Wir Mobilien Gottes (Pfingsten)

Liebe Gemeinde,

Pfingsten: der heilige Geist, der Geist Jesu, der Gottes in uns. Gott hat in uns Wohnung genommen. Das Pfingstfest macht uns alle zu mobilen Tempeln, zu mobilen Kirchen. Zu Orten der Gottesbegegnung. Denn das ist ein Tempel, eine Kirche: ein Ort der Gottesbegegnung.

Das mit den mobilen Tempeln habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Ich fand das neulich in einem Erklärvideo für Jugendliche über Pfingsten. Es hat mir gefallen. Wir, die wir uns Christinnen beziehungsweise Christen nennen, wir haben den Geist Gottes, den heiligen Geist, empfangen. Und heiliger Geist, das ist ganz einfach: Gott gegenwärtig. Und was anderes ist ein Tempel, eine Kirche als ein Ort, an dem die Begegnung mit Gott wenigstens das Thema, auf jeden Fall die Verheißung, oft auch die Erfahrung ist?

Wenn also Gott in uns gegenwärtig ist, dann sind wir Orte der Begegnung mit Gott. Wo auch immer wir sind. Mobile Orte der Gottesbegegnung sind wir. Man könnte fast versucht sein zu sagen: Gott hat keine Immobilien. Sondern nur Mobilien. Seine Menschen nämlich. Dich und mich, zum Beispiel. Wir tragen ihn hierhin und dorthin, einfach indem wir leben.

Das Pfingstfest macht uns zu mobilen Tempeln. Das gefällt mir auch deswegen gut, weil es noch mal ein wenig anders klingt als: Geburtstag der Kirche. So wird Pfingsten ja auch manchmal genannt. Als läge darin, dass es Kirche gibt, oder gar Kirchen, als wäre das ein Wert an sich. Oder als hätte da etwas angefangen, was mit nichts vorher etwas zu tun haben würde.

Aber so ist es ja nicht. Dass aus dem, was Pfingsten geschehen ist, später Kirche wurde, darauf kommt es nicht an. Sondern dass da Menschen waren, die offen waren dafür, dass Gott in sie einzieht, darauf kam es an und kommt es an. Dass Gott in ihnen Wohnung nimmt. Und dass sie die Türen ihres Herzens offenhalten, einladende Wohnung sind, einladen in die Begegnung mit Gott.

Die ganze Geschichte mit Gott, so sagt ein Theologe unserer Tage, kann man auch unter dieser Überschrift lesen: Gott will mit uns wohnen! Mit Adam und Eva im Garten wohnt er, im Tempel dann wohnt er und vorher in der Stiftshütte, in Christus wohnt er, in uns, in dir und in mir. Und schließlich, eines schönen Tages, mit uns im himmlischen Jerusalem. Wenn sich das Wort aus dem Alten Testament erfüllt: „Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein“ (von Paulus zitiert in 2. Korinther 6,16).

Wenn also Gott in uns gegenwärtig ist, dann sind wir Orte der Begegnung mit Gott. Seine Mobilien. Wir tragen ihn hierhin und dorthin, einfach indem wir leben

„Die sich zu Jesus hielten“, haben es hier erlebt. Mitten in Jerusalem stehen sie und reden und geben den unterschiedlichsten Menschen die Möglichkeit, Gott zu begegnen.

Denn auch der heilige Geist ist mobil. Das ist ja überhaupt erst die Voraussetzung. Nicht nur wir sind mobil, sondern auch der heilige Geist ist es. So wie wir ihn einmal nicht hatten, und jetzt haben wir ihn, so gibt es auch andere Menschen, die ihn jetzt noch nicht haben und die ihn dann bekommen. Wenn sie auf Orte der Gottesbegegnung stoßen. (Klingt jetzt ein bisschen wie ein Virus, aber sagen wir lieber im Computerdeutsch: der heilige Geist geht viral, das heißt, er verbreitet sich, oft sehr schnell.)

Mobile Tempel, mobile Kirchen sind wir, Orte der Gottesbegegnung, wo wir gehen und stehen. Paulus sagt (1. Korinther 3,16):

„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“

Doch, jetzt wissen wir es (wieder?). Und wenn wir es einmal vergessen sollten, dann ist uns ja glücklicherweise verheißen: „Der Geist Gottes erinnert unseren Geist daran, dass wir Gottes Kinder sind“ (Römer 8,16). Zum Beispiel durch diese Predigt.

Wir sind mobile Tempel, der Raum in uns ist ein Raum, in dem der Geist wohnt in dieser Welt. Geburtstag der Kirche? Geschenkt. Nicht das Ziel. Eigentlich sogar ein bisschen traurig. Denn in Wahrheit wurde die Kirche ja erst geboren, als sie mit der Synagoge nicht mehr konnte.

Wir sind mobile Tempel, der Raum in uns ist ein Raum, in dem der Geist wohnt in dieser Welt. Das ist natürlich zuerst mal für uns selbst eine überwältigende, bewegende Erfahrung. Gebaut zu sein, damit Gott einzieht.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, der Tempel in Jerusalem zu sein. Wie war das wohl, der Tempel zu werden und dann zu sein?

Ich stelle mir, wie er gebaut wird, Stein für Stein, und wie er sich darüber freut, so zu wachsen. Wie er immer wieder an sich herab- und herumsieht und staunt, was da wird. Weiß er schon von Anfang an, was für ein Haus er werden wird? Wem er Wohnung geben soll?

Wie er dann fertig ist. Und wie die Bauleute, Architekten und Auftraggeber um ihn herumstehen. Wie sich die spannungsvolle Erwartung auf ihn überträgt. Was kommt jetzt? Wer kommt jetzt? Wer wird in mir wohnen? Wozu werde ich da sein?

Und wie es dann wohl war, als die Gegenwart Gottes einzog. Erfüllte ihn eine Wärme, ganz innen drin, im Allerheiligsten? Ging das mit einem Schaudern vor sich, einem leichten Zittern, ein wenig Gänsehaut, ein leichtes Vibrieren von Steinen und Fenstern, als der Herr Wohnung nahm im Tempel?

Ich bin der Tempel, du bist der Tempel. Was auch immer sonst du bisher geworden bist in deinem Leben, groß, klein, dick, dünn, schlauer Kopf oder schlaue Hände, reich oder nicht so: fertig bist du erst, wenn der heilige Geist in dir eingezogen ist. Fertig im Sinne von: Jetzt geht’s los. Was auch immer du bisher geworden bist in deinem Leben, all das diente dazu, dieser ganz spezielle Tempel Gottes zu sein.

Mit diesen Macken, Ecken und Kanten, mit diesen Erfahrungen, Wunden, Begabungen, mit dieser ganzen Schönheit, innen und außen – so bist du geworden, um dieser ganz spezielle Tempel Gottes zu sein; so bist du geworden, damit Gott in dir einziehe, in dir wohne; damit der Glaube deine ganz persönliche Färbung bekomme, diese Färbung, die wiederum ganz besonders leicht einen Zugang zum Glauben öffnet für die Menschen, die dir vertrauen, weil du bist, wer du bist.

Pfingsten. Gott will in uns wohnen. In uns als seine mobilen Tempel, seine mobilen Kirchen. Wir sind seine Mobilien. Wir sind Orte der Begegnung mit Gott, wo wir gehen und stehen. Amen.