Wirksam leben

Liebe Gemeinde,

den Wunsch nach mehr Glaube, Liebe, Hoffnung haben wir besungen, von Moses holpriger Berufung gehört und dann gleich den Wunsch besungen nach einem Ort, der mir Zuflucht bietet, in den ich mich bergen kann. Schwanken wir so zwischen Nachfolge und Kleinmut? In den Worten aus Jesaja 49, die heute zu bedenken vorgeschlagen sind, klingt das so:

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Das klingt natürlich alles auch ziemlich depressiv. Und eigentlich zögere ich, da so mit einzustimmen. Machen uns diese Töne nicht schwächer als wir sind? Vor allem uns in der westlichen Mittelschicht? Stimmt es dagegen nicht, was ein Beitrag in den Tagesthemen in dieser Woche sagte, dass es uns besser geht, als wir denken? Uns speziell und sogar der Welt im Allgemeinen, statistisch gesehen? Wieso bekommt dann eine Stimmung, so ein Lebensgefühl von Angst und Vergeblichkeit so viel Raum?

Natürlich gibt es auch mal das: dass wir den Eindruck haben, was wir versuchen, bewirkt nichts. Es aber für den Menschen unbedingt wichtig ist, dass er merkt: Was ich tue, das bewirkt etwas. In meinem eigenen Leben. In der Gesellschaft. Wo das nicht mehr gefühlt wird, steigt der Frust. Und wenn der Frust steigt, werden die einen depressiv, die anderen aggressiv, je nach Temperament. Und letztere sagen: Kraft ist nicht das Problem. Mache ich halt was kaputt, anstatt etwas aufzubauen.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Dass wir schwach wären, das ist also vielleicht gar nicht das Problem. Kraft haben wir. Und dass er keine Kraft hatte, war auch nicht das Problem von dem, der hier bei Jesaja redet. Kraft hatte er, Kraft hast du, Kraft habe ich. Und doch manchmal das Gefühl, sie bewirkt nichts.

Oder aber: Ich weiß nicht, wohin mit ihr. Ich weiß nicht, wofür ich sie einsetzen soll, so viele Ziele, so viele Möglichkeiten, so viele Alternativen, so eine undurchsichtige Lage, man weiß gar nicht, wo man überhaupt anfangen soll, wo das Pack-Ende liegt. Im Streit stehen inzwischen so viele Vorwürfe im Raum. Und die Globalisierung durchschaut auch keiner mehr. Und dann geht ein bisschen Kraft hierhin, ein bisschen Kraft dorthin, aber nirgendwohin genug, um etwas zu bewirken.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Wer spricht heute so, wer empfindet das heute so? Der Aufstocker, der zwar Arbeit hat, die wird aber so schlecht bezahlt, nur dass er zwar aus der Statistik verschwindet, aber zum Leben braucht er doch noch Sozialleistungen dazu? Die Frau, der Mann, die an ihrer Beziehung arbeiten, aber der Partner, die Partnerin blockt alles ab? Der Bewährungshelfer, dessen Klienten immer wieder im Gefängnis landen? Die Lehrerin, deren Schüler nichts lernen? Die Schülervertreter, die beim Rektor kein Gehör finden?

Die Delegierten in Klimakonferenzen, die ohnmächtig mit ansehen müssen, wie die Lobbyisten der anderen Seite den besseren Draht zu den Regierenden haben? All die Unzufriedenen im Land, die den Eindruck haben, nicht mehr vorzukommen, und die nun nicht mehr einfach Opposition sein wollen, sondern die es brauchen, sich für die unterdrückte, eigentliche Mehrheit zu halten?

Nur noch funktionieren müssen, schweigen sollen, aber nichts mehr wirklich erreichen können von dem, was man will. Das Gefühl der eigenen Wirkungslosigkeit. Das hält man auf Dauer nicht aus. Der, der hier redet bei Jesaja, der kennt das: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“ Aber dann bekam er eine Antwort, die ihm heraushalf aus diesem Gefühl, aus diesem Frust. Hören wir einmal, was er zu erzählen hat:

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an. Er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: „Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.“ Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wo doch mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – darum bin ich vor dem Herrn wertgeachtet, und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“

Ein Ausleger dieser Worte fragte gleich: Ist das jetzt die Antwort auf das Gefühl der Ohnmacht – die Allmachtsphantasie? Erst schaffte ich nichts und jetzt kann ich alles? Der nur noch glimmende Docht wird zum Licht der Völker? Kann man natürlich so sehen. Ich könnte mir aber auch etwas anderes vorstellen. Ich sehe hier in diesen Worten das Ergebnis von dem Gespräch, dass unser Mann, vermutlich war es ein Mann, ist aber auch egal: das Ergebnis des Gesprächs unseres Menschen hier mit Gott.

Und was er da erlebte, in diesem Gespräch, das, glaube ich, lief so ab: 1. Er hat gelernt, sich mit den Augen Gottes zu sehen. 2. Er hat gelernt, was Gott sich für seine Welt wünscht. Für seine Welt im Sinne von der Welt unseres Menschen hier und auch für seine, für Gottes Welt, also unser aller Welt. Und 3.: Unser Mensch hier hat entdeckt, wo sein Platz ist, was sein Auftrag ist, wo seine ganze Kraft hingehen kann.

Diese drei Schritte waren für ihn die entscheidenden Schritte raus aus dem Gefühl der Ohnmacht, raus aus dem Gefühl der eigenen Wirkungslosigkeit. Lasst uns versuchen, diese drei Schritte einmal mitzugehen. Und dann mal sehen, wo wir dabei landen. Und ob uns das hilft raus dem Gefühl der Ohnmacht, der Wirkungslosigkeit. Und ob wir auch der Welt um uns herum ein Angebot machen können, das sie rausholt aus dem Gefühl der Ohnmacht, der Wirkungslosigkeit. Vielleicht können wir so ja helfen, dass da ein bisschen weniger Frust, ein bisschen weniger Niedergeschlagenheit, ein bisschen weniger Wut ist um uns her. Das wäre doch ein schönes Ergebnis, das wäre doch den Weg wert.

Natürlich: Wer mit unserem Gott nichts anfangen kann, der kann vielleicht auch mit diesen nächsten Schritten nichts anfangen. Aber wir können es vielleicht. Und dann können wir vielleicht mehr mit den Menschen anfangen, die damit nichts anfangen können. Und nicht rauskommen aus ihrem Frust und aus ihrer Wut.

Schauen wir also mal: Erstens, unser Mensch in all seiner Ohnmacht hat gelernt, sich neu so zu sehen, wie Gott ihn sieht. Und das ist wie? Er entdeckt:

Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an. Er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.

Das ist die entscheidende Erfahrung für ihn. Er hat entdeckt, dass er in tiefster Wahrheit ganz woanders herkommt als er gedacht hat. Er kriecht sozusagen noch mal neu in den Mutterschoß, sieht sich da auf seine Geburt warten. Und er sieht zugleich, wie Gott da schon an ihn denkt. Und er hört, wie Gott ihm da schon sagt: „Es ist gut, dass du kommst! Ich habe eine Aufgabe für dich!“

Können wir uns das mal kurz für uns selber vorstellen, bitte? Wir im Bauch unserer Mutter. – Und wie Gott da schon an uns denkt, liebevoll und froh zu uns hindenkt? – Und wie wir da schon nicht nur Mozart von außen oder den Streit dieser Welt hören, sondern wie wir da schon in uns seine Stimme hören, die uns sagt: „Gut, dass du kommst!“ – Und können wir uns dann noch mal vorstellen, wie wir dann geboren werden? Geliebt und erwartet?

Wir wissen nicht, wie unser Mensch hier in die Welt kam. Wurde er gleich von den warmen Tüchern einer Hebamme erwartet und an der liebenden Mutter an die Brust gelegt? Oder fiel er hart auf den trockenen Boden einer Wüste, einer zerrütteten Beziehung, eines Haushaltes voller Gewalt, in die Armut von Hartz IV?

Was unser Mensch bei Jesaja hier erlebt, das ist so etwas wie eine Neugeburt. Er sieht sich selber im Mutterschoß, aber diesmal mit den Augen Gottes. Er lässt sich noch einmal zur Welt kommen, aber diesmal als ein Mensch, über den Gott sich freut, und für den Gott Freude, Sinn und Ziel haben und werden will.

Ob diese Neugeburt die Kraft hat, auch die Menschen zu verändern, die vor lauter Frust nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft, und die sie, wenn, dann für das einsetzen, was den Tod bringt und nicht das Leben? Werden wir wenigstens selber solche Menschen, die sich so neu geboren werden lassen: unter den liebenden Augen Gottes, erwartet von ihm, von ihm hineingenommen von ihm in …

… ja, in was? Zweitens jetzt: in das, was Gott sich für seine Welt wünscht, für die kleine Welt des so neu geborenen, die er zu sehen lernt als die große Welt Gottes. Und wenn er diese seine Welt sieht, dann wünscht sich Gott:

mein Heil bis an die Enden der Erde.

Können wir uns das auch mal kurz vorstellen? Auch gute Nachrichten brauchen Bilder in unserem Kopf. Können wir uns mal den Globus vorstellen und wie sich auf ihm immer weiter ausbreitet, wie so ein Überzug, diesmal nicht von Dürre oder Eis, sondern von Grün und Leben und Lachen? Unser Mann im Weltall, Alexander Gerst, erzählt uns ja manchmal, was er so sieht: knochentrockenes Norddeutschland und die Raketen auf syrische Städte. Können wir uns vorstellen, wie er stattdessen aufgeregt twittert über lauter Freudenfeuer und uns fragt, was denn los sei bei uns da unten?

Und wie wir ihm zurücktwittern: Du wirst die Welt nicht wiedererkennen, wenn du zurückkommst! Gute Nachricht, Eu-Angellion, Evangelium, das Reich Gottes ist angebrochen! Das Heil Gottes breitet sich aus, überall hin, bis in die entlegensten Winkel, auch der Herzen, sogar auch der Regierungsviertel und Parteizentralen! Menschen werden heil und schmieden heilsame Pläne für alle Menschen!

Können wir uns einmal vorstellen? Es ist ja eigentlich so unvorstellbar wie dass wir noch mal neu geboren werden. Aber trotzdem: Noch mal kurz in ein Unheil, ein konkretes, hineindenken, ein Unheil in meinem Leben, in dieser Welt. – Habt Ihr eins? Und jetzt: wie die Menschen sich darin zum Heil hin verändern?

Das wäre schön? Findet Gott auch. Deswegen drittens: Gott sagt: „Gut, dass du da bist! Ich habe eine Aufgabe für dich:

Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“

Kann sein, wir kriegen jetzt Schnappatmung: ich, sein Heil, bis an die Enden der Erde? Und vielleicht, wenn wir das nun gar nicht wollen, bis an die Enden der Erde nicht und vielleicht auch noch nicht mal vor unserer Haustür, drinnen oder draußen, dann gehen wir vielleicht besser noch mal zurück zu zweitens und lassen uns noch mal mehr von Gottes Willen für diese Welt begeistern; oder wir gehen noch mal zurück zu erstens und lassen uns noch geboren werden als von Gottes Liebe erwartete Menschen.

Oder wir sagen: sein Heil sein, bis an die Enden der Erde – klingt das nicht eher nach Jesus als nach mir? Jesus, übernimm du! Aber dann hören wir vielleicht von ihm: „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ Und hören gleich mit: „und ich bin bei euch alle Tage!“

Ihr Lieben, in unseren Breiten ist das Problem nicht so sehr, dass wir zu schwach sind. Wir wissen öfter nur nicht, wie wir unsere Kraft zum Guten einsetzen können. Bei Jesaja hören wir, wozu: Gottes Heil soll sich ausbreiten! Und von Jesus hören wir, als Teil welcher großen Geschichte: Das Reich Gottes ist bereits angebrochen.

Neu geboren werden als seine Kinder, leben aus seiner Kraft, dabei sein, wenn sich sein Heil ausbreitet. Wir wissen nicht, ob sich einer von denen anschließt, die gerade dabei sind, so viel Unheil über unser Land, unseren Kontinent, unsere Welt zu bringen. Aber sie sollen dabei wenigstens auf Leute stoßen, die sich ganz Gottes Heil verschrieben haben, die kraftvoll seine Liebe feiern. Mögen wir solche Menschen werden! Amen.