Zürnt! Aber sündigt dabei nicht.

Der Perikopentext für den heutigen Sonntag steht im Epheserbrief,  in Epheser 4, 22-32.

In meiner Bibel (Einheitsübersetzung) steht einleitend der Hinweis, dass dieser Brief von Paulus an die Epheser gar nicht von Paulus ist. Er verkündige aber paulinische Theologie. Die persönlichen Hinweise am Briefende, dass Paulus diesen Brief aus der Gefangenschaft schreibe, sollen dem Brief mehr Autorität  geben.

Es ist  doch wunderbar, dass so etwas einleitend in unseren heiligen Büchern steht und stehen darf, die gleichzeitig unsere Richtschnur sind, und in aller Menschlichkeit Gottes Wort an uns heute.

Um das – letzteres – zu unterstreichen, hat Hans Lilje, der erste Hannoversche Bischof nach dem Krieg, seinen Vikaren im Loccumer Predigerseminar gesagt: „Vergessen Sie nie, dass nach der Verlesung des Predigttextes der Höhepunkt des Gottesdienstes bereits überschritten ist.“

Ich werde deshalb einige Bemerkungen  zum Bibeltext vor seiner Verlesung machen, um den Höhepunkt noch etwas hinauszuzögern. Dieses Vorgehen habe ich von meinem Vater gelernt.

Im Predigttext geht es um die Einheit der Gemeinde und um Verhaltensregeln im Umgang miteinander, wie wir miteinander interagieren sollen. Es geht um Verständigung, Meinungsbildung und damit um Demokratie in der Gemeinde. Für unsere momentane Situation der Pastor_innensuche und des gleichzeitigen Wechsels zentraler Personen in der Gemeindeleitung ist das ein interessanter, guter Text, wie ja auch die Losungen oft erstaunlich gut passen, oder  von uns passend  gemacht werden.

Die Bibelstellen zum Verhalten untereinander, in der Gemeinde  und in der Familie, im Epheserbrief, aber auch im Kolosserbrief, sind in der Vergangenheit zu stark im Hinblick auf Sexualethik und zur Stabilisierung des Patriachats, der Mann als Haupt der Familie, gelesen worden. Das ist aber ein Missverständnis, denn darum geht es dem Autor gar nicht, oder weniger, sondern vielmehr darum, wie wir miteinander in der Gemeinde und auch in der politischen Gemeinde umgehen sollen. Er  schreibt das hinein in einen Kontext einer patriachalischen Sklavenhaltergesellschaft und benutzt deren Begriffe und Denkformen.

Auch wenn der Brief nicht von Paulus stammt, schreibt der Autor als Paulus an die Gemeinde in Ephesus und die Gemeinden in Kleinasien;
– und in diesem Rahmen bewegt sich daher auch meine Auslegung.

Paulus kannte die Gemeinde von Ephesus gut, er hatte sie nämlich selbst gegründet (Apg 19),  in einer vermutlich tumultartigen Situation in der Synagoge von Ephesus und unter Mitnahme der jüngeren Mitglieder der Synagoge und Auszug aus der Synagoge. Ephesus, die griechische Metropole an der ionischen Mittelmeerküste, Heimat eines der sieben Weltwunder der Antike, des Artemistempels. Der Name  lebt fort in der bekannten türkischen Biermarke EFES aus Izmir, der türkischen Metropole  in der Nähe des antiken Ephesus.
Paulus blieb nach der Gründung über zwei Jahre in Ephesus und machte diese Gemeinde zu der zentralen Gemeinde  in Kleinasien, die so erfolgreich auf die Stadtbevölkerung dieser Metropole einwirkte, dass es zu dem skurrilen Aufstand der Devotionalienhändler um den berühmten Artemistempel gegen die Christen in Ephesus kam. Der Artemistempel war, wie gesagt, eines der sieben Weltwunder, und ein touristischer Magnet. Die Devotionalienhändler bekamen Angst um ihr Geschäft mit den kleinen silbernen Artemistempelchen und inszenierten eine große Demo, einen Volksauflauf, der im großen Theater von Ephesus endete (die man heute noch sehen kann, eine Arena mit 30.000 Sitzplätzen), wobei die Christen, deren man habhaft werden konnte, auf die Bühne gezerrt wurden, und  in der die Masse, angestachelt von den Silberschmieden, zwei Stunden lang  grölte, „Groß ist die Artemis von Ephesus, groß ist die Artemis von Ephesus“, so dass überhaupt kein Gespräch, keine Auseinandersetzung mit den Christen auf der Bühne möglich war. Es drohte ein Lynchmord. Erst der Stadtschreiber konnte die Menschenmenge beruhigen, in dem er sagte: Das wissen wir doch alle, dass die Artemis von Ephesus groß ist, das brauchen wir uns hier nicht gegenseitig in die Ohren zu schreien.   Wenn ihr Paulus und  seine Leute verurteilen wollt, dann gibt es dafür Verfahren, auf die wir uns hier in Ephesus verständigt haben: die Volksversammlung, die Prokonsuln und die Gerichtstage. Und, so steht es in der Apostelgeschichte, mit diesen Worten löste er die Versammlung auf.

Paulus nun, in seinen Worten an die Gemeinde von Ephesus, macht etwas ähnliches, wie der Stadtschreiber im Theater von Ephesus, und hat vielleicht auch die damals lebensbedrohliche Situation im Kopf, als er diese Worte an die Gemeinde von Ephesus richtet, die ja erst übte, wie man miteinander geschwisterlich umgeht.

22 Legt also eure frühere Lebensweise ab! Ja, legt den ganzen alten Menschen ab, der seinen Begierden folgt! Die betrügen ihn nur und führen ihn ins Verderben. 23 Lasst euch in eurem Denken erneuern durch den Geist, der euch geschenkt ist. 24 Zieht den neuen Menschen an,[6] den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der gerecht und heilig lebt aus der Wahrheit Gottes, an der nichts trügerisch ist. 25 Legt das Lügen ab und sagt zueinander die Wahrheit; denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus. 26 Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet! Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. 27 Gebt dem Versucher keine Chance! 28 Wer vom Diebstahl gelebt hat, muss jetzt damit aufhören. Er soll seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen und zusehen, dass er auch noch etwas für die Armen übrig hat. 29 Lasst ja kein giftiges Wort über eure Lippen kommen! Seht lieber zu, dass ihr für die anderen, wo es nötig ist, ein gutes Wort habt, das weiterhilft und denen wohl tut, die es hören. 30 Beleidigt nicht durch euer Verhalten den Heiligen Geist! Er ist wie ein Siegel, das Gott euch aufgedrückt hat, und er verbürgt[7] euch die endgültige Erlösung. 31 Weg also mit aller Verbitterung, mit Aufbrausen, Zorn und jeder Art von Beleidigung! Schreit einander nicht an! Legt jede feindselige Gesinnung ab! 32 Seid freundlich und hilfsbereit zueinander und vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt.

Amen!

Zentral für mich ist hier der Satz: Versündigt Euch nicht, wenn Ihr in Zorn geratet““ (Die Elberfelder Übersetzung lautet noch stärker: „Zürnet und sündigt dabei nicht.“)

Wenn wir zürnen, das wird hier unterstellt,  dass wir das tun, ich würde so weit gehen, zu sagen, „und das ist gut so“, weil es zeigt, dass wir engagiert sind,  dass wir mit Herzblut dabei sind,
dann sollen wir nicht schreien (wie damals im Theater), nicht  lästern, wir  sollen  „die Sonne nicht untergehen lassen“, das heißt, wir sollen während des Tages,  d.h., mit den anderen,  den Zorn beenden,  nicht „eine Nacht drüber schlafen“, und das Ganze mit sich selbst ausmachen. Es ist eine Aufforderung zur Interaktion am lichten Tag, zur gegenseitigen Vergebung (wir zürnen ja) und zu Worten, die aufbauen, erbauen und Nutzen bringen.

Paulus redet zu einer Gemeinde,  die offensichtlich ein  Problem nicht hat, nämlich dass  sie lau ist, dass ihr alles egal ist, dass sie gar keinen Zorn mehr empfinden kann, weil das Interesse aneinander schon aufgebraucht ist und die theologischen, ideologischen Überzeugungen, für die es sich zu kämpfen lohnt oder, wie Johannes  es in dem zweiten Brief an die Gemeinde von Ephesus, den es im Neuen Testament gibt, etwas später feststellt, nämlich im Sendschreiben an die Gemeinde von Ephesus in der Offenbarung des Johannes: „Du hast Deine erste Liebe verlassen!“ und sie auffordert „Kehre zurück zu Deinen ersten Taten!“ Die Gemeinde von Ephesus, die das Sendschreiben an Ephesus empfängt, war dem Johannes offensichtlich zu relaxed, liberal, teilnahmslos.

Doch das ist nicht die Situation der Gemeinde von Ephesus des Epheserbriefes. Das Engagement ist da!, was fehlt, ist rechte Umgangston, der aus der Liebe zueinander kommt, die Vergebungsbereitschaft, die Toleranz und das Wissen um die Einheit der Gemeinde, wir gehören zusammen!

Was heißt das nun für unsere Situation in dieser Gemeinde (natürlich auch für jeden Einzelnen von uns, wir sind ja in unterschiedlichen Kontexten, wo wir zürnen, im familiären, beruflichen, politischen oder sonstigen Gruppen, in denen uns der Zorn leitet), doch ich blicke jetzt erst einmal auf die Gemeinde, wie Paulus auf die Gemeinde von Ephesus:

Ich lese die Bibel von hinten, vom zweiten Brief an die Epheser und sage: Zürnt, und vertragt Euch anschließend!

In der Frage der Pastorenwahl heißt das: mehr Engagement, mehr Herzblut, und dann „lasst die Sonne nicht untergehen“, vergebt Euch und vertragt Euch.

In der Frühzeit des deutschen Baptismus gab es den berühmten Hamburger Streit, in der der Gründer ersten Hamburger Baptistengemeinde, Johann Gerhard Oncken,  die Gemeinde in der Gemeindeversammlung auflösen wollte, und in der es so engagiert, laut  und sogar handgreiflich zuging,  dass die Nachbarn die Polizei riefen, die aber, als sie eintraf, auf eine Gemeinde stieß, die sich offensichtlich schon wieder vertragen hatte und gerade „Gott ist die Liebe“ sang.

Für das wunderbare Erlebnis des Vertragens und Vergebens brauchen wir den vorangehenden Streit. Soweit zu uns.

Der Text passt aber wunderbar zu unserer politischen Gemeinde, zu der auseinanderfallenden Gesellschaft,  der Verhärtung der Fronten in der gesellschaftlichen Debatte,  der sinkenden Kompromissbereitschaft und, das sage ich als Demokratieforscher, den fehlenden Formaten für eine verbindende und verbindliche Debatte.

Wir sind als Glieder miteinander verbunden, wir sind  ein Leib, seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander; – die Forderung von Paulus bezieht sich heute auf die gesellschaftliche und politische Debatte in unserem Land, und in unserer Zeit (wie damals im Theater).

Die Betonung der Einheit der Gemeinde, im Brief geht es wieder einmal und ganz stark um die Einheit von Judenchristen und Heidenchristen in der Gemeinde, und dann ganz modern um die Einheit von Arm und Reich, Sklaven und Freien, Männern und Frauen, Kindern und Erwachsenen.  Also „Diversity Management“  at its best.

Wie bringt man das zusammen? Politisch. Paulus Lösungsvorschlag für die Gemeinde ist das Bild des Leibes, ein Narrativ, wenn ein Glied  leidet, leiden alle Glieder mit. Kann man das politisch übertragen, es fehlt ja der Kitt,  das Haupt der Gemeinde, Jesus, und die erfahrene Vergebung. (Die Überhöhung des Leibes allein ist sogar gefährlich. Du bist nichts, Dein Volk ist alles, sagten die Nazis und machten den Volkskörper, den Leib, zum Gott.) Bei Paulus ist der Gedanke der gegenseitigen Abhängigkeit zentral.

Paulus sagt nicht: „Nu mal halblang!“, „bisschen  mehr Gelassenheit!“,  „mal die Luft rauslassen!“. Das Engagement soll bleiben, wir leiden aneinander, an den unterschiedlichen Zielen, Positionen, auch der Zorn darf bleiben,  aber unsere Streitkultur ist eine andere, sie ist durch Vergebung geprägt. Das geht auch innerweltlich, aber nicht so leicht und so gut,  wie in der Gemeinde, die Vergebung erlebt hat.

Nicht die Art der Vergebung, über die sich Voltaire lustig gemacht hat.  „Gott wird vergeben, das ist sein Geschäft“. Sondern in dem tiefen Bewusstsein, selbst Vergebung erfahren zu haben.

„Du vergibst uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!

Im privaten Umfeld erleben wir das viel, das Zerbrechen der Einheit, der Zusammengehörigkeit, in Freundschaften,  in Familien, aber auch im beruflichen Kontext.

Unsere Vergebungsbereitschaft und damit zusammenhängend, unsere Frustrationstoleranz ist in der Gesellschaft aus meiner Sicht deutlich gesunken.  Und hier liegt heute aus meiner Sicht der wichtigste „unique selling point“ der Gemeinde, die durch Vergebung geprägte andere Streitkultur.

Um das deutlich zu machen und auszuleben, sollten wir uns in der Gemeinde eigentlich mehr streiten, mehr Intensität und Nähe in der Auseinandersetzung zulassen, weil wir uns ja vergeben können und uns lieben,

wir sollten aber auch nach neuen Formen suchen, diesen Stil auch auf  gesellschaftliche Debatten zu übertragen, indem wir die Erfahrung der göttlichen Vergebung mit der Erfahrung innerweltlicher Vergebung kompensieren. Das ist zwar schwächer, geht aber auch und würde zu einem Stilwandel in der Debatte führen, ich nenne beispielhaft Corona, Immigration, Endlagersuche, Energie- und Mobilitätswende. Als Schuldige und nicht Rechthaber können wir  hier  einen ganz wichtigen Beitrag für  die Streitkultur in unserem Land leisten und uns – missionarischer Schluss – ansprechen lassen, warum wir das können.

Amen