Wir grüßen alle Pilatusse von Ostern her!

Liebe Gemeinde,

dienen statt herrschen. Die meiste Zeit unserer Menschheitsgeschichte war das ein Unding. Das wollte kein Mensch. Jesus kam und sagte: „Weniger sein und haben wollen ist der Weg Gottes. Statusverzicht!“ Da haben die PR-Strategen in den Talkshows gesagt: „So kommt der nie auf einen grünen Zweig.“ Und es stimmt: Auf einen grünen Zweig kam er damit nicht, sondern auf totes Holz.

Sind wir heute ein Stück weiter? Der Herrscher wird bei uns auch erster Diener des Staates genannt. Und das sagt: Freiwillig zu dienen, ist ein Zeichen der Stärke. Nicht der Schwäche. Souverän weniger sein wollen. Weil ich weiß: Gott ist mir alles.

Herrschen oder dienen. So wie Jesus unterwegs war, muss er sich immer ziemlich stark gefühlt haben. Gerade dann, wenn er schwach war. So, wie er dienen konnte. Im Johannes-Evangelium ist er sogar das Lamm, das damit dienen kann, sich selbst zu geben. Wie das Lamm dabei aber unterwegs war, das lesen wir heute im Evangelium nach Johannes.

Jesus ist gefangennommen worden. Jetzt machen sie ihm den Prozess. Der erste Teil ist ist gerade gelaufen. Das religiöse Gericht hat ihn verurteilt. Um ihn hinrichten zu können, brauchen sie aber das politische Gericht.

Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium. Es war inzwischen früh am Morgen. Hinein gingen sie aber nicht, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. So ging also Pilatus zu ihnen hinaus und fragte sie: „Welche Anklage bringt ihr gegen diesen Menschen vor?“ Sie antworteten: „Wenn der kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht übergeben.“ Da sprach Pilatus zu ihnen. „Dann nehmt doch ihr ihn und urteilt über ihn nach eurem Gesetz.“ Die Juden sprachen zu ihm: „Wir sind nicht befugt, jemanden – zu töten.“ Dadurch wurde das Wort Jesu erfüllt, mit dem er angesagt hatte, wie er sterben würde.

Da ging Pilatus zurück ins Prätorium, ließ Jesus rufen und sprach zu ihm: „Du bist der König der Juden?“ Jesus antwortete: „Sagst du das aus dir selbst heraus, oder haben dir andere das über mich gesagt?“ Pilatus antwortete: „Bin ich denn ein Jude? Dein Volk, nämlich die Oberpriester, haben dich mir übergeben. Was hast du getan?“ Jesus antwortete: „Meine Herrschaft ist nicht von der Art dieser Welt. Wenn sie von der Art dieser Welt wäre, dann hätten meine Diener für mich gekämpft, dass ich nicht den Juden übergeben worden wäre. Meine Herrschaft ist aber nicht von hier.“ Darauf sagte Pilatus zu ihm: „Bist du also doch ein König?“ Jesus antwortete: „Du sagst, dass ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Alle, die aus der Wahrheit sind, hören auf meine Stimme.“ Pilatus sagt ihm: „Was ist Wahrheit?“

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte ihnen: „Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr seid es gewohnt, dass ich euch zum Passafest einen freigebe. Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freigebe?“ Da schrien sie: „Nicht den, sondern Barabbas!“ Barabbas aber war ein Räuber. Da [ging Pilatus wieder hinein und; MW] nahm […] Jesus und ließ ihn auspeitschen. Dann flochten die Soldaten einen Kranz aus Dornen, drückten ihm den auf den Kopf und zogen ihm einen purpurnen Mantel an. So kamen sie auf ihn zu, sagten zu ihm: „Gegrüßt seist du, König der Juden!“ und schlugen ihm ins Gesicht.

Dann ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: „Seht her, ich bringe ihn zu euch hinaus, damit ihr seht, dass ich keine Schuld an ihm finde.“ Da kam Jesus hinaus. Er trug die Dornenkrone und den purpurfarbenen Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: „Seht, da ist der Mensch.“

Was für ein Prozess, oder? Ankläger, die keine Argumente haben, dafür umso lauter sind. Ein Richter, gelangweilt und zynisch, ein bisschen brutal auch. Ein Angeklagter, der der einzige ist, der versucht, vernünftig etwas zu klären, auch wenn sich nicht wirklich jemand dafür interessiert.

„Wenn der kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht übergeben.“ Eine richtig gut ausgearbeitete Anklage ist das nicht. „Was ist Wahrheit?“ Wie kann sich ein Richter so gelangweilt und zynisch gegenüber seinem Kerngeschäft zeigen?

Allerdings ist er ja auch kein richtiger Richter. Sondern ein Politiker, der Ruhe und Ordnung will. Er hat Macht, er braucht kein Recht. Er lässt den Angeklagten foltern, obwohl er ihn nicht für schuldig hält. Einfach weil er es kann.

Weil uns solch eine Justiz zu Recht empört, muss hier aber gleich noch etwas kurz geklärt werden. Erzählungen wie die, die wir eben von Johannes gehört haben, wurden auch dazu genutzt, Antisemitismus zu verbreiten. „Die Juden“ heißt es hier. Immer wieder müssen wir deswegen leider betonen:

Von Antisemitismus kann hier keine Rede sein. Sondern von dem Schmerz von Menschen, die eben noch als Juden miteinander verbunden waren und nun den Weg nicht mehr zueinander finden, weil die einen sagten: „Wir haben den Messias gefunden“, und die anderen: „Nein, der ist es nicht.“ Hinter der Wut dieser Erzählung steht die Trauer über die Trennung und dass man nicht mehr in der Lage war, aufeinander zuzugehen.

Und mittendrin steht Jesus, und keiner hört ihm wirklich zu. Sie verstehen deswegen nicht. Sie haben keine Ahnung, wovon er redet. Pilatus checkt ab, ob Jesus ein König ist oder nicht, aber dass man König auch ganz anders sein könnte, das kann er nicht denken. „Bist du also doch ein König?“ Mensch, Pilatus, das hat er dir doch gerade erklärt! Aber wenn dir die Wahrheit eh egal ist …

Die Wahrheit. Der Faktenfinder der Tagesschau versucht mühsam, die Lügen der Populisten zu entlarven, während die wie Pippi Langstrumpf, nur mit tief ins Gesicht gezogenem Kapuzenpulli, daherkommen und mit dem bedrohlichen Sound des Rechtsrock gemein Pippis Lied covern „Ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt.“

Was ist Wahrheit? Glaub doch, was du willst. Solange meine Glaubensgruppe stärker ist als deine und du hier nichts zu sagen hast.

„So ist es bei den Herrschern dieser Welt, aber bei euch sei es nicht so!“ Hatte Jesus seinen Jüngern mal gesagt. Gut, dass wir in der Gemeinde also anders ticken. Da hören wir gemeinsam auf die Stimme dessen, der Zeuge der Wahrheit ist. Und tauschen uns danach darüber aus, was wir da gehört haben, und staunen über die Vielfalt unserer Ohren und fragen uns, auch ein bisschen schmunzelnd, was wir damit jetzt machen. So wie gerade wieder im Werkstattgespräch zum Gottesdienst am vergangenen Sonntag.

Da wären wir jetzt bei uns. Wir kommen auch vor in der Geschichte. Habt Ihr entdeckt, wo? Und zwar als Jesus sagt:

„Du sagst, dass ich ein König bin. Aber mein Reich ist nicht von der Art dieser Welt. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Alle, die aus der Wahrheit sind, hören auf meine Stimme.“

Hier kommen wir vor in der Geschichte: als die, die aus der Wahrheit sind und auf die Stimme unseres Herrn hören. Jesus ist ein König ohne Reich. Jedenfalls für Pilatus. Und deswegen ist Jesus für ihn eigentlich gar kein König.

Und wir müssen ihn ja auch nicht König nennen. Solange wir nur die sind, die auf seine Stimme hören, weil wir in ihr die Wahrheit finden. Und was ist die Wahrheit? Um welche Wahrheit geht es da? Die Wahrheit worüber?

Um die Wahrheit, die man ja schon auch über Gerichte herausbekommen kann, wenn sie denn faire Prozesse führen? Vermutlich nicht. Einmal hatte er es sogar mal ganz deutlich gemacht: Ich bin nicht da, um über eure Erbsachen zu entscheiden. Weder als Zeuge der Anklage, noch als Zeuge der Verteidigung.

„Sondern als Zeuge der Wahrheit bin ich gekommen.“ Und er bezeugt, dass er die Wahrheit ist. Dass das nicht geht, haben sie ihm auch gleich vorgehalten. „Du bezeugst dich selbst, das gilt nicht!“ „Nein“, sagt Jesus, „ich bezeuge Gott.“ Sie sagten: „Das gilt auch nicht, das ist dasselbe.“ Jesus sagt: „Da habt ihr die Wahrheit gesagt. Gott und ich sind eins. Wenn ich ihn bezeuge, bezeuge ich mich selbst.“

Das klingt nach theologischen Spitzfindigkeiten. Kein Wunder hat Pilatus gesagt: „Das hilft uns jetzt alles auch nicht weiter.“ Nur, dass er nicht erkennt, warum das alles nicht weiterhilft. Nämlich weil der ganze Prozess nicht funktioniert. Und wiederum nämlich: weil es hier um etwas geht, was keiner für alle und allezeit entscheiden kann. Schon gar kein Gericht. Nämlich um die Frage nach der Wahrheit über Christus und wer er für mich und für dich ist. Und was er mir über sich und Gott und dich und uns und uns zusammen sagt.

Er sagt: „Ich bezeuge die Wahrheit, die ich selber bin! Wenn ihr in mir seid und ich in euch, dann offenbart sich euch, was Leben heißt und was euer Weg in dieser Welt ist.“

Die Wahrheit. Lasst mich ein bisschen mit dem griechischen Wort dafür spielen. Das lautet Aletheia. Da steckt das Wort Lethe drin. Übersetzt: das Vergessen. Lethe heißt auch einer der Grenzflüsse zum griechischen Totenreich. Wer tot ist, ist vergessen. A ist nun immer das Gegenteil. Aletheia, die Wahrheit bewahrt uns vor dem Vergessen, vor dem Tod. „Ich bin die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus. Aletheia, das ist auch das, was dem Vergessen entrissen und nun also nicht mehr verborgen ist. Sondern nun liegt es klar vor uns: nämlich wie wir leben können. Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Aletheia: wir feiern, dass der Weg ins Leben nicht mehr verborgen ist! Pilatus ist auf einem anderen Weg unterwegs. Er wird Jesus zum Tod verurteilen. Aber das Leben, dass Jesus bezeugt und selber ist, wird auch ein Pilatus nicht totkriegen. Wir winken ihm von Ostern her.

Denn wir sind die, die das Reich bewohnen, das nicht von der Art dieser Welt ist. Und dessen eine Andersartigkeit schon mal die ist: dass der Herrscher nicht seine Truppen zur Hilfe holt, wenn er bedrängt wird. Sondern sich lieber wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lässt. Sonntag Judica, schaffe mir Recht – Herr! Wie auch immer. Aber untereinander machen wir das lieber nicht aus. Da kommt nichts Gutes bei raus.

Wir bewohnen ein Reich, das nicht von der Art dieser Welt ist. Mit den Gedanken dieser Welt nicht zu fassen. Sondern im Gegenteil die Gedanken in dieser Welt erlösend, befreiend. Auf dass wir nicht mehr feststecken in dem, was wir uns über unser Leben denken und über das der Welt. Und am Ende immer wieder bei denselben Antworten landen. Antworten, die in die Sackgasse führen. Oder Antworten, die uns überfordern. Und im Tod enden.

Wie sollen wir leben? Worauf können wir uns verlassen? Wie können wir miteinander leben? Welche Antworten finden wir bei dem, der in der Welt ist, aber nicht von der Welt? Der weiß, was hier läuft, auch in meinem Leben. Und der dann offenbart, was mich in all dem dem wahren Leben näherbringt.

Und der dazu alles einfach mal nicht wahr sein lässt, was in dieser Welt gilt. Zum Beispiel wie Könige auszusehen haben, was sie zu tun haben und wie sie sich zu geben haben.

Oder wie die Menschen zusammenzuleben haben. Wem eigentlich die Art und Weise, wie wir uns die Welt bauen, zu dienen hat. Das fragt die junge Journalistin Kübra Gümüşay Barack Obama, als der jetzt mal wieder in Berlin war. Sie fragt: Reparieren wir immer nur ein System und sollten uns eigentlich auch mal fragen, wem dieses System eigentlich wirklich dient? „Die Wahrheit wird euch freimachen“, sagt Jesus. Hören wir auf seine Stimme? Sind wir so in ihm und er in uns?

Wahrheit, Aletheia: wir feiern, dass der Weg ins Leben nicht mehr verborgen ist! Sein Reich ist mitten in der Welt, als wäre es nicht von der Welt. Der Weg ins Leben ist offenbar und frei und nichts kann ihn mehr blockieren und verbergen. Und die Pilatusse dieser Welt grüßen wir fröhlich von Ostern her. Amen.