Wie Gott: sich aufmachen für, aufmachen zu

Liebe Gemeinde,

der dreieine Gott lebt in uns und hilft uns, uns aufzumachen. Für die anderen uns aufzumachen, zu den anderen uns aufzumachen. So bekennen es die, die selbst erlebt haben: Gott hat sich für mich geöffnet und er hat sich zu mir aufgemacht.

Das allerdings bewegt nur die, die wissen, wie außergewöhnlich das ist, dass er sich so aufgemacht hat für und zu uns. Die, die sich vielleicht nach Matthäus zu den „geistig Armen“ (Matthäus 5,3) zählen, das heißt, die ihr Lebensglück, auch ihr ewiges, nur von Gott erwarten. Die wissen, dass sie vor Gott mit leeren Händen dastehen. Diejenigen, die sich nicht zu schade sind, mit 1. Korinther 1,21 zu sagen: An die Torheit des Glaubens glaube ich. Selbst, wenn sie in anderer Hinsicht klug und weise sein mögen.

Auch die Worte Jesu für den heutigen Sonntag sprechen davon. Ich lese aus Matthäus 11.

Danach rief Jesus aus: „Ich preise dich, Vater, du Herr über den Himmel und die Erde! Denn du hast das alles  vor den Weisen und Klugen verborgen. Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart. Ja, Vater, so hast du es gewollt!

Alles hat mir mein Vater übergeben. Niemand kennt den Sohn, nur der Vater. Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn – und die Menschen, denen der Sohn den Vater zeigen will.

Kommt zu mir, ihr alle, die ich euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden. Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann wird eure Seele Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“

Das allerdings bewegt nur die, die wissen, wie außergewöhnlich das ist, dass er sich so aufgemacht hat für und zu uns.

Erst, wenn wir das für uns nachvollzogen haben, wenn wir das akzeptieren: dass in unserer Beziehung zu Gott nichts von dem zählt, was wir haben und sind (oder sein wollen oder darstellen wollen) und was uns, wenn wir darauf Wert legen, ja doch nur von den anderen unterscheiden soll, erst dann, wenn das zwischen mir und Gott keine Rolle mehr spielt – erst dann fange ich an zu begreifen und als befreiendes Glück zu fühlen, dass Gott die besonders liebt,

die nicht mit viel Bildung aufwarten können oder die Kranken oder die Armen;

die an den Maßstäben der Gesellschaft scheitern, die beim Projekt der Selbstoptimierung nichts Vorzeigbares hinbekommen;

die trotz Artikel 1 des Grundgesetzes in unserer Gesellschaft nicht in die Mitte gelassen werden, sondern am Rand bleiben müssen und benachteiligt werden.

Oder um es mit der aktuellen Situation zu sagen: Es ist für einigermaßen gutsituierte Weiße vielleicht auch eine Herausforderung, von diesem besonderen Blick Gottes auf die anderen zu hören. Jedenfalls so lange, bis sie Gott zu ihnen folgen.

In der Diskussion über den Rassismus gibt es immer wieder auch Stimmen, die den Slogan #BlackLivesMatter aufgreifen und sagen: „Schwarze Leben zählen? Nein, alle Leben zählen!“ Das ist aber meistens nur eine Abwehrreaktion. Vermeintlich gerecht meint sie, alle müssten in den Blick genommen. Aber oft steckt dahinter der Wunsch, dass niemandem speziell geholfen wird und man sich deswegen auch nicht selbst hinterfragen muss.

Diese Zeichnung im Gottesdienstprogramm hier spielt das an der Bergpredigt Jesu durch: „Selig sind die Armen!“, ruft Jesus. „Nein, Jesus“, wendet jemand ein, „selig sind ALLE Menschen!“

Ist das die Stimme derer, die zum Beispiel nicht damit klarkamen,

dass Gott das unscheinbare Völkchen Israel ausgewählt hat (5. Mose 7,7);

dass Miriam ihr Freudenlied singt, weil Israel von den übermächtigen Verfolgern gerettet wurde (2. Mose 15,20-22);

dass Maria sich auf die Geburt Jesu freut, weil dann die Mächtigen vom Thron gestoßen werden (Lukas 1,46-55);

dass Jesus sagt, die Gesunden brauchen keinen Arzt, also ihn (Markus 2,17);

oder dass Jesus die Armen seligpreist, und dass er die, die nichts vorzuweisen haben, zu sich ruft?

Es hat eine lange Tradition bei Gott, denen am Rande besonders nahezusein. Diese Tatsache wird da verdunkelt, wo Erfolg zum Zeichen göttlichen Wohlwollens erklärt wird. Es wird aber auch da verdunkelt, wo die, die nicht am Rand stehen, die am Rand nicht mehr sehen.

Und ich wage mal die Behauptung: Erfolg als Zeichen göttlichen Wohlwollens misszuverstehen, das ist eher nicht unser Problem. Eher schon das andere: Es trifft für sehr viele von uns die meiste Zeit ihres Lebens zu, dass sie nicht am Rand stehen, sondern eher in der Mitte. In der Mitte der Gesellschaft. Und viele auch eher in der Mitte der Gemeinde.

Wenn ich mich dann dort wiederfinde, eher in der Mitte, dann ist oft eine bewusste Entscheidung nötig, die am Rand zu sehen. Und eine noch bewusstere Entscheidung braucht es oft, zu denen am Rand auch hinzugehen.

Ein winziges Beispiel aus meinem Leben: In dieser Woche habe ich im Tagesspiegel ein Interview über Rassismus in Deutschland gelesen. Es war ein Gespräch mit den Abgeordneten Karamba Diaby und Aminata Touré. Als ich dann ein paar Seiten weiter war in meiner Zeitung, hatte ich ihre Namen vergessen. Ich konnte sie mir nicht merken. Naja, dachte ich, ist ja auch schwierig. Gegenüber den gewohnten deutschen Namen sind das ja regelrecht nur unbekannte Buchstabenfolgen. Aber dann dachte ich: Nein, da geht’s doch schon los! Es sind genauso deutsche Politiker wie Merkel, Söder, Baerbock und wie hieß noch mal … Los, du lernst auch diese Namen jetzt, bis du sie kannst!

Ein kleines Beispiel nur, ein winziges regelrecht. Klein genug, damit es uns alle an etwas aus unserem eigenen Leben erinnern kann? Klein genug, um ein erster Schritt zu sein hin zu denen, die am Rande stehen bzw. die unsere Gesellschaft immer wieder und in mancher Hinsicht an den Rand stellt? Oder auch unsere Gemeinde?

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Darüber dürfen sich alle freuen, die an den Rand geraten sind.

Und falls ich es nicht bin, darf ich dann nicht kommen? Doch. Wirklich nahe kommst du Jesus aber erst dann, wenn du dich darüber freust, wie er die am Rand liebt. Und so nahe, dass du seine Liebe selber spürst, kommst du ihm erst, wenn du merkst: Ich will vor ihm alles loslassen, womit ich mich abmühe, um in der Mitte der Gesellschaft bleiben zu können. Ich will mit den anderen bei Jesus sein, mit denen am Rand. Von ihm will ich das Leben empfangen! Amen.