Wider die Eindeutigkeit, oder: Jesus, Sohn der Rahab

Liebe Gemeinde,

Lafta hat uns eben von seinem Glauben erzählt, in drei Wochen wollen wir ihn taufen. Den Iraki in die deutsche Gemeinde. Wenn Gemeinde da wohnt, wo Gott wohnt, kann es gar nicht anders zugehen als bunt.

Zugleich wurden wir in dieser Woche aber auch daran erinnert: Viel zu viele Menschen zieht es gerade wieder in ein Leben, in dem alles eindeutig ist. So ist das Leben aber nicht: eindeutig. Eindeutig ist nur der Tod. Auch das konnten wir in dieser Woche sehen.

Trotzdem zieht es gerade wieder zu viele Menschen in ein Leben, das eindeutig ist. In dem ein Deutscher eben wie ein Deutscher aussieht, der Westen den Osten verraten hat, die Juden an allem schuld sind und der Islam nicht zu Deutschland gehört. In ein Leben zieht es viele, in dem man denkt: Der Feminismus sorgt für zu wenige Geburten, die Migranten stoßen in dieses Vakuum vor und der Bevölkerungsaustausch ist in vollem Gange, linksversiffte Eliten zerstören unser Land, wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen. Dann ist alles wieder schön übersichtlich.

Und alles Politische ist auch privat, und dass Dinge eindeutig sind, das doch macht auch unser eigenes Leben einfacher, oder? Wenn mein Leben so aussieht, wie ich es mir vorstelle. Wenn ich einen Plan schmiede, und er geht auf. Wenn ich ein Bild von mir habe, und andere sehen mich genauso. Dass meine Freunde für mich sind und meine Feinde gegen mich. Und hinter jeder guten Tat auch eine gute Absicht steckt. Und so weiter.

Wir lieben es gerne eindeutig. Rechtwinklig, sozusagen. Rechte Winkel aber gibt es in der Natur nicht. Und da wir Menschen immer noch mehr zur Natur gehören, als wir denken, gilt also auch für uns: Rechte Winkel gibt es auch in unserem Leben nicht. Und auch nicht in unseren Gemeinschaften.

Das Leben sucht sich seinen Weg, und der ist meist gewunden. Nie eindeutig. Oft zwiespältig. Dreifaltig wie unser Gott. Hauptsache, alles bleibt in Beziehung. In Gottes Haus sind viele Wohnungen, und die Klingelleiste liest sich wie das Register eines Atlas.

Die biblische Geschichte, die uns für heute vorgeschlagen ist, ist auch eine so Geschichte, in der es nicht eindeutig zugeht. Die Israeliten sind nach 40 Jahren endlich der Wüste entkommen und stehen am Jordan. Auf der anderen Seite das verheißene Land. Das ist aber leider schon bewohnt. Also, erzählt das Josuabuch in seinem 2. Kapitel, und das dauert jetzt ein wenig länger, macht’s euch bequem, wenn dieser Thriller nicht zu spannend ist, also

schickte Josua von Schittim aus heimlich zwei Männer auf die andere Seite des Jordans und befahl ihnen: „Erkundet das Land dort drüben und besonders die Stadt Jericho!“ Die Kundschafter kamen in die Stadt und kehrten im Haus einer Prostituierten namens Rahab ein, um dort zu übernachten.

„What?“, möchte man dazwischenrufen, „wo kehren die ein? In einem Bordell?“ Wie gesagt, eindeutig ist das Leben nicht, hier sogar ziemlich zweideutig. Aber mal weiter.

Noch am selben Abend wurde dem König von Jericho gemeldet, dass israelitische Kundschafter in die Stadt gekommen waren. Sofort schickt er Wachtleute zu Rahab und befahl ihr: „Gib die Männer heraus, die bei dir eingekehrt sind! Sie sind nur gekommen, um unser Land auszuspionieren.“ Rahab versteckte die beiden auf dem flachen Dach ihres Hauses unter einem Haufen von Flachs und sagte zu den Wächtern: „Ja, es waren zwei Männer bei mir. Aber ich wusste nicht, woher sie kamen. Beim Einbruch der Dunkelheit, bevor das Tor geschlossen wurde, haben sie die Stadt wieder verlassen. Ich weiß nicht, in welche Richtung sie gegangen sind. Aber wenn ihr schnell hinterherlauft, könnt ihr sie noch einholen.“ Die Wächter nahmen schnell die Verfolgung auf und liefen bis an den Jordanübergang. Das Stadttor wurde wieder hinter ihnen geschlossen.

Noch bevor sich die beiden Kundschafter zum Schlafen zurechtgelegt hatten, kam Rahab zu ihnen aufs Dach und sagte: „Ich weiß, dass der Herr euch dieses Land gegeben hat. Alle Bewohner zittern vor euch, sie sind vor Angst wie gelähmt. Wir haben gehört, dass euer Gott euch einen Weg durch das Schilfmeer gebahnt hat, als ihr aus Ägypten gezogen seid. Wir wissen auch, dass ihr auf der anderen Seite des Jordans die beiden Amoriterkönige Sihon und Og besiegt und getötet habt. Deshalb haben wir allen Mut verloren. Keiner von uns wagt, gegen euch zu kämpfen. Denn der Herr, euer Gott, hat die Macht im Himmel und auf der Erde.

Ich bitte euch, schwört mir bei ihm, dass ihr an meiner Familie genauso handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Beweist mir eure Treue durch die Tat: Lasst meine Eltern und Geschwister und alle ihre Hausgenossen am Leben, rettet uns vor dem Tod!“ Die Kundschafter antworteten ihr: „Der Herr soll unser eigenes Leben von uns fordern, wenn einem von euch etwas geschieht! Aber ihr dürft niemand sagen, dass wir hier waren. Dann werden wir dir Treue erweisen und dich und deine Angehörigen verschonen, wenn der Herr uns dieses Land gibt.“

Rahabs Haus war unmittelbar an die Stadtmauer gebaut. So konnte Rahab die beiden Männer an einem Seil aus dem Fenster die Mauer hinunterlassen. Sie sagte zu ihnen: „Geht zuerst ins Bergland und versteckt euch dort, damit ihr nicht euren Verfolgern in die Hände lauft. Wartet drei Tage lang, bis sie die Verfolgung aufgegeben haben. Dann könnt ihr unbehelligt in euer Lager zurückkehren.“

Zum Abschied sagten die Kundschafter: „Wir haben dir geschworen, dass du verschont werden sollst. Hör zu, was du tun musst: Binde diese rote Schnur an das Fenster, durch das du uns hinunterlässt, und nimm deine Eltern, Geschwister und alle anderen Verwandten zu dir ins Haus. Keiner darf es verlassen. Wer hinausgeht und getötet wird, ist selbst daran schuld. Wir übernehmen dafür keine Verantwortung. Wenn aber einer drinnen im Haus umgebracht wird, trifft die Schuld uns. Du darfst aber nichts verraten! Sonst sind wir nicht mehr an den Eid gebunden, den wir dir geschworen haben.“ „Gut“, sagte Rahab, „so soll es sein!“ Als die Kundschafter gegangenen waren, band sie die rote Schnur ans Fenster.

Liebe Gemeinde, das ist alles schon irgendwie ganz schön zwiespältig, oder? Man muss schon sehr ein Typ sein, der ausschließlich aufs Ergebnis schaut, um hier nicht gemischte Gefühle zu bekommen. Und zwar egal, von woher man auf diese Geschichte schaut.

Auch vom Ende her, denn es kommt dann natürlich alles genauso, wie hier abgemacht. Der seidene rote Faden, an dem das Leben von Rahab und ihrer Familie hängt, erweist sich als zuverlässig. Sie werden verschont. Alle anderen Bewohner der Stadt aber getötet. Keiner also mehr da, der ihr Opportunismus und Verrat vorwerfen könnte. Wer noch da ist, lobt sie für ihre Klugheit und für ihren Mut. Die Sieger schreiben auch diese Geschichte.

Rahab – ich möchte mit Euch ein wenig über Rahab meditieren. Hierhin und dahin gucken dabei. Vielleicht gar nicht so mit einem roten Faden. Ob Euch das eine oder andere dabei nahekommt, sich mit Eurem Leben verbindet, privat, oder mit unser aller Leben, öffentlich?

Rahab – sie ist so eine Mischung aus Pocahontas und Mutter Courage. Lässt sich mit den Eroberern ein wie die Indianerfrau und denkt nur daran, ihre eigene Familie zu retten wie Brechts Mutter Courage, die mit ihrem Marktkarren den Schlachten des Dreißigjährigen Krieges hinterherzieht und zugleich ihre Kinder davor bewahren will, für irgendeines der Heere rekrutiert zu werden. Eine von den vielen Figuren aus dem Theater Bertold Brechts, die mit ihrer Moral an den Umständen scheitern. Wir wissen auch nicht, wie gerne Rahab diesen Deal mit den Israeliten eingegangen ist. Nur dass sie es tat.

Rahab, sie ist die Zwiespältige. Wir freuen uns mit den Israeliten über die neue Heimat, ja, fragen uns aber, ob es denn unbedingt so hat ablaufen müssen. Auf diese kriegerische Weise. Mit diesem Personal. Aber was wissen wir schon? Die wenigsten von uns werden für solch riskante und gefährliche Vorhaben die Verantwortung getragen haben. Da kann man nicht immer fein raus sein. Es sei denn, man hält sich fein aus allem raus.

Rahab, ein Name, so zweideutig für eine Prostituierte, dass man nicht weiß, ob er ihr nicht von anderen angehängt wurde. Denn Rahab, so haben später die Rabbinen hergeleitet, kommt von „weit, offen“. Und wer so offen ist, der ist suspekt. Kein Wunder, kommen die Wächter schnell auf die Idee, bei Rahab nach den Spionen zu suchen. „Die lebt außerhalb unserer Sitten, die weiß nicht, wo sie hingehört, die ist nicht verlässlich, nicht loyal, die nimmt jeden auf.“ Da muss man nun sagen: kluge Wahl der Spione, bei ihr einzukehren.

Rahab, die Zwiespältige. Wer im Zwiespalt lebt, lebt vielleicht im Zwiespalt, weil er so offen ist, muss aber auf jeden Fall offen sein, weil er im Zwiespalt lebt.

Im Zwiespalt, das heißt: immer bereit für den Fall, dass alles auch ganz anders kommt. Da muss man sehen, wie man das Gleichgewicht hält, muss nach allen Richtungen die Fühler ausstrecken, ist immer sensibler als andere, wacher, aufmerksamer, weiß, dass von überall her etwas kommen kann, auf dass man sich dann einstellen muss. Mit dem man sich vielleicht auch arrangieren können muss. Da weiß man, das man nicht wissen kann, was morgen kommt. Oder in fünf Jahren. Oder in fünfzig. Kennt Ihr so ein Leben? Wenn nein, warum nicht?

Wer im Zwiespalt lebt, muss deswegen auch vertrauen können. Sich anvertrauen können. Dem Leben, auch wenn es keine rechten Winkel hat. Sich anvertrauen können wie der, der Jesus nicht mehr sagen kann als: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Wer von uns kann schon mehr sagen? Sind uns die vielleicht sogar ein bisschen unheimlich, die jetzt laut „Ich!“ rufen? Einmal sagte einer zu ihm: „Ich werde den Glauben an dich nie verraten.“ Jesus schwieg und sah ihn voller Barmherzigkeit an.

Kann ich mehr sagen als diese Worte des Zwiespalts: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“? Muss ich denn mehr sagen können zu dem, der selber ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Muss ich mehr sagen können zu dem, der den Zwiespalt kennt, schon weil sein Leben auf dem der Rahab ruht?

Ja, tatsächlich, Jesus hat etwas Rahabitisches. In seinem Stammbaum taucht sie auf: „Salmon“, heißt es da irgendwo auf halber Höhe, „Salmon zeugte Boas mit der Rahab.“ Wow, Rahabs Blut fließt durch Jesus!

Was ist noch da von ihr bei ihm? Kein Wunder vielleicht, dass er den Zwiespalt nicht scheut? Kein Wunder vielleicht, dass er weit offensteht für alle, vor denen sonst alle Türen zugehen? „Er hängt mit den Fressern und Säufern ab!“, wird ihm vorgeworfen. „Kein Wunder“, hat vielleicht einer gesagt, „bei dem Stammbaum …“, und alle brechen in anzügliches Gelächter aus.

Jesus, Sohn der Rahab, bist du bei mir, wenn bei mir vor lauter Druck das Fressen vor der Moral kommt? Wenn ich für meinen Glauben die Hand nicht ins Feuer legen kann? Wenn ich nicht weiß, ob ich edel, hilfreich und gut sein kann? Wenn meine Absichten einmal nicht so rein und klar sind?

Jesus, Sohn der Rahab, bist du bei mir, wenn ich mittendrin stecke in den Widersprüchlichkeiten meines Lebens? In den Schwierigkeiten vielleicht auch, die ich mir selber eingebrockt habe?

Jesus, Sohn der Rahab, bist du bei mir, wenn ich Weisheit brauche, um von zwei zwiespältigen Möglichkeiten wenigstens die weniger verwerfliche zu wählen?

Jesus, Sohn der Rahab, Sohn der Offenen, verschließe dich mir nicht, wenn keiner anderer mich mehr aushalten mag! Keine Sorge, das tut er, er hält dich aus.

Und wie könnte er auch anders!? Er, der die 99 stehenlässt und die eine / den einen sucht, die oder der verlorengegangen ist, ihm und den anderen. Alle sollen bei ihm sein. Alle sollen beieinander sein. Egal, wer und woher.

Und so wird zu allen Zeiten, aber besonders heute die Kirche, die wirklich das Haus Gottes ist, bunt sein, gemischt sein, divers sein, sich manchmal zwiespältig anfühlen – oder sie ist nicht das Haus Gottes.

Keine Sorge, Jesus, der Sohn Rahabs, hält das aus. Und hält uns zusammen. Amen.