Wo waren wir stehengeblieben? Egal!

Liebe Gemeinde,

es gibt so Bücher, die sollen einem helfen bei der Vorbereitung einer Predigt. Kollegen machen sich da schon mal Gedanken zu den Predigttexten. Und zu den Sonntagen, für die die Predigttexte vorgesehen sind.

Immer zu den Gottesdiensten am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag heißt es in diesen Büchern: „Am Tag nach Heiligabend sind nur wenige in den Kirchen. Oft die, die jetzt auch noch mal ein bisschen was Tiefergehendes zu Weihnachten hören wollen. Der Kern der Kerngemeinde. Die, die‘s richtig ernst meinen.“

Und? Seid ihr so welche? Ihr, die ihr heute morgen gekommen seid, findet ihr euch wieder in dieser Beschreibung, fühlt ihr euch verstanden? Der süßliche Teil von Weihnachten ist vorbei, jetzt darf man auch wieder ein bisschen nachdenken?

Dann sind die Worte aus dem Brief an Titus vermutlich genau richtig für euch. So ernsthaft und gehaltvoll sind sie sogar, dass man kaum ahnt, was sie mit Weihnachten zu tun haben. Aber keine Angst, das haben sie. Der Apostel schreibt da:

Doch dann erschien die Freundlichkeit und die Menschenliebe Gottes, unseres Retters – und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten, die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten. Sondern er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt: Er hat uns gerettet durch das Bad, aus dem wir neu geboren werden. Denn mit diesem Bad erhalten wir das neue Leben durch den Heiligen Geist. Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter. Durch diese Gnade werden wir von Gott als gerecht angenommen. Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens – so wie es unserer Hoffnung entspricht.

Und gleich die Lösung für die Frage „Wo geht’s denn hier um Weihnachten?“: Weihnachten liegt in den Worten „Doch dann erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“. Gut eingebunden in die Belehrung über die Taufe, den Heiligen Geist, das ewige Leben. Man könnte also auch an Ostern, Pfingsten oder Ewigkeitssonntag über diese Worte predigen. Als würde alles mit allem zusammenhängen.

Weihnachten also und dann der Rest vom Heilsgeschehen. Weihnachten nicht der einsame Höhepunkt des Jahres und dann der tiefe Fall zurück in den Alltag. Sondern wie wenn wir in einem Haus eine umwerfende Erfahrung gemacht haben, und jetzt treten wir wieder hinaus. Und wir stehen auf der Schwelle der Haustür und halten kurz inne – und fragen uns: „Wo waren wir stehengeblieben?“

Nein, das fragen wir uns hoffentlich nicht einfach nur, „Wo waren wir stehengeblieben?“! Ja, natürlich einerseits schon: Arbeiten, die über die Weihnachtstage geruht haben, wollen morgen weitergeführt werden. Verkäufer müssen wieder verkaufen, Ärztinnen wieder behandeln.

Ja, die Welt da draußen dreht sich weiter. Und sie interessiert auch nicht, was ich da für eine tolle Erfahrung gemacht habe im Weihnachtshaus. Sie begrüßt mich also mit den Worten: „Ah, da bist du ja wieder, also, wo waren wir stehengeblieben?“

Aber das wäre doch schade: Wenn Weihnachten nur eine Pause gewesen wäre und nichts sonst. Ok, und was sonst? Naja, das, was der Apostel hier sagt: Der Anfang von der Rettung der Welt! Der Anfang meiner und deiner Rettung – aus der Welt und für die Welt!

Davon haben wir eben in den verschiedenen Elementen des Gottesdienstes gehört: Für Jesaja bringt der Davidssohn eine neue Weltordnung, das Zeitalter des Schalom, heiles Leben für alle mit allen! Pieter Bruegel malt das pralle Leben, in das hinein der Herr erschien, zwischen Schneeballschlacht und Schlittschuhlaufen. Und der heilige Nikolaus wurde zum Heiligen dieser Tage, weil er sagte: Wenn Gott Leben für alle will, wird er die Matrosen schon nicht bestrafen, wenn sie den Armen von Myra helfen, sondern wird ihnen die Vorräte schon wieder auffüllen. Habt Mut also, werft euch in die guten Arme Gottes, er ist mit denen, die seinen Willen leben!

„Wo waren wir stehengeblieben?“ Ja, wo warst du stehengeblieben – anstatt dich von Gott in die Rettung der Welt mit hineinnehmen zu lassen? „Hm, wo war ich stehengeblieben?“ Die Antwort wäre: Ist egal, denn einfach weiter so geht es jetzt eh nicht! Wenn du aus dem Weihnachtshaus kommst und auf der Schwelle kurz innehältst – dann möge das der Beginn eines ganz neuen Weges sein! Auf jeden Fall für diese Welt.

Denn: Wer genau zugehört hat eben, der hat gehört, wie der Apostel schreibt: „Dann aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“. „Dann aber“? „Dann“ – nach was? „Aber“ – trotz was? Trotzdem die Welt so aussah, wie wir in den Zeilen vorher lesen:

Auch wir waren früher unverständig und ungehorsam. Wir waren auf einem Irrweg, wurden von allen möglichen Begierden und dem Streben nach Genuss beherrscht. Wir führten ein Leben voller Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten einander.

Ja, mag sein, du nicht. Das werden auch damals schon manche gesagt haben: Wir nicht! Aber wir sind am zweiten Weihnachtstag und werden grundsätzlich. Und wer will da sagen, dass man wenigstens so nicht auch von der Menschheit reden könnte?

Unverständig und dem Willen Gottes gegenüber ungehorsam. Ich meine, zum Beispiel Klimawandel, das magere Ergebnis der Konferenz von Madrid, und statt weniger CO2 in der Luft haben wir sogar mehr – sind wir da nicht tatsächlich auf einem „Irrweg“, beherrscht von „allen möglichen Begierden und dem Streben nach Genuss“? Wenigstens nach Bequemlichkeit?

Und Bosheit? Und Neid? Nicht tatsächlich ein Problem? Und gäbe es nicht tatsächlich Situationen, wo zwei ehemalige Gegner, Feinde nach der Versöhnung erschüttert zurückblicken und sagen: „wir waren verhasst und hassten einander“? AfD und Antifa, Demokraten und Republikaner, Israelis und Palästinenser, der IS und der Rest der Welt, Ehemänner und Schwiegermütter?

Bin ich alles nicht, mag sein, aber wer weiß, was für Gefühle auch in mir würden geweckt werden können. Wie Paulus sagt: „Wer stehe, der passe auf, dass er nicht falle!“ Und sehe zu, dass er eine Alternative einübe. Und darum geht’s, wenn Weihnachten der Anfang ist und wir uns von Gott mit auf den Weg nehmen lassen zur Rettung der Welt.

Und wie geht der Weg los? Nun, nach dieser erschütternden Beschreibung der Welt, da hätte man sich nicht beschweren dürfen, wenn der Apostel geschrieben hätte:

„Dann aber – fuhr Gott herab in seinem Zorn und haute mit göttlicher Faust wütend auf den Tisch.“

Macht er aber nicht. Also, Paulus schreibt das nicht und Gott macht das nicht. Sondern was Gott macht und was Paulus schreibt, das ist: „Da erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes.“ Gott, der Philanthrop. Das ist das griechische Wort für Menschenliebe. Auf den Plan tritt dann also: Gott, der Philanthrop. Der, der daran glaubt, dass es sich lohnt, wenn man den Menschen etwas Gutes tut. Der, der an den Menschen glaubt und ihn liebt. Der, der von manchen genauso für naiv gehalten wird wie ein Philanthrop. Und der doch nicht von seiner Menschenliebe lassen will. Um nicht zu sagen: kann.

Gott sagt: „Wenn der Mensch nur wüsste, dass ich ihn liebe, und wenn er spüren würde, wie das seine Liebe zu mir entfacht – dann ist die Rettung der Welt auf einem guten Weg, dann könnte es gelingen.“

Wenn du also von heute auf morgen aus dem Weihnachtszimmer heraustrittst und auf der Schwelle nach draußen stehst; und wenn du da kurz noch einmal innehältst und nachspürst, wie du an Weihnachten zurückdenkst; noch mal hineinfühlst in das Weihnachtszimmer, aus dem du gerade kommst – was spürst du da?

Gott wünscht sich, dass Freude in dir ist und mit dir geht. Freude über die Freundlichkeit Gottes. Dankbarkeit für die Menschenliebe Gottes. Freude über die Liebe Gottes für dich, Mensch. Mit geschlossenen Augen stehst Du da auf der Schwelle zwischen Weihnachten und Alltag. Und vor deinem inneren Auge wünscht sich Gott Bilder von seiner Liebe zu dir und deiner Liebe zu ihm.

Und ich stelle mir vor, du trittst hinaus in den Alltag, wie Bruegel ihn gemalt hat. Vielleicht trittst du hinaus aus dem Stall, in dem gerade die Menschenliebe Gottes geboren wurde. Und du bist bewegt davon. Und da ist dieser Dorfteich. Und das Eis ist geschmolzen, und in dem Teich lässt du dich taufen. Denn so sagt der Apostel hier:

Gott hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt: Er hat uns gerettet durch das Bad, aus dem wir neu geboren werden.

Von der Krippe unters Kreuz, aus dem Stall ins Taufbecken. Wenn Weihnachten der Anfang ist von der Rettung der Welt, dann ist das der nächste Schritt. In der Taufe machen wir den Schritt Gottes nach: der neue Mensch werden. Den alten Menschen hat Gott zurückgelassen und ist selbst Mensch geworden, der erste neue Mensch. In der Taufe lassen wir dasselbe mit uns, aus uns machen.

Denn mit diesem Bad erhalten wir das neue Leben durch den Heiligen Geist. Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter.

Der Heilige Geist, sozusagen die Seele des neuen Menschen. Auf jeden Fall der, in dem Christus so in uns ist, dass wir immer mit ihm verbunden bleiben.

Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens.

Zu Gottes Kindern also, die in seine Zukunft hineinwachsen. Die hineinwachsen in die Zukunft, die jetzt schon Gottes Gegenwart ist. Das Reich Gottes. Die Welt, wie er sie sich gedacht hat. Voller Freundlichkeit und Menschenliebe.

Das ging jetzt ganz schön schnell und gedrängt alles zum Schluss. Aber seid ihr nicht die Gemeinde vom 2. Weihnachtstag, die jetzt noch mal Schwarzbrot will? Und vielleicht ist es am Ende doch einfacher, als es jetzt zuletzt klang. Vielleicht geht es bloß darum:

Mach nach Weihnachten nicht einfach weiter wie zuvor. Von der Krippe geht nicht einfach ein Appell aus, bessere Menschen zu werden, das wäre wieder nur der nächste Rohrkrepierer. Appelle funktionieren nicht. Und so einfach macht es sich Gott auch nicht.

Ja, er will die Welt retten. Und er sucht Menschen, die sich retten lassen. Die seine Weihnachtsliebe tief in sich aufnehmen. Die auf diese Liebe antworten und in der Taufe der neue Mensch werden wie er. Die den heiligen Geist in sich Raum geben als die Stimme Gottes. Diese Stimme, die ihnen wieder und wieder sagt: Ich liebe dich. Mit dir will ich die Welt retten. Und das ist der Weg.

Wo also waren wir stehengeblieben vor Weihnachten? Ist egal. Zwischendurch wurde alles anders. Von dort aus gehen wir neu los. Dem Retter der Welt hinterher. Amen.