditieren, zu verkosten, sie zu verinnerlichen. Indem ich vielleicht mal etwas auswendig lerne. By heart lerne, wie der Engländer das Auswendiglernen nennt, mit dem Herzen lernen. Denn was ich wiederhole, sinkt immer tiefer in mich hinein, breitet sich in mir immer weiter aus.

In der Bibel lesen also. Und beten. Sich bewusst machen: Gott ist gegenwärtig, wie wir vorhin gesungen haben. Sich vornehmen: bin ich es doch auch mal, gegenwärtig, so wie er, da, wo er ist, also hier bei mir. In seiner Nähe sein. Nicht nur: ich weiß, dass er immer bei mir ist. Sondern: ich möchte, dass auch er merkt, dass ich bei ihm bin.

Natürlich: Eins miteinander sind nur Jesus und der Vater. Wir und der Vater sind es nie ganz. Was uns angeht, sagt Jesus an anderer Stelle, da sollen wir eins sein – mit den anderen. Und hier sagt er: in Liebe miteinander verbunden.

Vielleicht ist das ja nicht so ganz unser Problem, aber: nur Gott lieben, ohne den Mitmenschen zu lieben, das führt im Extremfall zum religiösen Fanatismus. Das führt dazu, den anderen nur dann zu lieben, wenn er so glaubt, wie ich. Der Sabbat ist aber für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Und ich bin nicht der Türhüter zu Gott.

Die Beziehung zu Gott droht irgendwie schief zu werden, wenn ich zwar sage, ich liebe Gott, aber nicht bereit bin, Gott auch an meinen Zorn ranzulassen, an meine Wut, an meinen Überdruss im Blick auf andere Menschen.

Ich weiß nicht, bildet sich dann nicht auch im Blick auf Gott leicht eher so ein grimmiges, genugtuendes Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, als dass es Liebe wäre von mir zu ihm? Möchte, wer liebt, nicht die ganze Welt umarmen? Und kann es Gott gefallen, wenn ich ihn liebe, aber nicht die anderen, die er auch liebt?

Deswegen kommt zu Bibel und Gebet noch ein drittes hinzu: die Gemeinschaft mit den anderen. Gott lieben, das ist wie einatmen, den Mitmenschen lieben, das ist wie ausatmen. Wer immer nur einatmet, erstickt irgendwann. Wer immer nur ausatmet, bricht zusammen. Beides, einatmen und ausatmen, brauchen wir, um geistlich am Leben zu bleiben. Um das einzuüben, dazu unter anderem haben wir Gemeinde.

Zu beidem laden uns Jesus und der Schriftgelehrte hier ein. Sie laden uns ein, um dieses Wort herum zu tanzen, es von allen Seiten zu betrachten und es so auch langsam innerlich in die Mitte zu nehmen. Und sie laden uns ein, das gemeinsam mit den anderen zu tun. Und dann können wir wahrscheinlich dabei zusehen, wie die Liebe wächst – zu Gott und zu den anderen. Amen.