Wo der heilige Geist wohnt

Liebe Gemeinde,

Paulus fragt die Gemeinde in Korinth: Wie wollt ihr Gemeinde sein? Was soll wichtig sein? Was soll man erleben können bei euch? Und was können die dazu beitragen, die etwas dazu beitragen? Er schreibt:

Wir [also Paulus und Apollos und Petrus, die Menschen von Einfluss in der Gemeinde], wir sind also Gottes Mitarbeiter. Aber ihr seid Gottes Ackerland – oder besser: Gottes Bauwerk. Weil Gott mich in seiner Gnade dazu befähigt hat, konnte ich als weiser Bauleiter das Fundament legen. Jetzt baut ein anderer darauf weiter. Aber jeder sehe, wie er weiterbaut. Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.

Wenn aber jemand auf dem Fundament mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Heu oder Stroh weiterbaut – eines jeden Werk wird offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es zeigen, denn mit Feuer wird er erscheinen. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer erproben. Wenn jemandes Werk, das er erbaut hat, bleibt, wird er Lohn empfangen. Wenn jemandes Werk verbrennt, wird er keinen Lohn empfangen. Er selbst wird gerettet werden, aber nur wie durchs Feuer hindurch.

Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid? Und dass der Geist Gottes unter euch wohnt? Wenn jemand aber den Tempel Gottes zugrunde richtet, den wird Gott zugrunde richten. Der Tempel Gottes ist heilig, und das seid ihr.

Also, wenn es Euch so geht, wie es mir ging, dann denkt Ihr jetzt vielleicht: Puh, auch ganz schon sperrig, oder? Im Feuer geprüft, Lohn, den man empfängt oder nicht, und spricht er da sogar vom Fegefeuer – gerettet, aber nur wie durch Feuer hindurch?

So stand ich lange vor diesem Text wie vor einem Haus ohne Tür. Kein Zugang. Bis ich dachte: Guck mal, ob es hinten reingeht. Die letzten Worte hier, die sind vielleicht offen für dich. Sind ja sowieso oft die wichtigen Worte, die letzten.

Und da malt uns Paulus noch mal ein wunderbares Bild, finde ich, nämlich: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid? Und dass der Geist Gottes unter euch wohnt? Der Tempel Gottes ist heilig, und das seid ihr!“

Die Gemeinde, ein heiliger Ort. Wunderbar! Wobei: heiliger Ort. Kann man ja verschieden drauf reagieren. Wenn es irgendwas in der Natur ist, eine Quelle, ein Baum, ein Berg, denkt man auch schon mal: Naja, wenn sie meinen … Wenn es ein Bauwerk ist, kann das auch eine beklemmende Erfahrung sein, und man ist froh, wieder draußen zu sein.

Heilige Orte. Ja, ist ein bisschen zwiespältig damit. Leicht ist da die erste Reaktion irgendwas zwischen Verwunderung und Beklemmung. Und so etwas soll Gemeinde jetzt auch sein? Ein Ort, an dem eine beklemmende Atmosphäre herrscht und an dem man merkwürdige Dinge tut?

Hoffentlich nicht! Und hoffentlich ist das auch nicht unsere die einzige Definition von dem, was ein „heiliger Ort“ ist.

Sondern was wäre sonst eine Definition für einen heiligen Ort? Heilig wird ein Ort ja dadurch, dass ich an ihm etwas spüre, was erst einmal irgendwie unbeschreiblich ist, aber auch berührend. Für uns Christinnen und Christen ist ein heiliger Ort dann weiter ein Ort, an dem ich eine besondere Nähe zu Gott gespürt habe.

Und das heißt vor allem: Heilig wird ein Ort nicht dadurch, dass da etwas ist, sondern dass da etwas geschieht. Etwas, von dem ich dann sage: Hier bin ich Gott begegnet, und das und das ist mir geschehen!

Heilig wird mir der Ort, an dem ich erlebe: Gott ist gegenwärtig, Gott wirkt. Das nennt man heiligen Geist. Und wenn der heilige Geist wo öfter wirkt, sagt man: Hier wohnt er. Und da, wo er wohnt, da prägt er, verändert, heilt, versöhnt; er stillt mein größtes Verlangen, füllt mit Freude, öffnet Zukunft, macht lebendig; er stärkt meine Liebe zu Christus, mein Vertrauen in Gott, meinen Willen zur Nachfolge.

Heiliger Ort. Und, habt ihr jetzt schon die ganze Zeit die Gemeinde mitgedacht? Würdet Ihr vielleicht sogar sagen: „Ja, das kommt hin, so ein Ort sind wir!“? Ich würde sagen: mal mehr und mehr weniger, oder?

Aber was Gott tut, das können wir ja auch nicht machen. Wir können uns dafür nur bereithalten. Zum Beispiel in den Gottesdienst kommen und sagen: Hier bin ich, Herr!

Und dann können wir noch möglichst gute Bedingungen dafür schaffen, dass er gerne mit uns hier wohnt. Das ist die Aufgabe aller, die hier mit dabei sind – oder mit den anderen Bildern, die Paulus hier malt: die hier mit gärtnern, mit bauen. Damit der Geist Gottes gerne mit uns wohnt. Und wir heil werden, Frieden finden, Freude und Kraft – einfach, indem wir mit ihm zusammen sind, wo immer wir als Gemeinde zusammen sind, vom Gottesdienst bis zum gemeinsamen Spaziergang.

Die Gemeinde, ein „heiliger Ort“, Tempel des heiligen Geistes. Wenn wir jetzt Lust haben, ihn zu erleben und ihn mitzugestalten, dann können wir uns jetzt vielleicht auch noch mal anschauen, was Paulus hier noch so sagt.

Zum Beispiel das mit dem Fundament. Paulus sagt: an allem können wir weiterbauen, aber nicht am Fundament. Was ja schon bautechnisch Sinn macht. Fundament ist Fundament. Wer da was ändern will, will ein ganz anderes Haus. Kann man ja wollen. Paulus aber warnt davor. Warum? Was ist nicht austauschbar an seinem Fundament? Was soll das überhaupt konkret heißen, Jesus Christus ist das Fundament?

Und das finde ich jetzt noch mal herausfordernd. Ein wenig vorher hat er die Gemeinde noch einmal daran erinnert: Unser Fundament ist Christus, der Gekreuzigte. Ja, soll heißen? Was für ein Christus ist dann nicht unser Fundament?

Irgendeine andere Idee von Christus halt, bei der wir dann sagen: Ah, nein, Christus als Gekreuzigter, da denke ich jetzt nicht so gerne hin, zu viel Schwäche, zu viel Schande, zu viel Schmerzen. Schön ist das nicht, das zieht mich zu sehr runter.

Aber worum geht es denn, wenn wir Christus als Gekreuzigten betrachten? Ganz am Ende geht es um das, was wir über uns selber denken. Es geht um das, was ich über meine Beziehung zu diesem Christus denke. Und dann geht es darum, was das mit unserer Gemeinschaft macht. Und welche Gemeinschaft wir denen anbieten, die um uns herum so leben.

Und was denke ich über mich, wenn ich Christus als den Gekreuzigten betrachte? Ich bin eingeladen, zu denken: Gott sagt Ja zu mir. Denn Gott kann mich leiden, im wahrsten Sinne. Gott hält mich aus. Am Kreuz.

In unseren Zeiten der Selbstoptimierung gibt es vielleicht kaum eine wichtigere Nachricht. Kaum eine Nachricht, die uns so die Tränen der Erleichterung in die Augen treibt, weil wir merken: Endlich muss ich einmal nichts mehr darstellen, keinen Eindruck machen, keine Maske tragen (ist ja nicht so, dass wir erst seit Corona Masken tragen).

Bei Christus, dem Gekreuzigten, kann ich sagen: Hier, Jesus, das bin ich. Danke für all das Gute und Schöne in mir. Und danke, dass du auch alles andere kennst und mich trotzdem liebst. Danke, dass du mich leiden kannst.

Und wir können auf Jesus, den Gekreuzigten, sehen und auch sagen: Diese Strieme dort, diese Wunde da an dir, das ist das, was ich jemand anderem angetan habe. Danke, dass du das trägst.

Und dann: danke, dass du es mit fortnimmst, mit in den Tod. Und dann schließlich: danke, dass du es in deiner Auferstehung überwunden hast! Danke, dass du mich so frei machst!

Christus, der Gekreuzigte, als Fundament der Gemeinde, das bedeutet: Wir haben unsere Freiheit durch ihn. Und nun wohnen wir, wo der heilige Geist wohnt, der der Geist der Freiheit ist. Und der uns lehrt, miteinander die Freiheit zu feiern, die wir in Christus haben!

Deswegen zuletzt: Wer feiert, der will es schön haben, oder? Bauen wir also lieber mit Gold, Silber und Edelsteinen! Wobei, kann man nur mit Gold, Silber, Edelsteinen bauen? Mit Holz schon, aber auch mit Heu oder Stroh baut seit den drei kleinen Schweinchen keiner mehr. Was ist das eigentlich für eine Liste, Paulus? Wo sind Lehm, Stein und Ziegel?

Eine Liste ist das, die sagt: Wenn du dich im Glanz deines Werkes sonnst, oder wenn du denkst, o je, da hab ich aber was besonders armseliges hingesetzt – warte mal ab! Wo Geist des Gekreuzigten wohnt, da gibt es ganz eigene Maßstäbe. Und verzweifle nicht, sagt Christus, der Gekreuzigte: Wenn da etwas nicht für die Ewigkeit ist, dann wirst du selber sie doch mit mir erleben!

Und überhaupt: mit Gold, Silber und Edelstein wird erst das himmlische Jerusalem gebaut. Und das, sagt Gott, das mache ich dann auch selber. Bis dahin reicht es, wenn ihr seid, was ihr seid: Tempel des heiligen Geistes, Raum der Freiheit, Gemeinschaft des Gekreuzigten. Amen.