ZDF-Gottesdienst: Liebe verwandelt – MLK zum 90.

Der Gottesdienst in der Mediathek: https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste/evangelischer-gottesdienst-322.html

Also, ehrlich gesagt, erst waren wir aber auch ein bisschen ratlos. Wir waren ausgezogen wie auf eine abenteuerliche Reise. Die Liebe im Alltag ausprobieren! Gerade gegenüber denen, bei denen es uns wahrscheinlich schwerfallen würde. Vielleicht würden wir sogar auf Feinde stoßen!

Und dann kamen wir nach den drei Wochen wieder zusammen – und mussten feststellen: Ja, wir haben Dinge erlebt, die uns persönlich bewegt haben. Aber in den riesigen Fußstapfen von Martin Luther King haben wir doch nur herumgespielt wie Kinder in Dinosaurierspuren.

Da waren die beiden Geschichten, die Sie eben gehört haben. Jemand anders erzählte noch: „Oben im Haus haben wir Leute, die haben nicht viel. Einmal dachte ich: Ich habe hier so viel Kleidung, die ich nicht mehr brauche. Ich packe was zusammen und lasse sie sich etwas aussuchen. Aber dann haben sie sich nicht etwas ausgesucht, sondern sie haben einfach alles genommen. Also, da musste ich schon erst mal die Luft anhalten!“

Oder eine Lehrerin erzählte noch: „Manchmal sind die Kinder echt richtig frech. Dann muss ich auch schon mal eins vor die Tür schicken. Aber immer wieder mal denke ich auch daran, sie gleichzeitig innerlich zu segnen. Wenn dann Kollegen im Lehrerzimmer über Schüler schimpfen, merke ich, wie diese kleine Übung mit dem Segen mir hilft, die Liebe zu den Kindern zu erhalten.“

Kleine Alltagsgeschichten, das alles. Lieben wie Martin Luther King? Wir hatten den Eindruck: Dafür war das alles irgendwie zu banal, zu alltäglich.

Aber dann dachten wir auch: Spielen sich nicht 90 Prozent unseres Lebens in solchem Alltag ab? Wie wäre es, wenn wir den einfach mal nicht banal fänden?  Wie wäre es, wenn wir sagen würden: In diesem Alltag spielt sich ab, worauf es ankommt? Hier können wir unsere Liebe üben, auch für die großen Herausforderungen?

Liebe lernen, mitten im Alltag. Jesus meint: Das können wir uns bei Gott abgucken. Der liebt auch ganz alltäglich. Wie wir vorhin gehört haben: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen.“

Sonne und Regen, alltäglicher geht es nicht. Gott will, dass in jedem Leben Gutes wächst. Dafür braucht es Wasser, dafür braucht es Sonne. Gott schenkt beides. Er schenkt es jedem. Er schenkt es nicht nur seinen Freunden, er schenkt es auch seinen Feinden.

Wenn Jesus Bilder benutzt, dann stelle ich sie mir immer gerne auch mal ganz bildlich vor. Und auch, dass Jesus sie mit einem bisschen Humor erzählt.

Und dann sehe ich hier zum Beispiel: Wie Gott aus dem Himmel herabguckt. Wie er da unten seine Menschen sieht. Böse und Gute, Gerechte und Ungerechte. Keine Ahnung, woran er die gleich erkennt.

Wobei, vielleicht geht das ja auch ganz leicht. Vielleicht steht da unten ja einer in seinem Garten und streckt seine Hände anbetend in die Höhe. Das wäre der Gute. Und einen Garten weiter steht da eine und schüttelt wütend ihre Faust gen Himmel. Das wäre die Böse. Und wie Gott es dann auf beide scheinen und regnen lässt, denn er will, dass beide leben können.

Oder auch solch ein Bild kann ich mir vorstellen: Wie Gott es großzügig regnen und scheinen lässt, und dann fängt jemand da unten erst an, wütend seine Faust gen Himmel zu schütteln – weil Gott es auch auf seinen bösen Nachbarn regnen und scheinen lässt. Schwer erträglich: dass Gott auch den liebt, den ich nicht liebe.

Oder wie da unten einer steht, und als es regnet und als es scheint und es in seinem Garten wächst, da senkt er beschämt sein Haupt, weil er weiß: ich bin nicht immer nur gerecht und gut, sondern auch mal ungerecht und böse – und trotzdem liebt Gott auch mich.

Die Liebe im Alltag lernen. Das können wir bei Gott, sagt Jesus. Und am besten fängt alles damit an, dass ich merke: Ich bin so von Gott geliebt, wie der in unserem letzten Bild: als manchmal guter, manchmal böser Mensch und manchmal als jemand dazwischen. Gottes Liebe hält mich aus.

Wissen Sie, wie Gott Sie liebt? Wissen Sie, für welchen Regen, für welche Sonne Sie Gott dankbar sein können? Nehmen wir uns dafür doch mal kurz Zeit. Wir singen ein Lied. Und können dabei mal überlegen: Wofür kann ich Gott dankbar sein? Wie liebt er mich? Und denken Sie daran: Zu alltäglich gibt es nicht!

LIED: „DANKET DEM HERRN“, 2 Str.

Und, haben Sie etwas entdeckt? Vielleicht ja tatsächlich etwas ganz Kleines, Alltägliches? Eigentlich nicht der Rede wert? Aber jetzt vielleicht doch mal einer Rede wert, einer kleinen Dankesrede wert? „Danke, Gott, für …“, „Danke, Gott, dass …“ – so einer kleinen Rede wert vielleicht?

Gott danken, ihn lieben. Ihn lieben lernen, indem ich ihm danke. Am besten mitten im Alltag. Martin Luther King hat seiner Bewegung als erste Regel mitgegeben: „Meditiert das Leben und die Lehre Jesu.“ Auch seine Worte von Sonne und Regen über Guten und Bösen. Und wie schon Jesus selbst Sonne und Regen war für die Menschen um ihn herum.

Lassen wir ihn das auch für uns werden! Nehmen wir ihn so in uns auf, wie die Pflanze es mit Sonne und Regen macht!

Ich liebe dazu diese kleinen Übungen für den Alltag: Wenn ich auf den Bus warte, mal kurz mein Gesicht in die Sonne halten. Und zu Gott sagen: „So wie mich die Sonne wärmt, so bist du, Gott, meine Wärme und mein Licht!“

Oder wenn es an der Kasse wieder so lange dauert, dass man förmlich Wurzeln schlage könnte: dann sich genau das vorstellen, wie meine Füße Wurzeln schlagen. Und sagen: „So bist du, Gott, der Grund unter meinen Füßen. In dir bin ich verwurzelt. Du hältst und nährst mich.“

So banal, so alltäglich? Ja, so alltäglich. Aber überhaupt nicht banal! Denn wenn es darum geht, die Liebe zu lernen, dann kann es nicht alltäglich genug zugehen. Mitten im Alltag kann ich es erleben: Wie Gott mich liebt. Und wie meine Liebe zu Gott wächst. Wie sie mich mehr und mehr erfüllt.

Und wie sie dann anfängt, fast schon ganz von alleine anfängt, auch zu den anderen hin regelrecht überzufließen. Wie wir es vorhin in den Geschichten aus unserer Challenge gehört haben.

Erleben, wie ich selber durch die Liebe verwandelt werde. Wie ich einer werde, der es sich etwas angehen lässt, wenn woanders die Liebe fehlt, man sich egal ist, oder sogar der Hass herrscht. Und ich dann einer werden will, der verbindet, versöhnt, zur Liebe einlädt.

Aber, würden sie jetzt vielleicht gerne fragen, wenn aus Dank Liebe wird: Was ist, wenn es nichts zu danken gibt? Was ist, wenn da alles nur Mist ist in meinem Leben und nichts läuft, wie es soll? Wie soll da Liebe wachsen? „Ja“, sagt Gott, „das kenne ich.“ Und wir fragen: „Du kennst das? Aber ich habe von mir gesprochen!“ „Ja“, sagt er, „aber ich kenne das auch. Ich kenne auch tausend Gründe – die Menschen nicht zu lieben. Aber was soll ich machen? Irgendwie hält meine Liebe das aus. Ich weiß auch nicht. So ist die Liebe. Sie erträgt alles.“

Und das ist wieder typisch Gott: Ich habe gemeint, wie kann ich lieben, wenn es nichts zu danken gibt in meinem Leben. Und er hat geantwortet: „Mach’s wie ich: Liebe solange, bis es etwas zu danken gibt. Denn die Liebe überwindet.“

Die Liebe überwindet. Wenn wir sie dahin fließen lassen, wo sie fehlt. In uns selbst. Und dann um uns herum.

Und wo fehlt da die Liebe? Ich weiß nicht, was Ihnen da jetzt so einfallen würde.

Weihnachten ist ja noch nicht lange her. Ist ja manchmal nicht ganz einfach als Familie. Gibt es da vielleicht noch etwas Liebe nachzuholen?

Sie liegen gerade im Krankenhaus? Würden sich Schwestern, Pfleger, Ärzte vielleicht über ein gutes Wort freuen?

Sie müssen morgen wieder ins Job-Center? Wie sieht es da mit Ihrer Liebe aus: in der Warteschlange, oder wenn sie Ihrem Fall-Manager gegenübersitzen?

Sie sind nachher wieder bei Twitter, Facebook, Instagram unterwegs? Was halten Sie davon, wenn wir die sozialen Netzwerke mit Liebe fluten würden? Und das vor allem ganz bewusst da, wo gegen Andersgläubige, Andersfarbige, Anderslebende, anderswo Herkommende gehetzt wird?

Und was wäre, wenn Sie morgen beim Einkaufen merken würden, dass sie jetzt sogar afrikanische Kaffeebauern lieben? Zu welchem Kaffee greifen Sie dann? Liebe macht solidarisch, mit allem Leben.

Vom „Weltenhaus“ hat Martin Luther King geredet, als er 1964 hier in Berlin zu Besuch war. Dass wir lernen müssen, in diesem Weltenhaus miteinander in Gerechtigkeit und Frieden zu leben. Und dass die Liebe uns das lehren kann.

Diese Liebe, die Gottes Liebe ist. Und die deswegen auch nicht davon abhängt, dass sie zurückgeliebt wird. Sondern die stark ist. Die widerstandsfähig ist. Weil sie glaubt, dass sie überwinden wird. Weil sie weiß, dass sie gewonnen hat, immer wieder gewinnt – mich, zum Beispiel. Nie ein für alle Mal. Aber immer wieder.

Und Sie? Hat die Liebe Sie auch schon gewonnen? Ich wünsche es Ihnen! Ich wünsche es uns allen! Für uns selbst und für die eine Welt, in der wir alle leben. Amen.