Wieviel Realität erträgt die Hoffnung? (Volkstrauertag)

Liebe Gemeinde,

Volkstrauertag, wir hören darauf, was die Opfer von Krieg und Verfolgung uns sagen.

Und das hatte ich mir dann so gedacht: Wir hätten der Toten zweier Weltkriege gedacht. Auch der vielen Menschen, die auch danach noch in Kriegen und Konflikten ums Leben gekommen sind. Dann hätten wir uns gefragt: Was können denn wir dazu tun, dass solche Konflikte weniger werden. Und dann wären wir wieder bei der Versöhnung gelandet. Die uns als Christen doch sozusagen im Blut liegt, mit Jesus, mit Kreuz und Auferstehung und neuem Leben und so.

So hatte ich mir das gedacht. Dann habe ich geguckt, was ist eigentlich aus der Bibel für die Predigt heute vorgeschlagen. Und habe nachgeschlagen und habe aufgeschlagen und war wie vor den Kopf geschlagen. Denn das passte jetzt mal so gar nicht. Zu dem, was ich mir so gedacht hatte. Denn da lesen wir im Buch der Offenbarung:

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und lebendig geworden ist: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – obwohl du in Wahrheit reich bist – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind es aber nicht, sondern sie sind die Versammlung Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet. Und ihr werdet für zehn Tage in Bedrängnis sein. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll der zweite Tod nichts anhaben können.

Von wegen Betroffenheit und „Nie wieder!“. Von wegen Versöhnung. Stattdessen Bedrängnis und Beschimpfung, Tod und Teufel. Und „Lasst die anderen wüten, die Krone des Lebens bekommen die nicht.“ Und ich dachte: Mist, den Bogen zur Versöhnung bekomme ich hier nie.

Ich dachte: Jetzt hast du hier so oft darüber geredet, wie wichtig es ist, dass wir zur Versöhnung bereit sind; dass wir lieben, auch wenn es uns schwerfällt. Martin Luther King. Der Fernseh-Gottesdienst. Und jetzt eben Volkstrauertag, es kann doch mit dem Streit nicht ewig weitergehen!

Und dann wirst du durch die Offenbarung heute so ausgebremst. Die grätscht hier voll rein. Wie wenn plötzlich jemand neben mir stehen würde. Und ich würde gerade sagen: „Lasst euch vom Hass nicht überwinden!“ Und er würde sagen: „Ich kenne deine Bedrängnis.“ Und ihr würdet sagen: „Ach, das tut gut, dass da auch mal jemand anerkennt, was wir durchmachen!“

Ich würde sagen: „Liebt eure Feinde!“ Und er würde sagen: „Aber ihr habt schon auch recht, das ist ganz schön schwer, wenn man es mit so einer Versammlung Satans zu tun hat.“

Und ich würde sagen: „Glaubt daran, dass die Liebe siegt!“ Und er würde sagen: „Es ist schon realistisch, wenn ihr fürchtet zu sterben.“

Und ich würde zu ihm sagen: „Hör auf damit, das führt doch zu nichts!“ Und er würde sagen: „Bleib du mal kurz bei der Realität. Hoffnung verbreiten heißt nicht, sich die Welt schönzureden. Und wenn deine Hoffnung das nicht aushält, dann hat sie es auch nicht verdient, gehofft zu werden.“

Und da würde ich dann nichts mehr sagen. Denn das glaube ich dann ja schon, dass meine Hoffnung die Realität aushält. Ich hoffe es zumindest. Und bisher war es auch irgendwie auch so. Also, zumindest im Privaten. Dass ich mich noch nicht von Gott verabschiedet habe in so mancher heftigen Krise.

Wieviel Realität erträgt die Hoffnung? Protestiert bei Gott habe ich schon mal. Habe ihn angeschrien. Vor allem damals, als das Leben meiner Tochter auf der Kippe stand. Ich kenne auch, dass mal Funkstille war. Das gab es alles. Manchmal hatte ich sogar gedacht: Vielleicht wollte der liebe Gott, dass ich Pastor werde, damit ich bei ihm bleibe. Denn bis Sonntag musste ja immer das Nötigste wieder geklärt sein. Wenigstens sich mal ein wenig beruhigt haben.

Was ist da die Hoffnung gewesen? Dass alles wieder gut wird? Ja, auch. Wurde es aber nicht immer. Dann blieb die Hoffnung, dass Gott mich irgendwie durchbringt durch solche Zeiten. Und bei sich hält. Und diese Hoffnung hat sich immer wieder erfüllt bisher.

Meine private Hoffnung also, die hat bisher ausgehalten, was so passierte in meinem Leben. Gott sei Dank.

Aber heute ist Volkstrauertag. Da geht es um die Politik, um die Gesellschaft. Da geht es um die Frage, wohin diese ganze Welt unterwegs ist. Da beklagen wir die vielen Opfer, die immer wieder gebracht werden. Menschen, die geopfert werden auf dem Altar von Geld und Macht. Leichen, über die gegangen wird auf dem Weg zum Erfolg. Totensonntag.

Da guckt man nicht so gerne hin. Da wollte ich gleich die Abkürzung zur Versöhnung nehmen wollen. Aber wir dürfen die Opfer nicht übergehen. Und wir müssen hingucken, um zu verstehen, was geschieht. Müssen realistisch sein, damit auch unsere Hoffnung realistisch ist. Müssen erst mal bei dem Engel für Smyrna bleiben. Hören und aushalten, wie er der Gemeinde sagt: Ich kenne deine Bedrängnis.

Das ist auch ein anderer Ton, als wir ihn vor zwei Wochen hier hatten: Paulus, Römer 13. Alle staatliche Gewalt ist von Gott gegeben. Für Paulus waren die Herrscher noch Diener Gottes. Für die Offenbarung ist der Kaiser das grausame Tier aus dem Abgrund. Paulus hoffte noch auf ein Auskommen mit dem Staat. Für die Offenbarung ist der Staat eine Ausgeburt des Teufels, einzig darauf bedacht, die Kinder Gottes zu verschlingen.

Da gibt es kein friedliches Nebeneinander. Da heißt es nur irgendwie durchhalten. Und wenn es heißt: „Wer überwindet, der …“, dann heißt überwinden nicht überleben. Sondern vor dem Tod den Glauben nicht aufgeben. Damit der zweite Tod einen nicht kriegt. Der ewige. Wieviel Realität erträgt die Hoffnung?

Puh, aber das ist alles ganz schön weit weg von unserer Erfahrung, oder? Unser Staat funktioniert ganz gut. Staatliche Verfolgung gibt es nicht. Hier lauern keine Polizisten oder Soldaten vor der Tür, um uns niederzuknüppeln und festzunehmen, wenn wir aus dem Gottesdienst kommen. Gott sei’s gedankt!

Aber eben wir aus Pakistan gehört. Hier noch mal aus einem Interview mit einer Jesidin aus dem Irak:

„Über das Schlimmste kann ich nicht sprechen. Aber ich kann sagen, wie es dazu kam. Es begann in der Nacht auf den 3. August 2014, früh um fünf, als Schüsse uns weckten. Ich schrak hoch und fing sofort an zu weinen vor Angst. Wir haben den Fernseher angeschaltet, da sahen wir in den Nachrichten schon die Pick-ups des ‚Islamischen Staates‘ und hörten parallel dazu die Schüsse. Ich wusste: Sie kommen. Es war Sommer im Nordirak. Unsere Nachbardörfer hatten in den Tagen zuvor Christen aufgenommen, die aus Mossul geflohen waren. Aber nicht im Traum hätte ich geglaubt, was uns blühte.“

Wieviel Realität erträgt die Hoffnung? Haben wir Hoffnung für die Welt, aus der sie kommt, diese Jesidin? Haben wir Hoffnung zum Beispiel für den Irak? Habt Ihr?

Und wenn ja, worauf hofft Ihr da dann genau? Dass Gott eingreift? Oder darauf, dass die Menschen es irgendwann müde werden zu hassen und zu kämpfen? Hofft Ihr auf die UNO? Auf die Vernunft? Darauf, dass sie wieder Geschäfte machen wollen und dafür den Frieden brauchen? Angenommen, wir würden für den Irak hoffen: Worauf hoffen wir dann genau? Hoffen wir auf Gott?

In der Schulung für den Fernseh-Gottesdienst haben wir gelernt: Stellt nur Fragen, auf die ihr keine Antwort habt. Das tue ich hier: Ich weiß nicht, ob ich wirklich hoffe, dass es Gott sein wird, der dem Irak Frieden schenken wird. Wünschen tue ich es mir. Aber wünschen ist nicht hoffen.

Macht die Offenbarung den Christinnen und Christen in Smyrna solche Hoffnung? Sagt der Seher: „Gott wird euch aus den Gefängnissen holen!“? Ich sehe auf den ersten Blick hier nur zwei Hoffnungen, die der Engel der Gemeinde aus dem Himmel ausrichten soll:

Erstens: Es dauert nicht lange, 10 Tage nur werdet ihr bedrängt. Das ist in Rom die U-Haft für Bagatelldelikte. Die Hoffnung also: es dauert nicht lange. Die Tage der Bedrängnis werdet ihr an zehn Fingern abzählen können.

Und die andere Hoffnung: der zweite Tod kann euch nichts anhaben. Es wartet auf euch das ewige Leben. Das heißt: Das schlimmste, was euch passieren kann, das ist, dass sie euch töten. Aber das ist nicht das Aus.

So ähnlich hat das übrigens auch die Jesidin in dem Interview von vorhin gesagt: „Dreimal gewährten sie meinem Dorf ein Ultimatum: Werdet Muslime, dann überlebt ihr! Doch das war uns unmöglich. Undenkbar. Wer seinen Glauben verleugnet, der fällt ins Nichts.“ Und der Seher hier würde ergänzen: Wer aber seinen Glauben nicht verleugnet, der wird nur getötet.

Das sind die beiden Hoffnungen hier: Es wird nicht lange dauern. Und nach dem Tod wartet das ewige Leben.

Wärt ihr mit so einer Hoffnung getröstet? Und wenn noch nicht so richtig, warum eigentlich nicht?

Vielleicht hilft denen in Smyrna ja noch zusätzlich, dass der Engel ihnen nebenbei auch noch etwas erklärt über ihre Situation. Was man versteht, erträgt man besser.

Und der Engel erklärt den Christen in Izmir an der türkischen Westküste, unter dem das antike Smyrna liegt, er erklärt ihnen, was auf der Weltenbühne geschieht und was hinter der Bühne geschieht. Auch das soll ihre Hoffnung stärken. Wenn sie verstehen, was eigentlich los ist.

Sie hatten sich nämlich gefragt: Wir hatten doch immer so ein gutes Verhältnis zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern, warum sind die plötzlich so gegen uns? Und der Engel sagt ihnen: die, die euch da so anfeinden, die behaupten nur, Juden zu sein.

Ausleger meinen: wahrscheinlich gehörten diese Menschen tatsächlich nur zum Rand der Synagoge; Menschen, die das Judentum nur interessant fanden, gerne mal hingingen, aber das mit der Beschneidung eher mal sein ließen. Sie waren es wohl, die gegen die Christen in Smyrna hetzten.

Der Engel ist ein Aufklärer. Er sagt: Diese Menschen sind nicht Synagoge, sondern „Versammlung des Satans“. Ein wenig drastisch für unsere Ohren. Aber kein Antisemitismus. Sondern der Engel deckt auf, wer sich hier ein falsches Mäntelchen übergeworfen hat.

Und die zweite Aufklärung: Nicht Richter und Soldaten werfen euch ins Gefängnis, sondern der Teufel. Der versucht euch dadurch. „Der Teufel? Aber das ist ja furchtbar, sind wir jetzt in dessen Hand?“

Wenn sie aber die Offenbarung weiterlesen, dann erfahren sie: die Tage des Teufels sind gezählt. Der tut nur noch so mächtig, aber er kämpft längst nur noch Rückzugsgefechte. Aus dem Himmel geworfen ist er schon. Wenn er jetzt noch auf der Erde vor sich hin wütet, dann ist das für euch noch schlimm genug. Aber was er zerstört, das zerstört er schon im Fallen. An eure Seelen kann er nicht mehr.

Wieviel Realität erträgt die Hoffnung? Aber auch: Welche Wahrheit stärkt die Hoffnung?

Und das ist jetzt komisch. Denn ich merke: Dass der Teufel nur noch Rückzugsgefechte kämpft, das gibt mir tatsächlich Hoffnung. Wenn ich weiß, dass hinter den Kulissen des Weltgeschehens die Würfel schon gefallen und die Weichen gestellt sind und der Schrecken ein Ende haben wird – dann gucke ich über die Mühen der Ebene hinaus auf den Horizont. Wo schon langsam die Sonne aufgeht. Dann hilft mir das, an dem dranzubleiben, der diesen Sieg errungen hat und uns Menschen nun in diese Zukunft führt.

Und der von vorhin steht immer noch neben mir. Ich frage ihn: „Kann ich dann jetzt doch noch von Versöhnung sprechen?“ Und er sagt: „Jetzt ja. Denn jetzt ist klar: Wir nehmen Leid und Tod ernst. Aber wir lassen ihnen nicht das letzte Wort.“ Amen.